{"id":3190,"date":"2010-08-15T22:56:06","date_gmt":"2010-08-15T20:56:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=3190"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"tunnelblick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/08\/15\/tunnelblick\/","title":{"rendered":"Tunnelblick!"},"content":{"rendered":"<p>Bis vor einem Jahr h\u00e4tte ich mein bisheriges Leben als eher gew\u00f6hnlich und langweilig bezeichnet. Eint\u00f6niger aber gut bezahlter Job, kaum Freunde, kleine Wohnung, wenig Interessen. Bis ich umgezogen bin. Ich zog in ein sch\u00f6nes und ruhiges Viertel der Stadt, nahe einer Parkanlage mit kleinem See. Dort ging ich auch beinahe t\u00e4glich joggen und dehnte mich anschlie\u00dfend immer an der selben Parkbank, die stets unbesetzt war. Klingt noch immer langweilig und gew\u00f6hnlich? Ich w\u00fcrde fast schon spie\u00dfig behaupten. Doch dann traf ich Sie! Mit einem Buch in der Hand und einer Sonnenbrille auf der Nase sa\u00df Sie auf \u201emeiner\u201c Bank und las. Ich war sofort hin und weg! Obwohl ich mich z\u00f6gernd dazu entschloss, mich dennoch an der Parkbank zu dehnen, schenkte Sie mir nicht einen Moment ihrer Aufmerksamkeit, so sehr war Sie in ihr Buch vertieft. So joggte ich die letzten Meter zu mir nach Hause, in der Hoffnung, ihr ein weiteres Mal zu begegnen. So kam es dann auch.<\/p>\n<p>Mehrmals die Woche kreuzen sich unsere Wege entweder im Park, oder auf meinem Arbeitsweg. Einmal l\u00e4chelte Sie sogar in meine Richtung. Ob ich gemeint war, kann ich nicht genau sagen, da Sie abermals ihre Sonnenbrille trug und ich somit ihrem Blick nicht folgen konnte. Sie selbst sah jedes Mal noch ein St\u00fcck bezaubernder aus. Ich war bisher zu sch\u00fcchtern um Sie anzusprechen. Ob Sie wohl einen Freund hat? Durch ihre Fenster konnte ich zumindest bisher nie einen Mann feststellen. Ich hatte zuf\u00e4llig herausgefunden, wo Sie wohnt. Im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses, nur eine Strasse von meiner Wohnung entfernt. Sie hat auch einen kleinen Balkon, den Sie mit Blumen bepflanzt, die ich nicht kenne. Von der Strasse aus kann man in zwei R\u00e4ume blicken, daher nehme ich an, dass die Wohnung nicht sehr gro\u00df ist, wenn man den Schnitt des Hauses betrachtet. In meinen Tr\u00e4umen ist ihre Wohnung sehr gro\u00df und Sie meist leicht bekleidet.<\/p>\n<p>Neulich begegnete ich ihr auf dem Weg in die Innenstadt und begleitete Sie ein St\u00fcck. Daher wei\u00df ich nun auch, dass Sie noch studiert. Also ist die Frau meines Herzens nicht nur eine Sch\u00f6nheit, sondern auch noch schlau! Und auch sonst hat sie viele Interessen. Sie ist kunstbegeistert und geht zwei Mal die Woche auf einen nicht weit entfernten Hof zum Reiten. Gelegentlich trifft Sie sich auch mit ihren Freundinnen in einem Caf\u00e9, das nun auch mein Stammcaf\u00e9 geworden ist. Sie bestellt sich dort immer einen Milchkaffee und ein Glas Wasser.<br \/>\nDass Sie zudem \u00e4u\u00dferst fotogen ist, wei\u00df Sie vermutlich selbst nicht.<\/p>\n<p>Abends ist Sie immer recht lange wach und sitzt vor dem Computer. Diesen kann man von der Strasse aus gut sehen, jedoch leider nicht, was sie da macht. Daher hab ich Mal im Internet gest\u00f6bert, ob sie vielleicht irgendwo angemeldet ist. Ihren Namen hab ich ja erst k\u00fcrzlich durch eine ihrer Freundinnen erfahren, als sie in einem Club waren und Sie dann auf die Toilette gegangen ist. Ihre Telefonnummer bekam ich aber leider nicht \u00fcber die Freundin heraus. Jedoch wei\u00df das Internet alles. Ich wurde f\u00fcndig, kannte nun nicht nur ihre Telefonnummer, sondern auch ihren Beziehungsstatus und sonstige Interessen. Sozialp\u00e4dagogik studiert Sie also. Sie ist Single und hat eine Wishlist bei Amazon, auf der viele interessante B\u00fccher stehen. Ich habe noch keines davon gelesen. Sie scheint viele Freunde zu haben und hat auch eine Vielzahl sch\u00f6ner Fotos ins Netz gestellt. Ich schickte ihr eine Freundschaftseinladung. Darauf reagierte Sie leider nicht.<\/p>\n<p>Auch nicht auf meine Blumen, die ich ihr mit einem kleinen Gr\u00fc\u00dfk\u00e4rtchen versehen, vor die Haust\u00fcr legte. Wenn ich Sie anrief und durch den \u00fcberw\u00e4ltigenden Klang ihrer Stimme einige Sekunden sprachlos war, legte sie ver\u00e4rgert auf. Ich traute mich dann ein paar Stunden lang nicht mehr, erneut anzurufen. Ich war so sehr in Sie verliebt, dass ich richtig um ihre Gunst und ihre Aufmerksamkeit k\u00e4mpfte. Diese Bem\u00fchungen waren nat\u00fcrlich sehr zeitintensiv, weshalb ich auch meinen Job k\u00fcndigte. Umso mehr Zeit verblieb, um die Profile s\u00e4mtlicher ihrer Freunde durchzuklicken. Dadurch konnte ich mir auch ein besseres Bild \u00fcber Sie verschaffen. Im Lebensmittelgesch\u00e4ft verglich ich die Waren in ihrem Einkaufskorb mit den meinen und stellte gedanklich ein Men\u00fc zusammen. Dieses versuchte ich zu Hause nachzukochen, machte ein Foto davon und f\u00fcgte ihre strahlende Gestalt per Photoshop hinzu, als w\u00fcrde Sie bei mir am Tisch sitzen. Ich freute mich sehr \u00fcber das gelungene Kunstwerk, welches sehr echt wirkte und warf einen Ausdruck davon direkt in ihren Briefkasten. Damit Sie es auch finden konnte, klingelte ich bei ihr und verschwand dann hinter dem Geb\u00fcsch im Nachbargarten. Ich wollte schlie\u00dflich sehen, wie sehr Sie sich \u00fcber meine Kreativit\u00e4t freuen w\u00fcrde. Ich wartete sehr lange, aber Sie trat leider nicht aus der T\u00fcr. Auch ging Sie gar nicht mehr ans Telefon. Ich machte mir Sorgen!<\/p>\n<p>Als ich dann mit Hilfe einer Leiter aus dem Gartenschuppen des Nachbars den Balkon hinauf kletterte, um zu sehen, ob bei ihr alles in Ordnung war, sah Sie mir das erste Mal direkt in die Augen. Ich war v\u00f6llig bezaubert. Sie schrie. Warum wei\u00df ich nicht. Leider war es das letzte Mal, dass ich ihr so direkt ins Gesicht blicken konnte. Die Polizei sprach von Stalking, Hausfriedensbruch und anderen Dingen, die ich nicht nachvollziehen konnte. Nun muss ich leider erneut umziehen, da ich mich ihr nur noch auf 500 Meter n\u00e4hern darf. Mein Therapeut sagt, es sei besser f\u00fcr mich, die Stadt komplett zu verlassen. Er sagt, die Liebe w\u00fcrde dann auch bald enden, die Medikamente unterst\u00fctzen dies.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis vor einem Jahr h\u00e4tte ich mein bisheriges Leben als eher gew\u00f6hnlich und langweilig bezeichnet. 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