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“Garten Eden”

Schon früh hatte sie gelernt, Blumen zu hassen und den Garten dennoch zu lieben.

Sie war gerade mal sieben Jahre alt, als Annika geschickt wurde, um Klosterfrau Melissengeist zu besorgen. Anstandslos und ohne jegliches Hinterfragen bekam sie die blauen Packungen abwechselnd in Apotheke und Drogerie ausgehändigt, manchmal auch mehrmals am Tag. Mit einem mechanischen Haarestrubbeln, wurden sie ihr dann Zuhause abgenommen. Die zwanzig Pfennig Restgeld durfte sie in der Regel behalten. Anfangs machte Annika sich Sorgen und glaubte, der Flascheninhalt sei Medizin für Erwachsene. Dass das Kräutergetränk nicht für Kinder geeignet war, erkannte sie an dem scharfen Geruch, der aus dem Mund ihrer Mutter strömte, während diese nach einem kräftigen Schluck tagsüber trotz Fernseherlärm auf der Couch schlief. Annika spielte derweil überwiegend im Garten, in dem sie allgemein sehr viel Zeit verbrachte. Dort durfte sie Kind sein, baute sich Höhlen aus Geäst, erkundete die Kriechtierwelt und kreierte Matschtorten, während sie vergeblich auf die Genesung wartete.

Auch ihre Mutter verbrachte viele Stunden dort, setzte neue Blumen in die Erde, zupfte das Unkraut, oder schlief sitzend auf der kleinen Holzbank. Wenn Annika sie dort mit hängendem Kopf, den erdigen Fingern im Schoß und Spucketropfen auf der flach atmenden Brust antraf, hatte sie Angst vor ihr und traute sich kaum einen Mucks von sich zu geben. Sobald sie zu laut war und somit ihre Mutter weckte, musste sie oftmals für sie zum Zigarettenautomaten zwei Straßen weiter gehen. Meist versuchte Annika dies so lange rauszuzögern, bis es dunkel war und niemand sie dabei beobachten konnte, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um die fünf Mark in den Schlitz zu werfen. Ihr Vater, der immer erst sehr spät von der Arbeit kam, bekam von alldem selten etwas mit.

Mit den Worten, sie solle sich ansehen, wie toll die Geranien momentan blühen, wurde sie häufig in den Garten geschickt, damit die beiden ungestört und lautstark streiten konnten. Sie mochte es, wenn es regnete – dann konnte sie sich unter dem kleinen grünen Regenschirm mit der gelben Ente darauf, vor den mitleidigen Blicken der Nachbarn schützen und den prasselnden Regentropfen lauschen, bis sie wieder rein durfte. Annika hörte stets jedes einzelne Wort, obwohl sie nicht wollte – irgendwann wurde es dann ganz still. Den Schirm bekam sie, zusammen mit einem Farbmalkasten, von ihrem Papa zum Geburtstag. Vom monatlichen Geld abgesehen, war das sein letztes Geschenk an sie. Ihre Mutter sprach oft vom „Rabenvater“, wenn es um ihn ging, doch Annika mochte Raben schon immer. Sie schienen ihr so unnahbar und doch so frei. Sobald sie einen Versuch startete und nach ihm fragte, blickten leere Augen in Richtung Garten und fragten, ob sie schon gesehen habe, wie schön die Forsythien blühen. Auf so viele Fragen bekam sie nie eine Antwort.

Jedes mal, wenn Annika nach der Schule vor verschlossener Tür stand, konnte sie die Hausaufgaben meist bei den Nachbarn machen, bei denen sie auch regelmäßig essen durfte. Als ihre immer dünner werdende und doch so aufgequollene Mutter dann wieder wach, oder der Männerbesuch weg war, fütterte Annika sie, um kurz darauf ihre Kotze wegzuwischen. Sie glaubte, sie müsse sich einfach nur lange genug um sie kümmern, bis es ihr wieder gut ginge und sie endlich glücklich sein könnten. Dann würde ihr Papa auch sicher zurückkommen. Sie wollte gerne, dass ihre Mutter stolz auf sie ist und ebenso gerne wollte sie stolz auf ihre Mutter sein. Meist schämte sie sich einfach nur für sie.

Abends im Kinderzimmer, kniete sie regelmäßig vor ihrem Bett und betete. Manchmal wünschte sie sich, in einer anderen Stadt, bei einer anderen Familie aufzuwachsen und glaubte, dann wäre alles gut – so wie bei den anderen Kindern in ihrer Klasse. Hin und wieder wollte sie, dass ihre Mutter jemand anderes sein soll und sie nicht mehr versuchen müsste, sie nicht zu hassen. Und an manchen Tagen wünschte sie nur noch, sie würde an dem aufgesetzten Lächeln ersticken, welches ihr der Alkohol so oft ins Gesicht legte, ohne die Traurigkeit zu überzeichnen, die Annika so hilflos machte. Keiner der Wünsche ging je in Erfüllung und irgendwann hörte sie auf, an Gott zu glauben.

Es folgte ein jahrelanges Auf und Ab, in dem Annika immer wieder versuchte, ihre Mutter aus der Isolation zu retten. Sie glaubte, sie würde es schaffen, indem sie einfach genug Kraft aufbrächte und regelmäßig den Inhalt der vielen Flaschen ins Klo kippte und die Tabletten, die müde und gleichgültig machen, gleich hinterher warf. So gleichgültig, dass es nicht mal zum Streiten reichte, als sie ihr die markierten Flaschen unter die betrunkene Nase hielt. Ob sie schon die schönen Gladiolen gesehen habe, war die Reaktion auf Konfrontation. Alles was Annika zu sagen hatte, schien auf taube Ohren zu stoßen, sodass sie irgendwann verstummte, während sie innerlich schrie.

An Tagen, an denen ihrer Mutter nicht mehr einfiel, wie ihre Tochter heißt und sie mit „hey du“ ansprach, wurde Annika bewusst, dass sie die ganzen Jahre über nie gehasst, aber ebenso wenig geliebt wurde. Dies konnte sie kaum ertragen und erschwerte ihr, sich die wachsende Verachtung nicht ansehen zu lassen. Sie fing zwar an, zu verstehen, dass es die Krankheit ist, die sie verachtet und nicht ihre Mutter selbst – dennoch hielt sie es nicht lange in ihrer Nähe aus, würde sich am liebsten, wie früher schon, in den geheimen Ecken des Gartens verstecken und erst Stunden später wieder auftauchen. Einzig das schlechte Gewissen brachte sie dazu, hin und wieder nach ihrer Mutter zu sehen. Als Annika während eines Telefonats erzählte, dass sie per Zufall ihren Vater mit seiner neuen Familie getroffen habe, lenkte ihre Mutter das Gespräch sofort auf die schönen Hyazinthen. Sie wusste daraufhin genau, dass beim nächsten Besuch nur Gebrochenes auf sie warten würde. Gebrochene Versprechen, gebrochenes Glas, eine gebrochene Frau.

Wenn Annika heute in den Spiegel sieht, sieht sie ihre Mutter und erkennt zum Glück doch nichts von ihr wieder. Nun ist der Garten verwildert und nur noch ein einziger Quadratmeter Grün wird regelmäßig gepflegt. Annika bringt Blumen mit – sie hätten ihr bestimmt gefallen.

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Blind für sie

Des Rätsels Puzzleteile

Auf dem Nachhauseweg durch den buntblühenden Stadtpark, versuche ich mir genau in Erinnerung zu rufen, wie sie damals war; versuche die fehlenden Puzzlestücke einzusetzen, die sie mir heute, nach Jahren der Unwissenheit, endlich überreicht hat.

Ich wusste nie viel über sie, wir kamen gut miteinander aus, das reichte. Keiner von uns sprach je von Freundschaft. Sie ging in meine Klasse und wir waren nett zueinander, obwohl meine Freunde sie nicht mochten. Das störte uns beide nicht – so kann man es beschreiben. Sie sprach wenig, aber wenn, dann waren es kluge Sätze mit viel Gehalt. Sie gehörte zu den Außenseitern und wenn sie lachte, tat sie das nur sehr leise und hinter vorgehaltener Hand. Die meiste Zeit jedoch wirkte sie traurig, blickte leer durch Menschen hindurch oder lief, den Blick auf den Boden des Pausenhofs gerichtet, mit hängenden Schultern und Mundwinkeln ziellos umher. Sie war sehr dünn, praktisch nur Haut und Knochen. Ihr schütteres Haar sah aus, als würde sie es sich büschelweise selbst ausreißen und die vielen Hämatome und Schürfwunden erweckten den Eindruck eines sehr schusseligen Menschen.

Ich setze mich auf eine freie Parkbank direkt am See, beobachte die Enten, die sich um mich herum scharen, wohl in der Hoffnung, von mir gefüttert zu werden. Ich habe nichts bei mir, außer meiner schweren Gedanken. Ich erinnere mich noch genau daran, was sie damals wie beiläufig und doch sehr ernst zu mir sagte: „Irgendwann ertrinke ich, ich weiß es und ich habe Angst davor! Ich will, dass es endlich aufhört zu regnen.“ Das war am helllichten Tag bei Sonnenschein und ich wusste nicht, was sie damit meinte. Sie machte keine Anstalten, es mir zu erklären.

Denke ich genau über diese Zeit nach, wirkte sie in der geduckten Haltung und ihrer Zerbrechlichkeit immer so, als fürchte sie sich vor allem und jedem, vor dem Leben. Die regelmäßigen, dummen Sprüche der witzelnden Mitschüler schienen an ihr abzuprallen. Sie versuchte nicht ein einziges Mal zu kontern, als würde sie ihre Umgebung kaum wahrnehmen. Obwohl ich sie respektierte, wollte ich nie so werden. Sie war sozusagen mein persönlicher Antiheld. Damals – vor circa 15 Jahren – konnte ich mir nicht erklären, was ich mit „so“ meinte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es heute weiß. In meinen Augen war sie ein nettes und kluges Mädchen, für das es keinen Grund gab, Mitleid zu empfinden. Das sehe ich auch heute noch so.

Nach der Schulzeit sahen wir uns alle paar Jahre, meist zufällig. Manchmal rief sie mich an, so wie letzte Woche, als sie fragte, ob ich mich mit ihr treffen wolle. Sie sei zurück in der Stadt. Ich hatte keine Ahnung, dass sie weg war.
Unsere Treffen waren immer ein bisschen spannend für mich, da ich nie wusste, was mich diesmal erwarten würde. Vor ungefähr zehn Jahren begegnete ich ihr zufällig und hätte sie beinahe nicht erkannt, so kaputt sah sie aus. Sie war völlig im Diätwahn, obwohl ich sie bis dato nur abgemagert kannte; warf sich diverse Pillen ein und konnte kaum klare Gedanken fassen. Sie war betrunken, lallte wirres Zeug vor sich hin und entleerte die viele Flüssigkeit auf meinem Badezimmerboden, als ich sie mit zu mir nahm. Während ich ihre strähnigen Haare aus dem Gesicht strich, sprach sie davon, dass sich Menschen gerne in ihrem Leid suhlen würden und es irgendwann die anderen seien, die ertrinken, während sie sich längst einen sicheren Anker besorgt hat. Ob ich auch ein Anker sei, fragte sie, bevor sie einschlief. Am nächsten Morgen war sie spurlos verschwunden und ließ mich ratlos zurück.

Als wir uns zuletzt sahen, war sie recht rundlich, zeigte selbstbewusst ihre ungewohnt üppigen Kurven und ihr ebenso ungewohnt volles und gesundes Haar. Das war vor fünf Jahren. Zu dieser Zeit schlitterte sie von einer Affäre in die nächste, wechselte munter zwischen Männern und Frauen ab – doch niemand war ihr wichtig genug, um zu bleiben. Sie berichtete von vielen abenteuerlichen Ausflügen, davon, dass sie nun Steilwandklettern für sich entdeckt habe, von Konzerten und anderen ihrer Erlebnisse, die ich kaum glauben konnte. Das ängstliche Mädchen von früher war wie aufgelöst oder weggesperrt – ich war mir nicht sicher. Sie schien das Leben aufzusaugen, als hätte sie vieles nachzuholen. Sie hatte einen Job, reiste viel umher, machte einen glücklichen Eindruck und sah nie so gut aus, wie zu diesem Zeitpunkt. Sie war wie ausgewechselt und ließ mich erneut mit Worten zurück, die ich mir zwar merken, aber wohl nie verstehen würde.
„Wenn alles ausgetrocknet ist, panieren sich so manche mit deinem Staub ein. Dann glaubst du fälschlicherweise, sie seien dir ähnlich. Kannst du sie zum Schwitzen bringen, bröckelt die äußere Schicht krümelig ab und du erkennst, dass eine Hülle ohne Gewicht übrig bleibt. Schaffst du es nicht, stoße sie einfach zurück ins Wasser.“, hallt es in meinen Gedanken nach, als wäre es gestern gewesen. Bei jedem Treffen hoffte ich ein bisschen, die Antwort auf sie -das Rätsel- zu erhalten.

Als ich heute das Café betrat, in welches wir uns verabredet hatten, winkte sie mich direkt an ihren Tisch. Ich war dankbar dafür, da ich sie vermutlich nicht auf Anhieb erkannt hätte. Sie hat deutlich sichtbar abgenommen, sieht fahl aus und trug ein Kopftuch. Unsere Begrüßung fiel wie immer recht neutral aus, als seien wir es gewohnt, uns regelmäßig zu sehen. Wir freuen uns, sind jedoch nie überschwänglich. In den ganzen Jahren sah ich sie nie überschwänglich. Ebenso neutral und ohne Umschweife begann unser Gespräch. Aus meinem Leben sollte ich ihr erzählen, doch gibt es nicht viel Interessantes. Dann erzählte sie reuelos von den vergangenen Jahren, der turbulentesten Zeit ihres Lebens. Nun sei sie ruhiger geworden. So wie ganz früher, dachte ich im Stillen bei mir.

Eine kleine Wohnung habe sie in der Stadt gemietet und fragte, ob wir uns nun häufiger sehen würden. Das Wasser sei wieder angestiegen und sie brauche vielleicht gelegentlich jemanden, der ihr den nötigen Halt gibt, damit sie den Kopf an der Oberfläche halten kann. Ich verstand nicht und forderte diesmal eine Erklärung. Sie zögerte, nahm das Tuch ab, entblößte ihre nackte Kopfhaut und holte zum ersten Mal aus.

Sie sei mir über die Jahre hinweg dankbar gewesen, keine Fragen gestellt zu haben und wolle nun ehrlich sein. Ich sei die Einzige, die sie immer akzeptiert habe und sie kennt – ich jedoch habe das Gefühl, nichts über sie zu wissen.
Mit ruhiger Stimme erzählte sie von ihrer Chemo, von den quälenden Jahren, von der aufkeimenden Hoffnung, dass nun alles gut werden würde und dem darauf folgenden Absturz. Mir blieb nichts, als mit trockenem Mund und feuchten Augen zuzuhören. Sie sagte, sie habe geglaubt, dass alles was nicht tötet, sie nur härter machen würde. Sie habe sich getäuscht.

Jetzt sitze ich hier, in der untergehenden Sonne, die sich in schönen Mustern auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ein Angler, der in seinem Boot auf dem Wasser treibt, wartet in aller Ruhe, ob sich etwas bei einer seiner Ruten tut. Die Enten sind längst zur nächsten Parkbank gewatschelt. Es ist sehr ruhig hier, kaum ein Vogel zwitschert. Am anderen Ende des Sees eine Frau mit ihrem Hund, ein Fahrradfahrer der ohne Helm an ihr vorbei fährt. Ohne Ausnahme belanglos und doch versuche ich alles zu sehen, was mir der Park bietet und frage mich, warum ich die ganzen Jahre über so blind war. Blind für die Details, die nun so offensichtlich scheinen, dass ich sie eigentlich hätte sehen müssen. Heute sah ich es zum ersten Mal in ihren Augen. All die Angst spiegelte sich darin, welche sie die ganzen Jahre über ertragen hatte. Doch sie sagte, die größte Angst habe sie nicht vor dem Tod, sondern davor, das Leben selbst zu verpassen.

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Lokalkolorit Dialekt

Z’erscht wollt i de Versuch schtarte, en ganze Tekscht auf Dialekt z’schreiba, doch dees wollt i dann weder deane dias leaset, no mir sell adua, weil’s für mi mindeschtens so aaschtrengend isch, wie füa eich.

Mein Interesse galt unter anderem schon immer den Sprachen allgemein, sowie Dialekten und sprachlichen, wie auch regionalen Unterschieden, sodass es hin und wieder vorkommen kann, dass ich im Gespräch direkt nachfrage, woher jemand kommt. Sobald mir die Gegenfrage gestellt wird und ich stolz erzähle, dass ich ursprünglich aus dem Allgäu bin, werde ich oftmals mit großen Augen angesehen. Zum einen folgt dann meist die Frage, warum ich weggezogen bin, aus dieser achsowunderschönen Region, in der man doch prima Urlaub machen kann; zum anderen der ungläubige Kommentar, dass man das gar nicht raushören würde. Als wäre der Dialekt eine Krankheit, die man diagnostizieren müsste, um für jeden kenntlich zu machen, in welchem Boden die eigenen Wurzeln stecken.
Da stellen sich mir zwei Fragen: Warum sind nicht wenige Menschen so stolz auf ihren Dialekt, dass sie ihn mit Würde vor sich her tragen – und andersrum, warum legen so viele Menschen ihren Dialekt ab und sprechen öffentlich astreines Hochdeutsch?

Ich selbst sprach noch nie in dem Ausmaß Dialekt, wie es meine Familie und einige der langjährigen Freunde tun – und doch falle ich in meine Art des Dialektes zurück, sobald die heimische Vorwahl auf dem Display aufleuchtet, oder ich dort zu Besuch bin. Für diejenigen, die mich nur hochdeutsch kennen, wirkt das immer erst mal sehr befremdlich und irgendwie amüsant, weil sie kaum ein Wort verstehen; für diejenigen, die mich mit Dialekt kennen, wirke ich wie „nichtmehrdazugehörig“. So wurde ich von einem alten Schulfreund beim Klassentreffen gefragt: „Kaasch it gscheit schwätze, bisch jetz was bessres und woisch nemme woher de kusch, oder wia?“
Doch doch, ich kann sprechen, ich bin nichts Besseres und ich weiß auch sehr wohl, woher ich komme. Aber muss alle Welt wissen, woher ich komme? Zudem gibt es ja auch einen Grund, warum man sich auf eine gemeinsame Amtssprache pro Land festgelegt hat – damit man einander versteht.

Als ich vor einigen Jahren zu einem Vorstellungsgespräch in Goslar eingeladen wurde, erzählte mir die potentielle Chefin, sie sei doch ein wenig enttäuscht gewesen, da sie sich unter einem allgäuer Mädchen eine kaumverständliche Maid mit zwei Zöpfen und Dirndl vorgestellt hatte und ich dieser Vorstellung so gar nicht entsprach. Es tut mir ja sehr leid, dass man mich versteht – insbesondere bei einem Vorstellungsgespräch.

Diese und andere Klischees gibt es zu sämtlichen Regionen, Bundesländern und Dialekten. Ich ertappe mich selbst manchmal dabei, wie ich jemanden anhimmle, wenn die Person einen für meine Ohren sehr angenehmen Dialekt spricht. Andersrum erschrak ich auch schon mal, als das, was aus dem Mund kam, so unerwartet gar nicht zum äußeren Erscheinungsbild passte. Äußeres Erscheinungsbild? Was ist das denn nun für eine bescheuerte Aussage? Aber tatsächlich habe ich persönlich häufig eine Vorstellung von einer Stimme, wenn ich eine Person sehe; genauso wie ich eine Vorstellung einer Person habe, wenn ich nur die Stimme höre. Ich wurde schon so oft enttäuscht, dass ich eigentlich daraus lernen sollte.

Vor Kurzem hörte ich den sehr niedlichen Dialekt einer genauso niedlichen älteren Frau und sprach sie direkt darauf an. Nach etwas Smalltalk zum Thema, wollte sie dann gerne den Dialekt hören, mit dem ich groß geworden bin. Ich lieferte ein paar Mustersätze („Hond’r au Henna dahui?“, „Heer auf z`gigampfa!“, oder „A alt`s Weib hot Breetle bache, untre oiner Oicha; a Breetle isch an’d Kachel bappet, jetzt ka se nemme soicha!“ -> was geschrieben natürlich viel einfacher zu enträtseln ist, als wenn man es nur hört), die ich in dieser Situation immer bringe, weil ich weiß, dass ich damit eh nicht verstanden werde und die Menschen wenigstens zum Lachen bringen kann, indem ich mich selbst ein wenig auf die Schippe nehme. Diese Frau lachte auch – jedoch eher aufgrund der Reaktion meiner Kollegen, die mit weit aufgerissenen Augen wie versteinert um mich herum standen und auf vier verschiedenen Dialekten meinten, ich solle bloß niiiiiiie wieder so sprechen!
Ich garantiere für nichts.

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Die sieben Todsünden

Superbia: Hochmut, Eitelkeit, Stolz, Übermut
Avaritia: Geiz, Habgier
Luxuria: Wollust, Ausschweifung, Genusssucht
Ira: Zorn, Rachsucht, Vergeltung, Wut
Gula: Völlerei, Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht
Invidia: Neid, Eifersucht, Missgunst
Acedia: Faulheit, Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens

Lächelnd bindet mir der attraktive Kerl an der Kasse ein Bändchen um das Handgelenk und wünscht mir mit einem kecken Zwinkern viel Spaß. Ich fühle mich unheimlich sexy und stolziere auf schmalen Absätzen davon, im Wissen, dass er mir hinterher sieht. SUPERBIA!

Ich verschaffe mir einen Überblick und lege mir gedanklich eine Route durch den abgedunkelten Saal fest, um ja nichts zu verpassen. Ein sehr schönes Ambiente, rhythmische Hintergrundmusik schallt aus den Lautsprechern, ein angenehmer Duft liegt in der Luft. Ich versuche alles aufzusaugen, was sich meinen Sinnen bietet. GULA!

Die ersten Tische sind uninteressant, zeigen mir nichts Neues und halten nur die Sorte Menschen auf, die mich nicht im Entferntesten reizen. Schon in der zweiten Reihe entdecke ich zwischen den Raumpfeilern ein paar nette Spielzeuge, die mir gefallen könnten. Daneben ein Piercing-Stand, der hauptsächlich für Intimschmuck wirbt. Das Paar hinter den Vitrinen trägt einige Ringe und Stecker im Gesicht und schätzungsweise nicht nur dort. Ich finde sie beide auf ihre Art sehr attraktiv, lächle ihnen zu und gehe weiter. ACEDIA!

Ein Stand mit kleinen Fläschchen erregt meine Aufmerksamkeit. Von Massageölen bis Gleitgel in diversen Geschmacksrichtungen ist alles vorhanden. Mir wird ein Rabatt-Gutschein in die Hand gedrückt, doch ich vertröste auf einen späteren Kauf. Einige Meter weiter sehe ich Kerzen in diversen Formen, Farben und Größen, wundere mich über die horrenden Preise. Der Mann hinter dem Tresen scheint meine Gedanken lesen zu können und erklärt, dass es besondere Kerzen seien. Wie besonders, könne ich mir in einigen Minuten auf der kleinen Bühne ansehen. AVARITIA!

Ich folge seinem Fingerzeig, lehne mich seitlich des Schauplatzes an einen Barhocker und kippe den Sekt, der mir freundlich überreicht wird, in einem Zug hinunter. Mich hinzusetzen, wäre in dem kurzen Rock und den hohen Absätzen nicht sehr klug. Ich nehme mir ein weiteres Glas und spüre schon, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt. GULA!

Die Hintergrundmusik wird von mitreißenden, lauten Klängen abgelöst, zwei halbnackte Schönlinge in ansehnlicher Statur, tragen einen bedeckten Käfig auf den Rand der Bühne und verlassen diese sofort wieder. Dafür tritt nun ein schwarzgekleideter und nicht weniger interessanter Mann ins Scheinwerferlicht. Seine ernsten, beinahe bösen Gesichtszüge machen mich irgendwie an. LUXURIA!

Ohne ein Wort zu sprechen, zieht er am schwarzen Tuch, wirft es hinter die Bühne und präsentiert damit eine zusammengekauerte Frau, deren Haut sich gegen die Gitterstäbe presst. Der Mann öffnet ihren Zwinger und reicht ihr seine Hand. Sie ist schlank und blass, trägt rotgefärbtes, schulterlanges Haar und unschuldig weiße Unterwäsche, die irgendwie nicht zu ihrer Erscheinung mit der Tätowierung -die von der rechten Schulter, über die Rippenbögen an der Seite entlang bis zu ihrem Schenkel reicht-, dafür aber zu ihrer Körperhaltung passt. Den Blick hält sie starr auf den Boden gerichtet, den Kopf demütig gesenkt. Sie ist sehr schön. INVIDIA!

Ich mustere die Gesichter und Reaktionen des gemischten Publikums, verfolge ihre lüsternen Augen, wie sie die Frau auf der Bühne restlos ausziehen wollen. Nur ein Augenpaar beugt sich meinem Blick entgegen und tastet mich ab. Appetitlich, wie er sich gegen einen der Pfeiler lehnt und mir noch immer standhält. Mein Rock wird feucht. Die blöde Kuh direkt neben mir, schüttet mir ihren Sekt über. Sie entschuldigt sich und reicht mir ein Taschentuch aus ihrem Nuttentäschchen. Der interessierte Blick des Pfeilerkerls wandelt sich in einen leicht amüsierten. IRA!

Es wird still, als das Klatschen der ersten Schläge auf nackte Haut ertönt und mit ihnen ein wimmerndes Stöhnen. Hand- und Fußgelenke der rothaarigen Frau sind mittlerweile an einem Konstrukt aus dicken Lederriemen und glänzendem Stahl festgezurrt und halten sie somit in einer bewegungsunfähigen, breitbeinigen Position. Sie wirkt beinahe apathisch, während sie geknebelt wird. Der schwarzgekleidete Mann wird zu ihrem Peiniger, oder ihrem Meister, wie man es sehen will. Ich bin mir nicht sicher, welche der Rollen mir besser gefällt. LUXURIA!

Ich trinke meinen Sekt aus, stelle das Glas ab und sehe, wie mich der Pfeilerkerl schon wieder, oder noch immer ansieht. Er lächelt nicht, zeigt jedoch definitiv Interesse an meinen Beinen. Allgemein scheine ich momentan alles zu sein, was seine Aufmerksamkeit fesseln kann. Fragt sich nur wer von uns Hase und wer der Jäger ist. SUPERBIA!

Rote Striemen zeichnen ihre weiße Haut, als er ihr gewaltvoll den BH vom Körper reißt. Er saugt an ihren Brustwarzen und klemmt kurz darauf kleine Gewichte daran, die bei jedem Schnalzen des dicken Lederriemens auf ihrer gesamten Rückseite, hin und her baumeln. Ihr Gesicht und die geknebelte Stimme zeichnen deutlichen Schmerz, aber auch Lust ab. An ihrer Stelle würde ich zurückschlagen wollen. IRA!

Er schiebt ihren Slip beiseite und fährt einmal kurz über ihre Schamlippen; zeigt dem Publikum alles, was zuvor verhüllt war. Noch bevor sie die Berührung genießen oder ihn für die Zurschaustellung hassen kann, versenkt er mit einem gewaltsamen Stoß zwei Finger in ihr. Als er sich ihr wieder entzieht und seine Finger ableckt, beugt sie sich ihm willig entgegen, so gut es ihre Position zulässt. LUXURIA!

Nach den typischen Eiswürfel- und Wachsspielchen kommt nun auch ein Vibrator zum Einsatz, der die rothaarige nicht nur zu heftigerem Stöhnen, sondern auch zu einem Muskelzucken bewegt, als könne sie ihr eigenes Gewicht nicht mehr auf den wackeligen Beinen halten. Es reizt mich zu sehen, wie gerne er sie quält, ohne Anstalten zu machen sie bald zu erlösen. INVIDIA!

Möglichst unauffällig sehe ich mich erneut um, doch der Pfeilermann scheint verschwunden zu sein. Schade, er gefiel mir irgendwie. Ich gönne mir ein drittes Glas Sekt, wofür ich einen bösen Blick der Dame mit dem Tablett ernte. Sie lässt mich völlig kalt, der heutige Abend gehört mir. GULA!

Bevor auch meine Beine nachgeben, flaniere ich weiter durch den im hinteren Bereich nur noch mit Wandfackeln beleuchteten Saal. Auf einem Podest steht eine Bauchtänzerin mit einer großen Schlange um ihren Körper, einige Meter weiter ein muskelbepackter Feuerakrobat, an einer Ecke ein knutschendes Pärchen direkt vor einem großen schwarzen Vorhang. Als ich auf den Vorhang zugehe, spricht mich das Pärchen an, ob ich mitmachen wolle. ACEDIA!

Hinter dem Vorhang eine noch spärlichere Beleuchtung, an die sich meine Augen erst gewöhnen müssen. Erotik liegt in der Luft, einige Matratzen samt nackter Körper auf dem Boden. Sie scheinen mich nicht wahrzunehmen und ich kann still beobachten, was sich mir darbietet. Wie aus dem Nichts, spüre ich warmen Atem auf meinem Nacken. Ohne mich umzusehen, glaube ich zu wissen, wem das Gesicht gehört, welches meiner Haut immer näher kommt. Er riecht gut. LUXURIA!

Während sich vor mir die Leiber ausgiebig und hingebungsvoll miteinander beschäftigen, pressen mich nun starke Arme an einen schlanken Körper, der genauso erregt zu sein scheint, wie mein eigener. Er sagt kein Wort, schiebt eine Hand fordernd unter meinen Rock und erfreut sich spürbar an der fehlenden Unterwäsche. Seine gesamte Aufmerksamkeit gehört nun wieder mir, indessen er mein Spreizen der Beine richtig deutet. SUPERBIA!

Er hat sich stark unter Kontrolle, als ich nach hinten greife, um seine Hose zu öffnen. Kurz darauf steuert er meinen Oberkörper nach vorn und dringt rückartig und zielsicher in mich ein. Die Hand um meine Kehle gelegt, drückt er meinen Kopf nun gegen seine Schulter, küsst mich hart vom Ohr bis zum Nacken, während sein Becken wie mechanisch unaufhörlich zustößt. Ich genieße den Schmerz und überlasse ihm die Führung, hält er mich sowieso in solch festem Griff, dass ich keine andere Wahl habe, ohne mich von ihm lösen zu müssen. LUXURIA!

Plötzlich überkommt mich ein enormer Hustenreiz und eine Nässe, die ich nicht definieren kann, rinnt zwischen meinen Brüsten hinab, durchtränkt langsam meine Kleidung. Panik befällt mich. Er hält meinen Mund gewaltsam zu und stößt immer weiter, während ich meine Fingernägel mit aller Kraft in seine Arme kralle und sich mein Rachen mit metallischer Flüssigkeit füllt. Ich will sie ausspucken, doch er lässt es nicht zu, packt mich nur noch fester. Mir wird schlecht, habe keine Kraft mich zu wehren, japse nach Luft. IRA!

Er kommt und lässt Sekunden später von mir ab. Unsanft knalle ich auf den Boden und sehe mit verschwommenem Blick, wie er einen metallenen Gegenstand abwischt und ohne einen Blick zurück, hinter dem Vorhang verschwindet. Ich will schreien, bekomme keinen Ton heraus, kann mich nicht bewegen, bekomme keine Luft, alles dreht sich…..

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Auf der Klippe

Zwischen den vielen Bäumen ist der Himmel in ein dezentes Abendrot getaucht. Mit gesenktem Kopf sitzt er am Rand der Klippe. Die Aussicht ist wunderschön, obgleich er weiß, dass sich hier schon sehr viele Menschen das Leben nahmen, welchem sie überdrüssig waren. Der Abgrund liegt direkt vor ihm und lässt durch die vielen Felsvorsprünge die wahre Tiefe nicht einmal erahnen. Seine Hände krallen sich in Grasbüschel, während Gedanken wie eine Flut über ihn hereinbrechen. Die Geräusche des Waldes, dringen nicht zu ihm durch. Durchbrochen werden die düsteren Wellen erst durch ein fröhliches Summen einer ihm unbekannten Melodie. Beinahe wie im Takt des Liedes, ertönt ein kraxelndes, immer näher kommendes Geräusch herabbröckelnder Steine, bis das Summen schließlich verstummt.

„Hallo“, grüßt es links unter ihm. Er tut so, als nähme er es nicht wahr, blickt nicht auf, schweigt und wünscht sich Einsamkeit herbei. Die Stimme jedoch bleibt beharrlich, bis er endlich nachgibt und den Blick anhebt, ohne etwas zu sagen. Aus der Stimme wird ein kleines Männchen, nicht mal halb so groß wie er selbst, welches sich mit den Beinen am Gestein wegdrückt, den Hintern von sich streckt und dabei die Ellenbogen ganz entspannt auf den Boden auflegt, um seinen Kopf mit den Händen zu stützen. Völlig unangestrengt ob der Haltung, grinst es ihn an und fragt, ob es sich dazugesellen kann. Eine Mischung aus Kopfschütteln und Schulterzucken scheint das Männchen nicht zu verstehen; so hüpft es mit einem Satz über die Felskante und setzt sich auf das Gras. Nach kurzem Schweigen, zieht es die kühle Luft geräuschvoll durch die Nase ein und atmet mit einem genießerischem „Mmmmmmh“ wieder aus. Da setzt es wieder an:
„Du siehst nicht sehr glücklich aus?!“ und erhofft sich eine Reaktion. Doch wieder herrscht Stille. „Da wo ich herkomme, spricht man miteinander und unterhält sich sogar sehr gerne!“,
versucht er es erneut mit vergnügtem Tonfall. Der Mann sieht ihn mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Skepsis an. „Und wo soll das sein?“, gibt er zurück und mustert das Männchen, dessen grüne Augen so viel neugieriger und kindlicher aussehen, als der Rest des Winzlings.

„Da wo ich herkomme, sind wir glücklich und zufrieden.“, holt er aus. „Auf unseren Straßen wird getanzt, gesungen und gelacht; die Häuser sind bunt bemalt, die Türen stehen zu jeder Zeit offen. Jeder ist bei uns willkommen. Es wird stets gerecht geteilt, denn es gilt: geteilte Freude, ist doppelte Freude.“, singt er beinahe schon. „Die Bewohner sind eine Einheit, leben harmonisch miteinander und sehen ihre Stärken, nutzen diese effektiv, um sich gegenseitig zu unterstützen. Jeder tut das, was er am besten kann und wird dafür geschätzt und anerkannt. Es ist ein großes Miteinander, das mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit gelebt wird. Lästiges wird nie zur Last, da man es sich einfach wegwünschen kann. Wünsche werden wahr, Träume werden gelebt und Wege werden ohne großes Ziel leichtfüßig beschritten.“, beendet er seine Schwärmerei und erklärt: „So bin ich hier bei dir gelandet. Die Reise war lang und wurde stetig beschwerlicher. Einige Berge musste ich herabsteigen, um unter den Wolkendecken das Tal zu betreten, das so anders aussieht, als ich es von uns kenne. Ich hatte zum allerersten Mal Angst und war dennoch wild entschlossen, immer weiter zu gehen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wie ihr es nennt. Nun sitze ich neben dir und wundere mich über deine merkwürdige Welt. Erzähl mir von ihr, ich möchte alles wissen!“ Im Schneidersitz hockt das Männchen erwartungsvoll da und ist gespannt auf die Geschichte des Mannes mit dem traurigen Gesicht.

Der Mann sieht indes an dem kleinen Männchen herab, staunt über dessen Begeisterung und Fröhlichkeit, die er selbst schon lange nicht mehr verspürt. Der Blick bleibt an den Füßen des Gegenübers hängen. Blut vermischt sich dort mit Staub und Schmutz, bildet eine dicke Kruste, deren ledrige Umgebung sich rotentzündlich verfärbt. Das Männchen scheint den gesamten beschriebenen Weg barfuss gegangen zu sein und zeigt dennoch keinerlei Anzeichen für Schmerz oder Ärger. Für ihn selbst sind diese beiden Empfindungen treue Begleiter geworden und lösen Wut und Trauer regelmäßig ab.
Als er seinen Kopf erneut hebt und dem Männchen in das freundlich lächelnde Gesicht sieht, beginnt er zu erzählen:

„Diese Welt ist anders. Ich glaube nicht, dass du dich hier wohlfühlen kannst. Hier ziehen sich die Menschen jeden Schuh an, geben sich selbst die Schuld an allem, sofern sie nicht schon von jemandem zugeschoben wurde. Dadurch wirken sie, obwohl sie deine Größe physisch deutlich überragen, um einiges kleiner. Sie versinken in sich selbst, bis sie im eigenen Selbstmitleid ertrinken. Kein Platz für Wünsche, keine Erinnerungen an Träume. Nach Aufmerksamkeit suchend, fühlen sie sich wertlos und hässlich, obwohl sie sich meist eitel zeigen. Sie wollen um jeden Preis gefallen und stellen sich selbst zur Schau.“ Seine Miene verfinstert sich noch mehr als zuvor.

„Hier tanzt niemand auf den Straßen und meist gleicht ein Haus dem anderen, wie auch beinahe jeder Mensch dem anderen gleicht, obwohl er stets versucht anders zu sein. Jeder misstraut dem anderen und wittert selbst hinter einem netten Wort einen Hintergedanken. Der Einzelne ist hier auf sich allein gestellt, Gemeinschaft gibt es kaum, sofern sie an keinen Zweck gebunden ist. Hier wird der Mensch nicht nach seinen Stärken bewertet, sondern nach seinen Fehlern und Defiziten. Zerlegt wird der Körper in seine Einzelteile und wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt, nachdem jedes Teil mit einem neuen Namen versehen wurde. Ist der Körper wieder vollständig, beinhaltet er nun nicht mehr, was man vermuten würde, sondern ist gebrandmarkt mit allerlei Diagnosen und Störungsbildern. Essstörung, Sehstörung, Beziehungsstörung, Aufmerksamkeitsstörung, Belastungsstörung, Verdauungsstörung, Zwangsstörung… kein Wunder dass irgendwann die Schlafstörung eintritt, die bald zwangsläufig der Angststörung die Hand reicht. Unsere gesamte Welt ist gestört! Und das schlimme daran ist, dass die Menschen daran glauben.“, redet er sich in Rage, während das Männchen aufmerksam zuhört und zaghaft wissen möchte, ob seine Welt denn schon immer so war.

„Nein. Früher waren Diagnosen dafür da, um Menschen besser helfen zu können, heute werden sie schamlos ausgenutzt, sogar als Schimpfwörter missbraucht und benutzt, um Geld damit zu machen. Korruption an allen Ecken, Lügen benetzen das gesamte Land. Sobald man helfen möchte, leidet man am Helfersyndrom, sieht man tatenlos zu, ist man ein Egoist. Sie hauen sich gegenseitig die Köpfe ein und zerstören sich langsam aber stetig selbst, samt Planeten. Die Menschen erkennen nichts Gutes mehr an sich, wollen nur die vermeintlichen Fehler korrigieren, um dem Bild zu gleichen, welches sie als Gesellschaft selbst erschaffen haben und es ohne zu hinterfragen, tragen. Man gibt kaum mehr etwas über sich Preis, aus Angst, jemand könnte es gegen einen verwenden. Distanziert, gar reserviert, tritt man seinen Mitmenschen gegenüber, als Schutz vor Verletzungen.“
Seufzend starrt der Mann nun ins Leere.

„Wurdest du schon mal verletzt?“, will der Kleine wissen.
Ein sinnierendes und sehr ehrliches „Ja, früher zu oft.“, wird ihm entgegnet.

Das Männchen springt in einem Satz auf, deutet hinab in die tiefe Schlucht, streckt ihm die Hand entgegen und fragt, ob er mit ihm kommen möchte. Da der Mann zögert und auf das Angebot nicht reagiert, schiebt der Winzling seinen Mund nervös wechselnd nach links und nach rechts, während er grübelt und schließlich fragt: „Was ist das Allerschönste in deiner Welt? Was macht das Leben lebenswert? Was würdest du vermissen, wenn man es dir nehmen würde?“

Der Mann sieht ihn nachdenklich an, blickt dann auf seine Hände, die er in seinem Schoß gefaltet hat und schweigt eine ganze Weile lang. Dann steht er langsam auf, streckt sich, klopft den Schmutz von seiner Hose, schenkt dem Männchen ein zaghaftes Lächeln, dreht sich um und geht. Das Männchen bleibt zurück, sieht dem Mann hinterher und beginnt zufrieden seine Melodie zu summen.

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Draußen ist mehr Platz als drinnen

Wie jeden Abend der vergangenen Wochen, sitzt sie auf dem Holzstuhl und obwohl es nicht viel zu sehen gibt, schweift ihr Blick wie in Zeitlupe immer wieder durch die fünfundzwanzig Quadratmeter. Zwei Betten, vereinzelte Fotos und von Kinderhand gemalte Bilder, wenige persönliche Gegenstände, dafür aber viele Schläuche die zu diversen Geräten führen, ein gerahmter Kunstdruck und ein Kalender, der ihrer Meinung nach erbarmungslos aufzeigt, dass die Tage nur noch schleppend voran gehen, während der Zeiger der Wanduhr nervös tickt. Wie hypnotisiert bleiben ihre Augen immer dann daran hängen, wenn ihr die Worte ausgehen und sie die Stirn in Falten legt, als würde sie angestrengt nachdenken, was sie noch erzählen könnte. Es kann ja nicht viel Neues geben, so viel Zeit, wie sie hier verbringt, die Hand ihres Mannes geduldig umschlossen.

Wenngleich ihr niemand sagen könne, ob er sie überhaupt versteht, achte sie darauf, sich in ihren Erzählungen nicht zu wiederholen. Sie wolle ihn schließlich nicht langweilen, wo doch eh kaum etwas in diesem Raum passiert, erzählt sie dem Pfleger, der nach kurzem Klopfgeräusch das Zimmer betritt. Sie hat ihn unter den ständig wechselnden Gesichtern der vielen Mitarbeiter schon mehrmals gesehen.
Die gemeinsamen Gespräche am Esszimmertisch seien ihnen beiden in den vielen Jahren heilig gewesen. Kommunikation in einer Beziehung müsse man pflegen, gibt sie ihm als Rat mit auf den Weg, während er höflich nickt und die vielen Kissen aus dem Bett nimmt. Er zieht den Saum der Windel ihres Mannes, der sich wie eine leblose Puppe drehen lässt, beiseite und sieht nach, ob sie gewechselt werden muss. Angespannt steht sie daneben, den Blick starr auf den Kunstdruck gerichtet, als traue sie sich aus Angst etwas falsch oder kaputt zu machen, nicht zu helfen.
Die abgebildete Blumenwiese erinnere sie jeden Tag an den vergangenen Sommer, setzt sie an, während sie in ihrer Hosentasche nestelt. Der Pfleger lächelt und schwärmt vom angenehmen Wetter des Sommers, der ja nun leider schon vorbei sei. Ihre Mundwinkel hängen unverändert so tief, wie es ihre straffe Haut zulässt. Es sei in der Tat ein schöner Sommertag gewesen, als sie spazieren waren und er ohne Vorwarnung einfach umfiel, fährt sie fort. Sie habe den Notarzt gerufen und ihrem Ehemann auf dem Feldweg zwei Rippen gebrochen, ihn über den Mund beatmet, bis sie endlich abgelöst wurde und erst sehr viel später gesagt bekam, dass er operiert werden müsse. Er habe eingeklemmt. Darunter verstehe sie so etwas, wie den Finger in der Tür einzuklemmen, habe aber rein gar nichts damit zu tun. Nach der Hirnblutung sei das Gehirn angeschwollen, weswegen sie den Schädel öffneten und ein Stück Knochen entnahmen. Draußen sei mehr Platz als drinnen, hätten sie ihr erklärt. Der Pfleger reagiert auf die Schilderungen mit verständnisvoller Miene und der Frage, ob sie beim Frischmachen dabei sein, oder lieber vor der Tür warten wolle. Mit einem sanften Streicheln über den schlaffen Arm ihres Mannes, verabschiedet sie sich flüchtig und macht sich mit dem Straffen ihrer Schultern bereit für die Welt außerhalb der Klinik.

Von Freunden, deren Besuche inzwischen seltener würden, bekäme sie oft gesagt, sie sähe schlecht aus und habe abgenommen. Dabei sei sie schon immer schlank gewesen. Die dunklen Augenringe seien Zeugen ihrer Erschöpfung, über deren Grenze sie momentan absichtlich trete, um erst dann in einen tiefen Schlaf zu fallen, wenn sie keine Kraft mehr für Gedankengänge übrig habe. Sie käme nicht zur Ruhe und müsse ja nun nach der Arbeit noch so viel erledigen, sich um die Kinder kümmern, die Rolle des Vaters mit übernehmen und dutzende Formulare ausfüllen. Sie fahre täglich siebzig Kilometer, um bei ihrem Mann zu sein. Die Ärzte würden ihr zu wenig Auskunft geben, sie fühle sich kaum einbezogen.
Die Physiotherapeutin stellt heute keine Zwischenfragen, lässt die Angehörige erzählen, während sie die Gelenke des Patienten durchbewegt, um Kontraktionen vorzubeugen. Auf das flehende Erbitten reagiert sie gelassen. Sie könne und wolle keine Prognose abgeben, wann der Patient wieder gesund und arbeitsfähig sein wird; wolle ihr die Hoffnung nicht rauben, jedoch auch nicht, dass sie sich an fragilen Grashalmen festhält. Sie könne jederzeit gerne bei der Therapie dabei sein, es wäre ja auch schon ein großer Fortschritt, dass die Vitalwerte mittlerweile bei der Bewegung im Bett stabil bleiben. Sie würde ihr gern ein paar Übungen zeigen, die sie mit ihm machen könnte, die ihm gut täten.

Während sie ihm aus einem Buch vorliest, liegt er röchelnd im Bett, nur mit einem dünnen Laken zugedeckt. Er würde sonst so stark schwitzen. Das Atmen durch die Trachealkanüle strengt ihn sichtlich an, aber wenigstens benötige er keine Beatmungsmaschine mehr. Wenn es beim Atmen blubbert oder er stark hustet, solle sie die Klingel drücken, dann würde jemand zum Absaugen kommen. Manchmal dauere das so lange, dass sie die Wartezeit damit verbringe, die verschiedenfarbigen Linienbewegungen auf dem Überwachungsmonitor auswendig zu lernen. Sobald die Ernährungspumpe piepst, anstatt gleichmäßig zu surren, schrecke sie auf, obwohl sie längst wissen müsse, dass nur der Beutel mit der cremefarbenen Flüssigkeit leer ist. Meist piepse es dann auch kurz darauf am Nachbarbett.

Sie habe einige Patienten in diesem Zimmer kommen und gehen sehen, so lange liege ihr Mann schon hier. Die meisten seien weniger stark betroffen gewesen und hätten ein erweitertes Therapieprogramm bekommen, weswegen sie erfolglose Diskussionen mit Ärzten und Therapeuten geführt habe, die allesamt der Meinung seien, ihr Mann würde momentan nicht davon profitieren, er sei nicht stabil, belastbar und aktiv genug.
Besuch hätten die anderen Patienten jedoch kaum gehabt. Zumindest nicht zu den Zeiten, zu denen sie täglich hier gewesen sei. Wenn doch, habe sie sich direkt in Unterhaltungen gestürzt, von der gemeinsamen Vergangenheit erzählt, von ihren Kindern und den Bildern, die sie bei ihren Großeltern malen, solange diese sich um sie kümmern. Es sei belastend, dass die beiden sich vor ihrem Vater fürchten und deshalb nicht mitkommen. Sie habe mit dieser Wahrheit schon oft schockiert, jedoch ließe der Vergleich mit den aufgehängten Fotos aus glücklichen Zeiten, deutlich erkennen, dass er sich auch äußerlich stark verändert habe und es dann kein Wunder sei, wenn ihn die Kinder nicht mehr als Papa erkennen.
Es klopft, der Hauspsychologe stellt sich vor und bietet ihr gemeinsame Gespräche an, da in solch schwierigen Zeiten draußen mehr Platz für Gefühle und Gedanken sei, als drinnen. Sie lehnt dankend ab, wolle stark für ihren Mann bleiben, komme klar und habe den Spruch in einem anderen Zusammenhang schon einmal gehört. Überzeugungsarbeit bleibt erfolglos.

Er liegt weiterhin regungslos im Bett und sieht durch seine Frau hindurch, als wäre sie gar nicht da. Und dennoch versucht sie unermüdlich, Kontakt zu ihm aufzubauen, interpretiert jedes Muskelzucken und jegliche mimische Veränderung als Reaktion und Interaktion. Sie vermisse die Nähe zu dem Mann, den sie einst aus Liebe geheiratet habe. Nun wisse sie nicht einmal, ob er noch weiß, dass sie verheiratet sind. Sie küsst ihn nicht, berührt ihn immer nur an den Außenseiten des Körpers, wischt ihm gelegentlich den Speichel von der Wange und sieht ihn mit wässrigen Augen an. Früher habe er ihr immer Stärke und Halt gegeben, heute versuche sie sich dafür zu revanchieren, wisse jedoch nicht einmal genau, ob er das will. Sie hätten nie darüber gesprochen, was in einer solchen Situation das Beste sei. Zu weit entfernt seien Krankheit und derartige Schicksalsschläge bisher gewesen. Er habe nie über eine Patientenverfügung nachgedacht, oder darüber, ob er seine Organe spenden möchte, falls es so weit kommen sollte. Ebenso sei kein Testament vorhanden und um Versicherungen habe immer er sich gekümmert, sie müsse das nun endlich in Angriff nehmen. Vielleicht würden die auch einen Teil der Umbaumaßnahmen bezahlen, würde sie ihn mit nach Hause nehmen. Aufgrund der Kanüle, stehe ihm eine 24h-Pflegekraft zu. Er habe sicher nie gewollt, in einem Pflegeheim zu landen. Das Haus sei noch nicht abbezahlt und sein Arbeitsplatz gefährdet. Vielleicht könne er ja nie wieder arbeiten. Er sei doch noch so jung. Sie hasse sich für diesen Gedanken, aber vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben und somit erlöst. Sie hält seine Hand und weint.
Ich weiß nicht was ich sagen soll, habe einen Kloß im Hals, stammle etwas von ‚es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen’, schnappe meinen Putzkram und verlasse den Raum. Einmal tief durchatmen, anklopfen und auf ins nächste Zimmer.

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Hivemind – oder gegen ungenügend Gesellschaftskritik

Schenken wir der Evolutionstheorie Glauben, sind wir die dominantesten, schönsten, gesündesten, anpassungsfähigsten, – schlicht die tollsten Lebewesen, die je existierten.

Vielleicht liegt es an der menschlichen Bescheidenheit, die kein Gespür für eigene Fähigkeiten und Besonderheiten aufkeimen lässt, oder auch an den maßlosen Erwartungen, sowie der übersteigerten Kritikfreude meiner Umgebung, die mir von Kind auf vermittelt hat, nicht zu genügen. Bereits zur Schulzeit, vermutlich schon früher, loderte der anerzogene Vergleichswahn immer wieder auf. Es gab zu jeder Zeit jemanden der klüger, besser, sportlicher, begabter war; jemanden mit angesagteren Klamotten, teureren Schuhen, tolleren Weihnachtsgeschenken. Das was ich selbst vorzuweisen hatte, womit ich versuchte Eindruck zu schinden, war im direkten Vergleich ebenso kümmerlich wie erniedrigend. Mir war nie klar, ob diese ständigen Vergleiche der Abgrenzung, dem Anderssein oder dem Bessersein dienen sollten. Die übrigen meiner Unzulänglichkeiten, wurden von den feinen Nasen der Lehrer aufgespürt, um sie auf ihrer Bühne breit zur Schau zu stellen. Doch selbst für Witze auf meine Kosten, reichte es nicht. Unscheinbar und ungenügend.

Desolat packte ich die kaum ausreichenden Noten ein und spie sie Zuhause aus, während mir, in der bitteren Brühe des Alltags sitzend, erneut aufgezeigt wurde, dass ich nicht genüge. Ein zweites Kind wurde sich immer gewünscht, weil ich allein zu wenig war. Nicht ordentlich genug, nicht schlank genug, nicht höflich genug, nicht fleißig genug; zu jung um über bestimmte Themen zu sprechen, zu alt um kindisch sein zu dürfen; ich half zu wenig im Haushalt und guckte zu viel fern. Die Medien wiederum zeigten mir auf, dass man fortwährend immer das Beste aus sich holen sollte. Besseres Hautbild, mehr Wissen, tollere Urlaube, gesündere Ernährung, attraktiveres Aussehen. Nie wurde ich all den Erwartungen und Anforderungen gerecht; keinerlei Möglichkeit, das Selbstwertgefühl auf ein Mindestmaß anzureichern. Die perfekte Bildschirmwelt blieb mir verschlossen und niemand war in der Lage Komplimente auszusprechen, wodurch ich eine Unfähigkeit entwickelte, selten vorkommende nette Worte ernst zu nehmen. Als ich meinen ersten Freund nach Hause brachte, war auch dieser nicht gut genug. Kurz darauf verließ er mich, weil er nicht genügend für mich empfand. Dann reichte ich mir selbst nicht mehr.

Ich wollte ebenso unmerklich ausbrechen, wie ich gefangen war; saß die Zeit ab, so wie ich ständig jede Stunde, an jedem Tag, in jeder Woche einfach nur absaß. Mir fehlte der rote Faden, wie man ihn aus Büchern kennt und wusste nicht mehr, an welcher Stelle ich aufgehört hatte zu leben, wollte am liebsten von vorn anfangen oder ein Neues beginnen. Während ich im Dunkel kauerte und versuchte Kraft für die kommende Flucht zu sammeln, nahm ich mir vor, damit aufzuhören, mir mein eigenes Grab zu schaufeln, für welches ich objektiv betrachtet viel zu groß war. Statt zu kapitulieren, weigerte ich mich weiterhin in Rollen zu schlüpfen, die mir nicht standen, die ich nicht erfüllen konnte. Ich streifte mir das Kostüm der Angepasstheit ab und wollte von nun an aus dem Schatten der Ja-Sager ins Scheinwerferlicht treten, um anders zu sein. Jemand anderes zu sein! Ich wollte alles und nichts. Somit war ich plötzlich dagegen – gegen alles!

Nach Fehlern anderer suchend, schrie ich sie hinaus und pöbelte alles an, was mir zu normal erschien. Meine zahlreichen Aversionen drückte ich anhand der vielen Buttons und Aufnäher aus, die ich stets auf meiner Kleidung präsentierte, welche ich von nun an nur noch in kleinen Eckgeschäften kaufte. Diese waren zwar teurer und es gab weniger Auswahl, jedoch machte ich deutlich, dass ich gegen die gigantischen Einkaufsparadiese war. Ich trank widerlichen Kaffee im heruntergekommenen Gassencafé und boykottierte damit die Großketten der Kaffeelandschaft; kaufte Bioprodukte aus fernen Ländern und buntbedruckte T-Shirts aus Sri Lanka, weil die sonst niemand trug. Bands die niemand kannte, weil sie einfach nur schlecht waren, erklärte ich zu meiner Lieblingsmusik und fühlte mich dabei unsagbar cool. Über mein Erscheinungsbild stellte ich deutlich dar, welche politische Meinung ich vertreten wollte, obgleich ich eigentlich gegen Politik, gegen den Staat und gegen die gesamte Welt war, die sich gegen mich verschworen hatte. Ich traf auf Gleichgesinnte, die genauso viel Toleranz an den Tag legten und dadurch ebenso viel Stil besaßen, wie ich. Es fanden zahlreiche unsinnige Diskussionen statt, über Themen, die niemals ein reflektiertes Ende hervorbrachten. Dabei war ich doch grundsätzlich gegen Gruppendynamik, gegen Randgruppen, gegen Alleinsein, gegen mich selbst. Also grenzte ich mich auch von denen ab, die mir lieb geworden waren, verlor Freunde, Perspektiven, Motivation und ein Stück mehr von dem, was ich einst war.

Ich quälte mich allein in die unbequemen Klappsessel des lokalen Dorfkinos, aß altes, pappiges Popcorn und störte mich nicht an der veralteten Technik, welche die noch viel älteren Filme auf die Leinwand warf, während alle anderen das hochmoderne Cineplex besuchten. Mitreden zu können empfand ich als Niederlage gegen das Anderssein. Wer will schon Mainstream sein, wenn er besonders sein kann? Besonders waren auch die Sorgen, die sich die Familie plötzlich machte. Aufmerksamkeit, die so ungewohnt war, dass ich darin zerfloss und mich dennoch mit Händen und Füßen dagegen wehrte. Ich wollte standhaft bleiben und weiterhin dagegen sein. Dagegen mich selbst erklären zu müssen, gegen Fleisch, gegen die Farbe Rosa, gegen Schönheitsideale, das Schulsystem, das Studium, Arbeit und gegen Demonstrationen die sich FÜR etwas aussprachen. Als könne man Gruppendynamik nutzen, um etwas Positives zu bewirken. Hoffnungslos.

Die vergangene Grabschaufelei entwickelte sich zu einzelnen Schlaglöchern, die nie tief genug waren, um nach dem harten Aufprall im Erdboden zu versinken. Also versuchte ich es mit Alkohol, tauchte in die Welt der Drogen, hatte Sex in diversen Stellungen, mit unterschiedlichsten Menschen an absurdesten Orten. Doch mit der Zeit und Routine, verlor alles seinen Reiz. Es brachte mir niemals die ersehnte Liebe, dafür aber Verletzungen, die mich abstumpfen ließen. So sehr, dass ich mich selbst nicht mehr spüren konnte. Wenn ich die Nahrung verweigerte, hörte ich das Magenknurren, ohne es zu spüren. Schnitt ich mir in die weiße Haut, sah ich das Blut in zarten Linien fließen, spürte jedoch nichts. In mir herrschte ein Ungleichgewicht, das ich nicht ausbalancieren konnte. Zwei Gläser in meiner Mitte, von denen ich eines immer zuerst einschenkte und dabei viel zu spät merkte, dass nichts mehr für das andere Glas übrig war. Auch von Freundschaften war nichts mehr übrig geblieben, nachdem ich von Diagnosen, die am Küchentisch ausgesprochen wurden, nichts mehr hören wollte. Ich wollte keine Hilfe, war gegen die gesamte Menschheit und hasste mein Spiegelbild. Während meines Krieges, kämpfte ich am stärksten gegen mich selbst. Denn schließlich war ich ungenügend.

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Bettgeflüster

Wie Sandpapier, so rau und trocken fühlt sich sein Rachen an. Zum einen, weil er gerade noch stöhnend nach Luft japste; zum anderen, weil ihm Erinnerungen die Kehle zuschnüren.

Gerade eben noch, erlaubte sie ihm, alles mit ihr anzustellen was immer er wolle. Und nun liegen sie nebeneinander; nackt, verschwitzt, erschöpft und befriedigt. Sie löscht die Kerzen und schmiegt sich an ihn, stört sich nicht an seiner klebrigen Haut, legt ihre glühende Wange auf seine Brust und zeichnet mit dem Zeigefinger kleine Kreise um die harte Brustwarze. Sie liebt es, nach dem Sex in schützender Dunkelheit zu liegen, gemeinsam abzukühlen und zu reden. Fragen zu stellen, die sie sich bei Tageslicht nicht auszusprechen traut.
Vor fünf Wochen trafen sie sich zum ersten Mal. Sie sind neugierig aufeinander; alles noch so aufregend, so neu und ungewohnt. Jedes Bruchstück des Körpers wird fasziniert erforscht, jedes Detail aus dem Leben des anderen interessiert und begierig eingeatmet.

Er drückt sie fester an sich und streicht behutsam über ihre Gänsehaut. Ob er schon mal etwas mit einem Mann hatte, möchte sie in dieser Nacht wissen. Obwohl der Raum stockfinster ist, reißt er die Augen auf und stagniert in seiner Bewegung.

Das erste Mal seit Jahren denkt er zurück an diese eine Nacht. Als er in seinem Bett lag, neben ihm das aufgeschlagene Buch, über dem er eingeschlafen war. Er weiß nicht mehr, worum es darin ging, doch erinnert er sich sehr genau, wie ihm die Decke weggezogen wurde. Der Geruch von Schweiß und Alkohol dringt beißend in seine Nase, als wäre er wieder dort, in seinem Kinderzimmer. Der Mund wurde ihm zugehalten, noch ehe er realisieren konnte was los war, als ihm die Pyjamahose nach unten gezogen wurde. Zwei starke Hände packten sein Becken und drückten sein Gesicht gewaltsam in das Kissen, während das stinkende Maul, ohne ein Wort zu sagen, direkt auf seinen Anus spuckte. Dann fing es an, lichterloh zu brennen. Äußerlich wie auch tief in ihm drin, als wäre er mit Benzin übergossen und die Flammen würden sich bis in seine Gedanken, in sein Gehirn fressen. So fühlte es sich an.
Wie gelähmt, war er weder Herr seiner Stimmbänder, noch über einen einzigen Muskel seines Körpers, der in dieser Nacht nicht sein eigener war. Er gehörte einzig seinem Peiniger, bis dieser aufstöhnte und mit dem Geräusch des Reißverschlusses und den geflüsterten und doch eindringlichen Worten “Kein Wort! Zu niemandem!” im erdrückenden Dunkel verschwand. Wie ein Häufchen kalte Asche blieb er allein zurück, sank in sich zusammen und hatte Sorge, beim kleinsten Windstoß die Glut erneut zu entfachen; wünschte sich einen starken Orkan, um sich darin in winzige Partikel aufzulösen.

Sie stupst ihn an, ob er eingeschlafen sei, wiederholt ihre Frage und gibt sich aus Müdigkeit mit seinem kargen ‘Nein’ zufrieden. Er dreht sich zur Seite und rollt sich unter stillen Tränen so zusammen, wie er es damals tat, als sein großer Bruder den Raum verließ.

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Geöffnete Türen (Teil III.)

Woran kann man sich festhalten, wenn nichts mehr bleibt?

Mit tropfnassen Haaren tapse ich barfuss über die Badfliesen bis hin zum Türrahmen. Ich atme tief durch und halte einen Moment inne, um zu horchen, ob ich ein Geräusch vernehmen kann und Mut zu sammeln, bevor ich mich in der Wohnung umsehe. Es ist mucksmäuschenstill, sodass ich meine Halsschlagader pumpen höre. Ich stehe angespannt im Flur, sehe nichts wovor ich Angst haben müsste. Dann durchfährt es mich. Jemand klopft an die Wohnungstür. Nachdem ich meine Schockstarre überwunden habe, verfluche ich die alten Türen, die keinen Spion haben, öffne einen kleinen Spalt und setze mit dem Fuß eine Sperre.

John, der Nachbar, lächelt mich milde an und deutet auf seine Werkzeugkiste. Ich bin dankbar, dass er diesmal die Wohnungstür, statt den Durchgang im Wohnzimmer gewählt hat. Er wolle nach den Stromleitungen sehen, die wohl einen Wackelkontakt haben müssen. Anders kann er sich meine Schilderung der flackernden Lichter nicht erklären. Nachdem ich ihn hereinbitte, fällt die Tür erst unter massivem Gegendruck ins Schloss. Ich überlege, ob es unverschämt wäre, ihn zu fragen, ob er sich auch die Türen der Wohnung ansehen könne, als er von sich aus kommentiert, dass sich die Türen gelegentlich verziehen und man sie dann etwas anheben müsse. Es sei eben ein altes Gemäuer. Dieses Argument hörte ich in den vergangen Tagen schon häufiger.

Während er herumwerkelt und den Sicherungskasten inspiziert, leiste ich ihm Gesellschaft. Weniger aus Sympathie denn aus Misstrauen. Er stellt viele Fragen und erzählt nur wenig von sich, antwortet einsilbig sobald ich mich interessiert zeige. Ich bin froh und erleichtert, als ich endlich höre, wie sich der Schlüssel im Türschloss dreht und Hannes nach Hause kommt. Nach einem flüchtigen Kuss auf meine Stirn, wendet er sich von mir ab und John zu. Die beiden verstehen sich gut und philosophieren über die veralteten technischen Anlagen des Gebäudes, sodass ich mich überflüssig fühle.

Ich räume die restlichen Umzugskartons aus und sortiere die Dinge, die selten Gebrauch finden. Zum wiederholten Male schüttle ich den Kopf über mich selbst, fühlt es sich erneut so an, als hätte sich die Wohnung ohne mein Zutun verändert. Ich bin mir unsicher, wie ich zur Abstellkammer gelange. Am logischsten erscheint mir die Tür direkt neben der Küchenzeile. Vollbepackt drücke ich mit dem Ellenbogen umständlich die Klinke nach unten und schiebe die Tür schwungvoll mit dem Fuß auf. Ebenso schwungvoll lasse ich dann auch alle Gegenstände fallen, die ich sorgfältig auf meine Arme getürmt hatte, als ich die dicke Frau im geblümten Nachthemd erblicke, welche die zwei Quadratmeter der Abstellkammer beinahe restlos ausfüllt und den Kopf in regelmäßigen Abständen gegen die Wand schlägt. Weder das Klirren der Vase, die zu Bruch ging, noch mein erschrockener Aufschrei, reißen sie aus dieser Art Trance. Wenige Sekunden später stehen Hannes und John neben mir, genauso wie ich selbst.

Während Hannes mich ins Wohnzimmer bugsiert und auf die Couch drückt, führt John die dicke Frau durch eine der Türen, vermutlich in ihre Räumlichkeiten zurück. Konsterniert höre ich ihn noch mit ruhiger, fast abgedämpfter Stimme auf sie einreden, derweil sie nur schweigend auf den Boden starrt. Sie jagt mir Angst ein. Auch Johns Stimme jagt mir Angst ein. Hannes steht mit hängenden Schultern vor mir. Ich höre zwar die Worte, die er zu mir spricht, kann sie aber nicht verstehen. Erst als die Frau unsere Wohnung verlassen hat, holen mich die unruhigen Tritte gegen die Bauchdecke wieder zurück. Das Licht flackert wiederholt kurz auf, was Hannes nicht zu beirren scheint. Er reicht mir, ohne jeglichen Blickkontakt, ein Glas Leitungswasser und legt mir eine Wolldecke über die Beine. Ich solle mich ausruhen. Er verlässt den Raum und ich fühle mich alleingelassen und schuldig, als wäre ich verantwortlich für die vielen seltsamen Vorkommnisse.

Die Hiebe unter dem Herz lassen nach, und doch fühle ich mich noch immer aufgewühlt. Keine Spur von Ruhe. Ich stehe auf, sehne mich nach der Geborgenheit, die ich sonst von meinem Mann gewohnt war. Auf meiner Suche bleibe ich ratlos mitten im Flur stehen. Alle Türen um mich herum sind weit geöffnet. Mein Versuch, die Wohnungstür zu schließen, scheitert mangels nötiger Kraft und selbst Johns Tipp des Anhebens, zeigt keinerlei Wirkung. Ich stelle einen schweren Holzstuhl vor eine der angrenzenden Durchgangstüren. Für einen Moment bleibt die Tür durch das Gewicht geschlossen, dann schiebt sie wie von Geisterhand den Stuhl beiseite und sich selbst auf. Verzweifelt rufe ich nach Hannes. Keine Reaktion. Allgemein ist kein Geräusch zu vernehmen. Als ich ins Treppenhaus blicke, sehe ich auch dort alle Türen offen stehen. Ich bekomme immer schwerer Luft und mein Puls beginnt zu beschleunigen. Als dürfe ich die Stille nicht durchbrechen, versuche ich automatisch möglichst lautlos durch die Wohnung zu schleichen. Wieder flackert das Licht, doch diesmal anhaltend. Auch das Baby meldet sich erneut unruhig und versetzt mir ein paar schmerzhafte Tritte, die mich teils nach Luft schnappen lassen.

Schon im Türrahmen des Badezimmers stehend, sehe ich, dass jemand in der Wanne liegt, kann jedoch die Person nicht erkennen und frage nach. Erst als ich mich selbst höre, bemerke ich das Zittern meiner Stimme. Das Licht flackert weiterhin, wie in den gruseligen Szenen eines Horrorfilmes. Ich fühle mich, als wäre ich die Hauptdarstellerin und muss beinahe über diesen absurden Gedanken schmunzeln.
Als ich einen Schritt näher trete, spüre ich die nassen Fliesen unter meinen Fußsohlen und muss mich konzentrieren, nicht auszurutschen. Nach einem weiteren unsicheren Schritt, kann ich Hannes erkennen. Er ist unter Wasser und hat entspannt die Augen geschlossen. Erleichtert setze ich mich an den Wannenrand, warte bis er wieder auftaucht. Als er dies auch nach mehreren Sekunden, die mir nun wie eine Ewigkeit vorkommen, nicht tut, streife ich meinen Ärmel zurück und greife in das lauwarme Nass. Er reißt die Augen weit auf und starrt mich durch das Wasser hindurch an. Ich scheine ihn mit meiner Berührung erschreckt zu haben und weiß nicht, ob ich froh, oder schockiert sein soll. Er taucht weiterhin nicht auf. Stattdessen bemerke ich erst jetzt, dass er atmet. Unter Wasser. Ohne Luftbläschen zu bilden. Jetzt spricht er sogar zu mir. Mit dumpfem Klang. Ich verstehe ihn nicht. Verstehe gar nichts.

Während ich ihn einfach nur anstarre, sehe ich, wie das Leben aus ihm weicht und er immer blasser wird, langsamer atmet und er mit nachlassendem Muskeltonus auf den Grund der Badewanne sinkt. Ich will ihn rausziehen. Er ist zu schwer. Ich zerre an ihm und schreie ihn unbeherrscht an, er solle sofort aufwachen, aufstehen und endlich wieder der Mann sein, den ich geheiratet habe. Alles um mich herum wirkt so unwirklich. Ich kann die Tränen nicht halten, die nur so aus mir heraussprudeln. Ich ziehe den Badewannenstöpsel, rüttle und schlage seinen leblosen Körper. Dann sinke ich kraftlos auf den Boden.

Aus den benachbarten Wohnungen tönen Geräusche. Ich höre Gemurmel und das Knarren der Dielen. Gleichmäßige, aber langsame Schritte mehrerer Personen nähern sich. Das Licht flackert nach wie vor. Panik steigt in mir auf. Ich schnappe meine gepackte Tasche und laufe so schnell ich kann aus der Wohnung. Im Treppenhaus sehe ich, wie sie aus ihren Wohnungen kommen und mir mechanisch hinterher blicken, ohne sich großartig zu bewegen. Auch Thomas, der frühere Kumpel meines Mannes, sieht mich mit leeren Augen an, als ich ihm einen flehenden Blick zuwerfe. Ich stürme die Treppen hinab nach draußen.

Die Stadt scheint von alldem nichts mitbekommen zu haben. Es ist dunkel, ruhig und der Wind weht ein laues Lüftchen. Ich fange lauthals an zu schreien und ersticke fast an meinen Tränen. Nach einigen Sekunden ringe ich nach Luft und versuche mich wieder zu fassen, blicke mich nochmals um und sehe durch die Verglasung der Eingangstür, wie sie mich alle anstarren, sich aber nicht bewegen. Ich komme mir vor wie ein gehetzter Mörder und renne die Strasse hinab zur Straßenbahnhaltestelle. Dort heule ich eine halbe Ewigkeit, ohne mich rühren zu können.

Es ist inzwischen zwei Uhr morgens. Was mache ich nun? Die nächste Bahn fährt erst in 40 Minuten. Und ich weiß nicht einmal wohin ich fahren sollte. Der einzige, den ich in dieser verfluchten Stadt kenne, ist der Makler. Der Makler! Vielleicht kann er mir helfen. Weiß er von all dem? Kann er mir erklären, was in dem Schloss vor sich geht? Oder gehört er gar auch zu diesen Wahnsinnigen? Wild entschlossen greife ich zum Handy, überlege einen Moment, ob ich nicht doch lieber die Polizei anrufen soll, weiß aber nicht, was ich denen sagen sollte und wähle kurzerhand die Nummer des Maklers. Nach dem vierten Klingeln des siebten Anrufversuches geht er endlich ran.

Seine Stimme klingt wütend und schlaftrunken zugleich. Noch immer aufgelöst, erzähle ich ihm in groben Zügen, was passiert ist und fange erneut an zu weinen. Er versucht mich zu beruhigen und meint, er hole mich in zehn Minuten ab, ich solle mich nicht vom Fleck bewegen, in das vorderste Fach meiner Tasche sehen und mich wieder sammeln. Es sei alles in Ordnung. Das irritiert mich. Er legt auf und lässt mich wie ein Häufchen Elend zurück. Ich öffne hastig den Reißverschluss, greife hinein und ertaste gewölbtes Plastik. Ich nehme es heraus und sehe, dass schon drei der Tabletten fehlen. In meinem Bauch strampelt es, die Straßenlaternen flackern.

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App to date

Ein langweiliger Tag ist prädestiniert dafür, anderen Menschen auf den Sack zu gehen. Natürlich nur Fremden, damit man nicht Gefahr läuft, irgendwann die Retourkutsche zu erhalten. Eigene Kinder würden sich auch noch anbieten. Früher reichte es ja, ein Kind einfach nur nicht zu schlagen, um ein guter Vater zu sein. Heutzutage muss man da etwas pädagogischer vorgehen und viel Lob verteilen, damit das Balg auch wirklich ordentlich verzogen und arrogant genug für die heutige Geschäftswelt wird. Bei fremden Kindern bekommt man es mit den kreischenden, prozesswütigen Eltern und deren Anwälten zu tun. So viel Aufregung muss dann heute doch nicht sein. Ich wollte es ja schließlich ruhig angehen lassen.

Habe beschlossen, ins Kino zu gehen. Eignet sich hervorragend, um sich ein bisschen auszutoben. Ziehe vorsichtshalber Tarnkleidung an, um mich schlimmstenfalls unbemerkt aus dem Staub machen zu können. Man weiß ja nie, was einen dort so erwartet, anonym im Dunkeln. Angle mir den besten Platz in der Mitte. In der Mitte zwischen zwei jungen Damen. Links von mir eine hübsche Blondine, bei der ich heute evtl. noch landen kann, rechts von mir ein Pärchen. Scheinen frisch verliebt zu sein, halten Händchen. Mal sehen wie lange noch. Ich, allein mit einer Tüte Chips bewaffnet, hab mir vorgenommen, das nervige Geschmatze eines Typen hinter mir zu übertönen. Tarnkleidung scheint zu funktionieren, werde bisher von niemandem wahrgenommen. Ist ja aber auch gar nicht so viel los heute. Wundert mich, ist doch erst halb elf an einem Wochentag.

Die Werbung beginnt. Ich liebe Spätvorstellungen, wo sonst bekommt man so großflächig nackte Frauenhaut zu sehen? Abgesehen von der stark übergewichtigen Lebensgefährtin, die frustriert daheim rumhockt, während man sich selbst in der Eckkneipe besäuft. Falls man eine hat, versteht sich. Also eine Lebensgefährtin. Jedoch tänzelt die vermutlich nicht lasziv mit einem Glas Bacardi vor der Nase rum. Zumindest hofft man das.

Der händchenhaltende Typ zwei Sitze weiter, gefällt mir. Er guckt immer wieder mal auf das grelle Display seines neumodischen Smartphones und geht seiner Freundin damit allen Anschein nach mächtig auf den Keks. Würde mich auch nerven, wenn ich neben so einem sitzen würde. Dabei fällt mir ein, dass ich ja noch eine SMS tippen wollte. Ernte böse Blicke von rechts, obwohl der Film noch nicht mal begonnen hat. Guter Einstieg. Grinse sie an und blende sie ein bisschen mit meinem alten Handy, bis sie sich wieder abwendet. Findet wohl das Smartphone cooler.

Der Film fängt an. Ich wette sie erhofft sich, während der gruseligsten Szenen des Horrorfilms in seinen beschützenden Armen zu landen. Tut sie gewissermaßen jetzt schon. Eine nervöse und vermutlich schweißfeuchte Hand liegt zumindest schon mal auf ihrem Schenkel. Überlege mir, ob ich meine Hand auch einfach mal auf dem Schenkel der Blondine links neben mir platziere. Sehe zu ihr rüber, um festzustellen, ob sie sich schon in mich verliebt hat und muss enttäuscht zugucken, wie sie ihre Popcorntüte mit einem Kerl zu ihrer Linken teilt, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Trägt wohl auch Tarnkleidung.

Knülle den Zettel in meiner Hosentasche wieder zusammen, auf den ich vorsorglich schon mal meine Telefonnummer notiert hatte. Sehe die Kränkung als Anlass, um einen Hustenanfall zu simulieren, als es gerade spannend wird. Das Mädel rechts schenkt mir einen besonders giftigen Blick, die Blondine links sieht mich nun doch ein bisschen verliebt an. Grinse sie breit an, woraufhin sie angeekelt wegsieht. War wohl eine blutige Szene im Film, die ich verpasst hab’.

Versuche nun die Chipstüte zu öffnen. Gar nicht so einfach, sind ja heutzutage wirklich gut verschweißt, diese Plastiktüten. Verteile den Inhalt großzügig auf dem Schoß der Blondine. Sie soll ja nicht denken, dass ich geizig wäre. Sie freut sich jedoch gar nicht so sehr darüber, wie ich gehofft hatte. Mag wohl keine Cheese&Onion-Chips, zumindest rümpft sie die Nase, während sie mich mit ihren schönen Augen anfunkelt. Kann ich verstehen, da ich schon ein ziemlich toller Hecht bin. Auch das Naserümpfen kann ich nachvollziehen, da nun eine Dunstwolke aus Käsefüßen und Furz in der Luft hängt. Merke ich mir als Ausrede. Am besten immer eine Packung Chips bei sich führen.

Habe nun einen Grund, immer wieder mal in ihren Schoß zu greifen, um zu naschen. Findet sie wohl auch nicht so toll. Haut mir auf die Finger und kehrt die Chips mit ihren manikürten Händen auf den Boden. Dank Emanzipationsbewegung verzieht ihr Kerl keine Miene. Erkläre ihr ausschweifend, dass die Kinder in Afrika das gar nicht begeistern würde, wie sie mit Lebensmittel umgeht. Soll froh sein, dass es schon so spät ist und sie keine Vorbildfunktion für Kinder einnehmen muss. Würde bestimmt eine Rabenmutter abgeben.

Nun starren mich mindestens fünf Augenpaare ringsrum an und geben Zischlaute von sich. Aufmerksamkeit ist schon was Tolles. Man bleibt im Gedächtnis und wird Teil der Geschichte, wenn jemand fragt, wie der Film war. Man geht sozusagen in die Geschichte ein. Beschränke mich ab jetzt schmollend auf meinen Vordermann, der vorhin so rücksichtsvoll meiner Hustenattacke ausgewichen ist. Er sieht verspannt aus. Ich werde ihn freundlicherweise mal mit den Schuhen durch die Rückenlehne hindurch ein wenig massieren. Bevor er sich richtig entspannen kann, endet auch schon der Film. Der arme Kerl, muss er doch angespannt nach Hause.

Ich winke der Blondine hinterher, während sie ihren Typen krallt und aus dem Saal stürmt, ohne mich eines letzten Blickes zu würdigen. Hat es wohl eilig. Blöde Kuh. Auch das Mädel zu meiner Rechten zieht ihre Jacke an und will gerade aufstehen, als ihr Freund sie zurückhält. Sie regt sich ein bisschen auf, als sie wieder in den unbequemen Sitz plumpst. Nun wird es interessant. Ich lehne mich zurück und gucke dem Spektakel zu. Wenn ich schon nichts vom Film mitbekommen hab’, kann ich wenigstens diesem Schauspiel beiwohnen. Sie muss wohl aufs Klo, er sagt nur „Runpee“ und hält ihr sein Smartphone vors Gesicht. Sie scheint so viel zu verstehen wie ich.

„Das ist eine App, die mir sagt, ob der Film einen Abspann hat, oder ob man direkt raus kann, um pinkeln zu gehen.“
„Das ist nun nicht dein ernst, oder? Ich muss jetzt aber mal!“
„Nun warte doch noch, da kommt gleich noch was. Deswegen ist das Licht auch noch nicht an.“
„Ja, wenn ich noch länger warte, kommt wirklich gleich was!“

Sie steht auf und guckt ihn erwartungsvoll an. Er reagiert nicht. Sie wirkt zunehmend genervter. Ich bin gespannt und amüsiert; sie kneift ihre Beine zusammen.

„Sag mal, musst du wirklich alles planen? Sogar, wann ich pinkeln gehen kann?“
„Nein. Nur wann ich aus dem Kinosaal gehe.“
„Das geht völlig gegen meine Prinzipien und Ideale. Ich hab’ dir schon mal gesagt, dass ich nicht mit einem Snob zusammen sein will. Dafür bin ich viel zu individuell und alternativ.“

Ich sehe genau, wie er sich ein fettes Grinsen verkneifen muss.

„Ich bin doch kein Snob, nur weil ich eine App hab, die mir wichtige Informationen aufzeigt.“
„Dann hab’ ich nun auch eine wichtige Information für dich: ich gehe notfalls auch ohne dich!“
„Aber… in einer Beziehung muss man auch Kompromisse eingehen, sagst du doch immer.“
„Eben. Der Kompromiss lautet: du löschst sofort diese bescheuerte App!“

Sie geht mit einem Marge-Simpson-Knurren an mir vorbei, tritt dabei noch meinen Cola-Becher um und verlässt den Kinosaal. Ich grinse breit und halte dem armen Kerl meine Chipstüte hin, mit den Worten: „Großes Kino, Alter. Ganz großes Kino!“

Er mag wohl auch keine Chips. Guckt mich doof an und hetzt ihr nun doch hinterher.
Während ich als einziger im Raum den Abspann ansehe, denke ich so bei mir, dass ich unbedingt ein Smartphone brauche.

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Geschrieben in nyx | 1 Kommentar