{"id":5182,"date":"2012-04-19T10:54:02","date_gmt":"2012-04-19T08:54:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5182"},"modified":"2012-04-19T10:54:02","modified_gmt":"2012-04-19T08:54:02","slug":"lust-statt-frust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/04\/19\/lust-statt-frust\/","title":{"rendered":"Lust statt Frust&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Typisch Frau?<\/p>\n<p>Katastrophenfreundin Camilla ging immer an die Schmerzgrenze, wenn sie ihren drei besten Stammtisch-Freundinnen neue Witze offenbarte. Sie war alles andere als zimperlich, wenn sie Leute verunsichern konnte. Der einst durch den VHS-Kurs \u201eLust statt Frust\u201c entstandene Stammtisch unterschied sich eigentlich nur dezent von anderen Stammtischen. Jeder hatte seine Vorlieben, um Frust zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Anne-Marie zog sich zu gern alte Gummistiefel an, wenn sie bei Beziehungsfrust spontan die absolute Lust aufs Landleben packte. Dann stieg sie in den klapprigen Porsche ihres Freundes G\u00fcnter Sp\u00e4therbst und d\u00fcste davon. Sie stiefelte gerne stundenlang in G\u00fclle, wenn sie Zoff mit ihrem Liebsten hatte. Anschlie\u00dfend war G\u00fcnter immer fix und fertig, denn er hatte ein ausgepr\u00e4gtes und sensibles Riechorgan.<\/p>\n<p>Jennifer war da ganz anders. Sie baute ihren Frust mit Lach-Joga ab. Ihre Grimassen schreckten regelm\u00e4\u00dfig Leute in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ab, wenn sie mal wieder keine passenden Schuhe fand. Einmal wurde sie sogar verhaftet, weil sie bei einer Polizeikontrolle ihren ganzen angestauten Frust bew\u00e4ltigte. Eigentlich fing es ganz harmlos an. Beim Fahren durch die Innenstadt ging pl\u00f6tzlich ihr Handy. Roberto ihr Chef war dran. Pl\u00f6tzlich schlenderte so ein Volldepp \u00fcber die Stra\u00dfe. Sie musste stark abbremsen. Dabei flog ihr Handy in den Fu\u00dfraum. Sie b\u00fcckte sich reflexartig nach vorne, um nach dem Teil zu greifen, rutschte mit ihren High Heels ab und machte mit dem Wagen einen Satz nach Vorne. Einfach doof, dass genau vor ihr ein Zivilbeamter im Auto sa\u00df, der anschlie\u00dfend einen auf dicke Hose machte. Das war damals vielleicht ein tierisches Improvistationstheater. Der Volldepp mimte dann auch noch v\u00f6llig unangebracht ein \u00fcberfordertes Publikum. Jennifer, die Lach-Joga-Spezialistin, wollte absolut nicht ins R\u00f6hrchen blasen. Sie lachte dabei derma\u00dfen entspannt, dass der Beamte dachte, sie h\u00e4tte Drogen genommen. Ihre Pupillen reagierten auf diesen plumpen Taschenlampentest vehement nicht. Und so musste Madame zum Bluttest. V\u00f6llig l\u00e4cherlich. Oh ja \u2013 das v\u00f6llig entspannte Dauerl\u00e4cheln hatte seine T\u00fccken.<\/p>\n<p>Irene hingegen bew\u00e4ltigte ihren angestauten Frust durch die Teilnahme an ganz unterschiedlichen Kursen. Jeden Abend sa\u00df sie in einem anderen Raum der VHS, um als Single nicht zu vereinsamen.<\/p>\n<p>Montags sa\u00df sie in Spanisch f\u00fcr Fortgeschrittene, dienstags im virtuellen Angelkurs f\u00fcr Fr\u00fchaufsteher, mittwochs nahm sie das Modellflugzeug-Bastelbuch in die talentfreie Hand, donnerstags w\u00fchlte sie stets aufgeregt in Unterlagen des BusinessWebmail-Gestalter-Kurses, lag wahrscheinlich am schnuckeligen Kursleiter. Freitag sa\u00df sie zun\u00e4chst am sp\u00e4ten Nachmittag im Kochkurs f\u00fcr einsame Herzen und anschlie\u00dfend im Integrationskurs f\u00fcr Graue M\u00e4use.<\/p>\n<p>Deshalb konnte sie sp\u00e4ter am Stammtisch auch \u00fcberhaupt nicht \u00fcber Camillas bl\u00f6den Witz lachen, den Anne-Marie \u00fcbrigens nicht h\u00f6rte, weil sie an jenem Samstagabend verhindert war. Sie marschierte tags\u00fcber wieder stundenlang in irgendeiner G\u00fclle eines Schweinbauers und nahm am Abend liebevoll R\u00fccksicht auf ihre Freundinnen, aber nicht auf G\u00fcnter.<\/p>\n<p>\u201eBacken ohne Mehl\u201c, so lautete angeblich ein Kurs, den ihre Stammtischfreundin Camilla neulich im VHS-Programmheft gelesen hatte. Und fragte beim Stammtisch-Treffen dreist nach, ob sie diesen Kurs besucht habe.<\/p>\n<p>\u201cNein!\u201c, erwiderte Irene ziemlich aggressiv und verdrehte dabei argw\u00f6hnisch ihre Augen. Ihr Blick war alles andere, als gut gutgelaunt. Sie ahnte insgeheim, dass nun wieder irgendeine bl\u00f6de Bemerkung von Camilla zu erwarten war oder ein doofer Witz.<\/p>\n<p>\u201eDies wundert mich aber!\u201c, s\u00e4uselte Camilla mit einem leicht hetzerischen Unterton in der Stimme.<\/p>\n<p>Jennifer stie\u00df w\u00e4hrenddessen Camilla unter dem Tisch an und setzte dann in die Debatte ein.<\/p>\n<p>\u201eIrene, da haste echt nix verpasst, wenn Du an dem Kurs nicht teilgenommen hast!\u201c<\/p>\n<p>Und ehe Camilla ein Wort sagen konnte, fuhr Jennifer fort: \u201eWei\u00dft Du, hm, der Kurs: \u201eBacken ohne Mehl\u201c h\u00e4tte mich absolut interessiert. Deshalb hab\u2018 ich mich sogar am Mittwochabend noch total abgehetzt, weil mein Masseur mich zun\u00e4chst versetzt hatte. Ich kam also 10 Minuten zu sp\u00e4t an und klopfte vor lauter Hektik nicht einmal an die T\u00fcr. Beim \u00d6ffnen sah ich zwanzig M\u00e4nner, die mit Isomatten auf dem Boden lagen. Sie \u00fcbten anscheinend eine neue Form von Liegest\u00fctzen. Blitzartig schloss ich die T\u00fcr. Da dachte ich mir schon, dass ich mich im Tag geirrt hatte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd dann?\u201c, fragte Camilla ganz scheinheilig und naiv.<\/p>\n<p>\u201eJa, dann ging hinter mir die T\u00fcr auf und die Kursleiterin fragte mich, was ich wollte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd dann?\u201c, fragte nun auch ganz interessiert Irene, die gerade ihr gro\u00dfes Glas Johannisbeer-Schorle in die Hand nahm, um einen kleinen Schluck zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eDann sagte ich, dass ich eigentlich den Kurs \u201eBacken ohne Mehl\u201c besuchen wollte.\u201c, erwiderte Jennifer und hatte dabei Schwierigkeiten Ernst zu bleiben. Camilla wusste zeitgleich nicht, wo sie hinsehen sollte, denn sie ahnte nun schon, was kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eWas geschah dann? Hat sich die Gn\u00e4digste mal wieder im Datum geirrt?\u201c, fragte Irene ziemlich spitz.<\/p>\n<p>\u201eWoher wei\u00dft Du das?\u201c, antworte Jennifer ziemlich cool mit einer Gegenfrage.<\/p>\n<p>\u201eUnd dann? Was geschah dann?\u201c fragte Camilla, die sich zusammenrei\u00dfen musste, um nicht zu kichern.<\/p>\n<p>\u201eDann sagte die Kursleiterin ganz lapidar zu mir: <em>Sie kommen zwei Wochen zu fr\u00fch. Unser Kurs hat die Kursnummer 0815 und lautet: \u201eBeischlaf ohne Frauen!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Camilla und Jennifer genossen Irenes entsetztes Gesicht, lachten derma\u00dfen vulg\u00e4r los, so dass alle Leute im Lokal die Szenerie beobachteten.<\/p>\n<p>Beide Frauen hatten allerdings nicht mit einer spontanen Frustbew\u00e4ltigung ihrer Stammtisch-Freundin gerechnet. Alles ging in Sekundenschnelle. Irene griff beherzt nach Jennifers Hefeweizenbier-Glas, das zu zwei Dritteln noch gef\u00fcllt war. In der anderen Hand hatte sie ihr Glas mit Johannisbeer-Schorle. Sie sch\u00fcttete gleichzeitig, sch\u00f6n synchron in einem Bogen nach beiden Freudinnen. Und dies pr\u00e4zise genau\u2026 inmitten deren lachender Visagen. Da staunte sogar die ansonsten cool wirkende Wirtin Bleibtreu.<\/p>\n<p>Sofort danach griff Irene ziemlich zickig agierend nach ihrer Handtasche und ging ohne ein Wort des Abschieds an die Theke, um ihre Zeche zu zahlen.<\/p>\n<p>Jennifers und Camillas Lachen fror binnen weniger Sekunden ein. Wenn Blicke tats\u00e4chlich t\u00f6ten k\u00f6nnten, so w\u00e4re in jenem Moment Irene zweimal brutal ermordet worden. Dem Ende einer Frauenfreundschaft stand nichts mehr im Wege, au\u00dfer dem Gedanken an eine Frustbew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>\u00a9Corina Wagner, April 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Typisch Frau? Katastrophenfreundin Camilla ging immer an die Schmerzgrenze, wenn sie ihren drei besten Stammtisch-Freundinnen neue Witze offenbarte. 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