{"id":2961,"date":"2010-07-17T18:27:46","date_gmt":"2010-07-17T16:27:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=2961"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"ich-glaube-ich-habe-lange-geschlafen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/07\/17\/ich-glaube-ich-habe-lange-geschlafen\/","title":{"rendered":"Ich glaube, ich habe lange geschlafen"},"content":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6re Ger\u00e4usche. Ich kann sie nicht orten. Meine Augenlider sind zu schwer um nachzusehen, aus welcher Richtung diese diffusen Worte kommen. Dazu ein hoher und kontinuierlicher Piepston. Dann sp\u00fcre ich einen Druck an meinem linken Arm, danach einen Pieks an einer anderen Stelle. Ich m\u00f6chte den Arm wegziehen, aber mir fehlt die Kraft. Ich glaube auch, dass der Arm festgehalten wird, aber sp\u00fcre keine andere Haut auf meiner eigenen. Das alles geht mir zu schnell und ich merke, wie ich langsam wieder wegd\u00f6se.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie lange ich geschlafen habe. Ist es Tag oder Nacht? Mir ist sehr warm, daher nehme ich an, dass es Mittag sein muss. Ich schaffe es nicht, meine Augen zu \u00f6ffnen, geschweige denn irgendetwas zu bewegen. Liege ich? Ich kann es nicht genau sagen, mein K\u00f6rper gibt mir keinerlei Information. Es ist still um mich herum, aber ich h\u00f6re weit entfernte Schritte. Ich wei\u00df nicht, wie viele Menschen dort laufen und ob ich sie kenne. Mein Hals schmerzt.<\/p>\n<p>Wie viel Zeit vergangen ist, wei\u00df ich erneut nicht. Ich f\u00fchle etwas Lauwarmes an meinem R\u00fccken. Liege ich auf dem Bauch? Sitze ich? Was ist das und warum? Es strengt mich an, die Reize nachzuvollziehen, die mir nun auch an den Beinen gesetzt werden. Verschwommen nehme ich Stimmen wahr. Es m\u00fcssen mindestens zwei Personen sein. Sie sind mir jedoch nicht bekannt. Wo bin ich eigentlich? Jemand ist an meinem Mund, ich sp\u00fcre es. Kann mich nicht wehren. Was soll das? Ich will nicht, dass mir jemand etwas in den Mund gibt.<\/p>\n<p>Meine Nase juckt. Aus Reflex m\u00f6chte ich mich mit der rechten Hand dort kratzen. Aber warum geht es nicht? Was ist los mit meinem Arm? Ist er amputiert worden? Ich kann mir das alles nicht erkl\u00e4ren. Mein linker Arm ist meine letzte Hoffnung. Ich hebe ihn an und \u2013 ich sp\u00fcre so etwas wie Stoff an meiner Nase. So f\u00fchlen sich meine Finger nicht an. Ich verstehe die Welt nicht mehr.<\/p>\n<p>Ich glaube, ich habe lange geschlafen. Mein R\u00fccken schmerzt. Ich wundere mich, dass ich nicht auf Toilette muss. Es ist doch sonst mein erster Gang am Morgen gewesen. Mir ist kalt. Endlich schaffe ich es, meine Augen zu \u00f6ffnen. Alles ist grell und verschwommen. Deswegen schlie\u00dfe ich sie lieber wieder. Meine rechte Hand kann meinem Willen weiterhin nicht folgen. Ich taste mit der linken Hand. Nun sp\u00fcre ich auch meine Finger wieder. Und ein St\u00fcck Plastik am Zeigefinger. Als ich es l\u00f6se, f\u00e4ngt es hinter mir an zu piepsen. Erkl\u00e4ren kann ich es mir nicht, aber kurze Zeit sp\u00e4ter h\u00f6re ich eine Stimme und habe das Plastikding wieder am Finger. Die vermutlich an mich gerichteten Worte kann ich nicht verstehen. Bin ich vielleicht in einem anderen Land? Werde ich als Versuchsobjekt festgehalten? Ich habe Angst! Bald darauf piepst es wieder, nur schneller und lauter. Dann schlafe ich wieder ein.<\/p>\n<p>Als ich wieder aufwache und langsam die Augen \u00f6ffne, sehe ich wieder klarer. Ich sehe mich im Raum um, soweit ich blicken kann. Eine Wanduhr, die 11:20 Uhr anzeigt. Vormittags oder nachts? Die Zimmerbeleuchtung blendet mich. Neben mir sind Fotos aufgeh\u00e4ngt. Ich erkenne die Personen. Das ist meine Familie! Und ein paar Freunde sind auch abgebildet. Wie k\u00f6nnen die es zulassen, dass ich hier so alleine liege? Nein, ich bin nicht mehr alleine. Gerade betritt eine blonde Frau den Raum. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Sie kommt auf mich zu und l\u00e4chelt mich an. Ob sie mit mir spricht, kann ich nicht genau sagen. Ich m\u00f6chte sie fragen, was das hier alles soll, wo ich bin, wer sie ist und was mit meiner Familie ist. Alles was ich rausbekomme, ist ein seltsames Hustger\u00e4usch. Das ist nicht meine Stimme.<br \/>\nDie blonde Frau l\u00e4chelt noch immer und hebt meinen Kopf an. Unter mir raschelt es. Ich nehme an, dass sie das Kissen aufgesch\u00fcttelt hat. Nun sehe ich ein Fenster. Habe ich mich gedreht, oder war sie das? Ich habe es zumindest nicht gemerkt. Der Blick aus dem Fester zeigt mir einen Baum und ein St\u00fcck hellblauen Himmel. Es scheint also Tag zu sein. Befinden wir uns in einem Hochhaus? Meine Wohnung befindet sich im Erdgeschoss. Dort sieht es anders aus. Zu viele Eindr\u00fccke und Gedanken. Ich schlafe wieder ein.<\/p>\n<p>Was ist das? Ich erschrecke und wache an einer Ber\u00fchrung auf. Als ich die Augen \u00f6ffne, sehe ich einen Teil meiner Familie. Ich freue mich! Schon wieder f\u00e4ngt es an, hinter mir zu piepsen. Besorgt gucken alle dort hin. Sie sprechen miteinander, aber was sie sagen, verstehe ich nicht. Warum sagt ihr mir nicht, was hier los ist? Erst jetzt bemerke ich, dass ich sitze. Jedoch nicht auf einem normalen Stuhl, sondern in einem gepolsterten, mit hoher R\u00fcckenlehne auf der selbst mein Kopf noch Ablagefl\u00e4che findet, Armlehnen und einer Plastikvorrichtung, auf der meine F\u00fc\u00dfe abgestellt wurden. Sitze ich in einem Rollstuhl? Eine Frau betritt den Raum. Sie tr\u00e4gt die gleiche Kleidung wie die l\u00e4chelnde Blonde. Auch sie habe ich noch nie gesehen. Ich wei\u00df nicht, warum sie sich mit meiner Familie unterh\u00e4lt und wor\u00fcber. Ich f\u00fchle mich ignoriert. Warum spricht niemand mit mir? Alle gucken mich nur an und l\u00e4cheln, oder haben einen besorgten Ausdruck in den Augen. Und warum werde ich schon wieder so m\u00fcde? Ich habe das Gef\u00fchl alles zu verpassen, weil ich st\u00e4ndig einschlafe. So wie sonst bei einem spannenden Film auf dem Sofa und man sich nach dem aufwachen \u00e4rgert, dass man das Ende verpasst hat, bei dem alles aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>_______________________________________________________<br \/>\nIch wei\u00df nicht genau, ob ein Teil meiner Patienten ihre Welt so wahrnehmen, denn meist erinnern sie sich dann an diese Zeit des \u201eAufwachens\u201c nicht mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6re Ger\u00e4usche. Ich kann sie nicht orten. Meine Augenlider sind zu schwer um nachzusehen, aus welcher Richtung diese diffusen Worte kommen. Dazu ein hoher und kontinuierlicher Piepston. Dann sp\u00fcre ich einen Druck an meinem linken Arm, danach einen Pieks an einer anderen Stelle. 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