{"id":2825,"date":"2010-07-03T15:03:27","date_gmt":"2010-07-03T13:03:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=2825"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"der-naive-ruckblick-der-wohlstandsgesellschaft-oder-wie-man-sich-am-besten-selbst-probleme-schafft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/07\/03\/der-naive-ruckblick-der-wohlstandsgesellschaft-oder-wie-man-sich-am-besten-selbst-probleme-schafft\/","title":{"rendered":"Der naive R\u00fcckblick der Wohlstandsgesellschaft \u2013 oder wie man sich am besten selbst Probleme schafft"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war alles besser! Diesen Satz hab ich schon h\u00e4ufig geh\u00f6rt. Meist aus dem Mund der Generation, die es sich einst zum Ziel gemacht hatte, dass es ihre Nachfahren mal besser als sie selbst haben sollten. Der Ausgangspunkt dieser \u00dcberlegungen war ein solcher, der f\u00fcr mich heutzutage kaum mehr nachzuvollziehen ist. Erst recht nicht, wenn ich r\u00fcckblickend auf eine sorglose Kindheit in beh\u00fctet l\u00e4ndlicher Umgebung in einer intakten und liebevollen Familie und auf eine Schulzeit mit Bestnoten und vielen Freunden sehen kann. Mein gr\u00f6\u00dftes Problem war vermutlich zu dieser Zeit, wie ich wohl zu meinen Freunden komme, wenn mein Fahrrad mal wieder kaputt war und mich meine Eltern nicht fahren konnten.<\/p>\n<p>Geschichtliche Ereignisse bekam ich nicht mehr deutlich zu sp\u00fcren, daher interessierten sie mich auch nicht sonderlich. Ich wuchs in einer Zeit heran, in der die Wirtschaft stabil und die Euphorie gro\u00df war, dass es f\u00fcr immer so bleiben w\u00fcrde. Naturkatastrophen kannte ich in irrealen Bildern nur aus dem Fernsehen, Epidemien nur aus B\u00fcchern, Kriegsgeschichten haupts\u00e4chlich aus dem Mund meiner Gro\u00dfeltern. Ich bekam vermittelt, dass Drogen schlecht sind, dass Individualismus gut ist und dass man selbstverantwortlich f\u00fcr sein Denken und Handeln gerade stehen muss. Da man selbst keine nennenswerten Probleme hatte, half man freiwillig und ehrenamtlich denen, die Hilfe ben\u00f6tigten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an zahlreiche Momente, in denen meine geduldigen Eltern mich einfach haben machen lassen, damit ich selbst lerne was richtig und was falsch ist.<br \/>\nDer erste Computer, die erste gro\u00dfe Liebe, das erste Handy, die ersten Partys, der erste Vollrausch, die ersten Demonstrationen, der F\u00fchrerschein, das erste eigene Auto, die Abschlusspr\u00fcfungen, die Ausbildung, die erste eigene Wohnung, die Weiterbildungen, der Umzug in die ungewisse Fremde.<\/p>\n<p>Ich kann nichts Schlechtes an diesem Verlauf feststellen. Und trotzdem findet man immer wieder einen Grund zu jammern und sich zu beschweren.<br \/>\nAls Kind war einziger Grund des \u00c4rgernisses, dass die Stra\u00dfenlaternen viel zu fr\u00fch ausgehen und man somit vom Spielen schon nach Hause muss. Dann \u00e4rgerte man sich \u00fcber das subjektiv zu niedrige Taschengeld. Das pubert\u00e4re Vergleichen mit anderen, das Abgrenzen ohne die Aufmerksamkeit verlieren zu wollen. Dann die Frage, mit welcher Arbeit man sich die n\u00e4chsten ca. 50 Jahre besch\u00e4ftigen will. Bekommt man \u00fcberhaupt Arbeit? Arbeitslos sind immer nur die anderen. Hartz IV, Niedriglohn, 1-Euro-Job, Zeitarbeit, befristete Arbeitsvertr\u00e4ge und unbezahlte Praktika waren f\u00fcr mich keine Themen. Dann kamen zus\u00e4tzliche Rentenversicherungen, Praxisgeb\u00fchren, Zuzahlungen, horrende Benzinkosten und aktuell die Wirtschaftskrise in die Liste der derzeitigen Probleme.<\/p>\n<p>Aber geht es uns denn wirklich so schlecht? Wir sind die erste Generation, die noch nie Angst haben musste, dass ein Familienmitglied im Krieg f\u00e4llt. Ich habe noch nie Hunger leiden m\u00fcssen, hatte immer alles um meine Grundbed\u00fcrfnisse befriedigen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nTrotzdem oder gerade deswegen haben wir die Zeit und die Energie, uns \u00fcber nervende Arbeitskollegen oder Kunden aufzuregen; \u00fcber zu laute Nachbarn zu schimpfen; uns dar\u00fcber aufzuregen, angeblich nichts dem Anlass entsprechendes im Kleiderschrank zu haben; heimlich den Autofahrer vor uns zu beschimpfen, weil er uns zu langsam f\u00e4hrt; uns \u00fcber die Pfunde zu \u00e4rgern, die wir uns selbst angefuttert haben; \u00fcber den Postboten zu wettern, der uns st\u00e4ndig Werbung einwirft, obwohl wir es selbst immer wieder vergessen, ein Schild \u201ebitte keine Werbung\u201c anzubringen.<\/p>\n<p>Es wird debattiert, ob man es heutzutage noch verantworten kann, ein Kind auf die Welt zu bringen. Man hat Angst ihm nicht alles bieten zu k\u00f6nnen, was es zum Leben braucht. Die Kinder sollen es schlie\u00dflich mal besser haben, als man selbst. Aber was bittesch\u00f6n gibt es heute nicht, was es vor 30 oder 60 Jahren noch gab?<\/p>\n<p>Im Zweifelsfall kann man sich ja noch immer \u00fcber das Wetter aufregen, da es im Sommer schlie\u00dflich immer zu hei\u00df, im Herbst immer zu nass, im Winter immer zu kalt ist und im Fr\u00fchling der Sommer einfach zu lange auf sich warten l\u00e4sst.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/schreien.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/schreien-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2826\" srcset=\"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/schreien-228x300.jpg 228w, http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/schreien.jpg 304w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher war alles besser! Diesen Satz hab ich schon h\u00e4ufig geh\u00f6rt. Meist aus dem Mund der Generation, die es sich einst zum Ziel gemacht hatte, dass es ihre Nachfahren mal besser als sie selbst haben sollten. Der Ausgangspunkt dieser \u00dcberlegungen war ein solcher, der f\u00fcr mich heutzutage kaum mehr nachzuvollziehen ist. Erst recht nicht, wenn&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[1410],"class_list":["post-2825","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-zeitgeschehen","tag-wohlstandsgesellschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2825","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2825"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5613,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2825\/revisions\/5613"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}