{"id":4510,"date":"2011-03-28T15:27:00","date_gmt":"2011-03-28T13:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4510"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"hinter-listen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/03\/28\/hinter-listen\/","title":{"rendered":"Hinter-Listen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eObstsalat ruft an\u201c steht auf dem Display und ich ertappe mich dabei, die Augen zu verdrehen.<\/p>\n<p>Das ist eigentlich nicht meine Art, da ich ihn schon immer sehr mochte. Obstsalat &#8211; so nenne ich meinen Opa, der gar nicht mein richtiger Opa ist. Zumindest nicht biologisch betrachtet. Wir haben ihn sozusagen in die Familie adoptiert, als ich klein war.<\/p>\n<p>Seit ich mich erinnern kann, wohnt er schon neben meinem Elternhaus. Er war immer da und seine T\u00fcr stand f\u00fcr mich immer offen. Er brachte mir Dinge bei, die meine Eltern nicht konnten. Er half mir bei meinen Hausaufgaben, daf\u00fcr versorgte ich seine Schildkr\u00f6ten. Er tat so, als w\u00fcrde ich ihm damit einen riesigen Gefallen tun, wusste aber, dass es mir einen Heidenspa\u00df bereitete. Obstsalat wurde auch gerne von meinen Eltern als Babysitter beansprucht, da jeder wusste, dass es wohl niemanden auf der Welt geben kann, auf den mehr Verlass war. Warum? Er hatte einen Tick f\u00fcr alles eine Liste zu verfassen.<\/p>\n<p>Akribisch erarbeitete er Notfallpl\u00e4ne, falls ein solcher eintreten w\u00fcrde. Er beschrieb jeden einzelnen Schritt, was bei einer Lebensmittelvergiftung, einer Schnittwunde, einem Kreislaufkollaps, Hausbrand oder Wasserschaden zu tun w\u00e4re. Darunter standen Adressen und Telefonnummern von Krankenh\u00e4usern in der Umgebung, Not\u00e4rzten, seinem und meinem Hausarzt und Personen die bei Unfall oder Todesfall kontaktiert werden sollen. Er fasste zusammen, wie viele Beatmungen bei wie vielen Herzmassagen n\u00f6tig seien, welche Medikamente sich im Haus befinden und wof\u00fcr sie sind. Darunter standen seine aktuellen Impfungen und die Termine der n\u00e4chsten Vorsorgetermine.<br \/>\nEine solche Auflistung wirkt nat\u00fcrlich entsprechend beruhigend auf die Eltern. Und ich hatte viel Spa\u00df mit ihm, konnte seine alphabetisch geordneten B\u00fccher lesen und mir jederzeit etwas aus seiner ausf\u00fchrlichen Musik- und Filmliste ausleihen, was nat\u00fcrlich auf der Verleihliste vermerkt wurde.<\/p>\n<p>Er brachte mir das Tanzen bei. Wir unternahmen viel und er erg\u00e4nzte regelm\u00e4\u00dfig eine Liste der m\u00f6glichen Freizeitaktivit\u00e4ten der n\u00e4chsten Wochen mit meinen Ideen und W\u00fcnschen. Beim Stadt, Land, Fluss spielen schummelte er, indem er sich schon vorher m\u00f6gliche Antworten zu jedem Buchstaben \u00fcberlegte, aufschrieb und auswendig lernte. Bei Scrabble hatte er jedoch keine Chance gegen mich.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dem gemeinsamen Kochen lag neben dem Rezept stets eine Liste der Lebensmittel, die als krebserregend eingestuft wurden. Wenn er andere zum Essen einlud, f\u00fchrte er eine G\u00e4steliste und stellte Namensk\u00e4rtchen auf den Tisch. Er war ein sehr guter Gastgeber, erheiterte immer wieder mit Witzen und Sinnspr\u00fcchen, die er sich aufschrieb, um sie im passenden Moment spontan abrufen zu k\u00f6nnen. Andere bel\u00e4chelten diese Eigenheiten h\u00e4ufig, ich fand sie sympathisch.<\/p>\n<p>Geburtstage verga\u00df er nie, da er sie in seinem Adressbuch und im Kalender notiert hatte. Auch die Geschenke, die er von anderen bekam, listete er feins\u00e4uberlich auf, damit ihm kein Missgeschick beim Weiterverschenken unliebsamer Dinge passieren konnte. Daf\u00fcr schrieb er w\u00e4hrend dem Jahr mit, wenn ihm etwas einfiel, was jemandem als Geschenk gefallen k\u00f6nnte und ersparte sich somit zum Beispiel den stressigen Weihnachtseinkauf. Eink\u00e4ufe wurden prinzipiell in einem Haushaltsbuch aufgef\u00fchrt, wodurch er mir auch immer wieder wehm\u00fctig pr\u00e4sentieren konnte, wie teuer das Leben im Laufe der Zeit doch wurde.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrte eine Statistik \u00fcber die H\u00e4ufigkeit und Seltenheit der gezogenen Lottozahlen. Dadurch bekam er das Gef\u00fchl, irgendwann wahrscheinlicher einer der Millionengl\u00fcckspilze zu werden. Als ich ihn vor langer Zeit einmal fragte, was er an sich oder seinem Leben \u00e4ndern w\u00fcrde, wenn er es nochmals leben k\u00f6nnte, begann er eine Liste dar\u00fcber zu f\u00fchren. Fremdsprachen wollte er lernen und schrieb ab diesem Zeitpunkt immer wieder S\u00e4tze ab, die er nicht aussprechen konnte. Auch Fremdw\u00f6rter, die er nicht kannte, strich er in B\u00fcchern mit einem Textmarker an und schrieb aus dem W\u00f6rterbuch die \u00dcbersetzung daneben.<\/p>\n<p>F\u00fcr meine ersten Bewerbungen schrieb er mir eine Liste der Berufe, die seiner Meinung nach zu mir passen k\u00f6nnten. Hinter jedem Beruf waren Universit\u00e4ten die in Frage k\u00e4men oder Firmen, bei denen ich mich bewerben k\u00f6nnte aufgef\u00fchrt. Er gab sich unheimlich viel M\u00fche und wollte unbedingt, dass ich gl\u00fccklich bin. Er gab mir einen Schl\u00fcssel f\u00fcr sein Haus und erkl\u00e4rte mir die Checkliste, die abgearbeitet werden muss, bevor das Haus verlassen wird. Damit konnte er beruhigt sein, dass z.B. die Kaffeemaschine aus ist. Er sammelte Fotos. Jedes Jahr machte er eines von mir und klebte es in ein Album.<\/p>\n<p>Ich war seine Familie. Was sehr traurig ist, denn er hatte sich immer eine eigene Familie gew\u00fcnscht. Er sprach zwar nie dar\u00fcber, aber ich entdeckte einst unter seinen vielen Listen eine, bei der er m\u00f6gliche Vornamen f\u00fcr seine Nachkommen aufgef\u00fchrt hatte. Darunter stand, was er in seinem Leben noch alles erleben und erreichen wollte. Kaum etwas davon hatte er je durchstreichen k\u00f6nnen. Bei den angegebenen Urlaubszielen setzte er einen Haken hinter \u00d6sterreich und Tschechien.<\/p>\n<p>Und nun ruft er mich an, nachdem ich mich erst vor zwanzig Minuten von ihm verabschiedet hatte.<br \/>\n\u201eJa?\u201c<br \/>\n\u201eHallo Liebes! Bist du noch in der N\u00e4he?\u201c<br \/>\nEr klang hilflos und flehend.<br \/>\n\u201eIch bin bei meinen Eltern. Brauchst du etwas?\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich stehe hier im Laden um die Ecke. Kannst du mir bitte meine Einkaufsliste vorbeibringen?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eObstsalat ruft an\u201c steht auf dem Display und ich ertappe mich dabei, die Augen zu verdrehen. 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