{"id":1018,"date":"2009-11-30T01:11:50","date_gmt":"2009-11-29T23:11:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=1018"},"modified":"2009-12-01T23:06:11","modified_gmt":"2009-12-01T21:06:11","slug":"flusige-flohmarkte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2009\/11\/30\/flusige-flohmarkte\/","title":{"rendered":"Flusige Flohm\u00e4rkte"},"content":{"rendered":"<p>Diesen Sommer verlangte mir nach der voyeuristischen Betrachtung von M\u00fcllexhibitionismus; ich versp\u00fcrte den masochistischen Drang den Versammlungsort der unbelehrbaren Messies aufzusuchen: Ein Ausflug zu einem lokalen Flohmarkt d\u00fcnkte mir eine gute Wahl, um sich den sonnigen Tag im Hier und Jetzt und Draussen zu vertreiben. Mein motorisiertes Vierrad brachte mich an das Tor zur Recyclingh\u00f6lle und guten Mutes lief ich in mein Verderben.<\/p>\n<p>Wie sind schw\u00e4bische Flohm\u00e4rkte heutzutage strukturiert? Man trennt fein s\u00e4uberlich, wie man es auch mit dem Hausm\u00fcll macht! Mit einem krakeligen Kreidestrich einer krustigen Kataleptischen teilen sich die Anh\u00e4ufungen von gesammelten Ramsch und billigem Tand in zwei klare Lager. Linkerhand finden wir den echten teutonischen Tr\u00f6del, aus alten Wehrmachtsbest\u00e4nden und damit vorwiegend aus Kruppstahl bestehend und rechterhand den kosteng\u00fcnstigen Kitsch skrupelloser indischer H\u00e4ndler. Vom 1000er Gro\u00dffamilienpack nach usbekischer Tradition von Kinderhand abgef\u00fcllter und bereits leckender Atoms\u00e4urebatterien bis zum 50 Euro-Zweireiher f\u00fcr den gepflegten Herrn, der auf der n\u00e4chsten Aldi-Abendgala aufs Resteficken aus ist, findet sich hier alles, was der Zoll nicht beschlagnahmt hat, bei Ebay keine Sau ersteigern w\u00fcrde oder selbst die geisteskranken Chinesen nicht zu einer Suppe kochen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich entscheide mich f\u00fcr den Hunnensektor, und bereue meine Tat schon nach wenigen Minuten. Nichtsahnend kaufe ich einem bereits von innen und au\u00dfen schimmelnden Seniorenpaar ein kleines h\u00fcbsches Foto eines alten Autobuses ab. Die Farben sprechen mich an. Ich bezahle ohne Feilscherei den verlangten Kleinbetrag, aber bezahle daf\u00fcr sofort und ohne Umschweife einen weit h\u00f6heren Preis: Vater Schimmelzahn legt mir seinen verh\u00e4rmten haarigen Affenarm \u00fcber die Schulter, an Flucht ist nicht mehr zu denken und es juckt mich schon nach der ersten Sekunde.\u00a0 Methusalix lehnt sich mit einem verschw\u00f6rerischen Krokodilsblick und gasender Mundf\u00e4ule verd\u00e4chtig nahe an mein emfindliches Geruchsorgan. Ich ahne es schon. Er muss etwas loswerden. Die Zeit l\u00e4uft ihm davon, die Maden tun sich bereits in seinem aufgedunsenen Leib g\u00fctlich. Was plagt diesen alten Mann, der sein Verfallsdatum l\u00e4ngst \u00fcberschritten hat, ist es der knackvolle Katheterbeutel, sind es blutige H\u00e4morrhoiden, rumort Gertruds Kohlsuppe in den Ged\u00e4rmen? Nein, es ist viel schlimmer. Er erz\u00e4hlt mir \u00fcber einen kapitalen Umweg wieso sein Hund bei 34 Grad Au\u00dfentemperatur auf dem zerschlissenen Beifahrersitz des unausweichlichen VW Passat Bj. 86 hinter geschlossenen Fenstern bei 67 Grad Innentemperatur seine pers\u00f6nliche Ausschwitz-Party feiert.<\/p>\n<p>&#8222;Wisset Sie&#8220;, keucht mir der friedshofreife Geront ins Ohr, &#8222;Wir habbe den Friedrich ja ausm Tierheim geholt. Der wudde ja von seinem Vorbesitzer richtisch geschlagge. Des warn son T\u00fcrk. Und dann habbe mir den Frieder einfach so gern gehabt, weil des is ja ein deutscher Hund, wisset Sie, den muss ma ja aus Mitleid nemme, wenn der von sonem T\u00fcrk geschlagge wore is. Also der Frieder, so ein liebes Tier, den habe mir einfach wieder aufgep\u00e4ppelt mit Landj\u00e4ger und Wei\u00dfbier und so. Und seitdem is der Frieder ja ein Lamm von einer Seel\u00b4, des sag ich Ihne!&#8220; Zufrieden und den Rotz ger\u00e4uschvoll\u00a0hochziehend lehnt sich die wandelnde Luftverpestung auf zwei Beinen zur\u00fcck und kratzt sich gen\u00fc\u00dflich am schloddrigen alten Sack.<\/p>\n<p>Ich will hier weg, muss weg, dringend, aber eine Frage brennt mir auf den Lippen und bevor ich meine Neugier im Zaum halten kann, zweifle ich Frevler auch schon seine altruistische Wundertat an. &#8222;Ja und wieso sitzt das Vieh denn in der Karre?&#8220;<\/p>\n<p>Da reckt der alte Recke sein unrasiertes Kinn, den Landser-Blick in die Ferne, vermutlich nach Stalingrad gerichtet und sagt mit feierlich-fester Stimme zu mir und tausend russischen Bolschewiken: &#8222;Wenn wir den Friederich rauslasse, dann f\u00e4llt der immer Kleinkinner an. Des hat der bestimmt von dem T\u00fcrke. Ich hab des schon imma geahnt. Dass die Araber ihre Hund auf deutsche Kinder abrichte!&#8220;. Gen\u00fcsslich leckt er sich kleine braune Schnapsreste eines J\u00e4germeisters aus den aufgesprungenen Mundwinkeln und wirft mir mit aufgeblasenem Pansen einen Blick zu, der mir ganz klar sagt: Ich hab diese unerh\u00f6rte Verschw\u00f6rung entdeckt, durchschaut und werde sie nun in der ganzen Welt verbreiten, denn ich habe die Pflicht und die Macht, in alle Ewigkeit, Amen!<\/p>\n<p>Ich packe mein frisch erworbenes Kleingut, nehme den direkten Weg aus dieser muffigen Ansammlung Geisteskranker zu meinem abseits geparkten Automobil, steige ein und schw\u00f6re mir hoch und heilig, dass ich die n\u00e4chsten Jahrzehnte Flohm\u00e4rkte meiden werde. Versprochen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Sommer verlangte mir nach der voyeuristischen Betrachtung von M\u00fcllexhibitionismus; ich versp\u00fcrte den masochistischen Drang den Versammlungsort der unbelehrbaren Messies aufzusuchen: Ein Ausflug zu einem lokalen Flohmarkt d\u00fcnkte mir eine gute Wahl, um sich den sonnigen Tag im Hier und Jetzt und Draussen zu vertreiben. 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