{"id":1670,"date":"2010-05-09T03:12:49","date_gmt":"2010-05-09T01:12:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=1670"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"mutterherzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/05\/09\/mutterherzen\/","title":{"rendered":"Mutterherzen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Seit der kleine Paul unser Leben bereichert, ist unser Sexleben nicht mehr existent.&#8220;, war der bisher ehrlichste Satz einer befreundeten Mutter. Je \u00e4lter ich werde, desto mehr M\u00fctter lerne ich kennen oder meine alten Freunde, mit denen ich so viele Erinnerungen an jugendlichen Leichtsinn teile, verwandeln sich in d\u00fcster dreinblickende M\u00fctter, die durch chronischen Schlafmangel an einen schlechten Zombiefilm erinnern. Andernfalls wirken sie \u00fcberschw\u00e4nglich gl\u00fccklich, wenn man sie zu einem f\u00fcnfmin\u00fctigen Smalltalk auf der Strasse trifft und nun nicht mehr von sich selbst und ihrem Leben erz\u00e4hlen, sondern von Tim, Larissa, Lilly-Ann, Luca, Paul, Emily, Lana, Haily, Raphael und Fenja. Die meisten davon hab ich, wenn \u00fcberhaupt, erst ein Mal gesehen, wei\u00df aber schon mehr \u00fcber die kleinen Mitb\u00fcrger, als sie von sich selbst. Raphael hat schon vier Z\u00e4hne und geht schon aufs T\u00f6pfchen; Lana sa\u00df letzte Woche auf einem Pferd und wird nun von der euphorischen Mutter w\u00f6chentlich zu einem Reiterhof geschleppt; Emily hatte ganz f\u00fcrchterlichen Ausschlag am Hintern, der erst nach Behandlung mit einer bestimmte Salbe aus der Apotheke, die 18 Euro f\u00fcr 20 ml gekostet hat, abklingen wollte; Haily geht nun zum Kinder-Yoga und ist dort schon am weitesten von allen gleichaltrigen Kindern. Alle sind ja so unglaublich stolz! Besser, kl\u00fcger, sch\u00f6ner, gr\u00f6\u00dfer, intelligenter&#8230;.!<\/p>\n<p>Wer will denn so etwas wissen? Warum muss es mich interessieren, welchen Kopfumfang der kleine Luca bei seiner Geburt hatte und welche H\u00f6llenqualen seine Mutter deswegen erleiden musste? Warum sollte ich sehen wollen, wie man das zwei Wochen alte Kind wickelt und ihm die Brust gibt? Wer will h\u00f6ren, dass die ehemalige Klassenkameradin eine verh\u00e4rtete Narbe vom Kaiserschnitt hat und deswegen beim geplanten zweiten Kind wieder einen Kaiserschnitt w\u00fcnscht, damit die Narbe anschlie\u00dfend &#8222;ausgebessert&#8220; werden kann? Und weshalb sollte ich das gerade gestillte Kind auf den Arm nehmen wollen, damit es mir dann \u00fcber die Schulter kotzt?<\/p>\n<p>Am schlimmsten wird es, wenn M\u00fctter aufeinander treffen. Dann wird verglichen: wer kann was, wer ist schon mit zwei Lebensjahren in welchem Verein, wer hat die lustigere Anekdote, wer den besseren Kinderarzt, wer schl\u00e4ft am liebsten in welcher Position und wie lange schl\u00e4ft das Kind durch.<\/p>\n<p>Als Au\u00dfenstehende ohne Kinder kann ich mich an dem aufgeregten Gegacker nicht beteiligen und beobachte deswegen lieber die ausladenden Gestiken und den Glanz in den Augen der vor Stolz triefenden Gesichter. Wie \u00e4rgerlich es doch ist, dass ich die Ohropax vom letzten Festivalbesuch erst neulich aus meiner Handtasche aussortiert habe. Komplettes Ausklinken funktioniert nicht, weil die M\u00fctter w\u00e4hrend ihrer Hymnen immer wieder versuchen, einer potentiellen Kandidatin ihres &#8222;Clubs&#8220; die Vorteile des Mutterdaseins aufzuz\u00e4hlen und einem schon Jahre vor einer m\u00f6glichen Befruchtung Tipps geben wollen, wie man sich am besten f\u00fcr einen Kindergartenplatz bewirbt und wie man den Partner dazu bewegt, auch mal Windeln zu wechseln oder nachts aufzustehen, wenn der Nachwuchs aufwacht und br\u00fcllt.<\/p>\n<p>Da bahnt sich ein interessantes Thema an: Bed\u00fcrfnisse der Z\u00f6glinge, Neuordnungen der Rollenverteilung der nun eigenen Familie, finanzielle M\u00f6glichkeiten und Kapazit\u00e4ten, Freiheitsverlust, Betreuungsaufwand, Selbstaufgabe, Karriereverlauf, Sexleben, eigener Gesundheitszustand inklusive Schlafrhythmus.<br \/>\nDas sind Themen, auf die M\u00fctter entweder gar nicht, oder nur im Kreise der &#8222;Wissenden&#8220; zu sprechen kommen. Aber einmal angesprochen, bereut man es schnell, den Redefluss ins rollen gebracht zu haben. Denn dann wird gejammert, wie anstrengend das doch alles ist, wie viel so ein Kind kostet, wie wenig sich der Partner um das Kind k\u00fcmmert (zumal der Partner ja auch arbeiten geht um die neue Familie zu ern\u00e4hren) und wie viele Tr\u00e4ume sie nun aufgeben mussten, um ihrem Kind etwas bieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Von der fr\u00fcheren Freundin, mit der man auch mal ein Wochenende durchfeiern konnte und die in der Schulzeit immer heimlich mit einem rauchen gegangen ist um dann gemeinsam nachzusitzen, obwohl sie selbst gar nicht raucht, ist nicht viel \u00fcbrig geblieben, au\u00dfer einer Mutter. Sie denkt nicht mehr im &#8222;Ich&#8220;, sondern in der neuen Einheit &#8222;Wir&#8220;. Und dass ihr Kind nicht dieselben Interessen hat wie sie, ist selbstredend.<br \/>\n&#8222;Ich erfreue mich nun auch an den Kleinigkeiten des Lebens.&#8220;, sagt sie mir. Eine der Kleinigkeiten ist wohl auch, dass sich jemand aus ihrem fr\u00fcher existierenden Freundeskreis dazu erbarmt hat, mit ihr einen Kaffee trinken zu gehen, damit sie f\u00fcr zwei Stunden etwas anderes als ihren Haushalt und die ganzen Kinderspielsachen sieht. Sie selbst redet sich ein, dass sie dann &#8222;endlich auch mal wieder \u00fcber normale Themen&#8220; reden kann, merkt dabei aber gar nicht, dass es eigentlich ungefragt nur um eine Sache geht. Das Erstgeborene.<br \/>\nDa sie keinen Babysitter gefunden hat, hat sie das Kind nat\u00fcrlich mit dabei, das in dem Kinderwagen schl\u00e4ft, der von der Mutter liebevoll hin und her gewogen wird, w\u00e4hrend sie von Babyanekdoten erz\u00e4hlt, denen ich nicht mit halb so viel Begeisterung folgen kann.<\/p>\n<p>Das Erfreuliche daran ist, dass man selbst eine Mutter hat, die vermutlich genauso von einem geschw\u00e4rmt hat und man, obwohl man anscheinend f\u00fcr viele Schmerzen, Sorgen, Falten und graue Haare verantwortlich ist, bis ans Lebensende unendlich geliebt wird. Und das nur, weil es eben die Mutter ist, die alles verzeihen kann, wenn das Kind sie nur einmal anl\u00e4chelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Seit der kleine Paul unser Leben bereichert, ist unser Sexleben nicht mehr existent.&#8220;, war der bisher ehrlichste Satz einer befreundeten Mutter. 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