{"id":3667,"date":"2010-09-24T02:27:31","date_gmt":"2010-09-24T00:27:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=3667"},"modified":"2025-06-24T07:27:11","modified_gmt":"2025-06-24T05:27:11","slug":"knochenwald-teil-eins","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/09\/24\/knochenwald-teil-eins\/","title":{"rendered":"Knochenwald, Teil eins."},"content":{"rendered":"<p>\u00bbK\u00f6nnen Sie mir helfen?\u00ab fragte sie. Ein \u00e4ngstlicher Blick, verst\u00f6rt und abweisend, schaute mich eindringlich an. In diesem Moment sah sie aus wie ein Kind, als ob eine unsichtbare Macht zwanzig Jahre aus einem Leben gestrichen h\u00e4tte. Ihre Gesichtsz\u00fcge waren weich und glatt, die Augen gro\u00df und rund wie Glasmurmeln in Stofftieren. So sah sie sp\u00e4ter nie wieder aus.<\/p>\n<p>Ein konstanter Ostwind lie\u00df eine blonde Str\u00e4hne in ihrem Gesicht zittern. Sie war offensichtlich besser auf das Wetter eingestellt als ich. Sie trug ein schwarzes Regencape mit Fellkapuze, w\u00e4hrend ein feiner Nieselregen mein bestes Hemd durchdrang und mich langsam ausk\u00fchlte. \u00bbK\u00f6nnen Sie mir bitte helfen!\u00ab sagte sie noch einmal und unterstrich ihre Aufforderung mit einer leisen, aber energischen Anhebung ihrer Stimme.<\/p>\n<p>\u00bbIst es denn schon Weihnachten?\u00ab sagte ich zynisch und bereute die Frage im gleichen Augenblick. Die Kaltherzigkeit war unpassend und unh\u00f6flich. Ihr Blick senkte sich, suchte nach einem sicheren Halt auf dem glitzernden Asphalt und fand keinen. Wie tief bin ich gesunken, durchzuckte mich die Erkenntnis und schon kam der n\u00e4chste Gedanke; dass ich mich mit mir selbst auseinandersetzte, statt dieser Frau zu helfen, die sich offensichtlich in einer Notlage befand. Diese Gewissheit machte es mir nicht leichter. Die unbequeme Ahnung, f\u00fcr jemand Unbekannten einen Handstreich oder mehr tun zu m\u00fcssen, lie\u00df mich unmerklich einen Schritt zur\u00fcckweichen. Das Wetter tat sein \u00dcbriges, um die Situation so unangenehm wie m\u00f6glich werden zu lassen. Der Nieselregen wuchs binnen weniger Minuten zu einem sintflutartigen Regenguss an. Vielleicht hatte Gott nun endlich genug von seiner Sch\u00f6pfung. Oder zumindest von mir. Ich war moralisch und ethisch gesehen ein Paradebeispiel seines misslungenen Experiments Mensch.<\/p>\n<p>\u00abMein Name ist Anna Karilenko, ich bin russische Staatsb\u00fcrgerin.\u00bb Die Erw\u00e4hnung ihrer Heimat gab ihr Selbstsicherheit. Ihr Blick wurde stolz, sie richtete ihren K\u00f6rper auf und ich bemerkte, wie ihre wei\u00dfen Fingerkn\u00f6chel &#8211; sie hatte die H\u00e4nde energisch zu F\u00e4usten geballt &#8211; in den Taschen ihres Regenmantels verschwanden. Sie fixierte mich und ich erkannte in ihrem selbstsicheren Blick, dass ich ihr letztendlich helfen w\u00fcrde. Sie hatte l\u00e4ngst die Kontrolle \u00fcber das Gespr\u00e4ch \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>\u00abWie kann ich Ihnen helfen, Anna Karilenko aus Russland\u00bb, fl\u00fcsterte ich. Gro\u00dfe Tropfen liefen \u00fcber ihr Gesicht, wie die manifestierte Trauer Gottes und ich war mir nicht sicher, ob ich leise genug gesprochen hatte, um mein Angebot im Prasseln des Regens untergehen zu lassen. Ich wollte l\u00e4ngst zuhause sein. Ein Glas Rotwein in der Hand, einen Literaturklassiker auf dem Scho\u00df. Wenige Seiten lesen, die Augen schlie\u00dfen und mich dem leisen Summen des Vergessens hingeben, das der Alkohol nach wenigen Schlucken in mir ausl\u00f6st. Stattdessen stand ich hier, einen halben Meter vom meinem Auto entfernt, den Schl\u00fcssel schon in der Hand, mit dieser Frau, die im Dunkeln aufgetaucht war, als h\u00e4tte diese gewaltt\u00e4tige Stadt sie aus ihren Eingeweiden ausgespien.<\/p>\n<p>Als ich klein war, dachte ich diese Stadt w\u00e4re eine Stadt aus einer Geschichte. Nachdem sie mich weit mehr als ein Vierteljahrhundert an sich gekettet hatte, erkannte ich ihr wahres Gesicht. \u00abDiese Stadt lebt eine L\u00fcge\u00bb, sagte ich gedankenverloren und schaute\u00a0die stolze Russin an. Anna Karilenko antwortete, ohne auf meine Bemerkung einzugehen, dass ich sie mit zu mir nach Hause nehmen sollte.<\/p>\n<p>Verwundert hob ich die Augenbrauen. Die ganze Situation nahm eine unangenehme Wendung. Allein der Gedanke, dass mein unausgesprochenes Angebot zu einer gr\u00f6\u00dferen Hilfeleistung als ein Telefonat oder die Wegbeschreibung zur n\u00e4chsten Polizeiwache werden k\u00f6nnte, liess mich fr\u00f6steln. Die Gewissheit, den heiligen Samariter spielen zu m\u00fcssen, erw\u00e4rmte mich nicht im geringsten und f\u00fcr sexuelle Ambitionen war ich nicht in der Stimmung. Ich war m\u00fcde, nass und schlecht gelaunt. Der vorangegangene Abend hatte einen erheblichen Beitrag dazu geleistet. Karen hatte mir eindeutig klar gemacht, dass unsere Beziehung mehr als eine Pause ben\u00f6tigte, ohne ihren Teller Gambas nach Thai-Art aus den Augen zu verlieren. Nachdem sie die Sauce mit meiner Brotbeilage aufgewischt und gegessen hatte, stand sie wortlos auf und lie\u00df mich mitsamt der Rechnung in unserem Restaurant sitzen. Ich bestellte mir noch ein Wasser, trank aus, bezahlte und trat dann in die k\u00fchle Nachtluft, um ein paar Meter weiter auf die \u00f6min\u00f6se Russin zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>\u00abAch was soll&#8217;s\u00bb, seufzte ich und dr\u00fcckte den abgewetzen Knopf meines Fahrzeugschl\u00fcssels. Mit einem leisen Piepen \u00f6ffnete sich die Zentralverriegelung. Bevor ich den Wagen umrundet hatte, sa\u00df sie bereits auf dem Beifahrersitz, schlug die fellumrandete Kapuze zur\u00fcck und fuhr sich mit der linken Hand durch ihr blondes feuchtes Haar. Sie trug einen breiten silberfarbenen Siegelring am Daumen, dessen fein gearbeitete Zieselierung an eine Schlange erinnerte.<\/p>\n<p>Ich startete den Wagen, schaltete die Heizung auf Maximalbetrieb und setzte zur\u00fcck. Als ich nach hinten blickte, streifte mein Blick ihre Augen. Etwas darin verriet mir, dass sie etwas zu dicht an dem Zaun stand, der den Hof der guten M\u00e4dchen von dem der b\u00f6sen trennt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbK\u00f6nnen Sie mir helfen?\u00ab fragte sie. Ein \u00e4ngstlicher Blick, verst\u00f6rt und abweisend, schaute mich eindringlich an. In diesem Moment sah sie aus wie ein Kind, als ob eine unsichtbare Macht zwanzig Jahre aus einem Leben gestrichen h\u00e4tte. 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