{"id":5194,"date":"2012-04-29T00:28:54","date_gmt":"2012-04-28T22:28:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5194"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"blind-fur-sie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/04\/29\/blind-fur-sie\/","title":{"rendered":"Blind f\u00fcr sie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Des R\u00e4tsels Puzzleteile<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Nachhauseweg durch den buntbl\u00fchenden Stadtpark, versuche ich mir genau in Erinnerung zu rufen, wie sie damals war; versuche die fehlenden Puzzlest\u00fccke einzusetzen, die sie mir heute, nach Jahren der Unwissenheit, endlich \u00fcberreicht hat.<\/p>\n<p>Ich wusste nie viel \u00fcber sie, wir kamen gut miteinander aus, das reichte. Keiner von uns sprach je von Freundschaft. Sie ging in meine Klasse und wir waren nett zueinander, obwohl meine Freunde sie nicht mochten. Das st\u00f6rte uns beide nicht \u2013 so kann man es beschreiben. Sie sprach wenig, aber wenn, dann waren es kluge S\u00e4tze mit viel Gehalt. Sie geh\u00f6rte zu den Au\u00dfenseitern und wenn sie lachte, tat sie das nur sehr leise und hinter vorgehaltener Hand. Die meiste Zeit jedoch wirkte sie traurig, blickte leer durch Menschen hindurch oder lief, den Blick auf den Boden des Pausenhofs gerichtet, mit h\u00e4ngenden Schultern und Mundwinkeln ziellos umher. Sie war sehr d\u00fcnn, praktisch nur Haut und Knochen. Ihr sch\u00fctteres Haar sah aus, als w\u00fcrde sie es sich b\u00fcschelweise selbst ausrei\u00dfen und die vielen H\u00e4matome und Sch\u00fcrfwunden erweckten den Eindruck eines sehr schusseligen Menschen. <\/p>\n<p>Ich setze mich auf eine freie Parkbank direkt am See, beobachte die Enten, die sich um mich herum scharen, wohl in der Hoffnung, von mir gef\u00fcttert zu werden. Ich habe nichts bei mir, au\u00dfer meiner schweren Gedanken. Ich erinnere mich noch genau daran, was sie damals wie beil\u00e4ufig und doch sehr ernst zu mir sagte: \u201eIrgendwann ertrinke ich, ich wei\u00df es und ich habe Angst davor! Ich will, dass es endlich aufh\u00f6rt zu regnen.\u201c Das war am helllichten Tag bei Sonnenschein und ich wusste nicht, was sie damit meinte. Sie machte keine Anstalten, es mir zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Denke ich genau \u00fcber diese Zeit nach, wirkte sie in der geduckten Haltung und ihrer Zerbrechlichkeit immer so, als f\u00fcrchte sie sich vor allem und jedem, vor dem Leben. Die regelm\u00e4\u00dfigen, dummen Spr\u00fcche der witzelnden Mitsch\u00fcler schienen an ihr abzuprallen. Sie versuchte nicht ein einziges Mal zu kontern, als w\u00fcrde sie ihre Umgebung kaum wahrnehmen. Obwohl ich sie respektierte, wollte ich nie so werden. Sie war sozusagen mein pers\u00f6nlicher Antiheld. Damals \u2013 vor circa 15 Jahren \u2013 konnte ich mir nicht erkl\u00e4ren, was ich mit \u201eso\u201c meinte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es heute wei\u00df. In meinen Augen war sie ein nettes und kluges M\u00e4dchen, f\u00fcr das es keinen Grund gab, Mitleid zu empfinden. Das sehe ich auch heute noch so.<\/p>\n<p>Nach der Schulzeit sahen wir uns alle paar Jahre, meist zuf\u00e4llig. Manchmal rief sie mich an, so wie letzte Woche, als sie fragte, ob ich mich mit ihr treffen wolle. Sie sei zur\u00fcck in der Stadt. Ich hatte keine Ahnung, dass sie weg war.<br \/>\nUnsere Treffen waren immer ein bisschen spannend f\u00fcr mich, da ich nie wusste, was mich diesmal erwarten w\u00fcrde. Vor ungef\u00e4hr zehn Jahren begegnete ich ihr zuf\u00e4llig und h\u00e4tte sie beinahe nicht erkannt, so kaputt sah sie aus. Sie war v\u00f6llig im Di\u00e4twahn, obwohl ich sie bis dato nur abgemagert kannte; warf sich diverse Pillen ein und konnte kaum klare Gedanken fassen. Sie war betrunken, lallte wirres Zeug vor sich hin und entleerte die viele Fl\u00fcssigkeit auf meinem Badezimmerboden, als ich sie mit zu mir nahm. W\u00e4hrend ich ihre str\u00e4hnigen Haare aus dem Gesicht strich, sprach sie davon, dass sich Menschen gerne in ihrem Leid suhlen w\u00fcrden und es irgendwann die anderen seien, die ertrinken, w\u00e4hrend sie sich l\u00e4ngst einen sicheren Anker besorgt hat. Ob ich auch ein Anker sei, fragte sie, bevor sie einschlief. Am n\u00e4chsten Morgen war sie spurlos verschwunden und lie\u00df mich ratlos zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als wir uns zuletzt sahen, war sie recht rundlich, zeigte selbstbewusst ihre ungewohnt \u00fcppigen Kurven und ihr ebenso ungewohnt volles und gesundes Haar. Das war vor f\u00fcnf Jahren. Zu dieser Zeit schlitterte sie von einer Aff\u00e4re in die n\u00e4chste, wechselte munter zwischen M\u00e4nnern und Frauen ab \u2013 doch niemand war ihr wichtig genug, um zu bleiben. Sie berichtete von vielen abenteuerlichen Ausfl\u00fcgen, davon, dass sie nun Steilwandklettern f\u00fcr sich entdeckt habe, von Konzerten und anderen ihrer Erlebnisse, die ich kaum glauben konnte. Das \u00e4ngstliche M\u00e4dchen von fr\u00fcher war wie aufgel\u00f6st oder weggesperrt &#8211; ich war mir nicht sicher. Sie schien das Leben aufzusaugen, als h\u00e4tte sie vieles nachzuholen. Sie hatte einen Job, reiste viel umher, machte einen gl\u00fccklichen Eindruck und sah nie so gut aus, wie zu diesem Zeitpunkt. Sie war wie ausgewechselt und lie\u00df mich erneut mit Worten zur\u00fcck, die ich mir zwar merken, aber wohl nie verstehen w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eWenn alles ausgetrocknet ist, panieren sich so manche mit deinem Staub ein. Dann glaubst du f\u00e4lschlicherweise, sie seien dir \u00e4hnlich. Kannst du sie zum Schwitzen bringen, br\u00f6ckelt die \u00e4u\u00dfere Schicht kr\u00fcmelig ab und du erkennst, dass eine H\u00fclle ohne Gewicht \u00fcbrig bleibt. Schaffst du es nicht, sto\u00dfe sie einfach zur\u00fcck ins Wasser.\u201c, hallt es in meinen Gedanken nach, als w\u00e4re es gestern gewesen. Bei jedem Treffen hoffte ich ein bisschen, die Antwort auf sie -das R\u00e4tsel- zu erhalten.<\/p>\n<p>Als ich heute das Caf\u00e9 betrat, in welches wir uns verabredet hatten, winkte sie mich direkt an ihren Tisch. Ich war dankbar daf\u00fcr, da ich sie vermutlich nicht auf Anhieb erkannt h\u00e4tte. Sie hat deutlich sichtbar abgenommen, sieht fahl aus und trug ein Kopftuch. Unsere Begr\u00fc\u00dfung fiel wie immer recht neutral aus, als seien wir es gewohnt, uns regelm\u00e4\u00dfig zu sehen. Wir freuen uns, sind jedoch nie \u00fcberschw\u00e4nglich. In den ganzen Jahren sah ich sie nie \u00fcberschw\u00e4nglich. Ebenso neutral und ohne Umschweife begann unser Gespr\u00e4ch. Aus meinem Leben sollte ich ihr erz\u00e4hlen, doch gibt es nicht viel Interessantes. Dann erz\u00e4hlte sie reuelos von den vergangenen Jahren, der turbulentesten Zeit ihres Lebens. Nun sei sie ruhiger geworden. So wie ganz fr\u00fcher, dachte ich im Stillen bei mir.<\/p>\n<p>Eine kleine Wohnung habe sie in der Stadt gemietet und fragte, ob wir uns nun h\u00e4ufiger sehen w\u00fcrden. Das Wasser sei wieder angestiegen und sie brauche vielleicht gelegentlich jemanden, der ihr den n\u00f6tigen Halt gibt, damit sie den Kopf an der Oberfl\u00e4che halten kann. Ich verstand nicht und forderte diesmal eine Erkl\u00e4rung. Sie z\u00f6gerte, nahm das Tuch ab, entbl\u00f6\u00dfte ihre nackte Kopfhaut und holte zum ersten Mal aus.<\/p>\n<p>Sie sei mir \u00fcber die Jahre hinweg dankbar gewesen, keine Fragen gestellt zu haben und wolle nun ehrlich sein. Ich sei die Einzige, die sie immer akzeptiert habe und sie kennt &#8211; ich jedoch habe das Gef\u00fchl, nichts \u00fcber sie zu wissen.<br \/>\nMit ruhiger Stimme erz\u00e4hlte sie von ihrer Chemo, von den qu\u00e4lenden Jahren, von der aufkeimenden Hoffnung, dass nun alles gut werden w\u00fcrde und dem darauf folgenden Absturz. Mir blieb nichts, als mit trockenem Mund und feuchten Augen zuzuh\u00f6ren. Sie sagte, sie habe geglaubt, dass alles was nicht t\u00f6tet, sie nur h\u00e4rter machen w\u00fcrde. Sie habe sich get\u00e4uscht. <\/p>\n<p>Jetzt sitze ich hier, in der untergehenden Sonne, die sich in sch\u00f6nen Mustern auf der Wasseroberfl\u00e4che spiegelt. Ein Angler, der in seinem Boot auf dem Wasser treibt, wartet in aller Ruhe, ob sich etwas bei einer seiner Ruten tut. Die Enten sind l\u00e4ngst zur n\u00e4chsten Parkbank gewatschelt. Es ist sehr ruhig hier, kaum ein Vogel zwitschert. Am anderen Ende des Sees eine Frau mit ihrem Hund, ein Fahrradfahrer der ohne Helm an ihr vorbei f\u00e4hrt. Ohne Ausnahme belanglos und doch versuche ich alles zu sehen, was mir der Park bietet und frage mich, warum ich die ganzen Jahre \u00fcber so blind war. Blind f\u00fcr die Details, die nun so offensichtlich scheinen, dass ich sie eigentlich h\u00e4tte sehen m\u00fcssen. Heute sah ich es zum ersten Mal in ihren Augen. All die Angst spiegelte sich darin, welche sie die ganzen Jahre \u00fcber ertragen hatte. Doch sie sagte, die gr\u00f6\u00dfte Angst habe sie nicht vor dem Tod, sondern davor, das Leben selbst zu verpassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Des R\u00e4tsels Puzzleteile Auf dem Nachhauseweg durch den buntbl\u00fchenden Stadtpark, versuche ich mir genau in Erinnerung zu rufen, wie sie damals war; versuche die fehlenden Puzzlest\u00fccke einzusetzen, die sie mir heute, nach Jahren der Unwissenheit, endlich \u00fcberreicht hat. Ich wusste nie viel \u00fcber sie, wir kamen gut miteinander aus, das reichte. Keiner von uns sprach&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[2016,2017,1948],"class_list":["post-5194","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-zeitgeschehen","tag-blind","tag-chemo","tag-freundschaft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5194"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5194\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5553,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5194\/revisions\/5553"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}