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Scheinbar unscheinbar

Noch heute wird Alice häufig wie ein kleines Mädchen behandelt, falls sie überhaupt wahrgenommen wird. Selbst wenn sie ihrer Mutter eine Packung Mon Chéri mitbringt, wird sie nach ihrem Ausweis gefragt. Fehlt nur, dass ihr die Wurstfachverkäuferin aufgrund der kindlich wirkenden, zierlichen Gestalt, eine Extrascheibe Lyoner über die Theke reicht. Vermutlich würde sie es nicht mal mitbekommen, da ihr Blick meist auf den Boden oder ihre Schuhspitzen gerichtet ist. Das dunkle, glatte Haar fällt dabei so weit ins Gesicht, dass man selbiges kaum mehr erkennen kann. Sie ist das, was sie selbst importun als Einzelgänger, jeder andere jedoch als scheu und unscheinbar bezeichnen würde.

Ihr Arbeitsweg führt durch einen kleinen Stadtpark, in dem sich zu beinahe jeder Tageszeit Kinder auf dem Spielplatz austoben. Bevor Alice die gepflegte Anlage betritt, zieht sie die Schultern nach oben und den Schal noch höher über das Kinn, achtet dabei akribisch darauf, mit den Haarsträhnen ihre vernarbte Wange zu verdecken.

Sie kann Kinder nicht leiden, oder hat genauer gesagt Angst vor ihnen. Als sie selbst noch eines war, wurde sie gehänselt bis die Tränen flossen. Entweder ihre eigenen, oder die desjenigen, auf welches sie vor Wut und Ausweglosigkeit mechanisch einschlug bis sie sich aus der Situation befreien konnte. Damals wünschte sie sich oft in das gleichnamige Wunderland. Rüdiger, der selbst vielfach aufgrund seines Gewichts gehänselt wurde, stellte sich in diesen Momenten oftmals helfend an ihre Seite. Heutzutage braucht sie diese Unterstützung nicht mehr, denn keines der spielenden Kinder nimmt Notiz von ihr. Sie scheint so unsichtbar, dass nicht einmal ihre hastigen Schritte Spuren im ersten Schnee des Jahres hinterlassen.

Dank ihrer Jahreskarte der städtischen Museen, sitzt Alice nach Feierabend oft stundenlang in immer demselben Raum auf einer Bank, starrt auf immer dasselbe Bild und wird dabei weder wahrgenommen, noch angesprochen. Sie trägt dezente Kleidung in unauffälligen Farben und sieht niemandem direkt in die Augen. Fällt der Blick eines aufmerksamen Besuchers doch auf sie, spürt sie diesen wie Nadelstiche auf der Haut und wendet sich beschämt ab. Falls sie unaufmerksam war und die Sicht auf die Vernarbungen frei liegt, sehen die fremden Augen immer zuerst betreten weg.

Wenn sie sich nicht mit Rüdiger trifft, der die Pfunde längst verloren und dafür an Selbstbewusstsein gewonnen hat, verbringt sie die Tage dort im Museum für sich allein. Heute haben sie sich für den Nachmittag bei ihm verabredet. Alice bummelt ihre zahlreichen Überstunden ab und da sie im Job genauso unscheinbar auftritt, fällt vermutlich niemandem auf, dass sie nicht anwesend ist. Sie hält sich gerne im Hintergrund und würde aufgrund dessen niemals nach einer Beförderung fragen, jedoch würde auch niemand bei einem freiwerdenden Posten an sie denken, obwohl sie ihre Arbeit stets gut und zuverlässig erledigt.

Die Hände in den Manteltaschen vergraben, spielt sie mit dem Kleingeld, welches sie dem Mann an der U-Bahn-Station jedes Mal, wenn sie sich auf den Weg zu Rüdiger macht, in den Becher wirft. Immer hat sie ein leises Lächeln übrig, nie empfindet sie Mitleid für ihn. Irgendwie mag sie ihn. Auch heute nickt sie ihm freundlich zu, während sie die Münzen in die Pappe fallen lässt. Die gewohnte Reaktion ist ein herzliches Dankeschön, gepaart mit einem schiefen Lächeln, welches seine unvollständigen Zahnreihen offenbart. Doch diesmal greift er nach ihrem Handgelenk und sieht sie eindringlich an, ohne dabei bedrohlich zu wirken. Obwohl Alice ein ängstlicher Mensch ist und den Mann nicht näher kennt, fürchtet sie sich auch dann nicht vor ihm, als er sich ungeahnt groß vor ihr aufbäumt. Er streicht ihr behutsam die Haare aus dem Gesicht und sieht sie sich genau an. Sie ist paralysiert, kann sich nicht wegdrehen, wie sie es sonst tun würde, sucht stattdessen in seinen Augen nach Ekel oder Mitleid und findet ein warmes Grünbraun. Er lockert seinen Griff und umarmt sie, drückt seine Wange sanft gegen ihre und flüstert ihr ins Ohr, dass sie ein guter Mensch sei. Völlig perplex rührt sie sich erst dann, als die Bahn eingefahren ist und er sie leicht von sich weg stößt.

Sie sieht ihm von weitem durch die schmutzigen Scheiben nach, wie er langsam zurück auf seinen gewohnten Platz sinkt. Er roch besser als sie zuvor geglaubt hatte. Während die Bahn durch den langen Tunnel brettert, spiegelt sie sich selbst im Glas. Ungläubig mustert sie ihr Gesicht und tastet sich hektisch ab. Nach einigen Momenten wendet sie sich den anderen Fahrgästen zu und liest in deren Mimik das, was sie nicht fassen kann. Ein attraktiver Mann, ihr schräg gegenüber, sieht sie bewundernd an und lächelt schüchtern in ihre Richtung. Diese Reaktion war ihr bisher unbekannt.

Aufrechten Ganges läuft sie die Treppen hinauf und sieht während des gesamten Weges in ungewohnt viele freundliche Gesichter. Als sie den Klingelknopf zu seiner Wohnung drückt, kommt Rüdiger ihr wie immer gut gelaunt entgegen, nimmt sie in den Arm und bittet sie herein. Erst als sie im Flur stehen bleibt, fragt er, ob alles in Ordnung sei. Auf ihre Frage, ob er finde, dass sie heute irgendwie anders aussähe, antwortet er mit sanfter Stimme: „Etwas verwirrt, aber bezaubernd wie immer!“

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Geöffnete Türen (Teil II.)

Was macht die Angst aus einem, wenn man nicht ernst genommen wird?

Hannes, der gerade noch beschützend vor mir stand und vorsichtig den Kopf aus dem Türrahmen streckte, geht nun einen Schritt zur Seite. Damit ich mich selbst davon überzeugen kann, dass uns keine schlimmen Monster auflauern, wie er es belächelnd nennt. Ich ärgere mich darüber, nicht ernst genommen zu werden und versuche eine furchtlose Haltung einzunehmen. Merkwürdiger Weise wirkt das Treppenhaus nun tatsächlich wenig angsteinflößend und plötzlich sehr lebhaft. Spielsachen und Schuhe in diversen Größen stehen vor den Wohnungen, zwei der Türen sind angelehnt und Essensgerüche dringen in meine Nase, die mir erneut bewusst machen, dass die Zeit unbemerkt viel zu schnell an mir vorüber zieht. Ich bin etwas erleichtert.

Mit Nachdruck und leichter Anwendung von Gewalt, schließt Hannes die Wohnungstür, die noch gestern so federleicht ins Schloss fiel. In der Küche sitzen wir uns schweigend gegenüber. Ich denke noch immer beunruhigt über die Geschehnisse nach, während er mich belustigt ansieht, als sei er in einen Bubenstreich eingeweiht, dem ich naiv erliege. Ich hasse das! Ich bin verärgert und verängstigt zugleich. Als ich ihn vorwurfsvoll darauf anspreche und die offen stehenden Wohnungen erwähne, zeigt er eine seltsame Reaktion. Auch von den Verbindungstüren, die sich merkwürdiger Weise erst nach unserem Umzug auftaten, will er nichts hören. Für einen kurzen, kaum merklichen Moment versteinert sich seine Miene, bevor er wieder das unbesorgte Gesicht aufsetzt. Doch ich kenne ihn zu gut, jedes Detail seines schönen Gesichtes kenne ich auswendig. Er entgegnet jedoch nur, dass das Gebäude eben alt sei, ich mir nicht so viele Gedanken machen soll und es unserem ungeborenen Sohn auch gut tun würde, wenn ich alles etwas entspannter sehen könnte. Kann ich aber nicht. Und schon ertönt das nächste Geräusch.

Diesmal ein Klopfen. Definitiv aus dem Wohnzimmer. Kurz darauf folgt eine Stimme. Eine freundliche Männerstimme. Der Fremde fragt höflich, ob er eintreten darf. Mit großen Augen starre ich meinen Mann an, der wiederum gelassen aufsteht und furchtlos der Stimme entgegen geht. Ich greife mir unterdessen zielstrebig ein großes Messer aus dem Holzblock und gehe auf leisen Sohlen zaghaft hinterher. Herzrasen. Als ich auf halber Strecke lautes Gelächter und munteres Geplauder vernehme, verstecke ich das Messer vorerst hinter meinem Rücken und linse misstrauisch um die Ecke.

Ein dunkelhäutiger Mann, ca. 60 Jahre alt, mit kurzem graumeliertem Haar in beigefarbenem Pullover und brauner Hose steht neben unserem Bücherregal, die Tür hinter ihm weit geöffnet. Als er mich entdeckt, grüßt er freundlich lächelnd und fordert mich mit offen entgegengestecktem Arm auf, ihm die Hand zu geben. Ich zögere, trete dann aber doch näher und greife hinter meinem Rücken umständlich mit der linken Hand den Griff des Messers, um die Rechte für die Höflichkeitsformel frei zu haben. Er stellt sich als unseren Nachbarn vor und bittet uns um ein wenig Salz, da seines gerade ausgegangen sei. Hannes, neben den ich mich schutzsuchend wie ein kleines Kind gestellt habe, nickt, versucht mir unauffällig das Messer abzunehmen und spurtet in Richtung Küche.

Ich bin überfordert mit der Situation und starre den Mann an, ohne ein Wort zu sagen. Er lässt den Blick durch den Raum schweifen und versucht sich darin, Komplimente bezüglich der Einrichtung zu machen. Sichtlich froh über die rasche Rückkehr von Hannes und dankbar für das Salz, lädt er uns zu sich in die Wohnung und zu seiner Suppe ein. Noch bevor ich etwas sagen kann, nimmt Hannes die Einladung an, greift meine Hand und zieht mich hinter sich und dem Mann in die fremde Wohnung. Die Tür hinter mir bleibt angelehnt.

Seitlich des Flurs gehen einige Räume ab, geradeaus gelangen wir direkt in das große Wohn- und Esszimmer, das mit vielen Holzmöbeln gemütlich eingerichtet ist. Auf dem Boden sitzt ein kleiner dunkelhäutiger Junge in Jeanslatzhose und weinrotem T-Shirt darunter. Vermutlich das Enkelkind. Er spielt mit Bauklötzen und grüßt uns wohlerzogen, blickt jedoch nur flüchtig und wenig interessiert von den bunten Hölzern auf. Obwohl er nichts weiter macht, nimmt mir der Junge die Unsicherheiten und gibt mir innerlich sogleich ein wenig mehr Ruhe.

Der Mann der sich als John vorstellte, entschuldigt sich in die Küche und bittet uns, schon mal Platz zu nehmen. Als er laut „Jamal, Tahira, Essen!“ ruft, hallt aus einem der zahlreichen Zimmer eine Frauenstimme, die angibt, sofort zu kommen. Ich zucke zusammen, da auch ihre Stimme so abgedämpft klingt, wie zuvor schon die von Hannes. Erneut flackert das Licht kurzzeitig, bevor schließlich ein Mann in etwa unserem Alter schlurfend den Raum betritt. Er grüßt uns unbeeindruckt, wuschelt dem spielenden Jungen durch das lockige Haar und nimmt schweigend mir gegenüber Platz. Das muss Jamal sein, vermutlich der Vater des Jungen. Er ist mir irgendwie unheimlich. Hannes verwickelt ihn in ein oberflächliches Gespräch und ich versuche ihn möglichst unauffällig zu beobachten. Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus. Die gesamte Situation ist mir absolut unangenehm. Und schon kommt Tahira fröhlich um die Ecke, streicht dem Jungen ebenfalls über den Kopf und setzt sich zu uns, als John mit den schon befüllten Tellern herantritt. Er muss mehrmals gehen, bis endlich alle von der Suppe vor sich stehen haben und gemeinsam schweigend anfangen zu essen. Nur der Junge spielt weiterhin auf dem Boden, während alle anderen ihren Blick stur auf die Gemüsesuppe richten.

Als sein Teller leer ist, bekundet Hannes höflich, wie gut es geschmeckt hat. Ein einvernehmliches Nicken lockert die vorherrschende Stimmung etwas auf. Nach etwas erzwungenem Smalltalk verschwinden Jamal und Tahira, um den Jungen ins Bett zu bringen. Da ich weiterhin auf der Suche nach Antworten bin, nutze ich Johns Redseligkeit und spreche ihn auf die Verbindungstüren zu den anliegenden Wohnungen an. Den sanften und doch mahnenden Hieb durch Hannes ignoriere ich. John fängt an, eine schillernde Geschichte über eine adlige Großfamilie zu erzählen, die über Generationen auf dem großen Anwesen lebte. Sie hätten viele Hausangestellte gehabt, die Gemeinschaftsbäder, Küchen und je ein Schlafzimmer bereit gestellt bekamen. Sie lebten in einer großen Gemeinschaft, weswegen beinahe jedes Zimmer miteinander verbunden war. Abgesehen von den Wohnungstüren gab es keine Schlüssel zu den einzelnen Türen und die folgenden und aktuellen Bewohner legten auch keinen Wert darauf, sagt John.

Seine Erzählung klingt einleuchtend und dennoch habe ich das Gefühl, angelogen zu werden. Auf meine Frage hin, was mit dem Strom sei, weil ich nun schon mehrmals ein Flackern der Lichter beobachten konnte, redet er sich raus. Er wisse nicht was ich meine, würde sich gut mit Kabeln auskennen, aber dies sei ihm noch nie aufgefallen. Irgendwas stimmt hier nicht, jedoch kann ich noch nicht sagen was es ist. Ich bleibe misstrauisch.

Gerade als wir uns in Johns freundlicher Begleitung zurück in unsere Wohnung begeben wollen, schneidet uns auf dem Flur ein schlaksiger Mann den Weg ab. Er kommt mir bekannt vor und als er flüchtig durch die viel zu großen Brillengläser aufsieht, bleibt er ruckartig stehen, lässt den Blick von mir zu Hannes schweifen, woraufhin er ihn freudig anstrahlt und sie sich überschwänglich begrüßen. Nach kurzer Überlegung, erkenne ich ihn nun auch. Thomas, ein ehemals guter Kumpel von Hannes. Als er vor Jahren weg zog, brach der Kontakt zwischen den beiden ab. Ich mochte ihn nie sonderlich, was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Der Inbegriff des Klischees eines Nerds, mit ungekämmtem Haar, Pullunder und Kordhose, erzählt uns, er wohne hier schon länger. Seine Einladung, uns seine Wohnung zu zeigen, kann Hannes nicht ausschlagen. John wünscht uns an dieser Stelle noch einen schönen Abend und meint, er würde uns bei Gelegenheit besuchen kommen. Ob ich das gut finden soll, weiß ich noch nicht. Und erneut trotte ich Hannes widerwillig hinterher, mit abermals unruhigen Tritten gegen die Bauchdecke.

Wie ich sie mir vorgestellt hatte, ist die Wohnung sparsam eingerichtet. Computer, Musikanlage, viele Bücher, ein ordentlich gemachtes Bett, auch sonst alles akkurat an seinem Platz. Auch hier sind sämtliche Türen angelehnt, die vermutlich ebenso eine Verbindung zu den anderen Wohnungen darstellen. Aufmerksam wie er ist, bemerk Thomas meinen skeptischen Blick und erklärt sogleich, dass sich in der Gemeinschaft alle sehr gut miteinander verstehen und die Intimsphäre der anderen besser wahren würden, als in anderen Häusern, in denen die Türen verschlossen oder gar nicht vorhanden seien. Ich hatte bisher einen anderen Eindruck, aber wage es nicht ihm zu widersprechen.

Nach dem Rundgang begleitet er uns zurück in unsere Wohnung. Das Schloss kommt mir vor wie ein Labyrinth und ist mir nach wie vor unheimlich. Wären die Tapeten nicht in jeder Wohnung andersfarbig, würde ich die Orientierung völlig verlieren.
Während ich mich genervt ins Schlafzimmer zurück ziehe, unterhalten sich die beiden im Wohnzimmer angeregt über alte Zeiten. Ich packe eine Tasche mit Kleidung zusammen, die ich in zwei Tagen für den Besuch bei den Eltern mitnehmen möchte. Dort habe ich einige Dinge zu erledigen, die wir vor dem Umzug nicht mehr geschafft haben. Meine Sehnsucht nach einer Dusche oder einem entspannenden Bad in trauter Zweisamkeit ist groß. Deswegen verabschiede ich mich für heute freundlich von Thomas und hege die stille Hoffnung, er würde mit einem höflichen Rückzug in seine eigenen Räumlichkeiten reagieren. Da er keine Anstalten macht, bewege ich mich allein in Richtung Badezimmer.

Unsere eigene Wohnung erscheint mir erneut völlig fremd. Um bei den vielen verwirrenden Türen sicher zu gehen, auch tatsächlich unser Bad zu erwischen, klopfe ich vorsichtshalber an. Womit ich dennoch nicht gerechnet habe, ist die Frauenstimme, die mir mit dumpfem Klang durch die geschlossene Tür entgegen singt, dass sie noch eine Weile brauchen wird. Meine Stimme bebt, als ich frage, warum sie in unserem Bad ist, was sie da macht. Unbekümmert flötend und dennoch weiterhin dumpf, als wäre sie hinter einer dicken Wand oder unter Wasser, entgegnet sie mir nur, ich solle eine Tür weiter gehen. Das Licht flackert, mein Bauch hämmert.

Ich verspüre den starken Drang mich zu übergeben, oder wenigstens eine Zigarette zu rauchen, obwohl ich das Rauchen schon vor Beginn der Schwangerschaft aufgegeben hatte. Stattdessen gehe ich zurück ins Schlafzimmer, setze mich auf den Rand des Bettes und starre in den Kleiderschrank. Wenigstens dort habe ich heute Nacht keine Monster zu befürchten. Mir ist kalt und schwindlig, ich fühle mich schutzlos und kann mich damit an niemanden wenden, ohne das Gefühl zu haben, ausgelacht zu werden. Also rolle ich mich ungewaschen und komplett angezogen in die Decke ein und presse meine Augen fest zusammen, sodass ich auch das Licht nicht mehr wahrnehme, welches ich angelassen habe. Meine Tränen sickern unaufhaltsam in das Kissen.

Als sich die Matratze bewegt und ich plötzlich eine Hand auf meinem Oberarm spüre, schrecke ich auf, schlage reflexartig mit beiden Armen in die Luft und versuche mich zu orientieren. Ich muss eingeschlafen sein, habe erneut keinerlei Zeitempfinden und Hannes sieht mich fragend an. Der Blick auf den Wecker zeigt mir zwanzig nach sieben in der Früh. Mit einem flüchtigen Kuss auf die Stirn, wendet sich Hannes von mir ab und will aus dem Zimmer gehen. Ob er nicht geschlafen hat und wohin er nun will, möchte ich noch immer benommen von ihm wissen. „Du hast wohl gar nichts mitbekommen, so tief wie du geschlafen hast. Ich gehe nun arbeiten und wünsche dir einen angenehmen Tag. Gegen sechs bin ich zurück.“, antwortet er kühl. Bevor ich etwas entgegnen kann, verlässt er den Raum und kurz darauf, mit einem festen Schlag der Tür, auch die Wohnung. Ich bin verwirrt und nun auf mich allein gestellt. Am liebsten würde ich mich wieder unter der Decke verkriechen, bis er zurück ist.

Stattdessen gehe ich, mit frischer Kleidung im Gepäck, wagemutig in Richtung Badezimmer, atme auf dem Weg dorthin mehrmals tief durch. Ich bin erleichtert, dass die Tür weit auf steht und ich niemand Unerwartetes vorfinde. Der lange Blick in den Spiegel ändert nichts daran, dass ich mich kaum wieder erkenne. Fahl, angespannt und gealtert sehe ich aus. Dazu mit einer immer größer werdenden Kugel, die sich nach vorn schiebt und immer wieder mal einen Tritt abgibt. Ich stelle das Radio an und versuche unter der heißen Dusche alles von mir zu waschen, alle Gedanken an die seltsamen Vorfälle will ich loswerden. Eine halbe Ewigkeit lasse ich bewegungslos das warme Wasser an mir abperlen, gehe dabei gedanklich eine Liste der Dinge durch, die ich heute noch erledigen möchte und mich insgesamt ablenken sollen.

Plötzlich kommt einen Lidschlag lang kein einziger Tropfen mehr aus der Brause, als wäre die Wasserleitung gekappt worden. Als hätte ich es mir nur eingebildet, prasselt es sofort wieder auf mich nieder. Ich versuche dies erneut auf meine Hormone zu schieben, da passiert es noch mal. Kein Tropfen Wasser für eine halbe Sekunde, danach wieder prasselnd, als wäre nichts gewesen. Über mir flackert das Licht kurz auf. Eine Weile lang stehe ich da und beobachte nur den Wasserstrahl. Ich erkläre mir anhand Hannes’ Aussage, es sei eben ein altes Gemäuer. Und in alten Gebäuden sind auch die Rohre oftmals nicht die Neuesten. Dazu kommt, dass ich schreckhaft bin. Das wird es sein.

Ich drehe das Wasser aus und schnappe mir ein Handtuch. Als ich mit wackeligen Beinen aus der Dusche trete, stockt mir der Atem. Die Badezimmertür steht offen, obwohl ich mir sicher bin, sie geschlossen zu haben. Ich drehe mich angespannt um, überprüfe mit einem flüchtigen Blick den Raum, ob sich irgendwas verändert hat. Das Radio ist plötzlich stumm, wie der Rest des Schlosses auch. Ich erschrecke schon beinahe vor dem Pochen meines eigenen Herzschlags und haue die Tür mit voller Wucht erneut zu. Nervös ziehe ich mir schnell die Kleidung über. Das kann nicht sein! Als ich wenige Sekunden später aufblicke, steht die Tür wiederholt offen.

-Fortsetzung folgt-

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Wahn

Wie so häufig in den letzten anderthalb Jahren, stehen Marie und Lukas morgens vor ihren Autos auf dem Parkplatz und verabschieden sich mit einem zärtlichen Kuss voneinander. Während er nach links in Richtung Arbeit abbiegt, fährt sie zu sich nach Hause um zu duschen und sich umzuziehen, bevor sie sich dann auf den Weg zur Uni macht.
Nicht so an diesem Tag. Kurz nachdem sie das Radio angestellt und den Blinker gesetzt hatte, entdeckt sie im fahlen Licht des Sonnenaufgangs ein rotes Auto im Rückspiegel, das ihr immer dichter auffährt. Durch die geringe Distanz, sieht sie eine weibliche Gestalt mit blondem Haar, die sie mit wütenden Augen anfunkelt.
Marie denkt sich nichts weiter dabei und fährt rechts ran, um die augenscheinlich eilige Person hinter sich vorbei zu lassen. Doch diese weicht auch dann nicht von ihrer Spur direkt hinter Marie ab und drängt sich immer weiter auf. Mit einem mulmigen Gefühl steuert Marie nun doch lieber stadtauswärts, statt die Dränglerin direkt zu ihr nach Hause zu führen.

Geschätzte dreißig Minuten und zwanzig Kilometer später, greift Marie nun panisch und angsterfüllt nach ihrem Handy, um ihren Freund anzurufen, der nun schon längst bei der Arbeit sein müsste. Lukas versucht sie durch den Hörer zu beruhigen und versichert ihr, die Verfolgerin nicht zu kennen. Nachdem sie wenige Minuten später auflegen, ist das rote Fahrzeug plötzlich aus Maries Sichtfeld verschwunden. Sie muss abgebogen sein.

Erleichtert fährt Marie auf den nächsten Parkplatz und beugt sich mit den zitternden Händen und ihrem kaltschweißigen Gesicht über das Lenkrad. Sie muss sich konzentrieren, wieder langsam und regelmäßig zu atmen. Sie kann die Situation nicht einordnen und versteht nicht, was die fremde Person von ihr gewollt haben konnte, warum sie ihr eine solche Angst einjagt. Sie reißt sich zusammen und verdrängt die wirren Gedanken aus ihrem Kopf, um den Tag so normal wie möglich fortzuführen.
Zu Hause angekommen, begegnet ihr eine ihrer neuen Mitbewohnerinnen fröhlich auf dem Flur. Bei einer gemeinsamen Tasse heißem Tee, erzählt Marie, was ihr widerfahren ist. Ihre Mitbewohnerin zeigt wenig Interesse und tut den Vorfall als seltsamen Zufall ab, es würde sich vielleicht auch um eine Verwechslung handeln. Stattdessen erzählt sie Marie von ihrer neuen männlichen Errungenschaft, in die sie neuerdings verliebt sei aber noch nicht so recht wisse, woran sie bei ihm sei, da sie sich meist nur vormittags trafen. Marie hört ihr nur mit einem halben Ohr zu und verabschiedet sich dann genervt von so viel Egoismus unter die Dusche.

Einige Tage später, als sie den Vorfall schon fast vergessen hatte, traf sie sich mit Lukas in der Stadt, um ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter zu besorgen, die Marie noch immer nicht kennen gelernt hatte. Seine Familie wohnt zu weit weg, um einen spontanen Wochenendbesuch abzuhalten und sein Kontakt zu ihnen scheint auch nicht sehr eng zu sein.
Händchenhaltend schlendern sie von Geschäft zu Geschäft, um das perfekte Geschenk zu finden. Doch in der nächsten Sekunde bleibt Marie wie erstarrt stehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkennt sie das selbe rote Auto, das ihr noch Tage zuvor kalten Schweiß über den Körper trieb, doch weit und breit ist keine Blondine zu sehen.
Während Marie innerlich immer unruhiger wird, läuft Lukas, der sich von ihrer Hand gelöst hatte, mit gesenktem Blick und schnellen Schritten stur geradeaus, ohne Marie zu beachten. Misstrauisch beäugt sie sein merkwürdiges Verhalten und die Situation, die sich zusammengetragen hatte, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte den Vorfall mit der Verfolgung durch die Stadt genauso abgetan, wie ihre Mitbewohnerin und wirkte dabei sogar leicht wütend, sodass sie schon begann, an sich selbst zu zweifeln.

Einige Minuten später, bittet Lukas darum, den Stadtbummel auf ein andermal zu verschieben. Er wäre erschöpft und möchte nun lieber gemütlich etwas essen gehen. Bei ihrem Lieblingsitaliener angekommen, ist die Stimmung zwischen den beiden weiterhin angespannt und Marie traut sich nicht, anzusprechen was sie gesehen hatte. Nach dem recht stillen Essen, verabschieden sie sich mit einem flüchtigen Kuss voneinander. Sie würden sich morgen oder übermorgen wieder sehen.
Auf dem Weg zu ihrem Auto, überkommt sie wieder ein seltsames Gefühl und sieht sich unauffällig um. Da ist es wieder – das rote Auto. Ihre Schritte werden schneller, sie drückt ihre Tasche enger an den Körper und versucht gleichmäßig durch Mund und Nase zu atmen. Als sie nur noch zwei Straßen von ihrem Auto entfernt ist, wird sie von einem Lichtkegel erfasst, der von dem Auto ausgeht, das hinter ihr die Straße hinab rollt. Sie muss sich gar nicht umdrehen, um zu wissen, wer hinter dem Streuer sitzt. Als sie gerade um die letzte Ecke abbiegen will, hört sie das Quietschen der Reifen und spürt einen Stoß, der sie zu Boden fallen lässt. Der Inhalt ihrer Tasche liegt vor ihr auf dem Asphalt verteilt und als sie aufblickt, ist das Auto schon längst verschwunden. Ängstlich und sauer zugleicht, sammelt sie ihre Sachen auf und rennt mit einem leicht aufgeschürftem Knie zu ihrem Auto.

„Eine neue Nachricht!“, ertönt es vor ihr. Die E-Mail ist von Lukas, nachdem er sich drei Tage lang nicht gemeldet und weder auf Anrufe, noch auf SMS oder E-Mails reagiert hatte. In ihren Augen steigen Tränen der Wut auf, als sie die Zeilen liest, die ihr vermitteln, dass sie sich zukünftig nicht mehr sehen können. Einen Grund dafür schreibt er nicht. Auf den wiederholten Versuch, bei ihm anzurufen, fiept ihr nur das Besetztzeichen entgegen. Aufgewühlt tigert sie durch die Wohnung auf der Suche nach einem Gesprächspartner, bei dem sie sich ausheulen kann, doch die eine Mitbewohnerin telefoniert gerade und die andere ist nicht zu Hause. Marie fühlt sich furchtbar einsam, als kurz darauf an die Wohnungstür geklopft wird. Sie schreckt auf und versucht durch den Türspion zu erkennen, wer es sein mag. Zu sehen ist nur Dunkelheit. Sie späht durch einen Türspalt und sieht einen Brief auf dem Boden liegen, doch vom Absender ist keine Spur.
Zu lesen ist nur eine Zeile in Arial, Schriftgröße 14: „Dienstag um 15 Uhr im Café Adria.“
Dienstag ist schon morgen und sie glaubt, Lukas zu einem klärenden Gespräch zu treffen.

Wütend und doch aufgeregt betritt sie pünktlich das Café, doch können ihre Augen Lukas nicht ausfindig machen. Stattdessen sieht sie unter den wenigen Gästen ein kleines blondes Mädchen, das mit einer Frau spricht, von der Marie nur den Rücken und eine Strickmütze zu sehen bekommt. Das Mädchen kommt ihr bekannt vor, doch weiß sie nicht woher. Als sie an diesem Tisch vorbei geht, um auch im hinteren Bereich des Cafés nachzusehen, wird sie am Arm festgehalten. Erschrocken dreht sich Marie um und blickt in das Gesicht ihrer Verfolgerin. Diese drückt Marie mit den Worten „Setzen sie sich!“, auf den letzten freien Stuhl an ihrem Tisch, zwischen Mutter und Tochter.

„Mein Name ist Karin und das ist Lisa. Entschuldigen sie, was ich getan habe, aber ich war so sauer! Ich hoffe ich habe ihnen nicht ernsthaft wehgetan.“ Verwirrt versucht Marie die Situation zu verstehen. „Sauer worüber?“ – „Hat ihnen Lukas denn nicht von uns erzählt?“ Kopfschüttelnd schwillt der Kloß in Maries Hals an. „Ich bin seine Ehefrau und das ist seine fünfjährige Tochter.“ Ungläubig sieht Marie in das lächelnde Gesicht des kleinen Blondschopfes und kann die dicken Tränen nicht aufhalten, die aus ihren Augen kullern. „Tja und wie es aussieht, sind sie eine seiner Geliebten.“ Nach einem kurzen Moment der Fassung, erwidert sie: „Eine seiner Geliebten?“ – „Ja, ich bin mir sicher, dass sie nicht die Einzige sind. Ich habe viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, wo sich mein Mann aufhält, wenn er weder auf der Arbeit, noch bei uns zu Hause ist. Da bin ich eben auch auf ihre Wohnung gestoßen, als ich ihn beschattet hatte. Ich hätte nur nicht vermutet, dass sie ahnungslos sind.“ – „Moment mal, wie können sie denn auf meine Wohnung gestoßen sein? Er war noch nie bei mir zu Hause!“ – „Dafür hab ich ihn aber häufig vormittags in das Haus spazieren sehen, in dem sie wohnen.“

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Blutrünstig

Halloween

Halloween – ein Fest für Unerschrockene. Gestalten paaren sich mit der Dunkelheit der Nacht, um zu verbergen, dass sie tagsüber gar nicht anders aussehen und sie nur in dieser einen Nacht die Möglichkeit haben, auch abseits von Irland unerkannt unter Menschen zu gehen. Grässliche Szenarien tun sich auf, während sie es genießen, sie selbst zu sein ohne direkt getötet zu werden. Ich war selbst ein Teil davon:

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Irgendsoeintyp: Warum siehst du so seltsam aus?
Ich: Ich seh immer so aus, nur manchmal verkleide ich mich auch, dann seh ich so aus wie du.
Irgendsoeintyp: Das war nicht nett. Beißt du mich jetzt?
Ich: Nee, ich will keine Magenverstimmung riskieren.

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Kellnerin: Was darf ich ihnen Bringen?
Ich: 0 positiv bitte
Kellnerin: Wie meinen sie das?
Ich: Naja, ich bin hungrig!
Kellnerin: Wir bieten leider keine Speisen an.
Ich: Wo sind hier die Toiletten? Dann muss ich dort jemanden aussaugen.
Kellnerin: Ach, so meinen sie das. Wir haben nur 0 negativ.
Ich: Da bekomme ich zwar Ausschlag von, aber ich nehm es trotzdem.
Kellnerin: Kann es auch einfach nur ein Wasser oder Saft oder so sein?
Ich: Ungern. Aber dann nehm ich ne heiße Schokolade ohne Sahne.

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Langhaarigeralterkerl: Ihr seht ja toll aus.
Wir: Danke! (rückenzuihmrehend)
(kurze Pause)
Langhaarigeralterkerl: Ihr seht doch im wahren Leben bestimmt ganz anders aus?!
Ich: Ja, da sind wir ganz furchtbar hässlich. Wir haben uns aber für heute extra schön geschminkt. Wirkt ja anscheinend ganz gut.
Langhaarigeralterkerl: Ja…. aber das glaub ich euch nicht.
Ich: Doch doch. Schminke kann Wunder bewirken. Und jetzt entschuldige uns.
Langhaarigeralterkerl: Schade, tschüß und lasst euch nicht ärgern.
Ich: Ja nee, schon klar.

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AufgedrehtesMädchen: Uah, ich hab richtig Angst vor dir.
Ich: Ja, ich genauso auch vor dir.
AufgedrehtesMädchen: Pff

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