{"id":1665,"date":"2009-12-17T18:07:40","date_gmt":"2009-12-17T16:07:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=1665"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"auszuge-aus-dem-traurig-lustigen-arbeitsleben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2009\/12\/17\/auszuge-aus-dem-traurig-lustigen-arbeitsleben\/","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus dem traurig lustigen Arbeitsleben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Frau H. ist 30 Jahre alt. Nach schwerer Hirnsch\u00e4digung\u00a0nahm ich\u00a0sie f\u00fcr mehrere Wochen unter meine Fittiche. Sie hat eine Sprachst\u00f6rung, ist\u00a0desorientiert und leidet an einer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Apraxie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Apraxie<\/a>. Auch ihr Ged\u00e4chtnis\u00a0ist stark betroffen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich halte ihre Schuhe in der Hand und frage sie, was man damit macht.<br \/>\nSie:<em> &#8222;Hm, ich wei\u00df nicht. Also ich w\u00fcrde das jetzt essen, es sieht lecker aus.&#8220;<\/em><br \/>\nIch:<em> &#8222;Aber ist das nicht eher etwas zum Anziehen? Welche Farbe haben denn ihre braunen Schuhe?&#8220;<\/em><br \/>\nSie:<em> &#8222;Ich glaube die sind zwanzig.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Aber zwanzig ist doch eine Zahl und keine Farbe.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Dass sie auch immer alles besser wissen wollen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Selbe Patientin<\/strong><br \/>\nIch halte eine Zahnb\u00fcrste in der Hand und frage:<br \/>\n<em>&#8222;Frau H., 1-Million-Euro-Frage: Was ist das?&#8220;<\/em><br \/>\nSie ganz aufgeregt:<em> &#8222;Oh, das kleine Ding ist eine Million Euro wert? Ich wei\u00df es: Es ist rosa!!!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja, rosa ist die Farbe, aber wie hei\u00dft der Gegenstand?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Hmm. Es ist lang!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja, der Gegenstand ist relativ lang und schmal, aber wie hei\u00dft das Ding denn?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Hab ich einen Telefon-Joker? Mein Mann wei\u00df das bestimmt!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Selbe Patientin<\/strong><em><br \/>\n<\/em>Am Tag ihrer Entlassung betrete ich ihr Zimmer und sie sitzt ganz nerv\u00f6s in ihrem Bett.<em><br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Sch\u00f6nen guten Morgen, Sie sind ja schon wach?!&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Guten Morgen liebe Geli, ich habe ein Geschenk f\u00fcr Sie!&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie atmet schwer aus und seufzt:<em> &#8222;F\u00fcr diesen Satz habe ich sehr lange ge\u00fcbt und konnte nicht schlafen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich l\u00e4chle sie an mit den Worten:<em> &#8222;Und Sie konnten sich sogar meinen Namen merken!&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie mit trauriger Mine: <em>&#8222;Ja, aber durch das viele Nachdenken hab ich nun ganz vergessen, wo ich das Geschenk versteckt hab!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Frau G. ist eine gepflegte Dame \u00e4lteren Semesters und wird nach einem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Meningeom\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Meningeom<\/a> von mir w\u00e4hrend des Mittagessen betreut. Ihre Ged\u00e4chtnisleistungen\u00a0sind in allen Bereichen stark beeintr\u00e4chtigt und allgemein\u00a0ist sie sehr wirr.<\/strong><\/p>\n<p>Ich:<em> &#8222;Haben Sie Kinder, Frau G.?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ja.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich mit dem Wissen \u00fcber ihre Familie:<em> &#8222;Wieviele denn?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Drei St\u00fcck.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich nachhakend:<em> &#8222;Haben Sie S\u00f6hne oder T\u00f6chter?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Eine Tochter und zwei S\u00f6hne.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich etwas verwirrt:<em> &#8222;Und wie hei\u00dfen Ihre Kinder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Tanja und Alex.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Und der andere Sohn?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie: <em>&#8222;Das wei\u00df ich nicht, der besucht mich ja nie.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich: <em>&#8222;Deswegen wei\u00df man doch trotzdem den Namen vom eigenen Kind, oder nicht? Warum besucht er Sie nicht?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Die sind alle im Urlaub und haben mich nicht mitgenommen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Aha, wo sind sie denn im Urlaub?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie: <em>&#8222;Das w\u00fcsste ich auch gerne, die schreiben mir ja noch nicht mal eine Karte!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Wie alt sind denn Ihre Kinder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;13 und 15.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich: <em>&#8222;Sind Sie sich sicher? Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ich bin 38.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Mh, jetzt machen Sie sich aber einige Jahre j\u00fcnger, oder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie: <em>&#8222;Das kann schon sein.&#8220;<br \/>\n<\/em>Da klopft es an der T\u00fcr und ihr einziger Sohn kommt zu Besuch.<em><br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ach, gucken sie mal, kennen Sie diesen Mann?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie guckt ihn an, schaut danach mich an:<em> &#8222;Nein, noch nie gesehen!&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie guckt ihren Sohn fragend an und meint:<em> &#8222;Was wollen Sie von mir?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sohn: <em>&#8222;Mama, ich will dich besuchen. Kennst du mich nicht mehr?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie ignoriert ihn und isst weiter ihr Mittagessen.<em><br \/>\n<\/em>Ich nach kurzer Pause:<em> &#8222;Frau G. haben Sie Kinder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ja.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Wieviele denn?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie: <em>&#8222;Einen Sohn.&#8220; <\/em>und zeigt ohne ihn anzusehen mit dem Finger auf ihn und sagt:<em> &#8222;Da steht er doch, sie kennen sich doch schon!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Selbe Patientin<\/strong><br \/>\nW\u00e4hrend dem Mittagessen unterhalten wir uns \u00fcber ihr Lieblingsessen.<em><br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Sie sind aber sehr w\u00e4hlerisch, was das Essen betrifft, oder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Nein, aber schmecken sollte es schon.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Was essen Sie denn am liebsten?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Och, da f\u00e4llt mir nichts ein. Ich mag Fleisch.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich esse kein Fleisch. Ich bin Vegetarier.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie ohne von ihrem Teller hoch zu sehen: <em>&#8222;Gell, gesund ern\u00e4hren und trotzdem dick. Schon bl\u00f6d.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich guck sie sprachlos an als sie aufguckt und sagt:<em> &#8222;Die Frau K. isst auch kein Fleisch.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich: <em>&#8222;Und, ist sie trotzdem dick?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Nein, ich kenne niemanden der dick ist.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Frau S. ist 83 Jahre alt und ben\u00f6tigt nach einem Schlaganfall Unterst\u00fctzung beim Essen. Die Wahrnehmung\u00a0ist in allen Bereichen eingeschr\u00e4nkt.<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fchre ihre Hand mit dem L\u00f6ffel zwischen ihren Fingern zu ihrem Mund und sage:<br \/>\n<em>&#8222;Essen Sie doch noch ein bisschen was, Sie essen viel zu wenig. Sie haben bestimmt schon abgenommen, seit Sie hier sind.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Nein, ich mag keine Ameisen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Hm. Das ist Kartoffelp\u00fcree mit So\u00dfe und da dr\u00fcben liegt Gem\u00fcse. Ich sehe da keine Ameisen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Doch, da krabbeln sie doch, gucken Sie doch hin.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich sehe hin, aber sehe keine Ameisen. Das ist ganz frisch zubereitetes Essen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Sie wollen es doch nur nicht zugeben, weil Sie den Fra\u00df gekocht haben!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr K. hatte einen Schlaganfall und nimmt seine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Plegie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hemiplegische<\/a> Seite kaum wahr. Ich f\u00f6rdere die K\u00f6rperwahrnehmung und seine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kognition\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kognitiven<\/a> Leistungen in der Einzeltherapie.<\/strong><\/p>\n<p>Er ruft:<em> &#8222;Hanna? &#8230; HANNA?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich beruhigend:<em> &#8222;Ihre Frau ist nicht da. Im Raum befinden sich nur Sie und ich.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er aufgeregt<em>: &#8222;Aber der Arm hier!!!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja, der Arm geh\u00f6rt zu Ihnen. Ist ja sch\u00f6n, wenn Sie ihn jetzt sehen. Sp\u00fcren Sie das denn auch, wenn ich Sie dort zwicke?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er \u00e4rgerlich:<em> &#8222;Das ist nicht mein Arm!!!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Wessen Arm soll es denn sonst sein?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er \u00fcberzeugt:<em> &#8222;Der Arm meiner verstorbenen Frau!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, der Arm geh\u00f6rt zu Ihrem K\u00f6rper. Und Ihre Frau lebt doch noch. Sie hat Sie doch gestern besucht. Heute kommt sie bestimmt auch wieder vorbei.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er stur: <em>&#8222;Nein, meine Frau ist gestern gestorben. Deswegen ja auch der tote Arm hier auf dem Tisch!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr P. wurde stark alkoholisiert aufgefunden, er war wohl gest\u00fcrzt. Seitdem\u00a0ist er sehr distanz- und orientierungslos.<\/strong><\/p>\n<p>Ich:<em> &#8222;Hallo Herr P., ich w\u00fcrde Sie gerne wieder mit zu einer Gruppe nehmen. Haben Sie Lust?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Nein, aber du darfst dich gern zu mir ins Bett gesellen!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, ich bin eher daf\u00fcr, dass Sie sich in den Rollstuhl setzen und ich Sie ein bisschen unter Menschen bringe.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Och, stell dich doch nicht so an und komm zu mir ins Bett. Nur ein bisschen kuscheln.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein. Und Sie sollten auch nicht den ganzen Tag im Bett verbringen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ich hab ja auch nicht vor zu schlafen, wenn du endlich aufh\u00f6rst dich so zu zieren!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Und ich hab nicht vor mich in Ihr Bett zu legen. Ich hole schon mal den Rollstuhl, damit ich Sie dann mitnehmen kann, ja?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Wenn du nicht zu mir in mein Bett willst, geh ich auch in keine Gruppe mit!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Frau A. hatte einen Gehirntumor und wurde nach der Operation bei uns therapiert. Ich betreue und f\u00f6rdere sie in mehreren Bereichen. Sie sieht zu diesem Zeitpunkt nur Schatten und Umrisse und\u00a0ist allgemein etwas verwirrt.<\/strong><\/p>\n<p>Ich:<em> &#8222;Na Frau A., m\u00f6chten Sie etwas trinken? Kaffee, Tee oder Wasser?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Nein, bleib mir blo\u00df weg mit dem Zeug.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Och, wie sieht es denn mit einem Kaffee aus? M\u00f6chten Sie nicht auch einen trinken?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Kaffee? Ja, gerne. Vielen Danke!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Frau A., woher kommen Sie denn eigentlich?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie: <em>&#8222;Na von hier.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nee, ich glaub Sie wohnen ein bisschen weiter weg. Wissen Sie denn, wo wir hier sind?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ja, in der Rehaklinik in Bad &#8230; !&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Genau. Und wo wohnen Sie?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Na hier!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ihr momentaner Aufenthalt ist hier, aber Ihre Wohnung befindet sich doch woanders, oder?!&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie angenervt:<em> &#8222;Ja nat\u00fcrlich! In Madagaskar!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Mh, ich glaube ganz so weit weg wohnen Sie doch nicht, oder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Junger Mann, Ihnen kann man nix recht machen!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Hmm. Klinge ich denn so m\u00e4nnlich? Wissen Sie meinen Namen noch?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Jaha junge Frau, vielen Danke!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;K\u00f6nnen Sie sich denn noch an meinen Namen erinnern?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8220; Marlene, oder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, mein Name ist Angelika.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Angelika, ja genau.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Und wie hei\u00dfen Sie?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Angelika Madakaffee!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Mh. Ich kenn Sie unter einem anderen Namen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ja, ich Sie auch!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Selbe Patientin<\/strong><br \/>\nFrau A. sitzt am Tisch, w\u00e4hrend ich den Aufenthaltsraum jahreszeitlich gestalte.<br \/>\nIch gebe ihr einen Tannenzapfen in die Hand und frage sie, um welchen Gegenstand es sich handelt.<br \/>\nSie:<em> &#8222;Ich kenne das nicht!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich bin mir sicher, dass Sie diesen Gegenstand kennen. Sehen sie mal ganz genau hin und f\u00fchlen Sie mit beiden H\u00e4nden. Was k\u00f6nnte das sein?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ich wei\u00df es nicht!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich: <em>&#8220; Das was Sie in der Hand halten tritt in der Natur am h\u00e4ufigsten zum sp\u00e4ten Herbst und im Winter auf. Es f\u00e4llt von einer bestimmten Sorte von B\u00e4umen runter.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ich wei\u00df es noch immer nicht!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Welche B\u00e4ume meine ich denn, wenn es sich um Nadelb\u00e4ume handelt? Kennen Sie da einen?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie angenervt:<em> &#8222;Nein!&#8220;<br \/>\n<\/em>Da kommt ein Kollege zur T\u00fcr herein und sagt:<em> &#8222;Fichten! Kennen Sie Fichten, Frau A.?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ja, meine Nichte!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, Fichte und nicht Nichte.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Ja genau, vielen Danke!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Hm, was halten Sie denn da gerade in der Hand?&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Meine Nichte!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ok, ich geb auf.&#8220;<br \/>\n<\/em>Sie:<em> &#8222;Prima, vielen Danke!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr H. war zu Anfang der Therapie sehr verwirrt und unterhielt sich meist nur mit Zahlencodes. Dann wurde er kognitiv immer klarer und fing an seinen Zustand und seine Umgebung zu spiegeln.<\/strong><\/p>\n<p>Ich setze Herrn H. vom Rollstuhl auf einen normalen Holzstuhl, damit seine K\u00f6rperwahrnehmung gef\u00f6rdert wird und er sich bei den kommenden Aufgaben nicht auf seine K\u00f6rperhaltung achten muss, sondern sich auf die T\u00e4tigkeit konzentrieren kann. Er ist motorisch sehr unruhig und dr\u00fcckt sich im Rollstuhl immer wieder nach hinten weg.<br \/>\nIch:<em> &#8222;Ist das so bequem?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ja, viel besser.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich bleibe neben Ihnen sitzen, der Stuhl hat keine Armlehnen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ok, aber ich kann f\u00fcr nichts garantieren!&#8220;<\/em><br \/>\nEr dr\u00fcckt sich auch mit dem Holzstuhl nach hinten und rutscht somit weg vom Tisch.<br \/>\nIch stelle mich hinter ihn und dr\u00fccke meinen linken Unterarm auf seine linke Schulter um seine Haltung zu stabilisieren.<br \/>\nEr: <em>&#8222;Mein K\u00f6rper macht das, obwohl ich das nicht m\u00f6chte. Somit ist es mir nicht m\u00f6glich etwas zu machen!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Was m\u00f6chten Sie denn machen?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Zum Beispiel Kekse essen und Kaffee trinken.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Aber das machen Sie doch gerade!&#8220;<br \/>\n<\/em>Er: <em>&#8222;Aber nur durch Ihre Hilfe!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich stehe doch aber hinter Ihnen. Sie machen das gerade ganz alleine.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ja, stimmt. Aber jetzt gerade zum ersten Mal!&#8220;<\/em><br \/>\nNach einiger Zeit und mehreren kleinen Aufgaben, die ihn viel Konzentration und Kraft gekostet haben, fordert er selbst eine Pause ein.<br \/>\nEr: <em>&#8222;Ich m\u00f6chte jetzt gerne wieder laufen!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Sie wissen, dass Sie noch viel Unterst\u00fctzung dabei ben\u00f6tigen?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ja, aber ich wei\u00df dass Sie mich halten!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wir stehen gemeinsam wieder auf und Sie setzen sich dann wieder in Ihren Rollstuhl. Danach bringe ich Sie wieder nach unten in Ihr Zimmer.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;In Ordnung, ich bin eh ganz krank.&#8220;<\/em><br \/>\nIch helfe ihm beim Aufstehen und balanciere ihn in seine K\u00f6rpermitte, bis er stabil steht. Ein Kollege schiebt uns den Rollstuhl in die N\u00e4he und zieht den Holzstuhl weg.<br \/>\nIch:<em> &#8222;Herr H., hinter Ihnen steht jetzt wieder der Rollstuhl und wenn Sie m\u00f6chten, k\u00f6nnen Sie sich jetzt wieder hinsetzen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er setzt sich und guckt mich dann verwirrt an:<em> &#8222;Ich verstehe das nicht!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Was verstehen Sie nicht?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ich stehe vom Stuhl auf, bleibe mit Ihnen stehen, setze mich dann wieder hin und der Stuhl ver\u00e4ndert sein Verhalten!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja, aber Sie sitzen ja jetzt auch wieder im Rollstuhl. Dieser ist viel weicher als der Holzstuhl und er gibt bei Bewegung auch ein bisschen nach.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ja, ich wei\u00df. Das hatten Sie gesagt. Aber ich habe es nicht verstanden. Das geht alles zu schnell. Ich f\u00fchl mich krank. Ich kann in kein Krankenhaus. Da kann mir keiner helfen.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Derzeit sind Sie ja in einer Rehaklinik, damit Sie bald wieder gesund werden. Und Sie sind ja auch auf dem besten Weg der Genesung.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ja, das ist ja auch meine letzte Hoffnung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr S.\u00a0ist nach einem Schlaganfall im Ged\u00e4chtnis und der K\u00f6rperwahrnehmung stark beeintr\u00e4chtigt. Er wird in diversen Einzeltherapien von mir behandelt.<\/strong><\/p>\n<p>Ich:<em> &#8222;Herr S., wissen Sie denn welcher Tag heute ist?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Sonntag!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, Sonntag war vorgestern. Welcher Tag ist dann heute?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Samstag?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, welcher Tag kommt denn nach Sonntag?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Montag, stimmt&#8217;s?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Genau. Und nach Montag kommt welcher Tag?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er: <em>&#8222;Heute!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Und welcher Tag ist dann heute?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Sonntag!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, heute ist Dienstag.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Dienstag? Ist heute schon?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja genau. Und wissen Sie auch das genaue Datum?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Der f\u00fcnfzehnte wird schon gewesen sein.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, heute ist der zwanzigste. Und in welchem Monat befinden wir uns momentan?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Juni!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, f\u00fcr Juni w\u00e4re es drau\u00dfen etwas kalt, oder? Wir haben ja schon Herbst. In welchem Monat haben Sie denn Geburtstag?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Im Herbst.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja und in welchem Monat?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Im Oktober.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Genau. Momentan ist auch Oktober. Sie haben in 10 Tagen Geburtstag. Wie alt werden Sie denn dann?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;38.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Oh, jetzt schwindeln Sie aber. Sie haben einen runden Geburtstag. Sie werden 70.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;70? Schon?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ja genau und trotzdem noch gut gehalten, oder?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ja, dann bin ich ja in ihrem Alter.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Mh, wie alt sch\u00e4tzen Sie mich denn?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;och, so 42?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ohje, jetzt machen Sie mich aber alt. Seh ich denn schon so alt aus? Hab ich Falten im Gesicht?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Nein, Sie haben sich gut gehalten.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Ich bin aber erst 25 Jahre alt.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Achja. Sch\u00f6nes Alter.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Und wissen Sie denn noch, welcher Wochentag heute ist?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Sonntag!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, heute ist Dienstag.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Oh, schon Dienstag.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Genau. Dienstag der 20. Oktober. In welchem Jahr denn?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;1964.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein wir haben das Jahr zweitausendund&#8230;?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Drei.&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Nein, 2009.&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ach, 2009 schon, stimmt&#8217;s?&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Genau. Und welcher Wochentag ist heute nochmal?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Sonntag!&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr G. ist 75 Jahre alt und nach einer Gehirnblutung in meiner Obhut. Er hat eine Sprachst\u00f6rung und Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, zudem ist seine rechte K\u00f6rperh\u00e4lfte kraftgemindert nach <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Plegie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hemiplegie<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend motorischen \u00dcbungen f\u00fcr die Kr\u00e4ftigung der rechten K\u00f6rperseite sagt Herr G. wie beil\u00e4ufig, als er seinen rechten Arm heben sollte:<em> &#8222;Einen laschen Hitlergru\u00df bekomm&#8216; ich schon hin, aber f\u00fcr einen zackigen reicht&#8217;s noch nicht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr B. ist 40 Jahre alt und hatte nach einem Autounfall eine Sprachst\u00f6rung und Beeintr\u00e4chtigungen in der Orientierung und der Motorik.<\/strong><\/p>\n<p>Ich:<em> &#8222;Na Herr B., wo wollen Sie denn so flink mit Ihrem Rollstuhl hin?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> &#8222;Ich muss dann mal kurz weg, ein Ei legen!&#8220;<br \/>\n<\/em>Ich:<em> &#8222;Kommen Sie dann wieder hier her?&#8220;<br \/>\n<\/em>Er:<em> Ich werde den Weg nicht mehr finden!&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau H. ist 30 Jahre alt. Nach schwerer Hirnsch\u00e4digung\u00a0nahm ich\u00a0sie f\u00fcr mehrere Wochen unter meine Fittiche. Sie hat eine Sprachst\u00f6rung, ist\u00a0desorientiert und leidet an einer Apraxie. Auch ihr Ged\u00e4chtnis\u00a0ist stark betroffen. Ich halte ihre Schuhe in der Hand und frage sie, was man damit macht. Sie: &#8222;Hm, ich wei\u00df nicht. Also ich w\u00fcrde das jetzt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[854,853,846,852,847,849,855,851,856,848,850],"class_list":["post-1665","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-zeitgeschehen","tag-aphasie","tag-apraxie","tag-arbeit","tag-gedachtnisverlust","tag-hirnschadigung","tag-orientierungslos","tag-patienten","tag-sprachstorung","tag-therapie","tag-tumor","tag-verwirrt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1665"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5634,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1665\/revisions\/5634"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}