{"id":5060,"date":"2012-02-08T23:33:05","date_gmt":"2012-02-08T21:33:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5060"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"drausen-ist-mehr-platz-als-drinnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/02\/08\/drausen-ist-mehr-platz-als-drinnen\/","title":{"rendered":"Drau\u00dfen ist mehr Platz als drinnen"},"content":{"rendered":"<p>Wie jeden Abend der vergangenen Wochen, sitzt sie auf dem Holzstuhl und obwohl es nicht viel zu sehen gibt, schweift ihr Blick wie in Zeitlupe immer wieder durch die f\u00fcnfundzwanzig Quadratmeter. Zwei Betten, vereinzelte Fotos und von Kinderhand gemalte Bilder, wenige pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde, daf\u00fcr aber viele Schl\u00e4uche die zu diversen Ger\u00e4ten f\u00fchren, ein gerahmter Kunstdruck und ein Kalender, der ihrer Meinung nach erbarmungslos aufzeigt, dass die Tage nur noch schleppend voran gehen, w\u00e4hrend der Zeiger der Wanduhr nerv\u00f6s tickt. Wie hypnotisiert bleiben ihre Augen immer dann daran h\u00e4ngen, wenn ihr die Worte ausgehen und sie die Stirn in Falten legt, als w\u00fcrde sie angestrengt nachdenken, was sie noch erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Es kann ja nicht viel Neues geben, so viel Zeit, wie sie hier verbringt, die Hand ihres Mannes geduldig umschlossen.<\/p>\n<p>Wenngleich ihr niemand sagen k\u00f6nne, ob er sie \u00fcberhaupt versteht, achte sie darauf, sich in ihren Erz\u00e4hlungen nicht zu wiederholen. Sie wolle ihn schlie\u00dflich nicht langweilen, wo doch eh kaum etwas in diesem Raum passiert, erz\u00e4hlt sie dem Pfleger, der nach kurzem Klopfger\u00e4usch das Zimmer betritt. Sie hat ihn unter den st\u00e4ndig wechselnden Gesichtern der vielen Mitarbeiter schon mehrmals gesehen.<br \/>\nDie gemeinsamen Gespr\u00e4che am Esszimmertisch seien ihnen beiden in den vielen Jahren heilig gewesen. Kommunikation in einer Beziehung m\u00fcsse man pflegen, gibt sie ihm als Rat mit auf den Weg, w\u00e4hrend er h\u00f6flich nickt und die vielen Kissen aus dem Bett nimmt. Er zieht den Saum der Windel ihres Mannes, der sich wie eine leblose Puppe drehen l\u00e4sst, beiseite und sieht nach, ob sie gewechselt werden muss. Angespannt steht sie daneben, den Blick starr auf den Kunstdruck gerichtet, als traue sie sich aus Angst etwas falsch oder kaputt zu machen, nicht zu helfen.<br \/>\nDie abgebildete Blumenwiese erinnere sie jeden Tag an den vergangenen Sommer, setzt sie an, w\u00e4hrend sie in ihrer Hosentasche nestelt. Der Pfleger l\u00e4chelt und schw\u00e4rmt vom angenehmen Wetter des Sommers, der ja nun leider schon vorbei sei. Ihre Mundwinkel h\u00e4ngen unver\u00e4ndert so tief, wie es ihre straffe Haut zul\u00e4sst. Es sei in der Tat ein sch\u00f6ner Sommertag gewesen, als sie spazieren waren und er ohne Vorwarnung einfach umfiel, f\u00e4hrt sie fort. Sie habe den Notarzt gerufen und ihrem Ehemann auf dem Feldweg zwei Rippen gebrochen, ihn \u00fcber den Mund beatmet, bis sie endlich abgel\u00f6st wurde und erst sehr viel sp\u00e4ter gesagt bekam, dass er operiert werden m\u00fcsse. Er habe eingeklemmt. Darunter verstehe sie so etwas, wie den Finger in der T\u00fcr einzuklemmen, habe aber rein gar nichts damit zu tun. Nach der Hirnblutung sei das Gehirn angeschwollen, weswegen sie den Sch\u00e4del \u00f6ffneten und ein St\u00fcck Knochen entnahmen. Drau\u00dfen sei mehr Platz als drinnen, h\u00e4tten sie ihr erkl\u00e4rt. Der Pfleger reagiert auf die Schilderungen mit verst\u00e4ndnisvoller Miene und der Frage, ob sie beim Frischmachen dabei sein, oder lieber vor der T\u00fcr warten wolle. Mit einem sanften Streicheln \u00fcber den schlaffen Arm ihres Mannes, verabschiedet sie sich fl\u00fcchtig und macht sich mit dem Straffen ihrer Schultern bereit f\u00fcr die Welt au\u00dferhalb der Klinik.<\/p>\n<p>Von Freunden, deren Besuche inzwischen seltener w\u00fcrden, bek\u00e4me sie oft gesagt, sie s\u00e4he schlecht aus und habe abgenommen. Dabei sei sie schon immer schlank gewesen. Die dunklen Augenringe seien Zeugen ihrer Ersch\u00f6pfung, \u00fcber deren Grenze sie momentan absichtlich trete, um erst dann in einen tiefen Schlaf zu fallen, wenn sie keine Kraft mehr f\u00fcr Gedankeng\u00e4nge \u00fcbrig habe. Sie k\u00e4me nicht zur Ruhe und m\u00fcsse ja nun nach der Arbeit noch so viel erledigen, sich um die Kinder k\u00fcmmern, die Rolle des Vaters mit \u00fcbernehmen und dutzende Formulare ausf\u00fcllen. Sie fahre t\u00e4glich siebzig Kilometer, um bei ihrem Mann zu sein. Die \u00c4rzte w\u00fcrden ihr zu wenig Auskunft geben, sie f\u00fchle sich kaum einbezogen.<br \/>\nDie Physiotherapeutin stellt heute keine Zwischenfragen, l\u00e4sst die Angeh\u00f6rige erz\u00e4hlen, w\u00e4hrend sie die Gelenke des Patienten durchbewegt, um Kontraktionen vorzubeugen. Auf das flehende Erbitten reagiert sie gelassen. Sie k\u00f6nne und wolle keine Prognose abgeben, wann der Patient wieder gesund und arbeitsf\u00e4hig sein wird; wolle ihr die Hoffnung nicht rauben, jedoch auch nicht, dass sie sich an fragilen Grashalmen festh\u00e4lt. Sie k\u00f6nne jederzeit gerne bei der Therapie dabei sein, es w\u00e4re ja auch schon ein gro\u00dfer Fortschritt, dass die Vitalwerte mittlerweile bei der Bewegung im Bett stabil bleiben. Sie w\u00fcrde ihr gern ein paar \u00dcbungen zeigen, die sie mit ihm machen k\u00f6nnte, die ihm gut t\u00e4ten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie ihm aus einem Buch vorliest, liegt er r\u00f6chelnd im Bett, nur mit einem d\u00fcnnen Laken zugedeckt. Er w\u00fcrde sonst so stark schwitzen. Das Atmen durch die Trachealkan\u00fcle strengt ihn sichtlich an, aber wenigstens ben\u00f6tige er keine Beatmungsmaschine mehr. Wenn es beim Atmen blubbert oder er stark hustet, solle sie die Klingel dr\u00fccken, dann w\u00fcrde jemand zum Absaugen kommen. Manchmal dauere das so lange, dass sie die Wartezeit damit verbringe, die verschiedenfarbigen Linienbewegungen auf dem \u00dcberwachungsmonitor auswendig zu lernen. Sobald die Ern\u00e4hrungspumpe piepst, anstatt gleichm\u00e4\u00dfig zu surren, schrecke sie auf, obwohl sie l\u00e4ngst wissen m\u00fcsse, dass nur der Beutel mit der cremefarbenen Fl\u00fcssigkeit leer ist. Meist piepse es dann auch kurz darauf am Nachbarbett.<\/p>\n<p>Sie habe einige Patienten in diesem Zimmer kommen und gehen sehen, so lange liege ihr Mann schon hier. Die meisten seien weniger stark betroffen gewesen und h\u00e4tten ein erweitertes Therapieprogramm bekommen, weswegen sie erfolglose Diskussionen mit \u00c4rzten und Therapeuten gef\u00fchrt habe, die allesamt der Meinung seien, ihr Mann w\u00fcrde momentan nicht davon profitieren, er sei nicht stabil, belastbar und aktiv genug.<br \/>\nBesuch h\u00e4tten die anderen Patienten jedoch kaum gehabt. Zumindest nicht zu den Zeiten, zu denen sie t\u00e4glich hier gewesen sei. Wenn doch, habe sie sich direkt in Unterhaltungen gest\u00fcrzt, von der gemeinsamen Vergangenheit erz\u00e4hlt, von ihren Kindern und den Bildern, die sie bei ihren Gro\u00dfeltern malen, solange diese sich um sie k\u00fcmmern. Es sei belastend, dass die beiden sich vor ihrem Vater f\u00fcrchten und deshalb nicht mitkommen. Sie habe mit dieser Wahrheit schon oft schockiert, jedoch lie\u00dfe der Vergleich mit den aufgeh\u00e4ngten Fotos aus gl\u00fccklichen Zeiten, deutlich erkennen, dass er sich auch \u00e4u\u00dferlich stark ver\u00e4ndert habe und es dann kein Wunder sei, wenn ihn die Kinder nicht mehr als Papa erkennen.<br \/>\nEs klopft, der Hauspsychologe stellt sich vor und bietet ihr gemeinsame Gespr\u00e4che an, da in solch schwierigen Zeiten drau\u00dfen mehr Platz f\u00fcr Gef\u00fchle und Gedanken sei, als drinnen. Sie lehnt dankend ab, wolle stark f\u00fcr ihren Mann bleiben, komme klar und habe den Spruch in einem anderen Zusammenhang schon einmal geh\u00f6rt. \u00dcberzeugungsarbeit bleibt erfolglos.<\/p>\n<p>Er liegt weiterhin regungslos im Bett und sieht durch seine Frau hindurch, als w\u00e4re sie gar nicht da. Und dennoch versucht sie unerm\u00fcdlich, Kontakt zu ihm aufzubauen, interpretiert jedes Muskelzucken und jegliche mimische Ver\u00e4nderung als Reaktion und Interaktion. Sie vermisse die N\u00e4he zu dem Mann, den sie einst aus Liebe geheiratet habe. Nun wisse sie nicht einmal, ob er noch wei\u00df, dass sie verheiratet sind. Sie k\u00fcsst ihn nicht, ber\u00fchrt ihn immer nur an den Au\u00dfenseiten des K\u00f6rpers, wischt ihm gelegentlich den Speichel von der Wange und sieht ihn mit w\u00e4ssrigen Augen an. Fr\u00fcher habe er ihr immer St\u00e4rke und Halt gegeben, heute versuche sie sich daf\u00fcr zu revanchieren, wisse jedoch nicht einmal genau, ob er das will. Sie h\u00e4tten nie dar\u00fcber gesprochen, was in einer solchen Situation das Beste sei. Zu weit entfernt seien Krankheit und derartige Schicksalsschl\u00e4ge bisher gewesen. Er habe nie \u00fcber eine Patientenverf\u00fcgung nachgedacht, oder dar\u00fcber, ob er seine Organe spenden m\u00f6chte, falls es so weit kommen sollte. Ebenso sei kein Testament vorhanden und um Versicherungen habe immer er sich gek\u00fcmmert, sie m\u00fcsse das nun endlich in Angriff nehmen. Vielleicht w\u00fcrden die auch einen Teil der Umbauma\u00dfnahmen bezahlen, w\u00fcrde sie ihn mit nach Hause nehmen. Aufgrund der Kan\u00fcle, stehe ihm eine 24h-Pflegekraft zu. Er habe sicher nie gewollt, in einem Pflegeheim zu landen. Das Haus sei noch nicht abbezahlt und sein Arbeitsplatz gef\u00e4hrdet. Vielleicht k\u00f6nne er ja nie wieder arbeiten. Er sei doch noch so jung. Sie hasse sich f\u00fcr diesen Gedanken, aber vielleicht w\u00e4re es besser gewesen, er w\u00e4re gestorben und somit erl\u00f6st. Sie h\u00e4lt seine Hand und weint.<br \/>\nIch wei\u00df nicht was ich sagen soll, habe einen Klo\u00df im Hals, stammle etwas von \u201aes steht mir nicht zu, dar\u00fcber zu urteilen\u2019, schnappe meinen Putzkram und verlasse den Raum. Einmal tief durchatmen, anklopfen und auf ins n\u00e4chste Zimmer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie jeden Abend der vergangenen Wochen, sitzt sie auf dem Holzstuhl und obwohl es nicht viel zu sehen gibt, schweift ihr Blick wie in Zeitlupe immer wieder durch die f\u00fcnfundzwanzig Quadratmeter. 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