{"id":4561,"date":"2011-04-19T22:20:17","date_gmt":"2011-04-19T20:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4561"},"modified":"2025-06-24T07:23:32","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:32","slug":"weltenreisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/04\/19\/weltenreisen\/","title":{"rendered":"Weltenreisen"},"content":{"rendered":"<p>Irritiert befreie ich mich von den vertrauten Wurzeln, die mich versuchen zur\u00fcckzuhalten. Ruhen ist nun mal leichter als K\u00e4mpfen und ich habe hier sehr lange geruht. Warum ich nun mein Grab verlasse, wei\u00df ich selbst noch nicht. Breche ich die marode Kiste ohne viel M\u00fche auf und lasse mich von fremdem Schmerz leiten. Die D\u00e4mmerung brennt in meinen Augen, so lange habe ich nichts gesehen. Als w\u00e4re ich seit Jahren endlich wieder bei Bewusstsein, steuere ich zielstrebig auf ein Haus zu. Blasse Erinnerungen dr\u00e4ngen sich mir auf, doch erkenne ich nichts, was mich wachr\u00fcttelt, w\u00e4hrend ich durch das Haus wandle. Meine Uhr tickt anders, als die, die ich an der Wand h\u00e4ngen sehe. Ich bewege mich sehr viel langsamer und auch meine Gedanken kreisen nur tr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Angekommen in einem abgedunkelten Zimmer, nachdem ich den vertrauten und doch so fremden Gef\u00fchlen gefolgt bin, stehe ich vor einem jungen Mann. Er sieht ungl\u00fccklich aus und auch nach Tagen, die sich f\u00fcr mich nur wie Minuten anf\u00fchlen, ist kaum Regung in ihm zu erkennen. Ich sehe mich um, er scheint mich nicht zu bemerken. Als ich ihn n\u00e4her betrachte, haut mich eine Wucht der Erinnerungen beinahe um. Mein Spiegelbild in seinem Gesicht, eine andere Frisur. Langsam wird mir bewusst, vor wem ich stehe. Mein Sohn, den ich in den Armen seiner Mutter, meiner Frau, zur\u00fcck gelassen habe. Er war damals erst vier Jahre alt. Wie lange mag das wohl her sein? Er sieht erwachsen aus und wirkt doch so kindlich hilflos.<br \/>\nIch verbringe viel Zeit damit, ihn zu beobachten, mich in seine Gedankenwelt einzuschleichen und mich zu erinnern. Erinnern an seinen Namen, an mich selbst und mein Leben, als ich noch lebte. Warum tue ich es nicht mehr? Warum bin ich nun hier? <\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngt eine Auszeichnung. Jonas. So ist sein Name. Und er wurde f\u00fcr seine Noten ausgezeichnet. Nun zwingt er sich t\u00e4glich aus dem Bett, um einer Arbeit nachzugehen. Ansonsten scheint er kaum etwas zu unternehmen. Die Eindr\u00fccke ziehen zu schnell f\u00fcr meine m\u00fcden Zellen vorbei. Der Anblick meiner damaligen Ehefrau l\u00e4sst mich kalt, auch ihr neuer Lebensgef\u00e4hrte interessiert mich nicht. Nur mein Sohn l\u00f6st etwas in mir aus. Er war es auch, der mich herbeigesehnt hat. Und nun bin ich da, werde doch von niemandem wahrgenommen.<br \/>\nWochen vergehen, bis mir klar wird, was mich her gef\u00fchrt hat. Sein Schmerz ist mir so bekannt, so nah, und trifft mich wie mein eigener. Dieser Schmerz, der nicht enden will und mich damals dazu brachte, mir das Leben zu nehmen. Mir f\u00e4llt alles wieder ein. Heldenhaft inszenierter ich einen Streit, um ausziehen zu k\u00f6nnen, mich zu verabschieden und mich einsam in der neuen Wohnung zu erh\u00e4ngen. Ich wollte meine Familie damit sch\u00fctzen und mich selbst feige dem Schmerz und der dauernden Traurigkeit entziehen. <\/p>\n<p>Jetzt wo mir bewusst wird, wo das alles enden wird, sp\u00fcre ich einen Stich an der Stelle, wo einst mein Herz pochte. Ich versuche mich der Geschwindigkeit seines Lebens anzupassen und ihn irgendwie zu ber\u00fchren. Er wurde lange nicht mehr ber\u00fchrt. Und obwohl er mich weder h\u00f6ren, noch sp\u00fcren kann, scheint er nachts in seinen Tr\u00e4umen auf mich zu reagieren. So suche ich einen Weg dorthin und halte mich an den Grashalmen fest, die er sich herbeitr\u00e4umt. Er l\u00e4sst einen Drachen steigen, ganz hoch hinauf \u00fcber sattgr\u00fcnen Feldern. Ein einziger gro\u00dfer Baum inmitten des Gr\u00fcns. Ich sitze unter dem Baum und beobachte ihn, wie er freudig springt und den Drachen \u00fcberholt, bis sich dieser in der Krone verheddert. Er ist wieder ein kleiner Junge, ungef\u00e4hr sechs Jahre alt. Im Schneidersitz l\u00e4sst er sich vor mir nieder, streckt seinen Arm nach oben zu den tiefh\u00e4ngenden \u00c4sten. Er pfl\u00fcckt sich einen Wunsch und steckt ihn sich in den Mund. <\/p>\n<p>So feig und dumm wie ich es damals war, w\u00fcnscht er sich, bei mir zu sein. Ist sich des Preises nicht bewusst, kann nicht absch\u00e4tzen, was er sich selbst vorenth\u00e4lt. Er zehrt von seinem Weltenschmerz, ich zerre und rangle mit den M\u00f6glichkeiten, ihn vom Vorhaben abzubringen. Ist er selbst im Traum schon so tief ins Gras gesunken, dass ich ihn kaum noch erreichen kann. Versuche seinen Traum zu beeinflussen, ihn zu steuern und das Ruder rumzurei\u00dfen. Ich schreibe ihm einen Brief in sein Gesicht, in der Hoffnung, dass ihn die Erkenntnis im Spiegel trifft. Ich zeige ihm ein Labyrinth aus Einsamkeit, Schatten, Schmerz und Angst. Pflanze ihm Bilder vom ewigen Krieg gegen sich selbst in sein Gehirn und r\u00fcttle an seinem Bewusstsein. Zum Vergleich zeige ich ihm die sch\u00f6nen Seiten aus dem Bilderbuch Leben, dir mir nie gezeigt wurden. Wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich f\u00fcr ihn leben, um ihm alles Sch\u00f6ne zu zeigen.<\/p>\n<p>Trotz Schutzmantel halb erfroren, sitzt er nun schon seit Stunden reglos unter dem Baum. Mit dem Morgenrot erwacht ein Hoffnungsschimmer, als er sich die salzig verklebten Augen reibt und in der Ferne ein St\u00fcck Zukunft entdeckt. Er macht sich neugierig auf den Weg dorthin und l\u00e4sst mich hier sitzen. Ein einziger Blick \u00fcber seine Schulter zur\u00fcck und ich verspreche stumm, auch f\u00fcr viele Ewigkeiten auf ihn zu warten. Nachdem er aus meinem Sichtfeld verschwindet, warte ich nur noch auf das pl\u00f6tzliche Erwachen. Doch es passiert nichts. Neben der leeren Packung Tabletten wird er ewig ruhen, denn das ist einfacher als K\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irritiert befreie ich mich von den vertrauten Wurzeln, die mich versuchen zur\u00fcckzuhalten. Ruhen ist nun mal leichter als K\u00e4mpfen und ich habe hier sehr lange geruht. Warum ich nun mein Grab verlasse, wei\u00df ich selbst noch nicht. Breche ich die marode Kiste ohne viel M\u00fche auf und lasse mich von fremdem Schmerz leiten. 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