{"id":1409,"date":"2009-10-11T10:53:42","date_gmt":"2009-10-11T08:53:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2009\/10\/11\/schaufensterpuppen\/"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"schaufensterpuppen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2009\/10\/11\/schaufensterpuppen\/","title":{"rendered":"Schaufensterpuppen"},"content":{"rendered":"<p>Google Street View &#8211; schon wieder soll das Projekt gestoppt werden. Jeder hat mittlerweile schon mal auf Google Earth sein Haus von oben beguckt und jetzt soll das auch in 3D von vorne, hinten, oben, unten m\u00f6glich sein. Dazu werden Fotos geschossen, die zu einer gigantischen Datenbank zusammengefasst werden sollen, die einem einen virtuellen Gang durch die Strassen erlauben. In diesem Zuge hat es schon jede Menge Protest gegeben, jetzt gibt es neue Bestrebungen, das Projekt in Deutschland zu stoppen .<br \/>\nDer Protest h\u00e4ngt sich immer am Datenschutz und an der zu sch\u00fctzenden Privatsph\u00e4re auf. Die pers\u00f6nlichen Daten wie Autonummern oder Schilder sollen auf den von Google verwendeten Bildern unkenntlich gemacht werden. Aber selbst dann gibt es &#8211; gerade in Deutschland &#8211; immer noch ein Grundrauschen an Widerstand. Warum?<br \/>\nDie Diskussion hat schnell einen Schuldigen ausgemacht: Das Bed\u00fcrfnis, dass der Nachbar blo\u00df nicht mitbekommt, was man tut. Deswegen werden in den Stunden, in denen man das Licht an hat, die Fenster verbarrikadiert &#8211; sonst k\u00f6nnte man von draussen ja mitbekommen, dass \u2026 Ja, was denn? Was ist denn eigentlich so schlimm, wenn andere Menschen mitbekommen, dass man \u2026 lebt. Ist es eigentlich schlimm, dass man auf Fotos etwas sehen kann, das man auch sehen kann, wenn man einfach vor meinem Haus steht?<br \/>\nWir leben in einer Zeit, in der beispielsweise ein P\u00e4dophiler virtuell durch die Stra\u00dfen gehen kann und sich dort eventuell irgendwo sein n\u00e4chstes Opfer suchen kann. Vielleicht hat man Gl\u00fcck und bei dem \u201cSchnappschuss\u201d ist keins der Kinder zu sehen.<br \/>\nF\u00fcr Alle, die \u201cgar nix zu verbergen haben\u201d: B\u00f6ll, \u201cDie verlorene Ehre der Katharina Blum\u201d.<\/p>\n<p>Ich denke, dass Privatsph\u00e4re ein kostbares Gut ist, das nicht gen\u00fcgend durch bestehende Gesetze gesch\u00fctzt wird. Ich m\u00f6chte jedenfalls nicht gerne, dass kommerziell interessierte Firmen in einem quasi rechtsfreien Raum derart pers\u00f6nliche Informationen sammeln. Mein momentanes Aufkommen an Spam und Werbeanrufen reicht mir auch so. Dass es schon weltweit bekannt ist, das ich offentichtlich einen zu kleinen Pimmel habe und dringend kiloweise Viagra brauche, will ich doch gerne auf Mails verzichten, die mir schreiben, dass sie ja gesehen haben, dass meine gelben Vorh\u00e4nge gar nicht zu dem pinken Tischtuch passen und mir zur Abhilfe eine neue Couch verkaufen wollen.<br \/>\nIn welcher Gesellschaft leben wir, wenn sich das Individuum daf\u00fcr rechtfertigen muss, wenn es nicht von anderen beobachtet werden will? Warum wird immer unterstellt, dass der, der nicht will, dass jeder in sein Privates Einblick erh\u00e4lt, immer etwas zu verstecken haben soll oder zu verheimlichen?<br \/>\nPcs werden gerastert, Telefone abgeh\u00f6rt. Genetische Proben werden massenweise genommen, z.B. wenn ein Verbrechen begangen wurde.Alles wird fotografiert und gefilmt, ohne dass ich gefragt werde. Meine Daten werden weltweit verkauft. Und was, wenn ich das alles nicht will?<br \/>\nDie Reaktionen auf diese Einstellung sind stets die gleichen: Hast wohl was zu verstecken? Wer heute nein sagt, so scheint es, macht sich verd\u00e4chtig und wird entsprechend behandelt. Warum eigentlich? Die Privatsph\u00e4re galt einmal als Errungenschaft der B\u00fcrger in einer Demokratie, in welcher sie vor den neugierigen Blicken Anderer ausweichen konnten und sich selbst entfalten. Heute ist jeder stets \u00f6ffentlich und wer nicht \u00f6ffentlich sein will, ist ein spie\u00dfiger Kautz und Spielverderber. Dabei ist doch das Private auch der Ort, an dem ich allein sein kann oder mich nur mit den Menschen umgebe, die ich gern um mich habe. Was soll hieran falsch sein?<br \/>\nEs geht nicht vorrangig darum, dass ich stets vom Staat oder irgendwelchen informations\u00fcchtigen Gro\u00dfunternehmen drangsaliert werde, sondern auch darum, dass ich es selbst sein m\u00f6chte, der \u00fcber seine eigenen Anglegenheiten entscheiden darf &#8211; genau dies wird mir durch Sch\u00e4uble, Google und Co. genommen.<br \/>\nWenn der Nachbar mal etwas sieht, ist das eine Sache. Der vergisst das auch irgendwann wieder. Wenn das ganze aber weltweit unwiderruflich und auf immer und ewig zug\u00e4nglich ist, tuen sich ggf. Abgr\u00fcnde auf, deren Tiefen nicht zu erahnen sind. Hier sollte man Vorsicht walten lassen und nicht alles toll finden, nur weil es modern und chic ist, im Web die Hosen runter zu lassen.<br \/>\nEs gibt ein Riesen-\u201dGemaule\u201d wegen digitaler Ausweise, Patientenkarten, usw., also \u00dcberwachung durch den Staat und die Komplett\u00fcberwachung durch eine Firma soll toll, weil modern, sein?<br \/>\nWieso lasse ich (im Umkehrschlu\u00df) andere nicht an meinem Leben teilnehmen, nur weil ich nicht m\u00f6chte, da\u00df mein Haus von allen Seiten fotografiert wird? Das Eine hat doch mit dem Anderen garnichts zu tun. Ich m\u00f6chte immer noch selbst entscheiden, welche anderen an meinem Leben teilnehmen. Weiterhin hat doch die deutsche Geschichte geraden in den letzten 80 Jahren in Ost wie West gezeigt was herauskommt, wenn jeder bei jedem hineinschauen kann. Die Errungenschaft des Schutzes der Privatsph\u00e4re ist nicht hoch genug einzusch\u00e4tzen!!!<\/p>\n<p>Ich kann mich an die letzten Emp\u00f6rungen erinnern, als herauskam, da\u00df Personaler gro\u00dfer Firmen, v\u00f6llig ohne Unrechtsbewu\u00dftsein, das Netzt abfischen, um vermeintliche Verfehlungen potetieller Bewerber zu erkennen. Da auch dort die Adressen aller Mitarbeiter bekannt sind, kann man ja schnell mal schauen, in welchem Milieu der-\/ diejenige wohnt. Dem Mi\u00dfbrauch durch Mobbing, Verleumdung, Rufmord etc. ist dadurch T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<br \/>\nOder ich habe dann w\u00f6chentlich einen Scheinhandwerker vor der T\u00fcr, der mir, nat\u00fcrlich v\u00f6llig uneigenn\u00fctzig, erl\u00e4ren will, da\u00df mein Dach nicht auf dem neuesten Stand, das Haus neu verputzt, die Fenster sowieso zu alt sind etc\u2026.<br \/>\nAu\u00dferdem. warum m\u00fcssen wir denn schon wieder so einer U.S. amerikanischen Kommerz- Mode folgen und diese noch wiederspruchslos als toll ansehen? Mir erschlie\u00dft sich der Nutzen \u00fcberhaupt nicht. Wer m\u00f6chte denn mein Haus von vorn und allen anderen Seiten sehen? Sch\u00e4uble, die Polizei, der Staatsschutz, die Werbung oder gar Einbrecher? Man braucht dann in Zukunft nur noch aufs Kn\u00f6pfchen dr\u00fccken, um zu sehen ob alles dunkel oder irgend jemand in Urlaub ist. Wer mich kennt, der darf nat\u00fcrlich auch das Haus sehen in dem ich wohne, wenn er zu Besuch kommt. Warum das aber unbedingt J. R. aus Neuseeland will, verstehe ich nicht.<br \/>\nOrwell\u2019s 1984 wird schon lange \u00fcbertroffen. In nicht allzulanger Zeit werden die Besitzer einer PayBack Karte beim Verlassen des Supermarkts daran erinnert, dass sie das eine oder andere vergessen haben. Als Lekt\u00fcre hierzu: Jeffery Deaver \u201cder T\u00e4uscher\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Google Street View &#8211; schon wieder soll das Projekt gestoppt werden. Jeder hat mittlerweile schon mal auf Google Earth sein Haus von oben beguckt und jetzt soll das auch in 3D von vorne, hinten, oben, unten m\u00f6glich sein. 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