{"id":4808,"date":"2011-11-01T12:50:43","date_gmt":"2011-11-01T10:50:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4808"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"geoffnete-turen-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/11\/01\/geoffnete-turen-teil-i\/","title":{"rendered":"Ge\u00f6ffnete T\u00fcren (Teil I)"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Wie viel kann man ertragen, wenn man nichts erwartet hat?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Angekommen in unserem neuen Zuhause. Das alte mussten wir f\u00fcr den neuen Job meines Mannes aufgeben. Daf\u00fcr beziehen wir nun eine sch\u00f6ne Wohnung in einem sanierten Schloss, welches zwar direkt in der Stadt liegt, jedoch durch das weitl\u00e4ufige Anwesen sehr idyllisch wirkt. Die gesamte Umgebung erinnert mich an die irischen Filme, die ich immer gerne gesehen habe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend unsere Helfer die letzten Kartons in die zweite Etage bugsieren, r\u00e4ume ich die ersten Sachen aus und versuche sie so zu verstauen, dass ich sie anschlie\u00dfend m\u00f6glichst wieder finde. Gar nicht so einfach. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Wohnung bei der Besichtigung v\u00f6llig anders aussah. Den Schnitt der einzelnen R\u00e4ume hatte ich anders in Erinnerung und irgendwer scheint die alten M\u00f6bel noch mal verr\u00fcckt zu haben. Ich w\u00fcrde daran zweifeln, dass dies die richtige Wohnung ist, h\u00e4tte uns der Makler nicht aufgeschlossen und die Schl\u00fcssel \u00fcberreicht. <\/p>\n<p>Nachdem sich unsere Freunde gest\u00e4rkt haben, begleite ich sie nach unten und sehe ihnen wehm\u00fctig \u00fcber den gro\u00dfen Hof hinterher. Als sie auf die stark befahrene Stra\u00dfe abbiegen, lassen sie mir das Gef\u00fchl zur\u00fcck, hier noch viele einsame Stunden verbringen zu m\u00fcssen. Ich blicke an der Hauswand hinauf und sehe meinen Mann gestikulierend mit dem Telefon am Fenster stehen. Weit entfernt von Familie und Freunden, daf\u00fcr n\u00e4her am beruflichen Erfolg, wie Hannes es zu sagen pflegt. Klingt eigentlich m\u00e4rchenhaft: tolle neue Wohnung, das erste Kind im sechsten Monat unterwegs, seit einem Jahr mit einem gutverdienenden Traummann verheiratet, sodass ich mir vorerst keine neue Stelle suchen muss und die Schwangerschaft in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfen kann. Kein Grund zur Beschwerde. <\/p>\n<p>Ich werde schnell Kontakte kn\u00fcpfen m\u00fcssen, um hier nicht zu vereinsamen. Jedoch habe ich, abgesehen vom Makler, noch keine Menschenseele gesehen, obwohl sich rings um das wundersch\u00f6ne Treppenhaus auf jeder Etage vier Wohnungen befinden. W\u00e4hrend ich mit den Fingern \u00fcber das dunkle Mahagoni des Handlaufes fahre, f\u00e4llt mir auf, dass an keiner der T\u00fcren ein Namensschild angebracht ist. Auch sonst wirkt das Gem\u00e4uer so still und unbewohnt, dass es den Anschein erweckt, es w\u00fcrde komplett leer stehen. Die einzigen Ger\u00e4usche die ich h\u00f6re, sind Hannes\u2019 erhobene Stimme und das dezente Knarzen der schweren Wohnungst\u00fcr, die dennoch federleicht hinter mir ins Schloss f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Die erste Nacht schlafen wir beide sehr unruhig, merkw\u00fcrdige Umgebungsger\u00e4usche rei\u00dfen mich immer wieder aus meinem leichten Schlaf. Irgendwann, w\u00e4hrend Hannes sich erneut umherw\u00e4lzt, gebe ich auf. Taumelnd gehe ich in Richtung Badezimmer und stehe orientierungslos vor einer Wand, wo ich eigentlich die T\u00fcr vermutet hatte. Auf dem Weg zur n\u00e4chsten T\u00fcr muss ich um die restlichen Umzugskartons herumbalancieren. Durch den T\u00fcrspalt dringt ged\u00e4mpftes Licht zu mir, welches mich unsicher und doch neugierig macht. <\/p>\n<p>M\u00fchelos l\u00e4sst sie sich \u00f6ffnen und ich stehe im Flur einer augenscheinlich anderen Wohnung. Das hatte ich nicht erwartet. Vom Schnitt her \u00e4hnlich unseres neuen Heims, kann ich in den zwei einsehbaren R\u00e4umen M\u00f6bel in einem gem\u00fctlichen Stil erkennen. Ich stehe im Rahmen zwischen den beiden Wohnungen und wei\u00df nicht, was ich tun soll. Ein zaghaftes \u201eHallo?\u201c bringe ich hervor und warte gespannt auf eine Reaktion. F\u00fcr einen kurzen Moment strampelt es wie wild in meinem Bauch. Das Licht f\u00e4ngt an zu flackern, erstrahlt jedoch sofort wieder in vorheriger St\u00e4rke. Skepsis macht sich in mir breit. Da im Hintergrund ged\u00e4mpfte Musik zu h\u00f6ren ist, setze ich erneut fragend an, sammle meinen Mut zusammen und trete in die fremde Wohnung. Ich steuere auf einen der R\u00e4ume zu und rufe nun etwas lauter. Das wirkt alles so surreal, dass ich die Tapete anfassen muss, um mir zu beweisen, dass sie echt ist.<\/p>\n<p>Auf einem dunklen Tisch neben dem Bett steht ein Monitor, auf dem ein Profil eines Internetportals zu sehen ist. Indiskret sehe ich mir das abgebildete Foto an. Ich stocke und f\u00fchle mich wie spontan vor den Kopf gesto\u00dfen. Tats\u00e4chlich kenne ich die Person. Claudia, eine fr\u00fchere Klassenkameradin l\u00e4chelt mir entgegen. Wir hatten nie viel miteinander zu tun. Uns trennten unterschiedliche Interessen und doch standen wir uns neutral gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Meine Gedanken werden durch ein aufforderndes R\u00e4uspern unterbrochen. F\u00fcr einen Moment setzt mein Herz aus. Ich drehe mich um und blicke direkt in ihr Gesicht. Sie sieht zwanzig Jahre \u00e4lter aus, als sie eigentlich sein d\u00fcrfte. Den K\u00f6rper in ein ros\u00e9farbenes Handtuch gewickelt, die Haare unter einem Turban versteckt und ihre Arme in die Seiten gestemmt, steht sie im T\u00fcrrahmen zu ihrem Badezimmer. Sie sieht mich fragend an, als w\u00fcrde sie mich nicht wiedererkennen. Ich f\u00fchle mich ertappt und peinlich ber\u00fchrt, begr\u00fc\u00dfe sie stotternd und erkl\u00e4re ihr vorsichtshalber wer ich bin. Ein Versuch, um von meinem unangebrachten Besuch abzulenken. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie nach einer Cremedose auf dem Nachtk\u00e4stchen greift, mustert sie unverhohlen meinen Bauch, der sich l\u00e4ngst deutlich sichtbar abzeichnet. Dabei verzieht sie keine Miene, was mich nur noch mehr verunsichert. Ich erz\u00e4hle ihr stammelnd von unserem Umzug und eine Zusammenfassung meiner letzten Jahre, um die unangenehme Situation etwas aufzulockern. Sie wendet sich von mir ab, als sie mit beiden H\u00e4nden ihr Gesicht eincremt. Die Haare sch\u00fcttelt sie kopf\u00fcber aus, sodass die dunklen Locken um ihr Gesicht fallen. Als sie sich wieder zu mir dreht, kann ich meinen Augen kaum trauen. Sie sieht pl\u00f6tzlich wieder sehr jung aus, j\u00fcnger noch als es ihrem Alter entsprechen sollte. Als k\u00f6nne sie meine Gedanken lesen, grinst sie verschmitzt, lotst mich in ihr Badezimmer und antwortet dort souver\u00e4n auf die Frage, wie es ihr die Jahre \u00fcber ergangen ist. <\/p>\n<p>Neben der Badewanne, steht eine weitere T\u00fcr halb offen. W\u00e4hrend Claudia sich weiterhin ihrer K\u00f6rperpflege widmet, h\u00f6re ich ihr nur noch mit halbem Ohr zu. Sie hat ein Studium abgeschlossen, gewinnt dadurch trotzdem nicht meine Aufmerksamkeit. Ich bin noch immer verwirrt. Um einen Blick in den angrenzenden Raum zu erhaschen, lehne ich mich unauff\u00e4llig ein St\u00fcck nach vorn. Ich kann nicht glauben, was ich da sehe, f\u00fchle mich wie in einem schlechten Film. Eine dicke Frau in einem gebl\u00fcmten Nachthemd, sitzt tonlos auf einem Hocker vor einem Spiegeltisch und rasiert sich unbeirrt das Gesicht. Ich gebe mir gar keine M\u00fche, meine \u00dcberraschung zu verbergen und starre sie an. Bis sie ihren Kopf zu mir dreht und ich unweigerlich einen Schritt zur\u00fcck trete. Als ich dabei direkt gegen meinen Mann pralle, schrecke ich zusammen. Mein Herz rast. Er erkl\u00e4rt sofort entschuldigend, dass er sich besorgt auf die Suche nach mir gemacht hat, als er aufwachte und ich nicht mehr neben ihm lag. Ich hatte ihn nicht kommen h\u00f6ren und doch bin ich erleichtert, dass er nun bei mir ist. Das gibt mir Sicherheit, mich nicht nur in einem verr\u00fcckten Traum zu befinden und bietet mir einen Grund, aus der gespenstischen Situation auszubrechen. Ich versuche meine Gedanken zu sortieren und stelle ihm verdattert meine damalige Klassenkameradin vor. Sie nicken sich nur unbeeindruckt zu, woraufhin unangenehme Stille folgt. Ich durchbreche ich das Schweigen, indem ich Claudia f\u00fcr die kommende Woche zu uns einlade und verabschiede mich auf diese Weise von ihr.<\/p>\n<p>Hannes, der zweifellos einen besseren Orientierungssinn als ich besitzt, f\u00fchrt mich zur\u00fcck in unsere Wohnung. Er zeigt mir den Weg zu unserem Badezimmer, das ich zuvor vergeblich gesucht hatte. Die Sonne ist l\u00e4ngst aufgegangen und ich verf\u00fcge neuerdings anscheinend \u00fcber keinerlei Zeitgef\u00fchl mehr. Obwohl ich den Schlaf gut gebrauchen k\u00f6nnte, kann ich mich nicht mehr hinlegen. Hannes scheint weniger besorgt zu sein und rollt sich erneut in die Decke ein, w\u00e4hrend ich Kartons aus- und Regale einr\u00e4ume, um mich abzulenken. Im Wohnzimmer \u00fcberkommt mich das Gef\u00fchl, dass das gro\u00dfe B\u00fccherregal vor kurzem noch ein oder zwei Meter versetzt stand. Ich rede mir ein, dass Hannes es wohl verschoben haben muss. Bis ich mich mit B\u00fcchern bepackt dem dunklen Regal n\u00e4here und eine weitere T\u00fcr daneben entdecke. Ich schlie\u00dfe reflexartig die Augen und \u00f6ffne sie wenige Sekunden sp\u00e4ter in der Hoffnung, dass sie von allein verschwindet und es sich nur um eine vor\u00fcbergehende Halluzination handelt. Bitte nicht noch eine T\u00fcr! Da das Augenzukneifen auch nach f\u00fcnf Versuchen nichts bringt, lege die B\u00fccher achtlos ins Regal und sprinte ins Schlafzimmer, um mich doch noch schutzsuchend anzuschmiegen.<\/p>\n<p>Als ich wieder aufwache, liege ich allein im Bett. Die Erinnerungen an die letzten Stunden kehren zur\u00fcck und mit ihnen steigt auch das Grausen wieder in mir auf. Aus Angst den Verstand zu verlieren, rufe ich panisch nach Hannes. Er antwortet zwar prompt aus dem Bad, aber mit merkw\u00fcrdig abged\u00e4mpfter Stimme. So h\u00f6rte ich ihn nie sprechen. Die Nachttischlampe flackert f\u00fcr einen Moment auf, erlischt jedoch sofort wieder. Ich versuche die Nerven zu behalten, atme mehrmals tief durch, streichle sanft \u00fcber meinen unruhigen Bauch und stehe langsam auf. Auf Zehenspitzen tipple ich ins Wohnzimmer, um mich davon zu \u00fcberzeugen, dass alles gut ist. Die T\u00fcr hat sich leider noch immer nicht in Luft aufgel\u00f6st, doch die ins Regal gestellten B\u00fccher liegen nun auf dem Parkett. <\/p>\n<p>Und just in diesem Moment \u00f6ffnet sich vor meinen Augen in Zeitlupentempo mit einem fiesen Knarren die T\u00fcr gerade so weit, dass ich durch den Spalt erneut in einen Flur blicken kann. Mein Herz hat einen erneuten Aussetzer. Unbeweglich stehe ich noch immer auf Zehenspitzen und starre gebannt auf die T\u00fcr. Selbst wenn ich vorh\u00e4tte mich zu bewegen, glaube ich, w\u00e4ren meine Muskeln dazu nicht in der Lage und w\u00fcrden ihre Spannung schon beim ersten Schritt verlieren. Der erste Gedanke der mir durch den Kopf schie\u00dft, ist, dass ich wieder zur\u00fcck in die alte Wohnung und mein altes, zwar meist flatterhaftes und chaotisches, aber dennoch solides Leben zur\u00fcck will. Dort passierten nie solch seltsame Dinge, die ich mir nicht erkl\u00e4ren kann. <\/p>\n<p>Wie lange ich so verharre, wei\u00df ich nicht, denn pl\u00f6tzlich steht Hannes direkt vor mir, packt mich mit beiden H\u00e4nden an den Schultern und sch\u00fcttelt mich. Erneut habe ich ihn nicht kommen h\u00f6ren und sinke nun, da ich ihn wahrnehme, erleichtert in seine Arme. Mein Deuten auf die offenstehende T\u00fcr wiegelt er ab und schiebt mich in die K\u00fcche, dr\u00fcckt mich sanft auf einen Stuhl und kocht mir einen Tee, der mich entspannen soll. Um ihm den Gefallen zu tun, trinke ich die bittere Fl\u00fcssigkeit und atme wie mir befohlen wird, abermals tief durch. Bringt jedoch nicht viel, da kurz darauf erneut merkw\u00fcrdige Ger\u00e4usche ert\u00f6nen. Nerv\u00f6s wie ich bin, schrecke ich auf und umklammere die Tasse, wodurch ich versuche, mir selbst ein bisschen Halt zu geben. Hannes bleibt dabei v\u00f6llig entspannt und scheint mich innerlich auszulachen, was mich direkt w\u00fctend macht. Entschuldigend bietet er mir an, mit mir gemeinsam nachzusehen woher die Ger\u00e4usche kamen. Ich willige ein. Besser als allein gehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich schleiche ihm angespannt ins Treppenhaus hinterher. Da durch die wenigen Fenster nur sp\u00e4rliches Licht hereinbricht, dr\u00fcckt er den Schalter, welcher f\u00fcr warme Beleuchtung in allen Etagen sorgt. Mein K\u00f6rper f\u00e4ngt unweigerlich an zu zittern, mein Herz pocht so laut, dass ich das Blut in den Ohren rauschen h\u00f6re\u2026<\/p>\n<p><strong>-Fortsetzung folgt-<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viel kann man ertragen, wenn man nichts erwartet hat?<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[1925,1927,1926,1928],"class_list":["post-4808","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-zeitgeschehen","tag-englisches-herrenhaus","tag-flackerndes-licht","tag-turen","tag-umzug"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4808","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4808"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4808\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5582,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4808\/revisions\/5582"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4808"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}