{"id":4640,"date":"2011-07-06T23:02:55","date_gmt":"2011-07-06T21:02:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4640"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"mein-tapferes-schneiderlein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/07\/06\/mein-tapferes-schneiderlein\/","title":{"rendered":"Mein tapferes Schneiderlein"},"content":{"rendered":"<p>So nenne ich dich nach den vielen Jahren, die wir uns nun kennen. Du f\u00fchlst dich geschmeichelt, doch klingt es positiver als es gemeint ist. Du scheinst dich nicht mehr an das M\u00e4rchen aus Kindertagen zu erinnern, sonst w\u00e4re dir klar, dass ich mit diesem Kosenamen nicht ausdr\u00fccken will, wie tapfer und arbeitsam du bist. Vielmehr k\u00f6nntest du der moderne Protagonist der Geschichte sein. Dass du, wie das Schneiderlein auch gerne S\u00fc\u00dfigkeiten magst, ist dabei die geringste Gemeinsamkeit.<\/p>\n<p>Wie die Frau mit ihrem Pflaumenmus aus dem M\u00e4rchen, l\u00e4sst du die Menschen um dich herum hart arbeiten, ohne auf die Idee zu kommen, deine Hilfe anzubieten, selbst wenn du ihnen ohne gro\u00dfen Aufwand entgegen kommen k\u00f6nntest. Dein kritischer Blick ist stets schwerwiegender als dein Lob oder die Bezahlung f\u00fcr s\u00e4mtliche M\u00fche. Dabei bist du dir dessen nicht mal bewusst und tust g\u00f6nnerhaft, als w\u00e4re es der Traum eines jeden, dir dienen zu d\u00fcrfen. Unsensibel wie du bist, reagierst du nicht mal auf offensichtlich ausgelebten \u00c4rger, der sich gegen dich richtet, so sehr bist du mit dir selbst besch\u00e4ftigt. Das Positive dabei ist, dass du andere Menschen dazu aufforderst, ihre Position zu \u00fcberdenken und sie anspornst, f\u00fcr ihren Erfolg zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Allerdings hast du keinerlei Skrupel, unerw\u00fcnschte Konkurrenz abzuh\u00e4ngen oder \u00fcberfl\u00fcssige Mitarbeiter raus zu werfen, haust mit der K\u00fcndigungsklatsche einmal ordentlich obendrauf, sodass du am besten alle auf einen Streich erwischst, um dir nur einmal Gedanken machen zu m\u00fcssen. Mitgef\u00fchl heucheln steht dir nicht besonders gut. F\u00fchlst dich dabei wie ein Held, der seine Macht ausleben kann, die bisher von allen verkannt wurde. Was f\u00fcr ein toller Hengst du bist, musst du nat\u00fcrlich entsprechend aller Welt zeigen und f\u00e4ngst dabei im gesamten B\u00fcrogeb\u00e4ude an, nur dass du im Gegensatz zum Schneiderlein auf den G\u00fcrtel verzichtest und es lieber durch pers\u00f6nliche Mundpropaganda kundtust.<\/p>\n<p>Damit das Eigenlob nicht anf\u00e4ngt zu stinken, steckst du dir auf dem Weg die Lorbeeren anderer Mitarbeiter in deine eigene Tasche und verkaufst deren Ideen als die deinigen. Sobald du selbst merkst, nichts Neues bieten zu k\u00f6nnen, siehst du dich auf anderen Schreibtischen um. Soll nicht hei\u00dfen, dass du nicht ehrgeizig oder zielstrebig w\u00e4rst, im Gegenteil. Sobald du Erfolg in Aussicht hast und ein Ziel anvisierst, nimmst du alle H\u00fcrden in kauf und opferst einige Tropfen Schwei\u00df, um den beschwerlichen Weg dorthin zu bestreiten. Sollte dir dabei ein Riese begegnen, der sich f\u00fcr etwas Besseres h\u00e4lt als du es je sein kannst, greifst du in deine Trickkiste, gibst dich gewohnt cool und versuchst dir durch angebliche Heldentaten Respekt zu verschaffen. Durch dein zwar unscheinbares, doch sehr selbstsicheres Erscheinungsbild suggerierst du Macht, Erfolg und K\u00f6nnen. Schlie\u00dflich soll jeder sehen, wie weit du es schon gebracht hast. Dass du dabei gelegentlich schummelst und nicht jede deiner Angebereien gerechtfertigt ist, st\u00f6rt dich dabei nicht.<\/p>\n<p>Du bel\u00e4chelst das Klagen deiner Angestellten, die nicht mal merken, dass sie deinen Job teilweise mit erledigen und tust dabei so, als h\u00e4tte niemand au\u00dfer dir jemals hart gearbeitet. Deine eigenen Schw\u00e4chen tust du als St\u00e4rken hervor und gibst anderen die Schuld an deinem Versagen.<br \/>\nDurch so viel Erfolg und Einfluss wirst du Prestige halber entsprechend h\u00e4ufig zu den wahrhaft Gro\u00dfen und Reichen eingeladen, die dir jedoch lieber den Garaus machen w\u00fcrden, als sich ernsthaft mit dir zu besch\u00e4ftigen. Aus Narzissmus bist du jedoch blind daf\u00fcr und glaubst aufgrund deiner angeblichen Leistungen allseits beliebt zu sein.<\/p>\n<p>Selbst wenn du sp\u00fcrst, dass dir jemand \u00fcberlegen ist, l\u00e4sst du dir dies nicht anmerken und gibst dich lieber als Verb\u00fcndeten aus, um den Profit einzuheimsen, der vom anderen erzielt wurde. Diese Masche flog bisher nie auf, weil jeder glaubt, du h\u00e4ttest nicht grundlos so viel Macht \u00fcber andere Menschen und deren Zukunft. Die wenigen, die deine Existenz in der Arbeitswelt hinterfragen, m\u00fcssen entweder ihren Job f\u00fcrchten, oder werden von dir herablassend als neidisch und faul bezeichnet. Sogar dein eigener Chef hat Angst vor dir und sieht lieber zu, wie andere seiner Mitarbeiter wegen dir drohen zu gehen, anstatt dich zu k\u00fcndigen. Stattdessen bietet er dir, wie der K\u00f6nig im M\u00e4rchen, weitere Aufstiegschancen an, wenn du entsprechende Taten vollbringst. Dies spornt dich nat\u00fcrlich weiterhin zu H\u00f6chstleistungen an, da es eine neue M\u00f6glichkeit darstellt, wie du s\u00e4mtliche Aufmerksamkeit auf dich ziehen kannst.<\/p>\n<p>Hilfe die du angeboten bekommst, lehnst du kategorisch ab, da sie deiner Gro\u00dfartigkeit im Wege stehen k\u00f6nnte und du am liebsten allein vor dich hin arbeitest, damit niemand sieht, welchen Hinterlistigkeiten du dich bedienst. Wenn es sein muss, intrigierst du, manipulierst und spielst andere gegeneinander aus, um selbst gut dazustehen, w\u00fcrdest sie sogar im Schlaf \u00fcberraschen, wie die zwei Riesen im M\u00e4rchen. Vor den unm\u00f6glichsten Herausforderungen scheust du dich nicht und schl\u00e4gst deine Gegner oder Konkurrenten dabei gewitzt mit ihren eigenen Waffen, auch wenn dies nicht immer fair ist.<br \/>\nWenn es um erfolgreiche Abschl\u00fcsse geht, scharst du die Zuschauer gerne um dich und sonnst dich im Ruhm, der eigentlich keiner ist. Da dies niemand wei\u00df, schm\u00fcckst du die Erfolgsgeschichte gerne auch mal etwas bunter aus. Du brauchst die Bewunderung und beeindruckst andere durch deine T\u00e4uschung. Ich will nicht verschweigen, dass du auch immer wieder eigene gute Ideen hast und ein kreativer Kopf bist, der immer geschafft hat, was er sich vorgenommen hat. Jedoch neigst du h\u00e4ufig zu \u00dcbertreibung und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und w\u00fcrdest am liebsten die Welt erobern. Ich gehe davon aus, dass du damit deine Selbstzweifel kompensierst.<\/p>\n<p>Am Ende aller Anstrengungen steht nat\u00fcrlich, wie auch im M\u00e4rchen, die Frau deiner Begierde. Doch auch sie siehst du nur als Preis oder pers\u00f6nliche Troph\u00e4e an, da es dir in allen Bereichen des Lebens nur um die Zurschaustellung deiner Selbst geht. Du siehst in ihr eher die Mutter deiner Kinder, als die Person, die du liebst, \u00fcberh\u00e4ufst sie jedoch mit gro\u00dfz\u00fcgigen Geschenken, um dich unvergesslich oder unentbehrlich zu machen. Dass sie dich eigentlich gar nicht will und nie wollte, blendest du gekonnt aus und zwingst sie in dein leistungsorientiertes Leben, wie du es auch mit allen anderen machst. Dennoch kannst du nicht gut allein sein und f\u00fchlst dich sofort einsam. Du bist eifers\u00fcchtig und hast Angst vor selbstbewussten Frauen. Erst recht, wenn sie dir beruflich im Wege stehen.<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, dass du dich niemals \u00e4ndern wirst und f\u00fcr immer in deiner jetzigen Position ausharren wirst, dich vom Ungl\u00fcck anderer n\u00e4hrend. Ich f\u00fcr meinen Teil werde heute aussteigen, mein eigenes Gl\u00fcck suchen und nehme mir fest vor, deine kommenden Drohungen bez\u00fcglich meiner Zukunftsperspektiven zu ignorieren. Du hast mich gelehrt, nach den Sternen zu greifen und stets F\u00fchrungspositionen anzustreben. Somit lieber Chef, wirst du bald auch vor mir Angst haben m\u00fcssen und darfst dir nun eine neue Sekret\u00e4rin suchen. Betrachte meine Worte als K\u00fcndigung. Fristlos, versteht sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So nenne ich dich nach den vielen Jahren, die wir uns nun kennen. Du f\u00fchlst dich geschmeichelt, doch klingt es positiver als es gemeint ist. 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