{"id":5202,"date":"2012-05-06T21:19:14","date_gmt":"2012-05-06T19:19:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/?p=5202"},"modified":"2025-06-24T07:23:31","modified_gmt":"2025-06-24T05:23:31","slug":"garten-eden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.morbidvision.de\/blog\/2012\/05\/06\/garten-eden\/","title":{"rendered":"&#8222;Garten Eden&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schon fr\u00fch hatte sie gelernt, Blumen zu hassen und den Garten dennoch zu lieben.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Sie war gerade mal sieben Jahre alt, als Annika geschickt wurde, um Klosterfrau Melissengeist zu besorgen. Anstandslos und ohne jegliches Hinterfragen bekam sie die blauen Packungen abwechselnd in Apotheke und Drogerie ausgeh\u00e4ndigt, manchmal auch mehrmals am Tag. Mit einem mechanischen Haarestrubbeln, wurden sie ihr dann Zuhause abgenommen. Die zwanzig Pfennig Restgeld durfte sie in der Regel behalten. Anfangs machte Annika sich Sorgen und glaubte, der Flascheninhalt sei Medizin f\u00fcr Erwachsene. Dass das Kr\u00e4utergetr\u00e4nk nicht f\u00fcr Kinder geeignet war, erkannte sie an dem scharfen Geruch, der aus dem Mund ihrer Mutter str\u00f6mte, w\u00e4hrend diese nach einem kr\u00e4ftigen Schluck tags\u00fcber trotz Fernseherl\u00e4rm auf der Couch schlief. Annika spielte derweil \u00fcberwiegend im Garten, in dem sie allgemein sehr viel Zeit verbrachte. Dort durfte sie Kind sein, baute sich H\u00f6hlen aus Ge\u00e4st, erkundete die Kriechtierwelt und kreierte Matschtorten, w\u00e4hrend sie vergeblich auf die Genesung wartete.<\/p>\n<p>Auch ihre Mutter verbrachte viele Stunden dort, setzte neue Blumen in die Erde, zupfte das Unkraut, oder schlief sitzend auf der kleinen Holzbank. Wenn Annika sie dort mit h\u00e4ngendem Kopf, den erdigen Fingern im Scho\u00df und Spucketropfen auf der flach atmenden Brust antraf, hatte sie Angst vor ihr und traute sich kaum einen Mucks von sich zu geben. Sobald sie zu laut war und somit ihre Mutter weckte, musste sie oftmals f\u00fcr sie zum Zigarettenautomaten zwei Stra\u00dfen weiter gehen. Meist versuchte Annika dies so lange rauszuz\u00f6gern, bis es dunkel war und niemand sie dabei beobachten konnte, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um die f\u00fcnf Mark in den Schlitz zu werfen. Ihr Vater, der immer erst sehr sp\u00e4t von der Arbeit kam, bekam von alldem selten etwas mit.<\/p>\n<p>Mit den Worten, sie solle sich ansehen, wie toll die Geranien momentan bl\u00fchen, wurde sie h\u00e4ufig in den Garten geschickt, damit die beiden ungest\u00f6rt und lautstark streiten konnten. Sie mochte es, wenn es regnete \u2013 dann konnte sie sich unter dem kleinen gr\u00fcnen Regenschirm mit der gelben Ente darauf, vor den mitleidigen Blicken der Nachbarn sch\u00fctzen und den prasselnden Regentropfen lauschen, bis sie wieder rein durfte. Annika h\u00f6rte stets jedes einzelne Wort, obwohl sie nicht wollte \u2013 irgendwann wurde es dann ganz still. Den Schirm bekam sie, zusammen mit einem Farbmalkasten, von ihrem Papa zum Geburtstag. Vom monatlichen Geld abgesehen, war das sein letztes Geschenk an sie. Ihre Mutter sprach oft vom \u201eRabenvater\u201c, wenn es um ihn ging, doch Annika mochte Raben schon immer. Sie schienen ihr so unnahbar und doch so frei. Sobald sie einen Versuch startete und nach ihm fragte, blickten leere Augen in Richtung Garten und fragten, ob sie schon gesehen habe, wie sch\u00f6n die Forsythien bl\u00fchen. Auf so viele Fragen bekam sie nie eine Antwort.<\/p>\n<p>Jedes mal, wenn Annika nach der Schule vor verschlossener T\u00fcr stand, konnte sie die Hausaufgaben meist bei den Nachbarn machen, bei denen sie auch regelm\u00e4\u00dfig essen durfte. Als ihre immer d\u00fcnner werdende und doch so aufgequollene Mutter dann wieder wach, oder der M\u00e4nnerbesuch weg war, f\u00fctterte Annika sie, um kurz darauf ihre Kotze wegzuwischen. Sie glaubte, sie m\u00fcsse sich einfach nur lange genug um sie k\u00fcmmern, bis es ihr wieder gut ginge und sie endlich gl\u00fccklich sein k\u00f6nnten. Dann w\u00fcrde ihr Papa auch sicher zur\u00fcckkommen. Sie wollte gerne, dass ihre Mutter stolz auf sie ist und ebenso gerne wollte sie stolz auf ihre Mutter sein. Meist sch\u00e4mte sie sich einfach nur f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Abends im Kinderzimmer, kniete sie regelm\u00e4\u00dfig vor ihrem Bett und betete. Manchmal w\u00fcnschte sie sich, in einer anderen Stadt, bei einer anderen Familie aufzuwachsen und glaubte, dann w\u00e4re alles gut &#8211; so wie bei den anderen Kindern in ihrer Klasse. Hin und wieder wollte sie, dass ihre Mutter jemand anderes sein soll und sie nicht mehr versuchen m\u00fcsste, sie nicht zu hassen. Und an manchen Tagen w\u00fcnschte sie nur noch, sie w\u00fcrde an dem aufgesetzten L\u00e4cheln ersticken, welches ihr der Alkohol so oft ins Gesicht legte, ohne die Traurigkeit zu \u00fcberzeichnen, die Annika so hilflos machte. Keiner der W\u00fcnsche ging je in Erf\u00fcllung und irgendwann h\u00f6rte sie auf, an Gott zu glauben.<\/p>\n<p>Es folgte ein jahrelanges Auf und Ab, in dem Annika immer wieder versuchte, ihre Mutter aus der Isolation zu retten. Sie glaubte, sie w\u00fcrde es schaffen, indem sie einfach genug Kraft aufbr\u00e4chte und regelm\u00e4\u00dfig den Inhalt der vielen Flaschen ins Klo kippte und die Tabletten, die m\u00fcde und gleichg\u00fcltig machen, gleich hinterher warf. So gleichg\u00fcltig, dass es nicht mal zum Streiten reichte, als sie ihr die markierten Flaschen unter die betrunkene Nase hielt. Ob sie schon die sch\u00f6nen Gladiolen gesehen habe, war die Reaktion auf Konfrontation. Alles was Annika zu sagen hatte, schien auf taube Ohren zu sto\u00dfen, sodass sie irgendwann verstummte, w\u00e4hrend sie innerlich schrie.<\/p>\n<p>An Tagen, an denen ihrer Mutter nicht mehr einfiel, wie ihre Tochter hei\u00dft und sie mit \u201ehey du\u201c ansprach, wurde Annika bewusst, dass sie die ganzen Jahre \u00fcber nie gehasst, aber ebenso wenig geliebt wurde. Dies konnte sie kaum ertragen und erschwerte ihr, sich die wachsende Verachtung nicht ansehen zu lassen. Sie fing zwar an, zu verstehen, dass es die Krankheit ist, die sie verachtet und nicht ihre Mutter selbst &#8211; dennoch hielt sie es nicht lange in ihrer N\u00e4he aus, w\u00fcrde sich am liebsten, wie fr\u00fcher schon, in den geheimen Ecken des Gartens verstecken und erst Stunden sp\u00e4ter wieder auftauchen. Einzig das schlechte Gewissen brachte sie dazu, hin und wieder nach ihrer Mutter zu sehen. Als Annika w\u00e4hrend eines Telefonats erz\u00e4hlte, dass sie per Zufall ihren Vater mit seiner neuen Familie getroffen habe, lenkte ihre Mutter das Gespr\u00e4ch sofort auf die sch\u00f6nen Hyazinthen. Sie wusste daraufhin genau, dass beim n\u00e4chsten Besuch nur Gebrochenes auf sie warten w\u00fcrde. Gebrochene Versprechen, gebrochenes Glas, eine gebrochene Frau.<\/p>\n<p>Wenn Annika heute in den Spiegel sieht, sieht sie ihre Mutter und erkennt zum Gl\u00fcck doch nichts von ihr wieder. Nun ist der Garten verwildert und nur noch ein einziger Quadratmeter Gr\u00fcn wird regelm\u00e4\u00dfig gepflegt. Annika bringt Blumen mit &#8211; sie h\u00e4tten ihr bestimmt gefallen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon fr\u00fch hatte sie gelernt, Blumen zu hassen und den Garten dennoch zu lieben. Sie war gerade mal sieben Jahre alt, als Annika geschickt wurde, um Klosterfrau Melissengeist zu besorgen. Anstandslos und ohne jegliches Hinterfragen bekam sie die blauen Packungen abwechselnd in Apotheke und Drogerie ausgeh\u00e4ndigt, manchmal auch mehrmals am Tag. 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