{"id":4058,"date":"2010-11-03T17:19:27","date_gmt":"2010-11-03T15:19:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4058"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"wahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2010\/11\/03\/wahn\/","title":{"rendered":"Wahn"},"content":{"rendered":"<p>Wie so h\u00e4ufig in den letzten anderthalb Jahren, stehen Marie und Lukas morgens vor ihren Autos auf dem Parkplatz und verabschieden sich mit einem z\u00e4rtlichen Kuss voneinander. W\u00e4hrend er nach links in Richtung Arbeit abbiegt, f\u00e4hrt sie zu sich nach Hause um zu duschen und sich umzuziehen, bevor sie sich dann auf den Weg zur Uni macht.<br \/>\nNicht so an diesem Tag. Kurz nachdem sie das Radio angestellt und den Blinker gesetzt hatte, entdeckt sie im fahlen Licht des Sonnenaufgangs ein rotes Auto im R\u00fcckspiegel, das ihr immer dichter auff\u00e4hrt. Durch die geringe Distanz, sieht sie eine weibliche Gestalt mit blondem Haar, die sie mit w\u00fctenden Augen anfunkelt.<br \/>\nMarie denkt sich nichts weiter dabei und f\u00e4hrt rechts ran, um die augenscheinlich eilige Person hinter sich vorbei zu lassen. Doch diese weicht auch dann nicht von ihrer Spur direkt hinter Marie ab und dr\u00e4ngt sich immer weiter auf. Mit einem mulmigen Gef\u00fchl steuert Marie nun doch lieber stadtausw\u00e4rts, statt die Dr\u00e4nglerin direkt zu ihr nach Hause zu f\u00fchren. <\/p>\n<p>Gesch\u00e4tzte drei\u00dfig Minuten und zwanzig Kilometer sp\u00e4ter, greift Marie nun panisch und angsterf\u00fcllt nach ihrem Handy, um ihren Freund anzurufen, der nun schon l\u00e4ngst bei der Arbeit sein m\u00fcsste. Lukas versucht sie durch den H\u00f6rer zu beruhigen und versichert ihr, die Verfolgerin nicht zu kennen. Nachdem sie wenige Minuten sp\u00e4ter auflegen, ist das rote Fahrzeug pl\u00f6tzlich aus Maries Sichtfeld verschwunden. Sie muss abgebogen sein. <\/p>\n<p>Erleichtert f\u00e4hrt Marie auf den n\u00e4chsten Parkplatz und beugt sich mit den zitternden H\u00e4nden und ihrem kaltschwei\u00dfigen Gesicht \u00fcber das Lenkrad. Sie muss sich konzentrieren, wieder langsam und regelm\u00e4\u00dfig zu atmen. Sie kann die Situation nicht einordnen und versteht nicht, was die fremde Person von ihr gewollt haben konnte, warum sie ihr eine solche Angst einjagt. Sie rei\u00dft sich zusammen und verdr\u00e4ngt die wirren Gedanken aus ihrem Kopf, um den Tag so normal wie m\u00f6glich fortzuf\u00fchren.<br \/>\nZu Hause angekommen, begegnet ihr eine ihrer neuen Mitbewohnerinnen fr\u00f6hlich auf dem Flur. Bei einer gemeinsamen Tasse hei\u00dfem Tee, erz\u00e4hlt Marie, was ihr widerfahren ist. Ihre Mitbewohnerin zeigt wenig Interesse und tut den Vorfall als seltsamen Zufall ab, es w\u00fcrde sich vielleicht auch um eine Verwechslung handeln. Stattdessen erz\u00e4hlt sie Marie von ihrer neuen m\u00e4nnlichen Errungenschaft, in die sie neuerdings verliebt sei aber noch nicht so recht wisse, woran sie bei ihm sei, da sie sich meist nur vormittags trafen. Marie h\u00f6rt ihr nur mit einem halben Ohr zu und verabschiedet sich dann genervt von so viel Egoismus unter die Dusche.<\/p>\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter, als sie den Vorfall schon fast vergessen hatte, traf sie sich mit Lukas in der Stadt, um ein Geburtstagsgeschenk f\u00fcr seine Mutter zu besorgen, die Marie noch immer nicht kennen gelernt hatte. Seine Familie wohnt zu weit weg, um einen spontanen Wochenendbesuch abzuhalten und sein Kontakt zu ihnen scheint auch nicht sehr eng zu sein.<br \/>\nH\u00e4ndchenhaltend schlendern sie von Gesch\u00e4ft zu Gesch\u00e4ft, um das perfekte Geschenk zu finden. Doch in der n\u00e4chsten Sekunde bleibt Marie wie erstarrt stehen. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite erkennt sie das selbe rote Auto, das ihr noch Tage zuvor kalten Schwei\u00df \u00fcber den K\u00f6rper trieb, doch weit und breit ist keine Blondine zu sehen.<br \/>\nW\u00e4hrend Marie innerlich immer unruhiger wird, l\u00e4uft Lukas, der sich von ihrer Hand gel\u00f6st hatte, mit gesenktem Blick und schnellen Schritten stur geradeaus, ohne Marie zu beachten. Misstrauisch be\u00e4ugt sie sein merkw\u00fcrdiges Verhalten und die Situation, die sich zusammengetragen hatte, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte den Vorfall mit der Verfolgung durch die Stadt genauso abgetan, wie ihre Mitbewohnerin und wirkte dabei sogar leicht w\u00fctend, sodass sie schon begann, an sich selbst zu zweifeln.<\/p>\n<p>Einige Minuten sp\u00e4ter, bittet Lukas darum, den Stadtbummel auf ein andermal zu verschieben. Er w\u00e4re ersch\u00f6pft und m\u00f6chte nun lieber gem\u00fctlich etwas essen gehen. Bei ihrem Lieblingsitaliener angekommen, ist die Stimmung zwischen den beiden weiterhin angespannt und Marie traut sich nicht, anzusprechen was sie gesehen hatte. Nach dem recht stillen Essen, verabschieden sie sich mit einem fl\u00fcchtigen Kuss voneinander. Sie w\u00fcrden sich morgen oder \u00fcbermorgen wieder sehen.<br \/>\nAuf dem Weg zu ihrem Auto, \u00fcberkommt sie wieder ein seltsames Gef\u00fchl und sieht sich unauff\u00e4llig um. Da ist es wieder \u2013 das rote Auto. Ihre Schritte werden schneller, sie dr\u00fcckt ihre Tasche enger an den K\u00f6rper und versucht gleichm\u00e4\u00dfig durch Mund und Nase zu atmen. Als sie nur noch zwei Stra\u00dfen von ihrem Auto entfernt ist, wird sie von einem Lichtkegel erfasst, der von dem Auto ausgeht, das hinter ihr die Stra\u00dfe hinab rollt. Sie muss sich gar nicht umdrehen, um zu wissen, wer hinter dem Streuer sitzt. Als sie gerade um die letzte Ecke abbiegen will, h\u00f6rt sie das Quietschen der Reifen und sp\u00fcrt einen Sto\u00df, der sie zu Boden fallen l\u00e4sst. Der Inhalt ihrer Tasche liegt vor ihr auf dem Asphalt verteilt und als sie aufblickt, ist das Auto schon l\u00e4ngst verschwunden. \u00c4ngstlich und sauer zugleicht, sammelt sie ihre Sachen auf und rennt mit einem leicht aufgesch\u00fcrftem Knie zu ihrem Auto.<\/p>\n<p>\u201eEine neue Nachricht!\u201c, ert\u00f6nt es vor ihr. Die E-Mail ist von Lukas, nachdem er sich drei Tage lang nicht gemeldet und weder auf Anrufe, noch auf SMS oder E-Mails reagiert hatte. In ihren Augen steigen Tr\u00e4nen der Wut auf, als sie die Zeilen liest, die ihr vermitteln, dass sie sich zuk\u00fcnftig nicht mehr sehen k\u00f6nnen. Einen Grund daf\u00fcr schreibt er nicht. Auf den wiederholten Versuch, bei ihm anzurufen, fiept ihr nur das Besetztzeichen entgegen. Aufgew\u00fchlt tigert sie durch die Wohnung auf der Suche nach einem Gespr\u00e4chspartner, bei dem sie sich ausheulen kann, doch die eine Mitbewohnerin telefoniert gerade und die andere ist nicht zu Hause. Marie f\u00fchlt sich furchtbar einsam, als kurz darauf an die Wohnungst\u00fcr geklopft wird. Sie schreckt auf und versucht durch den T\u00fcrspion zu erkennen, wer es sein mag. Zu sehen ist nur Dunkelheit. Sie sp\u00e4ht durch einen T\u00fcrspalt und sieht einen Brief auf dem Boden liegen, doch vom Absender ist keine Spur.<br \/>\nZu lesen ist nur eine Zeile in Arial, Schriftgr\u00f6\u00dfe 14: \u201eDienstag um 15 Uhr im Caf\u00e9 Adria.\u201c<br \/>\nDienstag ist schon morgen und sie glaubt, Lukas zu einem kl\u00e4renden Gespr\u00e4ch zu treffen.<\/p>\n<p>W\u00fctend und doch aufgeregt betritt sie p\u00fcnktlich das Caf\u00e9, doch k\u00f6nnen ihre Augen Lukas nicht ausfindig machen. Stattdessen sieht sie unter den wenigen G\u00e4sten ein kleines blondes M\u00e4dchen, das mit einer Frau spricht, von der Marie nur den R\u00fccken und eine Strickm\u00fctze zu sehen bekommt. Das M\u00e4dchen kommt ihr bekannt vor, doch wei\u00df sie nicht woher. Als sie an diesem Tisch vorbei geht, um auch im hinteren Bereich des Caf\u00e9s nachzusehen, wird sie am Arm festgehalten. Erschrocken dreht sich Marie um und blickt in das Gesicht ihrer Verfolgerin. Diese dr\u00fcckt Marie mit den Worten \u201eSetzen sie sich!\u201c, auf den letzten freien Stuhl an ihrem Tisch, zwischen Mutter und Tochter.<\/p>\n<p>\u201eMein Name ist Karin und das ist Lisa. Entschuldigen sie, was ich getan habe, aber ich war so sauer! Ich hoffe ich habe ihnen nicht ernsthaft wehgetan.\u201c Verwirrt versucht Marie die Situation zu verstehen. \u201eSauer wor\u00fcber?\u201c &#8211; \u201eHat ihnen Lukas denn nicht von uns erz\u00e4hlt?\u201c Kopfsch\u00fcttelnd schwillt der Klo\u00df in Maries Hals an. \u201eIch bin seine Ehefrau und das ist seine f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter.\u201c Ungl\u00e4ubig sieht Marie in das l\u00e4chelnde Gesicht des kleinen Blondschopfes und kann die dicken Tr\u00e4nen nicht aufhalten, die aus ihren Augen kullern. \u201eTja und wie es aussieht, sind sie eine seiner Geliebten.\u201c Nach einem kurzen Moment der Fassung, erwidert sie: \u201e<em>Eine<\/em> seiner Geliebten?\u201c &#8211; \u201eJa, ich bin mir sicher, dass sie nicht die Einzige sind. Ich habe viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, wo sich mein Mann aufh\u00e4lt, wenn er weder auf der Arbeit, noch bei uns zu Hause ist. Da bin ich eben auch auf ihre Wohnung gesto\u00dfen, als ich ihn beschattet hatte. Ich h\u00e4tte nur nicht vermutet, dass sie ahnungslos sind.\u201c &#8211; \u201eMoment mal, wie k\u00f6nnen sie denn auf meine Wohnung gesto\u00dfen sein? Er war noch nie bei mir zu Hause!\u201c &#8211; \u201eDaf\u00fcr hab ich ihn aber h\u00e4ufig vormittags in das Haus spazieren sehen, in dem sie wohnen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie so h\u00e4ufig in den letzten anderthalb Jahren, stehen Marie und Lukas morgens vor ihren Autos auf dem Parkplatz und verabschieden sich mit einem z\u00e4rtlichen Kuss voneinander. 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