{"id":2977,"date":"2010-07-20T15:42:04","date_gmt":"2010-07-20T13:42:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=2977"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"auch-ich-habe-eine-geschichte-zu-erzahlen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/07\/20\/auch-ich-habe-eine-geschichte-zu-erzahlen\/","title":{"rendered":"Auch ich habe eine Geschichte zu erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p>Ich haste die Treppe der U-Bahn an zahlreichen Menschen vorbei nach oben. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich es nicht p\u00fcnktlich schaffen werde. Soll ich lieber gleich wieder umkehren? Nein, schon die letzten Wochen hab ich immer wieder eine Ausrede gefunden, um vor der T\u00fcr wieder umzudrehen. Die Adresse hatte ich durch eine Anzeige in der Wochenzeitung entdeckt. Nun stehe ich wieder vor der dunkelbraunen massiven T\u00fcr mit Messingt\u00fcrgriff. Ein letztes Mal atme ich tief durch, blicke noch einmal pr\u00fcfend an mir hinab und klopfe an. Nerv\u00f6s und sch\u00fcchtern betrete ich den abgedunkelten Raum und werde von freundlichen Gesichtern gemustert. Mit einer schwungvollen Geste werde ich auf den freien Platz in der Stuhlkreisrunde hingewiesen. Ich nehme z\u00f6gerlich Platz und warte ab, was passiert.<\/p>\n<p>Ein \u00e4lterer, blasser Herr, der links von mir die Beine \u00fcbereinander geschlagen hat, ergreift das Wort nach einer kurzen Begr\u00fc\u00dfungsgeste in meine Richtung. Er erz\u00e4hlt eine ausschweifende Geschichte \u00fcber seinen Ursprung, \u00fcber den Krieg, den er miterleben musste und fasst seine Eindr\u00fccke der damaligen Zeit, f\u00fcr alle sehr ergreifend zusammen. Nach einem Augenblick der and\u00e4chtigen Stille, beginnt seine linke Sitznachbarin, ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen. Sie handelt von einem Kaiserschnitt, von \u00c4rzten und Schmerzen. Viel bekomme ich davon nicht mit, da ich, innerlich noch etwas aufgeregt, in andere Gedanken abschweife.<\/p>\n<p>Wenn die Reihenfolge so bestehen bleibt, bin ich mit meiner Vorstellung zuletzt dran, wor\u00fcber ich wirklich froh w\u00e4re. Ich war zuvor noch nie bei einem solchen Treffen. Das Wort Selbsthilfegruppe war f\u00fcr mich immer negativ behaftet. Ich dachte an psychische St\u00f6rungen, Fetische, Krankheiten und selbstzweifelnde schwache Personen, die sich am Unheil anderer erg\u00f6tzen. Aber wenn ich die Gespr\u00e4chsrunde nun beobachte, sehe ich starke Pers\u00f6nlichkeiten, die alle eine Geschichte zu erz\u00e4hlen haben. Sie h\u00f6ren einander aufmerksam und respektvoll zu und geben Rat und Antwort, wenn diese vom Erz\u00e4hler gew\u00fcnscht sind.<\/p>\n<p>Ich mustere die mitf\u00fchlenden und interessierten Gesichter, versuche sie besser kennen zu lernen. Manchen von ihnen sieht man direkt an, warum sie hier sind und was sie zu erz\u00e4hlen haben. Bei anderen bin ich sehr gespannt. Nach den einzelnen Vortr\u00e4gen wird nicht geklatscht, nur der Kriegsveteran bedankt sich als Wortf\u00fchrer f\u00fcr die Offenheit bei jedem Einzelnen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Geschichte wird von Karin erz\u00e4hlt, die sich drei St\u00fchle neben mir, mit einem schiefen, aber sehr sympathischen L\u00e4cheln vorstellt. Sie wirkt unsicher und nerv\u00f6s, als sie nach den richtigen Worten sucht. Ich h\u00f6re ihr aufmerksam zu, als sich ein allgemeines Gef\u00fchl des Unbehagens breit macht. Es fallen Worte wie \u201eVergewaltigung\u201c, \u201eAlkoholabh\u00e4ngigkeit\u201c, \u201ePr\u00fcgel\u201c und \u201eMesserstiche\u201c. Ohne es beeinflussen zu k\u00f6nnen, kullern mir dicke Tr\u00e4nen des Mitgef\u00fchls die Wangen hinab. Sie ist so jung und hat so viel Leid erfahren. Ich sp\u00fcre wie ich innerlich unweigerlich ein kleines St\u00fcck aufrei\u00dfe.<br \/>\nIm Anschluss wird eine kleine Pause gemacht. Die Geschichte hat alle sehr bewegt und Karin ist froh, ihre Geschichte endlich erz\u00e4hlt zu haben.<\/p>\n<p>Als sich alle soweit wieder gesammelt haben, ist Gustav an der Reihe. Er geh\u00f6rte zu denjenigen, denen man abends nur ungern alleine begegnet. Seine Stimme jedoch wirkt bei weitem nicht so stark, wie sein Auftreten. Beinahe fl\u00fcsternd erz\u00e4hlt er, dass er gehasst wird, dass er gegen seinen Willen t\u00e4towiert und ihm mehrmals die Messerklinge angedroht wurde.<br \/>\nAnschlie\u00dfend ist nur noch Veronica vor mir an der Reihe, die sich fast schon daf\u00fcr entschuldigt, dass sie eine sehr viel weniger spektakul\u00e4re Geschichte zu erz\u00e4hlen hat. Sie spricht von einem Hundebiss und davon, dass sie seither Angst vor Hunden habe. Zudem sei sie an der selben Stelle hingefallen und habe sich an einem Stein aufgeschlagen. Aber sie wird gemocht, weil sie so ungew\u00f6hnlich aussieht.<\/p>\n<p>Als sie mit ihrer Erz\u00e4hlung fertig ist, sehen mich alle erwartungsvoll an. Ich beginne z\u00f6gerlich zu hinterfragen, ob ich \u00fcberhaupt in diese Runde passe. Ich habe zwar auch eine schmerzvolle Geschichte zu erz\u00e4hlen und bin eigentlich wie alle anderen Anwesenden, aber mich kann man nicht einfach \u00fcbert\u00e4towieren oder per Lasertechnik entfernen. Selbst mit den gr\u00f6\u00dften Bem\u00fchungen, wird es beinahe unm\u00f6glich, mich zu vergessen oder so lieben zu lernen, wie zum Beispiel meine Vorrednerin Veronica. Ich bin nicht sch\u00f6n, sondern nur schmerzhaft. Bei jeder leidlichen Erfahrung rei\u00dfe ich wieder auf und erinnere an den Schmerz der vergangenen Jahre. Ich werde verdr\u00e4ngt und von Au\u00dfenstehenden oft nicht ernst genommen. Ich bin der Spiegel aller negativen Erfahrungen und nehme alles Leid in mich auf. Ich bringe meinen Tr\u00e4ger regelm\u00e4\u00dfig zum weinen und brenne mich immer tiefer ein, je mehr Schmerz er erfahren muss.<br \/>\nIch bin die Narbe am Herzen. Wie jede andere Narbe, habe auch ich eine Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich haste die Treppe der U-Bahn an zahlreichen Menschen vorbei nach oben. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich es nicht p\u00fcnktlich schaffen werde. Soll ich lieber gleich wieder umkehren? Nein, schon die letzten Wochen hab ich immer wieder eine Ausrede gefunden, um vor der T\u00fcr wieder umzudrehen. 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