{"id":4754,"date":"2011-09-13T09:39:09","date_gmt":"2011-09-13T07:39:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4754"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"der-fantastische-ausflug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/09\/13\/der-fantastische-ausflug\/","title":{"rendered":"Der fantastische Ausflug"},"content":{"rendered":"<p>Du trittst eine Reise an und bist auf dem Weg zu mir, der ein beschwerlicher ist. Die Gestalten die ihn h\u00fcten und bewachen, wirken angsteinfl\u00f6\u00dfend. Starr lauern und beobachten sie mit gef\u00e4hrlich funkelnden Augen, lassen dich jedoch passieren. Der schmale Pfad f\u00fchrt am Ende \u00fcber eine kleine Treppe hinunter zu mir. Das Wachs der abgebrannten Kerze l\u00e4uft \u00fcber deine Finger, doch du sp\u00fcrst keinen Schmerz. Sie flackert noch einmal nerv\u00f6s auf, als w\u00fcrde sie sich f\u00fcrchten, bevor sie erlischt und dich im Dunkeln stehen l\u00e4sst. Du bist aufgeregt und setzt zum Klopfen an, als du vor dem Eingang zum Stehen kommst. Ich wusste, dass du hier sein wirst und \u00f6ffne dir die T\u00fcr. Du blickst auf mich herab in meine farbige Welt. Mit einer einzigen Bedingung, bitte ich dich einzutreten. Du musst die Schuhe und den Trott zur\u00fcck lassen. <\/p>\n<p>Barfuss gehst du durch das Portal und schrumpfst sogleich auf meine Gr\u00f6\u00dfe. Die T\u00fcr lasse ich angelehnt, damit du die Reise jederzeit beenden kannst, falls es dir nicht gef\u00e4llt. Z\u00f6gerlich siehst du dich um und ich f\u00fchre dich \u00fcber eine weiche Wiese, ganz ohne Hindernisse, ohne Richtung und ohne Ziel. Und doch kommen wir dort an, wo wir hin wollten, ohne es zu wissen. Wir m\u00fcssen leise sein, bis wir uns von B\u00e4umen umz\u00e4unt an einem kleinen Teich vorsichtig auf dem duftenden Gras niederlassen. Die Pilze, die rechts und links von uns wachsen, r\u00fccken besitzergreifend zusammen, wollen uns deutlich machen, dass wir nur zu Gast sind an diesem zauberhaften Ort. Eine kleine Spinne markiert ihr Revier mit einem gro\u00dfen Netz zwischen zwei B\u00e4umen und beobachtet uns misstrauisch, die Bienen besetzen die Blumen, damit wir nicht auf die Idee kommen, sie zu pfl\u00fccken oder ihren Duft wegzuatmen und der Marienk\u00e4fer duldet uns nur, weil wir in der Lage sind, seine Punkte korrekt zu z\u00e4hlen. Erst als die Sonne uns freundlich glitzernd auf der Wasseroberfl\u00e4che begr\u00fc\u00dft, auf der auch Enten unbeschwert ihr Dasein genie\u00dfen, erwacht der Ort zum Leben und zeigt sich von seiner sch\u00f6nsten Seite. Der warme Wind, der zuvor versucht hat uns zu \u00e4rgern, zieht sich fl\u00fcsternd in die Wipfel zur\u00fcck, l\u00e4sst die \u00c4ste sanft wiegen und die neugierigen Bl\u00e4tter zu Boden fallen.<\/p>\n<p>Mit angewinkelten Beinen sitzt du neben mir auf der Erde, umgeben von Sommerduft aus Bl\u00fcten und frischem Heu und siehst mich fragend an. Kaum schlage ich mein Buch auf, aus dem ich dir vorlesen m\u00f6chte, krabbelt mir ein keckes Wort ganz flink \u00fcber den Zeigefinger. Es hat seine Freiheit erkannt und sucht sich sogleich einen Weg durch das Gras, klettert einen Halm hinauf und f\u00e4llt unter unseren belustigten Blicken wieder hinunter. Du setzt es vorsichtig zur\u00fcck an seinen Platz und bekommst daf\u00fcr einen dankbaren Blick von dem Ausrei\u00dfer. Ich bl\u00e4ttere um und schon fallen weitere freche W\u00f6rter hinaus. Die sch\u00fcchternen linsen nur aus ihren Seiten heraus, w\u00e4hrend die Angeber aus dem ersten Kapitel auf die B\u00e4ume klettern und sich von dort oben ins Wasser fallen lassen. Am\u00fcsiert sehen wir zu, wie die schweren untergehen, die leichten vergn\u00fcgt umher schwimmen und die besonders lustigen die Enten \u00e4rgern. Ein paar verliebte Worte gehen lieber spazieren und die vertr\u00e4umten werfen Steinchen ins Wasser, damit die kreativen die Ringe der kleinen Wellen bunt bemalen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Auf der n\u00e4chsten Seite fangen die Buchstaben an, wirr durcheinander zu wirbeln. Sie erheben sich gemeinsam wie Herbstlaub im Wind und tanzen in wilden Formationen \u00fcber unseren K\u00f6pfen. Sie werden schon bald m\u00fcde und gleiten sanft wie eine Feder nach unten, bis sie auf der Wasseroberfl\u00e4che liegen bleiben, um sich auszuruhen. Ein schillernder Fisch ergreift seine Chance und schnappt nach ihnen, schluckt sie alle runter und singt uns kurz darauf ein sch\u00f6nes Lied auf seiner nassen B\u00fchne, indem er die Buchstaben wieder in die Luft pustet. Die zuvor entsprungenen Worte versammeln sich, um ihm zu lauschen, sonnen sich auf einem Stein der halb ins Wasser ragt, die ganz gro\u00dfen lassen ihre Beine hineinbaumeln. Selbst die B\u00e4ume scheinen sich im Rhythmus zu wiegen, w\u00e4hrend ein Specht den Takt vorgibt.<br \/>\nKaum hat der Fisch sein Konzert beendet, wissen die W\u00f6rter, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Eins nach dem anderen h\u00fcpfen sie auf ihren Platz zur\u00fcck. Nur eines weigert sich: die Leichtigkeit. Wir lassen sie noch ein wenig mit den Pusteblumen toben, wof\u00fcr sie uns mit ausgelassenem Lachen belohnt. Wir sitzen nur da, beobachten, reden ein wenig, w\u00e4hrend die Zeit hastig durch die Gr\u00e4ser rast, ohne uns dabei zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Nun, da der Weg zum Wasser nicht mehr von dem wilden Schauspiel versperrt ist, beugst du dich hin\u00fcber, um das Kerzenwachs von deinen H\u00e4nden zu waschen. Freche kleine Kaulquappen ziehen sch\u00f6ne Muster um dich herum, woraufhin dir die kleinen Wellen, f\u00fcr deinen Glauben an sie, einen sanften Streichelkuss auf deine Haut haften. Sie \u00fcberreichen dir, wie dahergew\u00fcnscht, vom Teichboden aus ein pers\u00f6nliches Geschenk. Mit beiden H\u00e4nden hebst du die unverpackte Kugel vorsichtig aus dem Wasser und bestaunst nun deine eigene Welt. Stolz und gl\u00fccklich m\u00f6chtest du sie mir zeigen, als die D\u00e4mmerung die Leichtigkeit \u00fcberraschend zur\u00fcck ins Buch ruft, sodass ich es zuklappen kann. Spontan verabschiedet sich die Sonne mit einem roten Gru\u00df am Himmel und f\u00fchrt uns zum Mond, der uns treu und milde auf dem R\u00fcckweg begleitet. Es war l\u00e4ngst Zeit.<br \/>\nNoch immer leicht ungl\u00e4ubig, versuchst du auf dem Weg alle Eindr\u00fccke in dich aufzusaugen, w\u00e4hrend du dein Geschenk besch\u00fctzend umklammerst und dir vergn\u00fcgt Gedanken machst, wie du sie gestalten k\u00f6nntest.<br \/>\nAn der T\u00fcr angekommen, l\u00e4dst du mich freudig zu einer Reise durch deine leuchtende Welt ein. Doch ich habe keine Schuhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du trittst eine Reise an und bist auf dem Weg zu mir, der ein beschwerlicher ist. Die Gestalten die ihn h\u00fcten und bewachen, wirken angsteinfl\u00f6\u00dfend. Starr lauern und beobachten sie mit gef\u00e4hrlich funkelnden Augen, lassen dich jedoch passieren. Der schmale Pfad f\u00fchrt am Ende \u00fcber eine kleine Treppe hinunter zu mir. 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