{"id":2986,"date":"2010-07-26T23:46:51","date_gmt":"2010-07-26T21:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=2986"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"ich-hatte-schon-viele-arsche-auf-mir-sitzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/07\/26\/ich-hatte-schon-viele-arsche-auf-mir-sitzen\/","title":{"rendered":"Ich hatte schon viele \u00c4rsche auf mir sitzen"},"content":{"rendered":"<p>Alt, gebrechlich, abgenutzt und l\u00e4ngst nicht mehr sch\u00f6n \u2013 so f\u00fchlt es sich an, ein Stuhl zu sein.<\/p>\n<p>Mein Name ist Marcel \u2013 benannt nach meinem \u201eSch\u00f6pfer\u201c. Ich bin 56 Jahre alt und aus Robinienholz gemacht. Ja, ich bin ein Stuhl! Fr\u00fcher war ich ein sehr lebensfrohes und ansehnliches, massives und wertvolles M\u00f6belst\u00fcck.<\/p>\n<p>In meinem Leben habe ich schon viele sch\u00f6ne Dinge gesehen und erlebt. Ich wurde gesch\u00e4tzt, verschenkt, weiterverkauft, geschmirgelt, neu lackiert, mit Polstern gekleidet, in Stuhlkreise integriert, zurechtger\u00fcckt. Ich war schon in vielen H\u00e4usern und Wohnungen zu Hause, stand so manches Mal in einem sch\u00f6nen Garten, wurde aber auch schon mal in einem Keller untergestellt. Kinder freuten sich, wenn sie mich bei \u201eReise-nach-Jerusalem\u201c rechtzeitig ergattern konnten, Katzen w\u00e4rmten meine Sitzfl\u00e4che mit ihrem geschmeidigen Fell, Menschen nahmen gerne auf mir Platz und verweilten lange, da ich so bequem bin.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre habe ich als stiller Beobachter vieles von den Menschen gelernt. So verstehe ich nun vier Sprachen, wei\u00df vieles \u00fcber Themen wie Politik, Religion, Gesellschaft, Familie, Freundschaft, Literatur, Film, Kunst, Urlaub, oder verschiedene Berufe. Das waren oftmals Dinge, die ich gar nicht freiwillig h\u00f6ren wollte, mich jedoch weitergebildet haben. Zudem kann ich verschiedene Ger\u00fcche zuordnen und wei\u00df zum Beispiel ungef\u00e4hr, was Du heute gegessen hast, wenn Du dich auf mich setzt. Ich habe derweilen auch eine recht realistische Gewichtseinsch\u00e4tzung und merke sofort, wenn Du zugenommen hast. Mein neuestes Hobby ist es, herauszufinden welchen Stoff Du tr\u00e4gst. An guten Tagen kann ich sogar die Designermarke erraten.<\/p>\n<p>Warum ich solche Hobbys entwickle? Fr\u00fcher habe ich in Gedanken mit einem meiner Besitzer und seinem besten Freund jahrelang Schach gespielt. Ich konnte mich mit antiken M\u00f6beln in meiner Umgebung austauschen und auch von ihnen vieles lernen. Ich habe die Kreuzwortr\u00e4tsel einer alten Dame gedanklich gel\u00f6st, wenn sie die Fragen vor sich her gesagt hat. Ich habe die Menschen und ihre Eigenheiten studiert, war aufmerksam, wenn sie miteinander sprachen und analysierte Konfliktsituationen. Partei ergriff ich nat\u00fcrlich immer f\u00fcr meinen Besitzer, da ich ein treuer Stuhl war. Ich war also stets gefordert und besch\u00e4ftigt. Bis jetzt!<\/p>\n<p>Nun bin ich bei dir gelandet, da Du als m\u00f6chtegern-alternatives, pubertierendes Pickelm\u00e4dchen auf einem Flohmarkt die Summe deines Monatstaschengeldes ausgegeben hast um mich zu erstehen. Da Du so stolz auf dein neues M\u00f6belst\u00fcck warst, musstest Du mich nat\u00fcrlich erst meines Lackes entledigen, unprofessionell an mir rumschmirgeln um mich dann mit Servietten(!) einzukleiden. Serviettentechnik scheint ja wirklich \u201ein\u201c zu sein, denn einige deiner anderen M\u00f6bel hast Du auch schon auf diese Art verunstaltet. Und in welcher Farbe hast Du mich bevorzugt? Nat\u00fcrlich- pink!!! Pinke Bl\u00fcmchen und florale Muster zwischen kleinen Sternchen und Herzchen. An dieser Stelle w\u00e4re ich dankbar \u00fcber die F\u00e4higkeit, einfach mal kotzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber das ist noch nicht alles! Du stellst mich in dein stickiges Jugendzimmer, um deine nach k\u00fcnstlichen Blumen stinkenden Klamotten (bevorzugt gebl\u00fcmt in Bonbon- und Pastellt\u00f6nen) auf mir abzulegen und meine einzigen m\u00f6glichen Gespr\u00e4chspartner sind einf\u00e4ltige, ungebildete IKEA-M\u00f6bel namens S\u00f6ren, Bj\u00f6rn und Billy, die noch nicht mal ihre Heimatsprache sprechen. Dir darf ich daf\u00fcr t\u00e4glich gef\u00fchlte zweitausend Mal dabei zuh\u00f6ren, wie Du ein- und dasselbe Lied mit quietschender Stimme in gebrochenem Englisch mitgr\u00f6hlst. Falls Du tats\u00e4chlich mal die Klappe h\u00e4ltst, bist Du damit besch\u00e4ftigt zu weinen. Du schreibst hunderte Gedichte und Kurzgeschichten, die alle von Liebeskummer und unerf\u00fcllten M\u00e4dchentr\u00e4umen erz\u00e4hlen, was sowieso niemand lesen will! Dein bester Freund ist ein wei\u00dfer Stoffhase, den Du z\u00e4rtlich \u201eSchnuffel\u201c getauft hast. Er begleitet dich seit deiner Geburt durch die, deiner Meinung nach, so schreckliche Welt und bekommt alles Leid, das dir widerf\u00e4hrt, auch prompt erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ich kann das alles nicht mehr h\u00f6ren! Aus dem attraktiven, gut gebauten, starken Stuhl wurde ein gebrechlicher, alter, h\u00e4sslicher, depressiver, pinkfarbener Haufen Holz! Wer w\u00fcrde sich da nicht das Leben nehmen? Daher m\u00f6chte ich, dass Du das hier als Abschiedsbrief ansiehst. Denn ich glaube nicht, dass ich es \u00fcberleben werde, wenn ich uns (ja, dir und mir!) nun \u201eversehentlich\u201c die Beine breche, w\u00e4hrend Du gerade auf mir stehst, um deine neue Papierdeckenbeleuchtung (nat\u00fcrlich von IKEA) zurecht zu zupfen.<\/p>\n<p>Irgendwann werden sich alle M\u00f6bel an dir r\u00e4chen, ich mache nur den Anfang!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alt, gebrechlich, abgenutzt und l\u00e4ngst nicht mehr sch\u00f6n \u2013 so f\u00fchlt es sich an, ein Stuhl zu sein. Mein Name ist Marcel \u2013 benannt nach meinem \u201eSch\u00f6pfer\u201c. Ich bin 56 Jahre alt und aus Robinienholz gemacht. Ja, ich bin ein Stuhl! Fr\u00fcher war ich ein sehr lebensfrohes und ansehnliches, massives und wertvolles M\u00f6belst\u00fcck. 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