{"id":4498,"date":"2011-03-25T20:47:24","date_gmt":"2011-03-25T18:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4498"},"modified":"2011-03-30T00:17:57","modified_gmt":"2011-03-29T22:17:57","slug":"kalle-gibt-den-ton-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/03\/25\/kalle-gibt-den-ton-an\/","title":{"rendered":"Kalle gibt den Ton an."},"content":{"rendered":"<p>Die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel in Berlin sind Transportmittel f\u00fcr menschlichen Abschaum aller Art.\u00a0 Jeder Hinz und Kunz wird Tag und Nacht von a nach b kutschiert- mit Hunden, Kinderw\u00e4gen und Ikea Eink\u00e4ufen im Schlepptau dr\u00e4ngelt sich die breite Masse in U und S Bahnen um nicht selten wenige hundert Meter Fu\u00dfweg zu sparen. F\u00fcr jeden vernunftbegabten Menschen muss dieses Theater ein sehr zweifelhaftes Schauspiel sein: man k\u00f6nnte meinen, dass bei all den Touristen, Bier saufenden Bauarbeitern und Handy-Ghettoblaster Gangster Klappspaten die schiere N\u00e4he einer Haltestelle ausreicht, um das Gehirn auf Halbmast zu h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Dabei ist es doch gar nicht so schwer. Mit einigen wenigen simplen Regeln kommt man auch hier problemlos zurecht, ganz ohne anderen Mitmenschen stets und st\u00e4ndig im Weg zu stehen oder ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf den Keks zu gehen. Das f\u00e4ngt schon bei den Treppen zu den Gleisen an. Links stehen, rechts gehen. Das ist nun wirklich nicht schwer zu merken. Links stehen, rechts gehen. Nicht links stehen, rechts stehen. Und ganz besonders nicht \u201eDirekt nach dem Verlassen der Rolltreppe stehen.\u201c jedem Besucher dieser Stadt, der seinen Liniennetzplan auffaltet sobald sein Fu\u00df die letzte sich bewegende Stufe verlassen hat m\u00f6chte man von hinten eine stumpfe Axt in den Sch\u00e4del rammen. \u00dcberhaupt scheint es so, als w\u00e4ren sich Touristen wie leicht bis mittelschwer unterbelichtete Mitbewohner in keiner Situation der Tatsache bewusst, dass sie nicht alleine unterwegs sind sondern sich hinter ihnen und ihren grenzdebilen \u00dcberlegungen, welchen Klingelton sie als n\u00e4chstes f\u00fcr alle h\u00f6rbar durch das Abteil schallen lassen sollen, noch andere Menschen befinden. Ich werde nie verstehen, warum man in eine Bahn steigt, noch in der T\u00fcr inneh\u00e4lt, sich 3 mal nach links und rechts umdreht um jede sich bietende Sitzgelegenheit gegeneinander aufzuwiegen und dann doch lieber stehen bleibt- direkt neben dem Eingang nat\u00fcrlich. Diese Disziplin erfreut sich auch in den Bussen enormer Beliebtheit- hier werden auch gerne zus\u00e4tzlich s\u00e4mtliche Hinweise der kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehenden Busfahrer ignoriert, dass man sich bitte aus dem T\u00fcrbereich entfernen soll. Wer k\u00e4me denn auch darauf, sich hier angesprochen zu f\u00fchlen, blo\u00df weil man in einem rot eingezeichneten Bereich steht auf dem zwei durchgestrichene F\u00fc\u00dfe zu sehen sind.<\/p>\n<p>Ja, die Berliner und ihre Touristen nehmen die Aufforderung \u201ezur\u00fcckbleiben bitte\u201c doch sehr ernst. Wirklichen Umgang mit den \u00d6ffis haben eigentlich nur zwei Gruppen: Berufspendler und Bahnbettler. Doch wer hier auf angenehme Mitfahrer hofft, irrt. Zwar sind diese Gesellen \u00e4u\u00dferst routiniert in dem was sie tun, aber nichts desto trotz immer noch \u00fcber alle Ma\u00dfen anstrengend.<\/p>\n<p>Berufspendler treten t\u00e4glich von etwa 5 bis 9 Uhr in allen gegebenen Verkehrsmitteln auf und sind sehr leicht zu erkennen: m\u00fcde starren sie mit trost- und geistlosen Blicken schwarze L\u00f6cher in die Atmosph\u00e4re und wirken wie eine kollektive Trauergemeinde auf dem Weg zur Beerdigung. Zwar nimmt die intellektuelle Anwesenheit in den Blicken dieser Spezies mit voranschreitender Uhrzeit exponentiell zu. Daf\u00fcr allerdings auch das Bed\u00fcrfnis, das morgendliche Fr\u00fchst\u00fcck nicht wie Andere auf dem K\u00fcchentisch zu erledigen, sondern in der Bahn. Egal ob sitzend, an eine Wand gelehnt oder bei jeder Haltestelle frei schwankend zwischen den Fluren umherstolpernd- gekr\u00fcmelt wird \u00fcberall. Ich glaube, der Mensch gibt viel von sich preis wenn er beim Essen beobachtet werden kann- und was man hier jeden Morgen zu sehen bekommt, l\u00e4sst erahnen, dass die mentale Verk\u00fcmmerung auch vor lacksch\u00fchchentragenden Schlipsproleten keinerlei Halt gemacht hat.Eher im Gegenteil: je besser der Anzug geschnitten, desto mehr Reste vom Sandwich landen darauf. Ein Naturgesetz, welches einen an besonders geeigneten Tagen jede Lust auf weitere soziale Kontakte aller Art verderben kann.<\/p>\n<p>Kr\u00fcmelfreier, aber deswegen nicht im Geringsten weniger appetithemmend sind die angesprochenen Bahnbettler. Zahn- und talentlos klimpern, tr\u00f6ten und lallen sie sich die Abteile entlang und wollen Geld f\u00fcr schlechte Musik, nutzlose Zeitungen oder auch gerne f\u00fcr gar nichts. Einfach so. im Glauben an das gute in der Menschheit. Ausgerechnet in der Bahn. Der Wiege jeden menschlichen Elends, dem Sammelpunkt f\u00fcr gruppendynamische Vollverbl\u00f6dung. Manch ein Tourist f\u00e4llt nat\u00fcrlich trotzdem darauf rein und gibt Kalle und Co ein wenig Kleingeld- ob er ihn nun f\u00fcr seine Darbietungen bezahlt oder daf\u00fcr dass er damit aufh\u00f6rt, sei dahingestellt. Kallele freut sich ein weiteres Loch und z\u00fcckt nachdem er bei der n\u00e4chsten Station ausgestiegen ist gleich sein Iphone um der Zentrale seinen Erfolg zu melden. Und w\u00e4hrend er so in der T\u00fcr steht und eine sms schreibt, versuchen schon andere wieder sich an Kalle vorbei zu dr\u00e4ngen um vom allt\u00e4glichen Bahn-Wahn auch ja nichts zu verpassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel in Berlin sind Transportmittel f\u00fcr menschlichen Abschaum aller Art.\u00a0 Jeder Hinz und Kunz wird Tag und Nacht von a nach b kutschiert- mit Hunden, Kinderw\u00e4gen und Ikea Eink\u00e4ufen im Schlepptau dr\u00e4ngelt sich die breite Masse in U und S Bahnen um nicht selten wenige hundert Meter Fu\u00dfweg zu sparen. 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