{"id":5054,"date":"2012-01-31T17:05:47","date_gmt":"2012-01-31T15:05:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5054"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"hivemind-oder-gegen-ungenugend-gesellschaftskritik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/01\/31\/hivemind-oder-gegen-ungenugend-gesellschaftskritik\/","title":{"rendered":"Hivemind \u2013 oder gegen ungen\u00fcgend Gesellschaftskritik"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Schenken wir der Evolutionstheorie Glauben, sind wir die dominantesten, sch\u00f6nsten, ges\u00fcndesten, anpassungsf\u00e4higsten, &#8211; schlicht die tollsten Lebewesen, die je existierten.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Vielleicht liegt es an der menschlichen Bescheidenheit, die kein Gesp\u00fcr f\u00fcr eigene F\u00e4higkeiten und Besonderheiten aufkeimen l\u00e4sst, oder auch an den ma\u00dflosen Erwartungen, sowie der \u00fcbersteigerten Kritikfreude meiner Umgebung, die mir von Kind auf vermittelt hat, nicht zu gen\u00fcgen. Bereits zur Schulzeit, vermutlich schon fr\u00fcher, loderte der anerzogene Vergleichswahn immer wieder auf. Es gab zu jeder Zeit jemanden der kl\u00fcger, besser, sportlicher, begabter war; jemanden mit angesagteren Klamotten, teureren Schuhen, tolleren Weihnachtsgeschenken. Das was ich selbst vorzuweisen hatte, womit ich versuchte Eindruck zu schinden, war im direkten Vergleich ebenso k\u00fcmmerlich wie erniedrigend. Mir war nie klar, ob diese st\u00e4ndigen Vergleiche der Abgrenzung, dem Anderssein oder dem Bessersein dienen sollten. Die \u00fcbrigen meiner Unzul\u00e4nglichkeiten, wurden von den feinen Nasen der Lehrer aufgesp\u00fcrt, um sie auf ihrer B\u00fchne breit zur Schau zu stellen. Doch selbst f\u00fcr Witze auf meine Kosten, reichte es nicht. Unscheinbar und ungen\u00fcgend.<\/p>\n<p>Desolat packte ich die kaum ausreichenden Noten ein und spie sie Zuhause aus, w\u00e4hrend mir, in der bitteren Br\u00fche des Alltags sitzend, erneut aufgezeigt wurde, dass ich nicht gen\u00fcge. Ein zweites Kind wurde sich immer gew\u00fcnscht, weil ich allein zu wenig war. Nicht ordentlich genug, nicht schlank genug, nicht h\u00f6flich genug, nicht flei\u00dfig genug; zu jung um \u00fcber bestimmte Themen zu sprechen, zu alt um kindisch sein zu d\u00fcrfen; ich half zu wenig im Haushalt und guckte zu viel fern. Die Medien wiederum zeigten mir auf, dass man fortw\u00e4hrend immer das Beste aus sich holen sollte. Besseres Hautbild, mehr Wissen, tollere Urlaube, ges\u00fcndere Ern\u00e4hrung, attraktiveres Aussehen. Nie wurde ich all den Erwartungen und Anforderungen gerecht; keinerlei M\u00f6glichkeit, das Selbstwertgef\u00fchl auf ein Mindestma\u00df anzureichern. Die perfekte Bildschirmwelt blieb mir verschlossen und niemand war in der Lage Komplimente auszusprechen, wodurch ich eine Unf\u00e4higkeit entwickelte, selten vorkommende nette Worte ernst zu nehmen. Als ich meinen ersten Freund nach Hause brachte, war auch dieser nicht gut genug. Kurz darauf verlie\u00df er mich, weil er nicht gen\u00fcgend f\u00fcr mich empfand. Dann reichte ich mir selbst nicht mehr.<\/p>\n<p>Ich wollte ebenso unmerklich ausbrechen, wie ich gefangen war; sa\u00df die Zeit ab, so wie ich st\u00e4ndig jede Stunde, an jedem Tag, in jeder Woche einfach nur absa\u00df. Mir fehlte der rote Faden, wie man ihn aus B\u00fcchern kennt und wusste nicht mehr, an welcher Stelle ich aufgeh\u00f6rt hatte zu leben, wollte am liebsten von vorn anfangen oder ein Neues beginnen. W\u00e4hrend ich im Dunkel kauerte und versuchte Kraft f\u00fcr die kommende Flucht zu sammeln, nahm ich mir vor, damit aufzuh\u00f6ren, mir mein eigenes Grab zu schaufeln, f\u00fcr welches ich objektiv betrachtet viel zu gro\u00df war. Statt zu kapitulieren, weigerte ich mich weiterhin in Rollen zu schl\u00fcpfen, die mir nicht standen, die ich nicht erf\u00fcllen konnte. Ich streifte mir das Kost\u00fcm der Angepasstheit ab und wollte von nun an aus dem Schatten der Ja-Sager ins Scheinwerferlicht treten, um anders zu sein. Jemand anderes zu sein! Ich wollte alles und nichts. Somit war ich pl\u00f6tzlich dagegen \u2013 gegen alles!<\/p>\n<p>Nach Fehlern anderer suchend, schrie ich sie hinaus und p\u00f6belte alles an, was mir zu normal erschien. Meine zahlreichen Aversionen dr\u00fcckte ich anhand der vielen Buttons und Aufn\u00e4her aus, die ich stets auf meiner Kleidung pr\u00e4sentierte, welche ich von nun an nur noch in kleinen Eckgesch\u00e4ften kaufte. Diese waren zwar teurer und es gab weniger Auswahl, jedoch machte ich deutlich, dass ich gegen die gigantischen Einkaufsparadiese war. Ich trank widerlichen Kaffee im heruntergekommenen Gassencaf\u00e9 und boykottierte damit die Gro\u00dfketten der Kaffeelandschaft; kaufte Bioprodukte aus fernen L\u00e4ndern und buntbedruckte T-Shirts aus Sri Lanka, weil die sonst niemand trug. Bands die niemand kannte, weil sie einfach nur schlecht waren, erkl\u00e4rte ich zu meiner Lieblingsmusik und f\u00fchlte mich dabei unsagbar cool. \u00dcber mein Erscheinungsbild stellte ich deutlich dar, welche politische Meinung ich vertreten wollte, obgleich ich eigentlich gegen Politik, gegen den Staat und gegen die gesamte Welt war, die sich gegen mich verschworen hatte. Ich traf auf Gleichgesinnte, die genauso viel Toleranz an den Tag legten und dadurch ebenso viel Stil besa\u00dfen, wie ich. Es fanden zahlreiche unsinnige Diskussionen statt, \u00fcber Themen, die niemals ein reflektiertes Ende hervorbrachten. Dabei war ich doch grunds\u00e4tzlich gegen Gruppendynamik, gegen Randgruppen, gegen Alleinsein, gegen mich selbst. Also grenzte ich mich auch von denen ab, die mir lieb geworden waren, verlor Freunde, Perspektiven, Motivation und ein St\u00fcck mehr von dem, was ich einst war.<\/p>\n<p>Ich qu\u00e4lte mich allein in die unbequemen Klappsessel des lokalen Dorfkinos, a\u00df altes, pappiges Popcorn und st\u00f6rte mich nicht an der veralteten Technik, welche die noch viel \u00e4lteren Filme auf die Leinwand warf, w\u00e4hrend alle anderen das hochmoderne Cineplex besuchten. Mitreden zu k\u00f6nnen empfand ich als Niederlage gegen das Anderssein. Wer will schon Mainstream sein, wenn er besonders sein kann? Besonders waren auch die Sorgen, die sich die Familie pl\u00f6tzlich machte. Aufmerksamkeit, die so ungewohnt war, dass ich darin zerfloss und mich dennoch mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen dagegen wehrte. Ich wollte standhaft bleiben und weiterhin dagegen sein. Dagegen mich selbst erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, gegen Fleisch, gegen die Farbe Rosa, gegen Sch\u00f6nheitsideale, das Schulsystem, das Studium, Arbeit und gegen Demonstrationen die sich F\u00dcR etwas aussprachen. Als k\u00f6nne man Gruppendynamik nutzen, um etwas Positives zu bewirken. Hoffnungslos.<\/p>\n<p>Die vergangene Grabschaufelei entwickelte sich zu einzelnen Schlagl\u00f6chern, die nie tief genug waren, um nach dem harten Aufprall im Erdboden zu versinken. Also versuchte ich es mit Alkohol, tauchte in die Welt der Drogen, hatte Sex in diversen Stellungen, mit unterschiedlichsten Menschen an absurdesten Orten. Doch mit der Zeit und Routine, verlor alles seinen Reiz. Es brachte mir niemals die ersehnte Liebe, daf\u00fcr aber Verletzungen, die mich abstumpfen lie\u00dfen. So sehr, dass ich mich selbst nicht mehr sp\u00fcren konnte. Wenn ich die Nahrung verweigerte, h\u00f6rte ich das Magenknurren, ohne es zu sp\u00fcren. Schnitt ich mir in die wei\u00dfe Haut, sah ich das Blut in zarten Linien flie\u00dfen, sp\u00fcrte jedoch nichts. In mir herrschte ein Ungleichgewicht, das ich nicht ausbalancieren konnte. Zwei Gl\u00e4ser in meiner Mitte, von denen ich eines immer zuerst einschenkte und dabei viel zu sp\u00e4t merkte, dass nichts mehr f\u00fcr das andere Glas \u00fcbrig war. Auch von Freundschaften war nichts mehr \u00fcbrig geblieben, nachdem ich von Diagnosen, die am K\u00fcchentisch ausgesprochen wurden, nichts mehr h\u00f6ren wollte. Ich wollte keine Hilfe, war gegen die gesamte Menschheit und hasste mein Spiegelbild. W\u00e4hrend meines Krieges, k\u00e4mpfte ich am st\u00e4rksten gegen mich selbst. Denn schlie\u00dflich war ich ungen\u00fcgend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schenken wir der Evolutionstheorie Glauben, sind wir die dominantesten, sch\u00f6nsten, ges\u00fcndesten, anpassungsf\u00e4higsten, &#8211; schlicht die tollsten Lebewesen, die je existierten. 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