{"id":2488,"date":"2010-05-02T14:58:35","date_gmt":"2010-05-02T12:58:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=2488"},"modified":"2010-06-17T20:54:52","modified_gmt":"2010-06-17T18:54:52","slug":"auf-horen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/05\/02\/auf-horen\/","title":{"rendered":"Auf-h\u00f6ren."},"content":{"rendered":"<p>Ihre Atmung war sehr langsam. Regelm\u00e4\u00dfig. Wenn die Luft durch ihre Nase und ihren Hals str\u00f6mte, h\u00f6rte es sich an wie Wind in einer H\u00f6hle am Meer, der einem ab und zu \u00fcber die Haut streichelte. Den Schwei\u00df erkalten lie\u00df. Sie ihren dehydrierten K\u00f6rper sp\u00fcren lie\u00df, der schon so lange aufgegeben hatte, weil sie seit Tagen am verdursten war, in dieser H\u00f6hle. Und nur etwas Sonne drang durch die schmale \u00d6ffnung oben zwischen dem Gestein, durch das sie den Himmel sehen konnte.<\/p>\n<p>Aber sie war in keiner H\u00f6hle. Es war auch nicht die Sonne, die in ihren Augen kitzelte. Es war die monoton surrende Lampe des Spiegelschrankes im Badezimmer. Wie ohrenbet\u00e4ubend laut so ein Ger\u00e4usch werden kann, wenn man nur lange genug nicht spricht.   Und sie sprach fast nie. Mit wem auch, au\u00dfer sich selbst. Und selbst das tat sie ohne den Mund zu \u00f6ffnen. Es passierte alles in ihrem Kopf. Wie so vieles einzig und allein dort stattfand. Ihr Kopf war der einzige Ort, an den sie sich zur\u00fcckziehen konnte, weil sie sich dort sicher f\u00fchlte. Hier konnte sie f\u00fcr sich sein und musste niemanden sonst rein lassen. In ihrer Fantasie war alles in Ordnung. Zumindest glaubte sie das.  Darum st\u00f6rte sie hier auch nichts.<\/p>\n<p>Ihre Wohnung. Das dunkle kleine Zimmer ohne Fenster. In dem nicht mal das N\u00f6tigste stand und sich die Umzugskartons seit Monaten stapelten. Es war ihr egal. Sie musste nur ihre Augen schlie\u00dfen, dann konnte sie allem entfliehen. Sie konnte alles zur\u00fccklassen, alle Verantwortung, alle Pflichten und alle Rechte. Wenn man lange genug auf der Flucht ist, erreicht man einen Zustand, in dem man eigentlich immer die Augen zu hat. Man \u00fcbersieht den Briefkasten, aus dem schon die ersten Umschl\u00e4ge herausragen und k\u00fcmmert sich nicht mehr um Nachbarn, die einen im Treppenhaus gr\u00fc\u00dfen, nur um dann ein paar Stufen weiter etwas unverst\u00e4ndliches zu fl\u00fcstern. Man ignoriert auch die Signale des eigenen K\u00f6rpers, als w\u00fcrde man ihm klarmachen wollen: \u201eHier habe ich die Kontrolle. Du hast nichts zu melden.\u201c<\/p>\n<p>So verstummen Hungergef\u00fchle und wandeln sich in ein angenehm warmes, weiches Kokon das einen sch\u00fctzend umgibt. Fast so, als w\u00fcrde man den Kopf in den Scho\u00df seiner Mutter legen und ihre Hand auf der Stirn sp\u00fcren.  Man gr\u00e4bt sein Gesicht in den Stoff, der leise raschelt und knistert wenn man sich auch nur ein kleines Bisschen bewegt. Und manchmal h\u00f6rt man den eigenen Herzschlag am Ohr, was fast klingt wie Schritte in feinem Kies. Das eigene Herz zu h\u00f6ren beruhigt und die Vorstellung von Kies unter den F\u00fc\u00dfen l\u00e4sst einen von sonnigen Tagen im Park tr\u00e4umen. Und ganz unbewusst passt man seine Atmung den eigenen Schritten an.<\/p>\n<p>Ihre Atmung war sehr langsam. Regelm\u00e4\u00dfig. Wie ein Herzschlag. Doch den konnte sie kaum noch h\u00f6ren. Als h\u00e4tten ihre Schritte sich vom Boden gel\u00f6st und w\u00fcrden ins Schweben \u00fcbergehen. Ihr Blut war auch schon eine Weile nicht mehr warm, sondern klebrig und dick. Es hatte aufgeh\u00f6rt zu tropfen. Doch den Rhythmus der bis vor einigen Minuten noch von ihren Fingerspitzen rannte hatte sie inzwischen in ihre Atmung \u00fcbernommen. Sie konzentrierte sich darauf. Dachte an H\u00f6hlen und Kies. An ihre Mutter. Sie schloss die Augen. Die Lampe summte nicht mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Atmung war sehr langsam. Regelm\u00e4\u00dfig. Wenn die Luft durch ihre Nase und ihren Hals str\u00f6mte, h\u00f6rte es sich an wie Wind in einer H\u00f6hle am Meer, der einem ab und zu \u00fcber die Haut streichelte. Den Schwei\u00df erkalten lie\u00df. 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