{"id":4965,"date":"2011-12-08T18:59:20","date_gmt":"2011-12-08T16:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=4965"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"scheinbar-unscheinbar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2011\/12\/08\/scheinbar-unscheinbar\/","title":{"rendered":"Scheinbar unscheinbar"},"content":{"rendered":"<p>Noch heute wird Alice h\u00e4ufig wie ein kleines M\u00e4dchen behandelt, falls sie \u00fcberhaupt wahrgenommen wird. Selbst wenn sie ihrer Mutter eine Packung Mon Ch\u00e9ri mitbringt, wird sie nach ihrem Ausweis gefragt. Fehlt nur, dass ihr die Wurstfachverk\u00e4uferin aufgrund der kindlich wirkenden, zierlichen Gestalt, eine Extrascheibe Lyoner \u00fcber die Theke reicht. Vermutlich w\u00fcrde sie es nicht mal mitbekommen, da ihr Blick meist auf den Boden oder ihre Schuhspitzen gerichtet ist. Das dunkle, glatte Haar f\u00e4llt dabei so weit ins Gesicht, dass man selbiges kaum mehr erkennen kann. Sie ist das, was sie selbst importun als Einzelg\u00e4nger, jeder andere jedoch als scheu und unscheinbar bezeichnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ihr Arbeitsweg f\u00fchrt durch einen kleinen Stadtpark, in dem sich zu beinahe jeder Tageszeit Kinder auf dem Spielplatz austoben. Bevor Alice die gepflegte Anlage betritt, zieht sie die Schultern nach oben und den Schal noch h\u00f6her \u00fcber das Kinn, achtet dabei akribisch darauf, mit den Haarstr\u00e4hnen ihre vernarbte Wange zu verdecken. <\/p>\n<p>Sie kann Kinder nicht leiden, oder hat genauer gesagt Angst vor ihnen. Als sie selbst noch eines war, wurde sie geh\u00e4nselt bis die Tr\u00e4nen flossen. Entweder ihre eigenen, oder die desjenigen, auf welches sie vor Wut und Ausweglosigkeit mechanisch einschlug bis sie sich aus der Situation befreien konnte. Damals w\u00fcnschte sie sich oft in das gleichnamige Wunderland. R\u00fcdiger, der selbst vielfach aufgrund seines Gewichts geh\u00e4nselt wurde, stellte sich in diesen Momenten oftmals helfend an ihre Seite. Heutzutage braucht sie diese Unterst\u00fctzung nicht mehr, denn keines der spielenden Kinder nimmt Notiz von ihr. Sie scheint so unsichtbar, dass nicht einmal ihre hastigen Schritte Spuren im ersten Schnee des Jahres hinterlassen.<\/p>\n<p>Dank ihrer Jahreskarte der st\u00e4dtischen Museen, sitzt Alice nach Feierabend oft stundenlang in immer demselben Raum auf einer Bank, starrt auf immer dasselbe Bild und wird dabei weder wahrgenommen, noch angesprochen. Sie tr\u00e4gt dezente Kleidung in unauff\u00e4lligen Farben und sieht niemandem direkt in die Augen. F\u00e4llt der Blick eines aufmerksamen Besuchers doch auf sie, sp\u00fcrt sie diesen wie Nadelstiche auf der Haut und wendet sich besch\u00e4mt ab. Falls sie unaufmerksam war und die Sicht auf die Vernarbungen frei liegt, sehen die fremden Augen immer zuerst betreten weg. <\/p>\n<p>Wenn sie sich nicht mit R\u00fcdiger trifft, der die Pfunde l\u00e4ngst verloren und daf\u00fcr an Selbstbewusstsein gewonnen hat, verbringt sie die Tage dort im Museum f\u00fcr sich allein. Heute haben sie sich f\u00fcr den Nachmittag bei ihm verabredet. Alice bummelt ihre zahlreichen \u00dcberstunden ab und da sie im Job genauso unscheinbar auftritt, f\u00e4llt vermutlich niemandem auf, dass sie nicht anwesend ist. Sie h\u00e4lt sich gerne im Hintergrund und w\u00fcrde aufgrund dessen niemals nach einer Bef\u00f6rderung fragen, jedoch w\u00fcrde auch niemand bei einem freiwerdenden Posten an sie denken, obwohl sie ihre Arbeit stets gut und zuverl\u00e4ssig erledigt.<\/p>\n<p>Die H\u00e4nde in den Manteltaschen vergraben, spielt sie mit dem Kleingeld, welches sie dem Mann an der U-Bahn-Station jedes Mal, wenn sie sich auf den Weg zu R\u00fcdiger macht, in den Becher wirft. Immer hat sie ein leises L\u00e4cheln \u00fcbrig, nie empfindet sie Mitleid f\u00fcr ihn. Irgendwie mag sie ihn. Auch heute nickt sie ihm freundlich zu, w\u00e4hrend sie die M\u00fcnzen in die Pappe fallen l\u00e4sst. Die gewohnte Reaktion ist ein herzliches Dankesch\u00f6n, gepaart mit einem schiefen L\u00e4cheln, welches seine unvollst\u00e4ndigen Zahnreihen offenbart. Doch diesmal greift er nach ihrem Handgelenk und sieht sie eindringlich an, ohne dabei bedrohlich zu wirken. Obwohl Alice ein \u00e4ngstlicher Mensch ist und den Mann nicht n\u00e4her kennt, f\u00fcrchtet sie sich auch dann nicht vor ihm, als er sich ungeahnt gro\u00df vor ihr aufb\u00e4umt. Er streicht ihr behutsam die Haare aus dem Gesicht und sieht sie sich genau an. Sie ist paralysiert, kann sich nicht wegdrehen, wie sie es sonst tun w\u00fcrde, sucht stattdessen in seinen Augen nach Ekel oder Mitleid und findet ein warmes Gr\u00fcnbraun. Er lockert seinen Griff und umarmt sie, dr\u00fcckt seine Wange sanft gegen ihre und fl\u00fcstert ihr ins Ohr, dass sie ein guter Mensch sei. V\u00f6llig perplex r\u00fchrt sie sich erst dann, als die Bahn eingefahren ist und er sie leicht von sich weg st\u00f6\u00dft. <\/p>\n<p>Sie sieht ihm von weitem durch die schmutzigen Scheiben nach, wie er langsam zur\u00fcck auf seinen gewohnten Platz sinkt. Er roch besser als sie zuvor geglaubt hatte. W\u00e4hrend die Bahn durch den langen Tunnel brettert, spiegelt sie sich selbst im Glas. Ungl\u00e4ubig mustert sie ihr Gesicht und tastet sich hektisch ab. Nach einigen Momenten wendet sie sich den anderen Fahrg\u00e4sten zu und liest in deren Mimik das, was sie nicht fassen kann. Ein attraktiver Mann, ihr schr\u00e4g gegen\u00fcber, sieht sie bewundernd an und l\u00e4chelt sch\u00fcchtern in ihre Richtung. Diese Reaktion war ihr bisher unbekannt.<\/p>\n<p>Aufrechten Ganges l\u00e4uft sie die Treppen hinauf und sieht w\u00e4hrend des gesamten Weges in ungewohnt viele freundliche Gesichter. Als sie den Klingelknopf zu seiner Wohnung dr\u00fcckt, kommt R\u00fcdiger ihr wie immer gut gelaunt entgegen, nimmt sie in den Arm und bittet sie herein. Erst als sie im Flur stehen bleibt, fragt er, ob alles in Ordnung sei. Auf ihre Frage, ob er finde, dass sie heute irgendwie anders auss\u00e4he, antwortet er mit sanfter Stimme: \u201eEtwas verwirrt, aber bezaubernd wie immer!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch heute wird Alice h\u00e4ufig wie ein kleines M\u00e4dchen behandelt, falls sie \u00fcberhaupt wahrgenommen wird. Selbst wenn sie ihrer Mutter eine Packung Mon Ch\u00e9ri mitbringt, wird sie nach ihrem Ausweis gefragt. Fehlt nur, dass ihr die Wurstfachverk\u00e4uferin aufgrund der kindlich wirkenden, zierlichen Gestalt, eine Extrascheibe Lyoner \u00fcber die Theke reicht. 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