{"id":2266,"date":"2010-03-03T11:41:16","date_gmt":"2010-03-03T09:41:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=2266"},"modified":"2020-04-12T10:22:58","modified_gmt":"2020-04-12T08:22:58","slug":"wenn-kackbratzen-nicht-alleine-sterben-wollen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/03\/03\/wenn-kackbratzen-nicht-alleine-sterben-wollen\/","title":{"rendered":"Wenn Kackbratzen nicht alleine sterben wollen."},"content":{"rendered":"<p>Ich behaupte mal, dass ich den Gro\u00dfteil der Beweggr\u00fcnde der meisten Menschen um mich herum und von denen ich lese verstehen kann. Wobei ich hier grunds\u00e4tzlich unterscheide zwischen verstehen und nachvollziehen &#8211; denn nur weil ich verstehen kann, dass jemand f\u00fcr seine \u00dcberzeugung bereit ist wirklich alles zu tun kann ich noch lange nicht nachvollziehen warum er dabei andere Menschen in den Tod rei\u00dfen muss.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch Dinge, die entziehen sich meiner Vorstellungskraft. Entscheidungen, bei denen ich mich mit offenem Mund fragen muss: Was zum Geier hat diesen Typ dazu geritten? Das sind zum Teil Dinge, die jede noch so grenzdebile Bl\u00f6dfichte unter keinen Umst\u00e4nden tun w\u00fcrde! Egal wie rotzglockend\u00e4mlich manche Menschen sein m\u00f6gen, es gibt einfach Dinge bei denen man sagt: &#8222;ICH BIN DOCH KEIN IDIOT!&#8220;. Das ist doch so eine Art nat\u00fcrlicher Schutz, ohne den jeder einzelne Neandertaler versucht h\u00e4tte herauszufinden ob er nicht doch fliegen kann oder vielleicht mit dem S\u00e4belzahntiger von der H\u00f6hle nebenan im Winter schmusen darf.<\/p>\n<p>Doch offensichtlich hat uns die Evolution hier einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn dieser Instinkt verpufft scheinbar mit Anfang 20 und kehrt erst in den 30ern zur\u00fcck. Ich schreibe hier vom Plan mancher Leute, ihr Leben in Windeseile in den Sand zu setzen. Diese mentalen Tiefflieger entscheiden sich ganz bewusst total spontan alles wof\u00fcr sie bisher standen und was ich an ihnen sympathisch fand \u00fcber Bord zu werfen und sich einen v\u00f6llig neuen und modischen Charakterzug eigen zu machen: Sie werden zu Kackbratzen. Junge und aktive Leute mit Tr\u00e4umen und Idealen wollen pl\u00f6tzlich Sicherheiten, geben sich mit den absurdesten Dingen zufrieden und jagen Zust\u00e4nden hinterher, die f\u00fcr alle Nichtbetroffenen eher Fluch als Segen w\u00e4ren. Jeder kennt dieses Kackbratzen-Ph\u00e4nomen, wie haben es alle schon erlebt, denn es hat viele Gesichter. Einer der Klassiker ist allerdings dieser:<\/p>\n<p>Menschen, die selbstbewusst auftreten, unabh\u00e4ngig sein wollen und gerne auf den Putz hauen, ja, Menschen mit denen man buchst\u00e4blich Pferde stehlen kann, hatte jeder schon mal im Freundeskreis. Irgendwann lernen diese Draufg\u00e4nger dann jemanden kennen &#8211; und finden diesen Jemand auch sympathisch. Gut, wir wundern uns, denn &#8222;Jemand&#8220; ist ein bisschen tr\u00e4ge, fad und so gar nicht spontan. Wir denken uns dabei nichts weiter und auch die Tatsache, dass sich unser cooler Freund pl\u00f6tzlich nur noch reaktiv und bestenfalls sporadisch meldet ist noch kein Alarmsignal f\u00fcr uns &#8211; bis wir auf einmal eine Nachricht bekommen mit Inhalten wie &#8222;Wir sind verlobt!&#8220; oder gar &#8222;Wir erwarten ein Kind!&#8220;. Wir bekommen den verdutzten Gesichtsausdruck gar nicht so recht aus der Visage &#8211; wie kann es denn sein, dass man sich\u00a0drei Monate kennt und dann meint heiraten zu m\u00fcssen? Mit Anfang 20?! Sind die denn noch ganz bei Trost?<\/p>\n<p>Ich meine- klar, das &#8222;2-Menschen-mutieren-zu-einem-gr\u00e4sslichen-Mischwesen&#8220;-Ph\u00e4nomen aufkeimender Liebesbeziehungen ist hinl\u00e4nglich bekannt. Irgendwann hei\u00dft es nur noch &#8222;wir&#8220; wollten heute einen gem\u00fctlichen Abend machen und &#8222;wir&#8220; kommen gerne zu deiner Party (Auf der das Wesen &#8222;Wir&#8220; dann auch aneinanderklebt wie die Pest und somit jeden sozialen Kontakt zu alten Freunden im Keim erstickt). Das passiert jedem irgendwann mal und ist somit irgendwo legitim. Widerlich &#8211; aber legitim. Aber heiraten? Kinder kriegen? Mit einem Kerl den man seit nicht mal einem halben Jahr \u00fcberhaupt kennt? Ist das dann die ber\u00fchmte Torschlusspanik? Muss man jenseits der 20 schon Angst haben, alleine zu sterben? Es will mir nicht in den Kopf! Das ist Kackbratzenlogik &#8211; aber nichts f\u00fcr mich!<\/p>\n<p>Anderer Klassiker, allerdings im gleichen Alter vorkommend: Eben diese (bisher) coolen und l\u00e4ssigen Menschen, die ihre Ausbildung zum Was-auch-immer gerade fertig haben, sich eine Stelle suchen und dann allen ernstes mit einem L\u00e4cheln im Gesicht sagen k\u00f6nnen: &#8222;Ja. Das isses dann f\u00fcr die n\u00e4chsten 40 Jahre.&#8220; Wo ist der Drang hin, die Welt zu erkunden? In gro\u00dfen St\u00e4dten zu leben? Erfahrungen zu sammeln? Die gr\u00f6\u00dfte Unabh\u00e4ngigkeit dieser Menschen bleibt der Auszug bei den Eltern und das wars. Welche schreckliche Krankheit muss diese armen Opfer befallen haben? Was treibt sie dazu?<\/p>\n<p>Bei manchen geht das ja schon in der Schulzeit los: Typen, die mit 18 Jahren im Anzug zum Unterricht kommen und seit sie den F\u00fchrerschein haben unbedingt einen auf &#8222;Ich bin wie mein Papi: Vern\u00fcnftig und gesetzt. Yeah.&#8220; machen m\u00fcssen. Sollte man nicht grade nach der Schulbank erstmal ein paar Jahre auf die Kacke hauen? Saufen? Das erste Geld f\u00fcr Bl\u00f6dsinn verprassen? Gegen einen Baum fahren?<\/p>\n<p>Der dringliche Wunsch, so schnell es nur irgend geht erwachsen zu werden und seine Kindheit und Jugend vorzeitig abzubrechen, kann in meinen Augen nur nachhaltige Sch\u00e4den hinterlassen. Irgendwann mit Mitte 40 wachen diese Kerle dann auf und bemerken: &#8222;Kacke &#8211; ich habs verpennt!&#8220; und machen sich dann zum Affen indem sie versuchen, die Zeiten nachzuleben die sie damals in Lackschuhen und Krawatte vergeudet haben. Ich f\u00fcr meinen Teil bin heilfroh, dass ich mein inneres Kind bewahren konnte &#8211; und w\u00fcrde es auch nie aufgeben. Was wenn nicht diese infantile Art, die einen manchmal einholt, bewahrt uns davor dem grauen Alltagstrott zu erliegen und zu eben dieser Art Erwachsener zu werden, die wir als Knirpse nie sein wollten: Angepasst. Wir wollten nie akzeptieren, dass es &#8222;nun mal so ist&#8220;, wollten nie aufh\u00f6ren nach Alternativen zu suchen, statt einfach alles hinzunehmen und uns zu f\u00fcgen. Wir suchten nach einem Weg, unsere Tr\u00e4ume zu verwirklichen &#8211; sei es nun mit dem Rucksack ein Jahr durch Irland zu wandern oder einfach seinen Traumberuf erlernen und sich volles Risiko selbstst\u00e4ndig zu machen. Wir wollten immer die sein, die das Leben ficken bevor sie vom lLeben gefickt werden &#8211; bis sich manche dazu entschlossen, sich tief zu b\u00fccken und zur Kackbratze zu werden.<\/p>\n<p>Das traurigste aber am Kackbratzendasein ist, wenn sie fr\u00fcher als geplant merken, dass sie gar nicht wollen, was sie da leben. Wenn Menschen die einem einst lieb und teuer waren wenige Jahre nach ihren &#8222;Schnapsideen f\u00fcr den Rest ihres Lebens&#8220; auf einmal zu einem kommen und erz\u00e4hlen m\u00fcssen, dass die Scheidung im Gange ist. Dass man nach\u00a0einem Jahr Ehe gemerkt hat, dass es doch nicht das Wahre ist. Dass die Kinder nun aufgeteilt werden m\u00fcssen. Sie bemerken ihre Fehlentscheidungen, die eine viel gr\u00f6\u00dfere Auswirkung auf ihre Existenz haben als das Arschgeweih, dass sich manche genauso spontan und d\u00e4mlich im Wahn ihrer Kackbratzenphase haben stechen lassen. Und dann ist es nicht selten zu sp\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich behaupte mal, dass ich den Gro\u00dfteil der Beweggr\u00fcnde der meisten Menschen um mich herum und von denen ich lese verstehen kann. 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