{"id":5074,"date":"2012-02-27T19:52:50","date_gmt":"2012-02-27T17:52:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5074"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"auf-der-klippe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/02\/27\/auf-der-klippe\/","title":{"rendered":"Auf der Klippe"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen den vielen B\u00e4umen ist der Himmel in ein dezentes Abendrot getaucht. Mit gesenktem Kopf sitzt er am Rand der Klippe. Die Aussicht ist wundersch\u00f6n, obgleich er wei\u00df, dass sich hier schon sehr viele Menschen das Leben nahmen, welchem sie \u00fcberdr\u00fcssig waren. Der Abgrund liegt direkt vor ihm und l\u00e4sst durch die vielen Felsvorspr\u00fcnge die wahre Tiefe nicht einmal erahnen. Seine H\u00e4nde krallen sich in Grasb\u00fcschel, w\u00e4hrend Gedanken wie eine Flut \u00fcber ihn hereinbrechen. Die Ger\u00e4usche des Waldes, dringen nicht zu ihm durch. Durchbrochen werden die d\u00fcsteren Wellen erst durch ein fr\u00f6hliches Summen einer ihm unbekannten Melodie. Beinahe wie im Takt des Liedes, ert\u00f6nt ein kraxelndes, immer n\u00e4her kommendes Ger\u00e4usch herabbr\u00f6ckelnder Steine, bis das Summen schlie\u00dflich verstummt.<\/p>\n<p>\u201eHallo\u201c, gr\u00fc\u00dft es links unter ihm. Er tut so, als n\u00e4hme er es nicht wahr, blickt nicht auf, schweigt und w\u00fcnscht sich Einsamkeit herbei. Die Stimme jedoch bleibt beharrlich, bis er endlich nachgibt und den Blick anhebt, ohne etwas zu sagen. Aus der Stimme wird ein kleines M\u00e4nnchen, nicht mal halb so gro\u00df wie er selbst, welches sich mit den Beinen am Gestein wegdr\u00fcckt, den Hintern von sich streckt und dabei die Ellenbogen ganz entspannt auf den Boden auflegt, um seinen Kopf mit den H\u00e4nden zu st\u00fctzen. V\u00f6llig unangestrengt ob der Haltung, grinst es ihn an und fragt, ob es sich dazugesellen kann. Eine Mischung aus Kopfsch\u00fctteln und Schulterzucken scheint das M\u00e4nnchen nicht zu verstehen; so h\u00fcpft es mit einem Satz \u00fcber die Felskante und setzt sich auf das Gras. Nach kurzem Schweigen, zieht es die k\u00fchle Luft ger\u00e4uschvoll durch die Nase ein und atmet mit einem genie\u00dferischem \u201eMmmmmmh\u201c wieder aus. Da setzt es wieder an:<br \/>\n\u201eDu siehst nicht sehr gl\u00fccklich aus?!\u201c und erhofft sich eine Reaktion. Doch wieder herrscht Stille. \u201eDa wo ich herkomme, spricht man miteinander und unterh\u00e4lt sich sogar sehr gerne!\u201c,<br \/>\nversucht er es erneut mit vergn\u00fcgtem Tonfall. Der Mann sieht ihn mit einer Mischung aus Gleichg\u00fcltigkeit und Skepsis an. \u201eUnd wo soll das sein?\u201c, gibt er zur\u00fcck und mustert das M\u00e4nnchen, dessen gr\u00fcne Augen so viel neugieriger und kindlicher aussehen, als der Rest des Winzlings.<\/p>\n<p>\u201eDa wo ich herkomme, sind wir gl\u00fccklich und zufrieden.\u201c, holt er aus. \u201eAuf unseren Stra\u00dfen wird getanzt, gesungen und gelacht; die H\u00e4user sind bunt bemalt, die T\u00fcren stehen zu jeder Zeit offen. Jeder ist bei uns willkommen. Es wird stets gerecht geteilt, denn es gilt: geteilte Freude, ist doppelte Freude.\u201c, singt er beinahe schon. \u201eDie Bewohner sind eine Einheit, leben harmonisch miteinander und sehen ihre St\u00e4rken, nutzen diese effektiv, um sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen. Jeder tut das, was er am besten kann und wird daf\u00fcr gesch\u00e4tzt und anerkannt. Es ist ein gro\u00dfes Miteinander, das mit einer angenehmen Selbstverst\u00e4ndlichkeit gelebt wird. L\u00e4stiges wird nie zur Last, da man es sich einfach wegw\u00fcnschen kann. W\u00fcnsche werden wahr, Tr\u00e4ume werden gelebt und Wege werden ohne gro\u00dfes Ziel leichtf\u00fc\u00dfig beschritten.\u201c, beendet er seine Schw\u00e4rmerei und erkl\u00e4rt: \u201eSo bin ich hier bei dir gelandet. Die Reise war lang und wurde stetig beschwerlicher. Einige Berge musste ich herabsteigen, um unter den Wolkendecken das Tal zu betreten, das so anders aussieht, als ich es von uns kenne. Ich hatte zum allerersten Mal Angst und war dennoch wild entschlossen, immer weiter zu gehen, einen Fu\u00df vor den anderen zu setzen, wie ihr es nennt. Nun sitze ich neben dir und wundere mich \u00fcber deine merkw\u00fcrdige Welt. Erz\u00e4hl mir von ihr, ich m\u00f6chte alles wissen!\u201c Im Schneidersitz hockt das M\u00e4nnchen erwartungsvoll da und ist gespannt auf die Geschichte des Mannes mit dem traurigen Gesicht.<\/p>\n<p>Der Mann sieht indes an dem kleinen M\u00e4nnchen herab, staunt \u00fcber dessen Begeisterung und Fr\u00f6hlichkeit, die er selbst schon lange nicht mehr versp\u00fcrt. Der Blick bleibt an den F\u00fc\u00dfen des Gegen\u00fcbers h\u00e4ngen. Blut vermischt sich dort mit Staub und Schmutz, bildet eine dicke Kruste, deren ledrige Umgebung sich rotentz\u00fcndlich verf\u00e4rbt. Das M\u00e4nnchen scheint den gesamten beschriebenen Weg barfuss gegangen zu sein und zeigt dennoch keinerlei Anzeichen f\u00fcr Schmerz oder \u00c4rger. F\u00fcr ihn selbst sind diese beiden Empfindungen treue Begleiter geworden und l\u00f6sen Wut und Trauer regelm\u00e4\u00dfig ab.<br \/>\nAls er seinen Kopf erneut hebt und dem M\u00e4nnchen in das freundlich l\u00e4chelnde Gesicht sieht, beginnt er zu erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>\u201eDiese Welt ist anders. Ich glaube nicht, dass du dich hier wohlf\u00fchlen kannst. Hier ziehen sich die Menschen jeden Schuh an, geben sich selbst die Schuld an allem, sofern sie nicht schon von jemandem zugeschoben wurde. Dadurch wirken sie, obwohl sie deine Gr\u00f6\u00dfe physisch deutlich \u00fcberragen, um einiges kleiner. Sie versinken in sich selbst, bis sie im eigenen Selbstmitleid ertrinken. Kein Platz f\u00fcr W\u00fcnsche, keine Erinnerungen an Tr\u00e4ume. Nach Aufmerksamkeit suchend, f\u00fchlen sie sich wertlos und h\u00e4sslich, obwohl sie sich meist eitel zeigen. Sie wollen um jeden Preis gefallen und stellen sich selbst zur Schau.\u201c Seine Miene verfinstert sich noch mehr als zuvor. <\/p>\n<p>\u201eHier tanzt niemand auf den Stra\u00dfen und meist gleicht ein Haus dem anderen, wie auch beinahe jeder Mensch dem anderen gleicht, obwohl er stets versucht anders zu sein. Jeder misstraut dem anderen und wittert selbst hinter einem netten Wort einen Hintergedanken. Der Einzelne ist hier auf sich allein gestellt, Gemeinschaft gibt es kaum, sofern sie an keinen Zweck gebunden ist. Hier wird der Mensch nicht nach seinen St\u00e4rken bewertet, sondern nach seinen Fehlern und Defiziten. Zerlegt wird der K\u00f6rper in seine Einzelteile und wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt, nachdem jedes Teil mit einem neuen Namen versehen wurde. Ist der K\u00f6rper wieder vollst\u00e4ndig, beinhaltet er nun nicht mehr, was man vermuten w\u00fcrde, sondern ist gebrandmarkt mit allerlei Diagnosen und St\u00f6rungsbildern. Essst\u00f6rung, Sehst\u00f6rung, Beziehungsst\u00f6rung, Aufmerksamkeitsst\u00f6rung, Belastungsst\u00f6rung, Verdauungsst\u00f6rung, Zwangsst\u00f6rung\u2026 kein Wunder dass irgendwann die Schlafst\u00f6rung eintritt, die bald zwangsl\u00e4ufig der Angstst\u00f6rung die Hand reicht. Unsere gesamte Welt ist gest\u00f6rt! Und das schlimme daran ist, dass die Menschen daran glauben.\u201c, redet er sich in Rage, w\u00e4hrend das M\u00e4nnchen aufmerksam zuh\u00f6rt und zaghaft wissen m\u00f6chte, ob seine Welt denn schon immer so war. <\/p>\n<p>\u201eNein. Fr\u00fcher waren Diagnosen daf\u00fcr da, um Menschen besser helfen zu k\u00f6nnen, heute werden sie schamlos ausgenutzt, sogar als Schimpfw\u00f6rter missbraucht und benutzt, um Geld damit zu machen. Korruption an allen Ecken, L\u00fcgen benetzen das gesamte Land. Sobald man helfen m\u00f6chte, leidet man am Helfersyndrom, sieht man tatenlos zu, ist man ein Egoist. Sie hauen sich gegenseitig die K\u00f6pfe ein und zerst\u00f6ren sich langsam aber stetig selbst, samt Planeten. Die Menschen erkennen nichts Gutes mehr an sich, wollen nur die vermeintlichen Fehler korrigieren, um dem Bild zu gleichen, welches sie als Gesellschaft selbst erschaffen haben und es ohne zu hinterfragen, tragen. Man gibt kaum mehr etwas \u00fcber sich Preis, aus Angst, jemand k\u00f6nnte es gegen einen verwenden. Distanziert, gar reserviert, tritt man seinen Mitmenschen gegen\u00fcber, als Schutz vor Verletzungen.\u201c<br \/>\nSeufzend starrt der Mann nun ins Leere.<\/p>\n<p>\u201eWurdest du schon mal verletzt?\u201c, will der Kleine wissen.<br \/>\nEin sinnierendes und sehr ehrliches \u201eJa, fr\u00fcher zu oft.\u201c, wird ihm entgegnet.<\/p>\n<p>Das M\u00e4nnchen springt in einem Satz auf, deutet hinab in die tiefe Schlucht, streckt ihm die Hand entgegen und fragt, ob er mit ihm kommen m\u00f6chte. Da der Mann z\u00f6gert und auf das Angebot nicht reagiert, schiebt der Winzling seinen Mund nerv\u00f6s wechselnd nach links und nach rechts, w\u00e4hrend er gr\u00fcbelt und schlie\u00dflich fragt: \u201eWas ist das Allersch\u00f6nste in deiner Welt? Was macht das Leben lebenswert? Was w\u00fcrdest du vermissen, wenn man es dir nehmen w\u00fcrde?\u201c<\/p>\n<p>Der Mann sieht ihn nachdenklich an, blickt dann auf seine H\u00e4nde, die er in seinem Scho\u00df gefaltet hat und schweigt eine ganze Weile lang. Dann steht er langsam auf, streckt sich, klopft den Schmutz von seiner Hose, schenkt dem M\u00e4nnchen ein zaghaftes L\u00e4cheln, dreht sich um und geht. Das M\u00e4nnchen bleibt zur\u00fcck, sieht dem Mann hinterher und beginnt zufrieden seine Melodie zu summen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den vielen B\u00e4umen ist der Himmel in ein dezentes Abendrot getaucht. Mit gesenktem Kopf sitzt er am Rand der Klippe. 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