{"id":5044,"date":"2012-01-23T04:37:50","date_gmt":"2012-01-23T02:37:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5044"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"geoffnete-turen-teil-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/01\/23\/geoffnete-turen-teil-iii\/","title":{"rendered":"Ge\u00f6ffnete T\u00fcren (Teil III.)"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Woran kann man sich festhalten, wenn nichts mehr bleibt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Mit tropfnassen Haaren tapse ich barfuss \u00fcber die Badfliesen bis hin zum T\u00fcrrahmen. Ich atme tief durch und halte einen Moment inne, um zu horchen, ob ich ein Ger\u00e4usch vernehmen kann und Mut zu sammeln, bevor ich mich in der Wohnung umsehe. Es ist mucksm\u00e4uschenstill, sodass ich meine Halsschlagader pumpen h\u00f6re. Ich stehe angespannt im Flur, sehe nichts wovor ich Angst haben m\u00fcsste. Dann durchf\u00e4hrt es mich. Jemand klopft an die Wohnungst\u00fcr. Nachdem ich meine Schockstarre \u00fcberwunden habe, verfluche ich die alten T\u00fcren, die keinen Spion haben, \u00f6ffne einen kleinen Spalt und setze mit dem Fu\u00df eine Sperre.<\/p>\n<p>John, der Nachbar, l\u00e4chelt mich milde an und deutet auf seine Werkzeugkiste. Ich bin dankbar, dass er diesmal die Wohnungst\u00fcr, statt den Durchgang im Wohnzimmer gew\u00e4hlt hat. Er wolle nach den Stromleitungen sehen, die wohl einen Wackelkontakt haben m\u00fcssen. Anders kann er sich meine Schilderung der flackernden Lichter nicht erkl\u00e4ren. Nachdem ich ihn hereinbitte, f\u00e4llt die T\u00fcr erst unter massivem Gegendruck ins Schloss. Ich \u00fcberlege, ob es unversch\u00e4mt w\u00e4re, ihn zu fragen, ob er sich auch die T\u00fcren der Wohnung ansehen k\u00f6nne, als er von sich aus kommentiert, dass sich die T\u00fcren gelegentlich verziehen und man sie dann etwas anheben m\u00fcsse. Es sei eben ein altes Gem\u00e4uer. Dieses Argument h\u00f6rte ich in den vergangen Tagen schon h\u00e4ufiger.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er herumwerkelt und den Sicherungskasten inspiziert, leiste ich ihm Gesellschaft. Weniger aus Sympathie denn aus Misstrauen. Er stellt viele Fragen und erz\u00e4hlt nur wenig von sich, antwortet einsilbig sobald ich mich interessiert zeige. Ich bin froh und erleichtert, als ich endlich h\u00f6re, wie sich der Schl\u00fcssel im T\u00fcrschloss dreht und Hannes nach Hause kommt. Nach einem fl\u00fcchtigen Kuss auf meine Stirn, wendet er sich von mir ab und John zu. Die beiden verstehen sich gut und philosophieren \u00fcber die veralteten technischen Anlagen des Geb\u00e4udes, sodass ich mich \u00fcberfl\u00fcssig f\u00fchle.<\/p>\n<p>Ich r\u00e4ume die restlichen Umzugskartons aus und sortiere die Dinge, die selten Gebrauch finden. Zum wiederholten Male sch\u00fcttle ich den Kopf \u00fcber mich selbst, f\u00fchlt es sich erneut so an, als h\u00e4tte sich die Wohnung ohne mein Zutun ver\u00e4ndert. Ich bin mir unsicher, wie ich zur Abstellkammer gelange. Am logischsten erscheint mir die T\u00fcr direkt neben der K\u00fcchenzeile. Vollbepackt dr\u00fccke ich mit dem Ellenbogen umst\u00e4ndlich die Klinke nach unten und schiebe die T\u00fcr schwungvoll mit dem Fu\u00df auf. Ebenso schwungvoll lasse ich dann auch alle Gegenst\u00e4nde fallen, die ich sorgf\u00e4ltig auf meine Arme get\u00fcrmt hatte, als ich die dicke Frau im gebl\u00fcmten Nachthemd erblicke, welche die zwei Quadratmeter der Abstellkammer beinahe restlos ausf\u00fcllt und den Kopf in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden gegen die Wand schl\u00e4gt. Weder das Klirren der Vase, die zu Bruch ging, noch mein erschrockener Aufschrei, rei\u00dfen sie aus dieser Art Trance. Wenige Sekunden sp\u00e4ter stehen Hannes und John neben mir, genauso wie ich selbst.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Hannes mich ins Wohnzimmer bugsiert und auf die Couch dr\u00fcckt, f\u00fchrt John die dicke Frau durch eine der T\u00fcren, vermutlich in ihre R\u00e4umlichkeiten zur\u00fcck. Konsterniert h\u00f6re ich ihn noch mit ruhiger, fast abged\u00e4mpfter Stimme auf sie einreden, derweil sie nur schweigend auf den Boden starrt. Sie jagt mir Angst ein. Auch Johns Stimme jagt mir Angst ein. Hannes steht mit h\u00e4ngenden Schultern vor mir. Ich h\u00f6re zwar die Worte, die er zu mir spricht, kann sie aber nicht verstehen. Erst als die Frau unsere Wohnung verlassen hat, holen mich die unruhigen Tritte gegen die Bauchdecke wieder zur\u00fcck. Das Licht flackert wiederholt kurz auf, was Hannes nicht zu beirren scheint. Er reicht mir, ohne jeglichen Blickkontakt, ein Glas Leitungswasser und legt mir eine Wolldecke \u00fcber die Beine. Ich solle mich ausruhen. Er verl\u00e4sst den Raum und ich f\u00fchle mich alleingelassen und schuldig, als w\u00e4re ich verantwortlich f\u00fcr die vielen seltsamen Vorkommnisse.<\/p>\n<p>Die Hiebe unter dem Herz lassen nach, und doch f\u00fchle ich mich noch immer aufgew\u00fchlt. Keine Spur von Ruhe. Ich stehe auf, sehne mich nach der Geborgenheit, die ich sonst von meinem Mann gewohnt war. Auf meiner Suche bleibe ich ratlos mitten im Flur stehen. Alle T\u00fcren um mich herum sind weit ge\u00f6ffnet. Mein Versuch, die Wohnungst\u00fcr zu schlie\u00dfen, scheitert mangels n\u00f6tiger Kraft und selbst Johns Tipp des Anhebens, zeigt keinerlei Wirkung. Ich stelle einen schweren Holzstuhl vor eine der angrenzenden Durchgangst\u00fcren. F\u00fcr einen Moment bleibt die T\u00fcr durch das Gewicht geschlossen, dann schiebt sie wie von Geisterhand den Stuhl beiseite und sich selbst auf. Verzweifelt rufe ich nach Hannes. Keine Reaktion. Allgemein ist kein Ger\u00e4usch zu vernehmen. Als ich ins Treppenhaus blicke, sehe ich auch dort alle T\u00fcren offen stehen. Ich bekomme immer schwerer Luft und mein Puls beginnt zu beschleunigen. Als d\u00fcrfe ich die Stille nicht durchbrechen, versuche ich automatisch m\u00f6glichst lautlos durch die Wohnung zu schleichen. Wieder flackert das Licht, doch diesmal anhaltend. Auch das Baby meldet sich erneut unruhig und versetzt mir ein paar schmerzhafte Tritte, die mich teils nach Luft schnappen lassen.<\/p>\n<p>Schon im T\u00fcrrahmen des Badezimmers stehend, sehe ich, dass jemand in der Wanne liegt, kann jedoch die Person nicht erkennen und frage nach. Erst als ich mich selbst h\u00f6re, bemerke ich das Zittern meiner Stimme. Das Licht flackert weiterhin, wie in den gruseligen Szenen eines Horrorfilmes. Ich f\u00fchle mich, als w\u00e4re ich die Hauptdarstellerin und muss beinahe \u00fcber diesen absurden Gedanken schmunzeln.<br \/>\nAls ich einen Schritt n\u00e4her trete, sp\u00fcre ich die nassen Fliesen unter meinen Fu\u00dfsohlen und muss mich konzentrieren, nicht auszurutschen. Nach einem weiteren unsicheren Schritt, kann ich Hannes erkennen. Er ist unter Wasser und hat entspannt die Augen geschlossen. Erleichtert setze ich mich an den Wannenrand, warte bis er wieder auftaucht. Als er dies auch nach mehreren Sekunden, die mir nun wie eine Ewigkeit vorkommen, nicht tut, streife ich meinen \u00c4rmel zur\u00fcck und greife in das lauwarme Nass. Er rei\u00dft die Augen weit auf und starrt mich durch das Wasser hindurch an. Ich scheine ihn mit meiner Ber\u00fchrung erschreckt zu haben und wei\u00df nicht, ob ich froh, oder schockiert sein soll. Er taucht weiterhin nicht auf. Stattdessen bemerke ich erst jetzt, dass er atmet. Unter Wasser. Ohne Luftbl\u00e4schen zu bilden. Jetzt spricht er sogar zu mir. Mit dumpfem Klang. Ich verstehe ihn nicht. Verstehe gar nichts.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich ihn einfach nur anstarre, sehe ich, wie das Leben aus ihm weicht und er immer blasser wird, langsamer atmet und er mit nachlassendem Muskeltonus auf den Grund der Badewanne sinkt. Ich will ihn rausziehen. Er ist zu schwer. Ich zerre an ihm und schreie ihn unbeherrscht an, er solle sofort aufwachen, aufstehen und endlich wieder der Mann sein, den ich geheiratet habe. Alles um mich herum wirkt so unwirklich. Ich kann die Tr\u00e4nen nicht halten, die nur so aus mir heraussprudeln. Ich ziehe den Badewannenst\u00f6psel, r\u00fcttle und schlage seinen leblosen K\u00f6rper. Dann sinke ich kraftlos auf den Boden.<\/p>\n<p>Aus den benachbarten Wohnungen t\u00f6nen Ger\u00e4usche. Ich h\u00f6re Gemurmel und das Knarren der Dielen. Gleichm\u00e4\u00dfige, aber langsame Schritte mehrerer Personen n\u00e4hern sich. Das Licht flackert nach wie vor. Panik steigt in mir auf. Ich schnappe meine gepackte Tasche und laufe so schnell ich kann aus der Wohnung. Im Treppenhaus sehe ich, wie sie aus ihren Wohnungen kommen und mir mechanisch hinterher blicken, ohne sich gro\u00dfartig zu bewegen. Auch Thomas, der fr\u00fchere Kumpel meines Mannes, sieht mich mit leeren Augen an, als ich ihm einen flehenden Blick zuwerfe. Ich st\u00fcrme die Treppen hinab nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Stadt scheint von alldem nichts mitbekommen zu haben. Es ist dunkel, ruhig und der Wind weht ein laues L\u00fcftchen. Ich fange lauthals an zu schreien und ersticke fast an meinen Tr\u00e4nen. Nach einigen Sekunden ringe ich nach Luft und versuche mich wieder zu fassen, blicke mich nochmals um und sehe durch die Verglasung der Eingangst\u00fcr, wie sie mich alle anstarren, sich aber nicht bewegen. Ich komme mir vor wie ein gehetzter M\u00f6rder und renne die Strasse hinab zur Stra\u00dfenbahnhaltestelle. Dort heule ich eine halbe Ewigkeit, ohne mich r\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist inzwischen zwei Uhr morgens. Was mache ich nun? Die n\u00e4chste Bahn f\u00e4hrt erst in 40 Minuten. Und ich wei\u00df nicht einmal wohin ich fahren sollte. Der einzige, den ich in dieser verfluchten Stadt kenne, ist der Makler. Der Makler! Vielleicht kann er mir helfen. Wei\u00df er von all dem? Kann er mir erkl\u00e4ren, was in dem Schloss vor sich geht? Oder geh\u00f6rt er gar auch zu diesen Wahnsinnigen? Wild entschlossen greife ich zum Handy, \u00fcberlege einen Moment, ob ich nicht doch lieber die Polizei anrufen soll, wei\u00df aber nicht, was ich denen sagen sollte und w\u00e4hle kurzerhand die Nummer des Maklers. Nach dem vierten Klingeln des siebten Anrufversuches geht er endlich ran.<\/p>\n<p>Seine Stimme klingt w\u00fctend und schlaftrunken zugleich. Noch immer aufgel\u00f6st, erz\u00e4hle ich ihm in groben Z\u00fcgen, was passiert ist und fange erneut an zu weinen. Er versucht mich zu beruhigen und meint, er hole mich in zehn Minuten ab, ich solle mich nicht vom Fleck bewegen, in das vorderste Fach meiner Tasche sehen und mich wieder sammeln. Es sei alles in Ordnung. Das irritiert mich. Er legt auf und l\u00e4sst mich wie ein H\u00e4ufchen Elend zur\u00fcck. Ich \u00f6ffne hastig den Rei\u00dfverschluss, greife hinein und ertaste gew\u00f6lbtes Plastik. Ich nehme es heraus und sehe, dass schon drei der Tabletten fehlen. In meinem Bauch strampelt es, die Stra\u00dfenlaternen flackern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Woran kann man sich festhalten, wenn nichts mehr bleibt? Mit tropfnassen Haaren tapse ich barfuss \u00fcber die Badfliesen bis hin zum T\u00fcrrahmen. Ich atme tief durch und halte einen Moment inne, um zu horchen, ob ich ein Ger\u00e4usch vernehmen kann und Mut zu sammeln, bevor ich mich in der Wohnung umsehe. 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