Corina Wagner

Das Ende des Muttertags naht…

Weiße Nelken zum Muttertag

Es ist kurz vor 12 Uhr mittags. „Spiel mir das Lied vom Tod“ läuft in wenigen Sekunden vom Band und beschallt den Raum. Gleich betritt die verehrte Mutterfunktion im Wesen einer gebärfreudigen Frau, die Kunstikone der Unantastbarkeit, den Saal des großen Schweigens. Sie ist die Übermutter des kommerziellen Muttertags und vergleichbar mit einem Sektenführer bzw. Diktators.

Betroffene Gesichter wird es geben, wenn die Übermutter definitiv die allerletzte blumige Rede halten wird. Danach wird der Muttertag für immer abgeschafft. Zum Abschied wird es weiße Nelken regnen, die an Anna Jarvis erinnern sollen. Den Floristen und Gastronomen wird es für immer das geschäftstüchtige Herz brechen. Der Geschenktag am zweiten Sonntag im Mai war schon immer ihr großer Tag, der sich nun bald im Nichts der Belanglosigkeit auflösen soll. Alle werden wohlmöglich in Zukunft rot sehen, wenn Mütter nicht nur auf den Anblick von kitschigen Plastikherzchen verzichten müssen, sondern auch auf die gute Laune ihres missratenen Nachwuchses, der sich bislang einmal im Jahr zusammenriss.

©Corina Wagner,  Mai 2012

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Corina Wagner

Hilde und Gerda unterwegs…

Heißes Pflaster

„Arisch viel iss anfier sich besser als se wenisch, wenn se verstehe, was ich aweil doodemidd saahn will!“, erwiderte Hilde von unn Serigg dem versierten Journalisten Schön vom Tagblatt BlÖD gegenüber, als er sie gezielt auf dem Bürgersteig ansprach.

Ihre Freundin Gerda stand neben ihr, als hätte sie den besten Freund „de Schwenker Schorch“ verloren. Eigentlich gab es an jenem Tag einen Grund zur Freude. Beide Frauen wollten offiziell den Welttag des Schwenkbratens ausrufen.

Leider kam diese öffentliche Provokation irgendwie bei den Verantwortlichen in den Schwenker-Gremien nicht an. Gerdas verschmierte Wimperntusche verdeckte tiefe Augenringe, die auf ernsthafte Probleme hindeuteten. Dabei hatte sie nur zu lange auf den PC gestarrt, als sie für den neuen Welttag recherchierte und der diesjährge Pollenflug gab ihr den Rest. Es war Hilde, die den genialen Einfall hatte und für den Welttag des Schwenkbratens sogar ein Buch verfasste. Sie ließ edle Flyer in Schwenkerform drucken und verteilte diese anonym. Sie setzte sogar auf chemisch erzeugte Aromastoffe, so dass das Papier nach frisch Gegrilltem roch. Vielleicht lag es an dem Hauch zu viel Knoblauch, den einige Interessierte abschreckte.

„Könne se uns bitte in Ruhe uffem Troittoire laafe lasse, mir hanns eilisch!“ Und ehe der Journalist seine delikate Grillgut-Frage stellen konnte, rammte ihm Gerda den schweren Sonnenschirm in die Rippen, den sie unterm Arm trug.

„Ich hätte gern mal einen Blick in das Büchlein von Frau Hilde von unn Serigg geworfen, bevor sie nun beide das Weite suchen!“, äußerte Schön mit einem unbeeindruckten Tonfall, strahlte dabei wie ein Stückchen verkohlte Rostwurst vom Gasgrill.

„Schdrunzdumm!“, dachte Gerda, die lieber schon am Auto gewesen wäre.

„Das Biechelche iwwers Schwenke zum Welttach des Schwenkbrootens kann ich Ihne schenke. Sie sehn so us, als könnte se iwwer de Schwenkbrootefettischismus noch was lerne!“

Mit einem netten “Mercie“ auf den Lippen wechselte Schön blitzschnell die Straßenseite, bevor er noch eine viel zu dicke Lippe riskierte.

Drei Stunden später sah man Hilde und Gerda in der Pfalz. Sie lösten heimlich bei einem Discounter Abziehbildchen von Grillgutverpackungen, die sich in der Kühltheke stapelten.

“Mir sinn arisch gudd!“, flüsterte Gerda, als sie Hilde mit ihrem überbreiten Rücken abdeckte, so dass ihre Freundin die Aktion: Abziehbildcheklau in Ruhe ausüben konnte. Es war mittlerweile nicht der einzige Laden in der Pfalz, den die beiden Freundinnen bislang von einer bestimmten Discounterkette aufsuchten.

Ein schlichtes „Hm!“ gab Hilde leise zum Besten.

„Hoffentlich krien mir nidd noch ähns uff de Deckel, weil mir die Punkte in de Palz…“, stöhnte Gerda nun nachdenklich gestimmt. Hilde unterbrach sie mit einem tierischen Hustenanfall. Blitzschnell griff sie nach einem Taschentuch und sorgte für das Verschwinden der Abziehbildchen in ihrer Handtasche.

Mit zwei kleinen Sprudelflaschen verließen sie die Discounterfiliale und freuten sich über ihre kriminellen Fähigkeiten am Welttag des Schwenkbratens.

„Jesses, daaaaaaaaas do hadd awwer aweil bei mir arisch fette Hitzewallunge ussgelöst!“, sagte Gerda als sie vor dem Auto stand und nach dem Schlüssel kramte.

„Ich dreh‘ gleich am Rädsche, wenn de dabba nidd uffschperst.“, antworte Hilde ziemlich genervt.

„Krimmelkuche noch ämol! Jetz hann mir zwei de Salaad. Die Zentralverriechelung geht nimmeh unn sowas passiert uns in de Palz!“, erwiderte Gerda energisch und drückte dabei wie wild auf dem Autoschlüssel herum.

„Gerda! Ich hann gleich gewusst, dass das do ä Schnapsidee iss, wenn wir Punkte in de Palz klaue gehn. Unn was mache mir aweil?“

„Denke!“

„Du und denke? A so ä Gliggsfall! Wo iss denn Dein kleener Freund?“

„Wie mein kleener Freund? Ich kann Dir beim beschte Wille nidd…“

„Mensch Gerda! Dein Handy! Ei wo haschte daas Ding?“
„Dehemm!“ antworte Gerda kleinlaut.

„Ich werd veriggt! Bei meinem iss die Kart leer und Deins iss Dehemm…“

„Bauz mich nidd aahn. Unn was mache mir jetz?“

„Ä Telefonzell suche!“, antworte Hilde mit einem ganz fiesen Augenaufschlag.

„Wo gebbts dann heit se Tach noch Telefonzelle?“

“Frieher war alles annaschd, aweil bin äbbeldänzisch, ob uns jemand hilft.“

„Wenn wir wieder Hemm wolle, dann müsse mir wohl oder iwwel ä Pälzer uffem Parkplatz anschwätze!“

„Saa nur. Jesses wie doof! Wer ich nur midd meinem Hinnere dehemm geblieb.“

„Du Jammerlabbe! Wer wollt denn in die Palz? Du doch! Hätt‘ ich mir daas nur nidd aangeduhn. Ich musst joo midd de erschte Vorsitzende des Schwenkbrooteclubs in die Palz fahre, um Abziehbildcha uffem Grillgut se klaue…“

„Joo ist gudd. Saa mol! Du sinn mir zwei jetz eigentlich Assilande?

“Hilde!”
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©Corina Wagner, April 2012
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nyx

“Garten Eden”

Schon früh hatte sie gelernt, Blumen zu hassen und den Garten dennoch zu lieben.

Sie war gerade mal sieben Jahre alt, als Annika geschickt wurde, um Klosterfrau Melissengeist zu besorgen. Anstandslos und ohne jegliches Hinterfragen bekam sie die blauen Packungen abwechselnd in Apotheke und Drogerie ausgehändigt, manchmal auch mehrmals am Tag. Mit einem mechanischen Haarestrubbeln, wurden sie ihr dann Zuhause abgenommen. Die zwanzig Pfennig Restgeld durfte sie in der Regel behalten. Anfangs machte Annika sich Sorgen und glaubte, der Flascheninhalt sei Medizin für Erwachsene. Dass das Kräutergetränk nicht für Kinder geeignet war, erkannte sie an dem scharfen Geruch, der aus dem Mund ihrer Mutter strömte, während diese nach einem kräftigen Schluck tagsüber trotz Fernseherlärm auf der Couch schlief. Annika spielte derweil überwiegend im Garten, in dem sie allgemein sehr viel Zeit verbrachte. Dort durfte sie Kind sein, baute sich Höhlen aus Geäst, erkundete die Kriechtierwelt und kreierte Matschtorten, während sie vergeblich auf die Genesung wartete.

Auch ihre Mutter verbrachte viele Stunden dort, setzte neue Blumen in die Erde, zupfte das Unkraut, oder schlief sitzend auf der kleinen Holzbank. Wenn Annika sie dort mit hängendem Kopf, den erdigen Fingern im Schoß und Spucketropfen auf der flach atmenden Brust antraf, hatte sie Angst vor ihr und traute sich kaum einen Mucks von sich zu geben. Sobald sie zu laut war und somit ihre Mutter weckte, musste sie oftmals für sie zum Zigarettenautomaten zwei Straßen weiter gehen. Meist versuchte Annika dies so lange rauszuzögern, bis es dunkel war und niemand sie dabei beobachten konnte, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um die fünf Mark in den Schlitz zu werfen. Ihr Vater, der immer erst sehr spät von der Arbeit kam, bekam von alldem selten etwas mit.

Mit den Worten, sie solle sich ansehen, wie toll die Geranien momentan blühen, wurde sie häufig in den Garten geschickt, damit die beiden ungestört und lautstark streiten konnten. Sie mochte es, wenn es regnete – dann konnte sie sich unter dem kleinen grünen Regenschirm mit der gelben Ente darauf, vor den mitleidigen Blicken der Nachbarn schützen und den prasselnden Regentropfen lauschen, bis sie wieder rein durfte. Annika hörte stets jedes einzelne Wort, obwohl sie nicht wollte – irgendwann wurde es dann ganz still. Den Schirm bekam sie, zusammen mit einem Farbmalkasten, von ihrem Papa zum Geburtstag. Vom monatlichen Geld abgesehen, war das sein letztes Geschenk an sie. Ihre Mutter sprach oft vom „Rabenvater“, wenn es um ihn ging, doch Annika mochte Raben schon immer. Sie schienen ihr so unnahbar und doch so frei. Sobald sie einen Versuch startete und nach ihm fragte, blickten leere Augen in Richtung Garten und fragten, ob sie schon gesehen habe, wie schön die Forsythien blühen. Auf so viele Fragen bekam sie nie eine Antwort.

Jedes mal, wenn Annika nach der Schule vor verschlossener Tür stand, konnte sie die Hausaufgaben meist bei den Nachbarn machen, bei denen sie auch regelmäßig essen durfte. Als ihre immer dünner werdende und doch so aufgequollene Mutter dann wieder wach, oder der Männerbesuch weg war, fütterte Annika sie, um kurz darauf ihre Kotze wegzuwischen. Sie glaubte, sie müsse sich einfach nur lange genug um sie kümmern, bis es ihr wieder gut ginge und sie endlich glücklich sein könnten. Dann würde ihr Papa auch sicher zurückkommen. Sie wollte gerne, dass ihre Mutter stolz auf sie ist und ebenso gerne wollte sie stolz auf ihre Mutter sein. Meist schämte sie sich einfach nur für sie.

Abends im Kinderzimmer, kniete sie regelmäßig vor ihrem Bett und betete. Manchmal wünschte sie sich, in einer anderen Stadt, bei einer anderen Familie aufzuwachsen und glaubte, dann wäre alles gut – so wie bei den anderen Kindern in ihrer Klasse. Hin und wieder wollte sie, dass ihre Mutter jemand anderes sein soll und sie nicht mehr versuchen müsste, sie nicht zu hassen. Und an manchen Tagen wünschte sie nur noch, sie würde an dem aufgesetzten Lächeln ersticken, welches ihr der Alkohol so oft ins Gesicht legte, ohne die Traurigkeit zu überzeichnen, die Annika so hilflos machte. Keiner der Wünsche ging je in Erfüllung und irgendwann hörte sie auf, an Gott zu glauben.

Es folgte ein jahrelanges Auf und Ab, in dem Annika immer wieder versuchte, ihre Mutter aus der Isolation zu retten. Sie glaubte, sie würde es schaffen, indem sie einfach genug Kraft aufbrächte und regelmäßig den Inhalt der vielen Flaschen ins Klo kippte und die Tabletten, die müde und gleichgültig machen, gleich hinterher warf. So gleichgültig, dass es nicht mal zum Streiten reichte, als sie ihr die markierten Flaschen unter die betrunkene Nase hielt. Ob sie schon die schönen Gladiolen gesehen habe, war die Reaktion auf Konfrontation. Alles was Annika zu sagen hatte, schien auf taube Ohren zu stoßen, sodass sie irgendwann verstummte, während sie innerlich schrie.

An Tagen, an denen ihrer Mutter nicht mehr einfiel, wie ihre Tochter heißt und sie mit „hey du“ ansprach, wurde Annika bewusst, dass sie die ganzen Jahre über nie gehasst, aber ebenso wenig geliebt wurde. Dies konnte sie kaum ertragen und erschwerte ihr, sich die wachsende Verachtung nicht ansehen zu lassen. Sie fing zwar an, zu verstehen, dass es die Krankheit ist, die sie verachtet und nicht ihre Mutter selbst – dennoch hielt sie es nicht lange in ihrer Nähe aus, würde sich am liebsten, wie früher schon, in den geheimen Ecken des Gartens verstecken und erst Stunden später wieder auftauchen. Einzig das schlechte Gewissen brachte sie dazu, hin und wieder nach ihrer Mutter zu sehen. Als Annika während eines Telefonats erzählte, dass sie per Zufall ihren Vater mit seiner neuen Familie getroffen habe, lenkte ihre Mutter das Gespräch sofort auf die schönen Hyazinthen. Sie wusste daraufhin genau, dass beim nächsten Besuch nur Gebrochenes auf sie warten würde. Gebrochene Versprechen, gebrochenes Glas, eine gebrochene Frau.

Wenn Annika heute in den Spiegel sieht, sieht sie ihre Mutter und erkennt zum Glück doch nichts von ihr wieder. Nun ist der Garten verwildert und nur noch ein einziger Quadratmeter Grün wird regelmäßig gepflegt. Annika bringt Blumen mit – sie hätten ihr bestimmt gefallen.

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Corina Wagner

Freunde fürs Leben?

Draußen scheint die Sonne. Vogelgezwitscher lockt ins Freie. Kinderlachen durchdringt das geöffnete Fenster. Eine alte Dame sitzt im Rollstuhl und beobachtet eine Amsel, die auf den Fenstersims gelandet ist. So schnell das Amselweibchen da war, so flink fliegt es weiter. Die alte Dame ist müde, sehr müde. In der großen Eiche, die vor ihrem Fenster des Pflegheims steht, verschwindet Alles. Ja Alles, wenn sie nur lange genug darauf starrt. Ihre Gedanken kommen und gehen. Je länger sie in den Baum starrt, umso müder wird sie. Das Denken strengt sie an. Manchmal schreit sie laut auf. Dann sind sie wieder da. Diese Monate, Tage, Stunden und Minuten, die sie über Jahrzehnte verdrängt hatte. Gut verdrängt hatte, zu gut verdrängt hatte. Jetzt erscheinen ihr immer wieder diese grausamen Bilder vor Augen, wenn sie mit ihrem Rollstuhl vor diesem Fenster sitzt. Die Pflegekraft meint es gut mit ihr, ahnt nicht, was sie einst erlebt hatte. Sie ist nur eins der vielen Kriegsopfer, die es auf der Welt gibt. Unsichtbare Narben versteckte sie, wollte damit nicht hausieren gehen.

Ihre Zeit läuft nun ab und sie will nicht mehr. Körperliche Schwäche zwingt sie in den Rollstuhl. Ihre Blasenschwäche wird durch Windeln behoben. Immer wieder kreisen ihre Gedanken wie im Sturzflug eines Turmfalken, der die Beute im Visier hat. Ganz schwindelig wird ihr dabei. Dann fällt sie wie in Trance. Immer wieder sieht sie sich als Beute, die leicht zu fangen ist. Wenn es ganz schlimm wird, dann schreit sie ganz laut auf und stört dann meistens ihre Mitbewohnerin. Sie kann sich kein Einzelzimmer leisten, zu teuer. Geheiratet hat sie nie – keiner hätte sie gewollt, so ihre Aussage noch heute, wenn eine der Schwestern wieder neugierig nachfragt. Kinder hätte sie sowieso keine mehr bekommen können, sie ist froh, dass es so ist, dabei denkt sie dann an die Gene ihres Vaters. Sie wurde mehrfach vergewaltigt, doch das ist lange her. Es gab keine Prozesse. Warum auch? Es war der eigene Vater, der sie als Kind missbrauchte. Er, das Schwein in der Familie, war ein Nazi durch und durch. Weinen kann sie schon lange nicht mehr, sie sah zu viel. Viel zu viel. Ihre Mutter starb im Kindbett ihres Bruders Adolf. Der Kleine starb bei einem Bombenangriff. Sein Vorname hätte ihn sein Leben lang verfolgt, wie ihr Geheimnis. Auf ihrem Nachnamen liegt eine schwere Bürde. Jetzt wird ihr wieder furchtbar schwindelig. Sie starrt schon zu lange auf die Eiche. Keine Schwester kommt. Sie ist zu schwach, um selbst den Rollstuhl zu bewegen. Die Handbremse ist fest. Ihr wird schwarz vor Augen.

Neuerdings hat sie wieder den Gestank von verkohlten Leichen in der Kindernase von einst. Der beißende Gestank übertüncht in Gedanken die Realität des Urins in der Windel. Der Geruch begleitet sie nun tagtäglich, seitdem sie diese grausamen Bilder wieder vor Augen hat, die sie solange verdrängte. Jedes Mal wenn sie in den großen Baum starrt, holt sie die grausame Erinnerung an ihre Kindheit ein. Sie hat viel gesehen, zu viel gesehen, um das Grauen in Worte zu fassen. Jahrzehntelang schwieg sie. Zu sehr litt sie unter den Grausamkeiten des Dritten Reichs und dem Teufel in Person – ihrem Vater. Immer öfters schreit sie nun voller Angst auf, als käme endlich all ihre Wut und Schmerz zum Vorschein. Keiner hat dafür Verständnis. Die genervte Betreuerin und die überforderten Pflegerinnen sind sich seit einer halben Stunde einig, so dass sich die anderen Heimbewohner nicht mehr gestört fühlen. Ab heute Abend soll die alte Dame mit Medikamenten ruhig gestellt werden. Die vielen Pillen werden nun ihr bester Freund werden, wie damals ihr geliebter Teddy Paul…

©Corina Wagner, April 2012/Themenwoche / zeitverdichtet
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nyx

Blind für sie

Des Rätsels Puzzleteile

Auf dem Nachhauseweg durch den buntblühenden Stadtpark, versuche ich mir genau in Erinnerung zu rufen, wie sie damals war; versuche die fehlenden Puzzlestücke einzusetzen, die sie mir heute, nach Jahren der Unwissenheit, endlich überreicht hat.

Ich wusste nie viel über sie, wir kamen gut miteinander aus, das reichte. Keiner von uns sprach je von Freundschaft. Sie ging in meine Klasse und wir waren nett zueinander, obwohl meine Freunde sie nicht mochten. Das störte uns beide nicht – so kann man es beschreiben. Sie sprach wenig, aber wenn, dann waren es kluge Sätze mit viel Gehalt. Sie gehörte zu den Außenseitern und wenn sie lachte, tat sie das nur sehr leise und hinter vorgehaltener Hand. Die meiste Zeit jedoch wirkte sie traurig, blickte leer durch Menschen hindurch oder lief, den Blick auf den Boden des Pausenhofs gerichtet, mit hängenden Schultern und Mundwinkeln ziellos umher. Sie war sehr dünn, praktisch nur Haut und Knochen. Ihr schütteres Haar sah aus, als würde sie es sich büschelweise selbst ausreißen und die vielen Hämatome und Schürfwunden erweckten den Eindruck eines sehr schusseligen Menschen.

Ich setze mich auf eine freie Parkbank direkt am See, beobachte die Enten, die sich um mich herum scharen, wohl in der Hoffnung, von mir gefüttert zu werden. Ich habe nichts bei mir, außer meiner schweren Gedanken. Ich erinnere mich noch genau daran, was sie damals wie beiläufig und doch sehr ernst zu mir sagte: „Irgendwann ertrinke ich, ich weiß es und ich habe Angst davor! Ich will, dass es endlich aufhört zu regnen.“ Das war am helllichten Tag bei Sonnenschein und ich wusste nicht, was sie damit meinte. Sie machte keine Anstalten, es mir zu erklären.

Denke ich genau über diese Zeit nach, wirkte sie in der geduckten Haltung und ihrer Zerbrechlichkeit immer so, als fürchte sie sich vor allem und jedem, vor dem Leben. Die regelmäßigen, dummen Sprüche der witzelnden Mitschüler schienen an ihr abzuprallen. Sie versuchte nicht ein einziges Mal zu kontern, als würde sie ihre Umgebung kaum wahrnehmen. Obwohl ich sie respektierte, wollte ich nie so werden. Sie war sozusagen mein persönlicher Antiheld. Damals – vor circa 15 Jahren – konnte ich mir nicht erklären, was ich mit „so“ meinte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es heute weiß. In meinen Augen war sie ein nettes und kluges Mädchen, für das es keinen Grund gab, Mitleid zu empfinden. Das sehe ich auch heute noch so.

Nach der Schulzeit sahen wir uns alle paar Jahre, meist zufällig. Manchmal rief sie mich an, so wie letzte Woche, als sie fragte, ob ich mich mit ihr treffen wolle. Sie sei zurück in der Stadt. Ich hatte keine Ahnung, dass sie weg war.
Unsere Treffen waren immer ein bisschen spannend für mich, da ich nie wusste, was mich diesmal erwarten würde. Vor ungefähr zehn Jahren begegnete ich ihr zufällig und hätte sie beinahe nicht erkannt, so kaputt sah sie aus. Sie war völlig im Diätwahn, obwohl ich sie bis dato nur abgemagert kannte; warf sich diverse Pillen ein und konnte kaum klare Gedanken fassen. Sie war betrunken, lallte wirres Zeug vor sich hin und entleerte die viele Flüssigkeit auf meinem Badezimmerboden, als ich sie mit zu mir nahm. Während ich ihre strähnigen Haare aus dem Gesicht strich, sprach sie davon, dass sich Menschen gerne in ihrem Leid suhlen würden und es irgendwann die anderen seien, die ertrinken, während sie sich längst einen sicheren Anker besorgt hat. Ob ich auch ein Anker sei, fragte sie, bevor sie einschlief. Am nächsten Morgen war sie spurlos verschwunden und ließ mich ratlos zurück.

Als wir uns zuletzt sahen, war sie recht rundlich, zeigte selbstbewusst ihre ungewohnt üppigen Kurven und ihr ebenso ungewohnt volles und gesundes Haar. Das war vor fünf Jahren. Zu dieser Zeit schlitterte sie von einer Affäre in die nächste, wechselte munter zwischen Männern und Frauen ab – doch niemand war ihr wichtig genug, um zu bleiben. Sie berichtete von vielen abenteuerlichen Ausflügen, davon, dass sie nun Steilwandklettern für sich entdeckt habe, von Konzerten und anderen ihrer Erlebnisse, die ich kaum glauben konnte. Das ängstliche Mädchen von früher war wie aufgelöst oder weggesperrt – ich war mir nicht sicher. Sie schien das Leben aufzusaugen, als hätte sie vieles nachzuholen. Sie hatte einen Job, reiste viel umher, machte einen glücklichen Eindruck und sah nie so gut aus, wie zu diesem Zeitpunkt. Sie war wie ausgewechselt und ließ mich erneut mit Worten zurück, die ich mir zwar merken, aber wohl nie verstehen würde.
„Wenn alles ausgetrocknet ist, panieren sich so manche mit deinem Staub ein. Dann glaubst du fälschlicherweise, sie seien dir ähnlich. Kannst du sie zum Schwitzen bringen, bröckelt die äußere Schicht krümelig ab und du erkennst, dass eine Hülle ohne Gewicht übrig bleibt. Schaffst du es nicht, stoße sie einfach zurück ins Wasser.“, hallt es in meinen Gedanken nach, als wäre es gestern gewesen. Bei jedem Treffen hoffte ich ein bisschen, die Antwort auf sie -das Rätsel- zu erhalten.

Als ich heute das Café betrat, in welches wir uns verabredet hatten, winkte sie mich direkt an ihren Tisch. Ich war dankbar dafür, da ich sie vermutlich nicht auf Anhieb erkannt hätte. Sie hat deutlich sichtbar abgenommen, sieht fahl aus und trug ein Kopftuch. Unsere Begrüßung fiel wie immer recht neutral aus, als seien wir es gewohnt, uns regelmäßig zu sehen. Wir freuen uns, sind jedoch nie überschwänglich. In den ganzen Jahren sah ich sie nie überschwänglich. Ebenso neutral und ohne Umschweife begann unser Gespräch. Aus meinem Leben sollte ich ihr erzählen, doch gibt es nicht viel Interessantes. Dann erzählte sie reuelos von den vergangenen Jahren, der turbulentesten Zeit ihres Lebens. Nun sei sie ruhiger geworden. So wie ganz früher, dachte ich im Stillen bei mir.

Eine kleine Wohnung habe sie in der Stadt gemietet und fragte, ob wir uns nun häufiger sehen würden. Das Wasser sei wieder angestiegen und sie brauche vielleicht gelegentlich jemanden, der ihr den nötigen Halt gibt, damit sie den Kopf an der Oberfläche halten kann. Ich verstand nicht und forderte diesmal eine Erklärung. Sie zögerte, nahm das Tuch ab, entblößte ihre nackte Kopfhaut und holte zum ersten Mal aus.

Sie sei mir über die Jahre hinweg dankbar gewesen, keine Fragen gestellt zu haben und wolle nun ehrlich sein. Ich sei die Einzige, die sie immer akzeptiert habe und sie kennt – ich jedoch habe das Gefühl, nichts über sie zu wissen.
Mit ruhiger Stimme erzählte sie von ihrer Chemo, von den quälenden Jahren, von der aufkeimenden Hoffnung, dass nun alles gut werden würde und dem darauf folgenden Absturz. Mir blieb nichts, als mit trockenem Mund und feuchten Augen zuzuhören. Sie sagte, sie habe geglaubt, dass alles was nicht tötet, sie nur härter machen würde. Sie habe sich getäuscht.

Jetzt sitze ich hier, in der untergehenden Sonne, die sich in schönen Mustern auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ein Angler, der in seinem Boot auf dem Wasser treibt, wartet in aller Ruhe, ob sich etwas bei einer seiner Ruten tut. Die Enten sind längst zur nächsten Parkbank gewatschelt. Es ist sehr ruhig hier, kaum ein Vogel zwitschert. Am anderen Ende des Sees eine Frau mit ihrem Hund, ein Fahrradfahrer der ohne Helm an ihr vorbei fährt. Ohne Ausnahme belanglos und doch versuche ich alles zu sehen, was mir der Park bietet und frage mich, warum ich die ganzen Jahre über so blind war. Blind für die Details, die nun so offensichtlich scheinen, dass ich sie eigentlich hätte sehen müssen. Heute sah ich es zum ersten Mal in ihren Augen. All die Angst spiegelte sich darin, welche sie die ganzen Jahre über ertragen hatte. Doch sie sagte, die größte Angst habe sie nicht vor dem Tod, sondern davor, das Leben selbst zu verpassen.

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Corina Wagner

Busenfreundinnen

Die Busenfreundinnen

„Schwöre zum heiligen Push-up-Bikini! Los mach endlich!“, forderte sie ihre beste Freundin triumphierend heraus und hielt ihr eiskalt ein nach Kellermief riechendes Bikini-Oberteil vor die Nase. Seit ihrer Pubertät hatten sie sich geschworen – niemals aus dem Körbchen zu plaudern, was damals am See in den 60ern passierte. Ein fast blutleerer Gesichtsausdruck, der mit tiefschwarzen Schatten unter den Augen den Tod ankündigte, verriet das nahe Ende auf dem Sterbebett. Der Körpergeruch signalisierte bereits Unaufhaltbares und das Röcheln verriet nichts Gutes. Sie wollte mit dem Geheimnis nicht sterben und es bei der letzten Salbung ihrem Geistlichen anvertrauen. Dieser kam zehn Minuten zu spät, um den Erstickungstod zu verhindern, den die Busenfreundin absolvierte. Schon zum zweiten Mal wurde das Bikini-Oberteil ein Indiz in einem Mordfall. Bis heute fand man die Leiche des ersten Opfers nicht und dies ist auch gut so, denn es war der Traum einer älteren Dame, die ein bisschen zu viel Alkohol im Blut hatte. Und doch könnte sie schwören, dass sie damals im Dunkeln am See dabei war, als der Push-up-Bikini zweckentfremdet wurde…

@Corina Wagner, April 2012
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nyx

Lokalkolorit Dialekt

Z’erscht wollt i de Versuch schtarte, en ganze Tekscht auf Dialekt z’schreiba, doch dees wollt i dann weder deane dias leaset, no mir sell adua, weil’s für mi mindeschtens so aaschtrengend isch, wie füa eich.

Mein Interesse galt unter anderem schon immer den Sprachen allgemein, sowie Dialekten und sprachlichen, wie auch regionalen Unterschieden, sodass es hin und wieder vorkommen kann, dass ich im Gespräch direkt nachfrage, woher jemand kommt. Sobald mir die Gegenfrage gestellt wird und ich stolz erzähle, dass ich ursprünglich aus dem Allgäu bin, werde ich oftmals mit großen Augen angesehen. Zum einen folgt dann meist die Frage, warum ich weggezogen bin, aus dieser achsowunderschönen Region, in der man doch prima Urlaub machen kann; zum anderen der ungläubige Kommentar, dass man das gar nicht raushören würde. Als wäre der Dialekt eine Krankheit, die man diagnostizieren müsste, um für jeden kenntlich zu machen, in welchem Boden die eigenen Wurzeln stecken.
Da stellen sich mir zwei Fragen: Warum sind nicht wenige Menschen so stolz auf ihren Dialekt, dass sie ihn mit Würde vor sich her tragen – und andersrum, warum legen so viele Menschen ihren Dialekt ab und sprechen öffentlich astreines Hochdeutsch?

Ich selbst sprach noch nie in dem Ausmaß Dialekt, wie es meine Familie und einige der langjährigen Freunde tun – und doch falle ich in meine Art des Dialektes zurück, sobald die heimische Vorwahl auf dem Display aufleuchtet, oder ich dort zu Besuch bin. Für diejenigen, die mich nur hochdeutsch kennen, wirkt das immer erst mal sehr befremdlich und irgendwie amüsant, weil sie kaum ein Wort verstehen; für diejenigen, die mich mit Dialekt kennen, wirke ich wie „nichtmehrdazugehörig“. So wurde ich von einem alten Schulfreund beim Klassentreffen gefragt: „Kaasch it gscheit schwätze, bisch jetz was bessres und woisch nemme woher de kusch, oder wia?“
Doch doch, ich kann sprechen, ich bin nichts Besseres und ich weiß auch sehr wohl, woher ich komme. Aber muss alle Welt wissen, woher ich komme? Zudem gibt es ja auch einen Grund, warum man sich auf eine gemeinsame Amtssprache pro Land festgelegt hat – damit man einander versteht.

Als ich vor einigen Jahren zu einem Vorstellungsgespräch in Goslar eingeladen wurde, erzählte mir die potentielle Chefin, sie sei doch ein wenig enttäuscht gewesen, da sie sich unter einem allgäuer Mädchen eine kaumverständliche Maid mit zwei Zöpfen und Dirndl vorgestellt hatte und ich dieser Vorstellung so gar nicht entsprach. Es tut mir ja sehr leid, dass man mich versteht – insbesondere bei einem Vorstellungsgespräch.

Diese und andere Klischees gibt es zu sämtlichen Regionen, Bundesländern und Dialekten. Ich ertappe mich selbst manchmal dabei, wie ich jemanden anhimmle, wenn die Person einen für meine Ohren sehr angenehmen Dialekt spricht. Andersrum erschrak ich auch schon mal, als das, was aus dem Mund kam, so unerwartet gar nicht zum äußeren Erscheinungsbild passte. Äußeres Erscheinungsbild? Was ist das denn nun für eine bescheuerte Aussage? Aber tatsächlich habe ich persönlich häufig eine Vorstellung von einer Stimme, wenn ich eine Person sehe; genauso wie ich eine Vorstellung einer Person habe, wenn ich nur die Stimme höre. Ich wurde schon so oft enttäuscht, dass ich eigentlich daraus lernen sollte.

Vor Kurzem hörte ich den sehr niedlichen Dialekt einer genauso niedlichen älteren Frau und sprach sie direkt darauf an. Nach etwas Smalltalk zum Thema, wollte sie dann gerne den Dialekt hören, mit dem ich groß geworden bin. Ich lieferte ein paar Mustersätze („Hond’r au Henna dahui?“, „Heer auf z`gigampfa!“, oder „A alt`s Weib hot Breetle bache, untre oiner Oicha; a Breetle isch an’d Kachel bappet, jetzt ka se nemme soicha!“ -> was geschrieben natürlich viel einfacher zu enträtseln ist, als wenn man es nur hört), die ich in dieser Situation immer bringe, weil ich weiß, dass ich damit eh nicht verstanden werde und die Menschen wenigstens zum Lachen bringen kann, indem ich mich selbst ein wenig auf die Schippe nehme. Diese Frau lachte auch – jedoch eher aufgrund der Reaktion meiner Kollegen, die mit weit aufgerissenen Augen wie versteinert um mich herum standen und auf vier verschiedenen Dialekten meinten, ich solle bloß niiiiiiie wieder so sprechen!
Ich garantiere für nichts.

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Corina Wagner

Lust statt Frust…

Typisch Frau?

Katastrophenfreundin Camilla ging immer an die Schmerzgrenze, wenn sie ihren drei besten Stammtisch-Freundinnen neue Witze offenbarte. Sie war alles andere als zimperlich, wenn sie Leute verunsichern konnte. Der einst durch den VHS-Kurs „Lust statt Frust“ entstandene Stammtisch unterschied sich eigentlich nur dezent von anderen Stammtischen. Jeder hatte seine Vorlieben, um Frust zu bewältigen.

Anne-Marie zog sich zu gern alte Gummistiefel an, wenn sie bei Beziehungsfrust spontan die absolute Lust aufs Landleben packte. Dann stieg sie in den klapprigen Porsche ihres Freundes Günter Spätherbst und düste davon. Sie stiefelte gerne stundenlang in Gülle, wenn sie Zoff mit ihrem Liebsten hatte. Anschließend war Günter immer fix und fertig, denn er hatte ein ausgeprägtes und sensibles Riechorgan.

Jennifer war da ganz anders. Sie baute ihren Frust mit Lach-Joga ab. Ihre Grimassen schreckten regelmäßig Leute in der Fußgängerzone ab, wenn sie mal wieder keine passenden Schuhe fand. Einmal wurde sie sogar verhaftet, weil sie bei einer Polizeikontrolle ihren ganzen angestauten Frust bewältigte. Eigentlich fing es ganz harmlos an. Beim Fahren durch die Innenstadt ging plötzlich ihr Handy. Roberto ihr Chef war dran. Plötzlich schlenderte so ein Volldepp über die Straße. Sie musste stark abbremsen. Dabei flog ihr Handy in den Fußraum. Sie bückte sich reflexartig nach vorne, um nach dem Teil zu greifen, rutschte mit ihren High Heels ab und machte mit dem Wagen einen Satz nach Vorne. Einfach doof, dass genau vor ihr ein Zivilbeamter im Auto saß, der anschließend einen auf dicke Hose machte. Das war damals vielleicht ein tierisches Improvistationstheater. Der Volldepp mimte dann auch noch völlig unangebracht ein überfordertes Publikum. Jennifer, die Lach-Joga-Spezialistin, wollte absolut nicht ins Röhrchen blasen. Sie lachte dabei dermaßen entspannt, dass der Beamte dachte, sie hätte Drogen genommen. Ihre Pupillen reagierten auf diesen plumpen Taschenlampentest vehement nicht. Und so musste Madame zum Bluttest. Völlig lächerlich. Oh ja – das völlig entspannte Dauerlächeln hatte seine Tücken.

Irene hingegen bewältigte ihren angestauten Frust durch die Teilnahme an ganz unterschiedlichen Kursen. Jeden Abend saß sie in einem anderen Raum der VHS, um als Single nicht zu vereinsamen.

Montags saß sie in Spanisch für Fortgeschrittene, dienstags im virtuellen Angelkurs für Frühaufsteher, mittwochs nahm sie das Modellflugzeug-Bastelbuch in die talentfreie Hand, donnerstags wühlte sie stets aufgeregt in Unterlagen des BusinessWebmail-Gestalter-Kurses, lag wahrscheinlich am schnuckeligen Kursleiter. Freitag saß sie zunächst am späten Nachmittag im Kochkurs für einsame Herzen und anschließend im Integrationskurs für Graue Mäuse.

Deshalb konnte sie später am Stammtisch auch überhaupt nicht über Camillas blöden Witz lachen, den Anne-Marie übrigens nicht hörte, weil sie an jenem Samstagabend verhindert war. Sie marschierte tagsüber wieder stundenlang in irgendeiner Gülle eines Schweinbauers und nahm am Abend liebevoll Rücksicht auf ihre Freundinnen, aber nicht auf Günter.

„Backen ohne Mehl“, so lautete angeblich ein Kurs, den ihre Stammtischfreundin Camilla neulich im VHS-Programmheft gelesen hatte. Und fragte beim Stammtisch-Treffen dreist nach, ob sie diesen Kurs besucht habe.

“Nein!“, erwiderte Irene ziemlich aggressiv und verdrehte dabei argwöhnisch ihre Augen. Ihr Blick war alles andere, als gut gutgelaunt. Sie ahnte insgeheim, dass nun wieder irgendeine blöde Bemerkung von Camilla zu erwarten war oder ein doofer Witz.

„Dies wundert mich aber!“, säuselte Camilla mit einem leicht hetzerischen Unterton in der Stimme.

Jennifer stieß währenddessen Camilla unter dem Tisch an und setzte dann in die Debatte ein.

„Irene, da haste echt nix verpasst, wenn Du an dem Kurs nicht teilgenommen hast!“

Und ehe Camilla ein Wort sagen konnte, fuhr Jennifer fort: „Weißt Du, hm, der Kurs: „Backen ohne Mehl“ hätte mich absolut interessiert. Deshalb hab‘ ich mich sogar am Mittwochabend noch total abgehetzt, weil mein Masseur mich zunächst versetzt hatte. Ich kam also 10 Minuten zu spät an und klopfte vor lauter Hektik nicht einmal an die Tür. Beim Öffnen sah ich zwanzig Männer, die mit Isomatten auf dem Boden lagen. Sie übten anscheinend eine neue Form von Liegestützen. Blitzartig schloss ich die Tür. Da dachte ich mir schon, dass ich mich im Tag geirrt hatte.“

„Und dann?“, fragte Camilla ganz scheinheilig und naiv.

„Ja, dann ging hinter mir die Tür auf und die Kursleiterin fragte mich, was ich wollte.“

„Und dann?“, fragte nun auch ganz interessiert Irene, die gerade ihr großes Glas Johannisbeer-Schorle in die Hand nahm, um einen kleinen Schluck zu genießen.

„Dann sagte ich, dass ich eigentlich den Kurs „Backen ohne Mehl“ besuchen wollte.“, erwiderte Jennifer und hatte dabei Schwierigkeiten Ernst zu bleiben. Camilla wusste zeitgleich nicht, wo sie hinsehen sollte, denn sie ahnte nun schon, was kommen würde.

„Was geschah dann? Hat sich die Gnädigste mal wieder im Datum geirrt?“, fragte Irene ziemlich spitz.

„Woher weißt Du das?“, antworte Jennifer ziemlich cool mit einer Gegenfrage.

„Und dann? Was geschah dann?“ fragte Camilla, die sich zusammenreißen musste, um nicht zu kichern.

„Dann sagte die Kursleiterin ganz lapidar zu mir: Sie kommen zwei Wochen zu früh. Unser Kurs hat die Kursnummer 0815 und lautet: „Beischlaf ohne Frauen!“

Camilla und Jennifer genossen Irenes entsetztes Gesicht, lachten dermaßen vulgär los, so dass alle Leute im Lokal die Szenerie beobachteten.

Beide Frauen hatten allerdings nicht mit einer spontanen Frustbewältigung ihrer Stammtisch-Freundin gerechnet. Alles ging in Sekundenschnelle. Irene griff beherzt nach Jennifers Hefeweizenbier-Glas, das zu zwei Dritteln noch gefüllt war. In der anderen Hand hatte sie ihr Glas mit Johannisbeer-Schorle. Sie schüttete gleichzeitig, schön synchron in einem Bogen nach beiden Freudinnen. Und dies präzise genau… inmitten deren lachender Visagen. Da staunte sogar die ansonsten cool wirkende Wirtin Bleibtreu.

Sofort danach griff Irene ziemlich zickig agierend nach ihrer Handtasche und ging ohne ein Wort des Abschieds an die Theke, um ihre Zeche zu zahlen.

Jennifers und Camillas Lachen fror binnen weniger Sekunden ein. Wenn Blicke tatsächlich töten könnten, so wäre in jenem Moment Irene zweimal brutal ermordet worden. Dem Ende einer Frauenfreundschaft stand nichts mehr im Wege, außer dem Gedanken an eine Frustbewältigung.

©Corina Wagner, April 2012

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murakami411

Familiengrab

Wer für das Vaterland kämpft,
endet meist in Muttererde.

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Corina Wagner

Märchenhafter Tagebucheintrag

Aus dem Tagebuch einer Märchentante

Heute ist ein verfluchter Tag, bin irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden und gleich mit dem Kopf gegen die alte Biedermeier Kommode gestoßen. Dabei flog mit voller Wucht mein geliebter Totenkopf, der Schädel eines Bullterriers aus der Gründerzeit genau auf den linken großen Zeh. Ein Zeichen von Dir? Ich vermisse Deinen perfiden Charme. Beim Anblick in den antiken Spiegel aus dem 16. Jahrhundert, der zwei Minuten später erfolgte, verriet jener nicht viel über meinen Hormonhaushalt.

„Spieglein, Spieglein an der Wand: Sag mir, wer ist die schönste im ganzen Land!“, hätte ich lasziv flüstern können, aber warum? Außer mir war niemand im Raum. Mein Spiegelbild hatte ein Meeting mit Heinrich dem Achten.

Eigentlich wollte ich eine Vermisstenanzeige aufgeben. Nun sitze ich hier und schreibe in meinem Tagebuch, sehne mich nach Dir, bin auf der Suche nach Dir.

Meine Haare sehen zurzeit aus, als wollte sich darin Deine Meise ein Nest bauen. Mit meinem Gesicht war ich heute zufrieden, denn es hätte schlimmer kommen können, wie der Gedanke an Dich. Nachts kann ich nur in Intervallen schlafen.

Und nun ist es schon wieder passiert. Ich denke an Dich. Vielleicht lag es vorhin auch an den quer gestreiften pinkfarbenen Wollsocken, die mich an Dich erinnerten. Sie hängen immer noch sehr dekorativ über dem Chaiselongue. Ein Grund wohl, warum ich völlig depressiv wirkte, als ich am Vormittag das Haus verließ, um mich mit Hänsel und Gretel zu treffen.

Eigentlich habe ich längst den inneren Frieden gefunden, aber wenn ich mich an Dich erinnere, dann werde ich immer so sentimental. Deshalb habe ich nun beschlossen, dass ich Dich jetzt wiederfinden möchte. Eigentlich bin ich schon länger auf der Suche nach Dir. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann suche ich noch nach Vielem, aber vorrangig suche ich Dich. Ja, Dich! Wirklich! Konsequent ab heute!

„Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war!“, hörte ich heute früh von meinem Gynäkologen.

Ob Du heimlich mein Tagebuch liest? Blöder Gedanke! Manchmal werden Märchen angeblich wahr. Für Spekulationen sind normalerweise Zombies im feinen Zwirn zuständig. Du bist ganz anders. Seltsam, wenn ich die Augen schließe, kann ich Dein After Shave Marke Blaubart riechen. Hm…

Die abenteuerlichsten Gedanken schwirren im Moment durch meinen Kopf, wenn ich an gestern denke, als ich in einer Leseecke in einer Bücherei saß. Vier Paar Kinderaugen starrten mich entsetzt an, als ich wieder so ein an den Rapunzelhaaren herbeigezogenes Märchen vorlesen musste.

Der Titel klang so vielversprechend: „Kleiner USB-Stick ohne Anschluss“. Doch dann las ich quasi die abstruse Geschichte von Rumpelstilzchen vor, das mit einer Fastfood-Figur von 152 Kilo in einem viel zu engen, knallroten Latexoverall auf Schloss Altschwanstein agiert. Nichts gegen Fortschritt, auch in der Märchenwelt. Doch wenn Rumpelstilzchen im modernen Märchen eine Latexallergie entwickelt, dann bringt das den kleinen Zuhörern nur einen kollektiven Juckreiz. Ich schweife ab, denke ich doch eigentlich nur an Dich. Vorrangig nur an Dich! „Früher war alles besser“, fällt mir gerade dazu ein. Das gestrige Märchen beschäftigt mich sehr, lag wohl auch am Erzählstil des Autors.

Ein blutjunges Mädchen, das zum Mobbingopfer seiner Patchwork-Mutter wird, wirkt ansatzweise wie das zerbrechliche Schneewittchen und gleichzeitig zeigt es Suppenkaspers Charakterstärke.

Ganz furchtbar auch diese übertriebenen Klappergestell-Anfälle der zickigen Schwestern. Wenn das so weiter geht, wechsele ich den Beruf und arbeite für die Arbeitsagentur als Beraterin.

Ich denke immer noch an Dich. Gerade in diesem Moment. Ich vermisse Dich, will Dich weiterhin suchen, wie andere ihre Vernunft. Ob ich Dich bald finden werde? Gestern suchte ich verzweifelt nach dem Sinn einer Märchenstunde und warum, so wenige Kinder noch zuhören. Danach beschloss ich, wenn ich wieder zu Hause bin, nach meinem uralten vergoldeten Märchenbuch zu suchen, das mit den vielen Brillis auf dem Buchrücken.

Auf dem Nachhauseweg stolperte ich mal wieder über einen Verstand, der mitten im Weg lag. Sowas passiert mir öfters. Menschen verlieren ihren Verstand und ich finde ihn dann. Im Bauch spüre ich dann plötzlich so ein sonderbares, komisches Kribbeln. Instinktiv bücke ich mich nach unten und finde jedes Mal einen Verstand, der mal mehr oder weniger ausgeprägt sein kann. Doof ist es, wenn noch das Sprachzentrum mit dran hängt, das kann dann echt nerven. Schön wäre es, wenn es eine Fundgrube gäbe und man den einen oder anderen Verstand abgeben könnte. So lasse ich meistens die Finger davon und mache sie mir nicht schmutzig.

So wie bei Dir damals. Jetzt suche ich Dich. Vorrangig Dich. Alles, absolut ALLES würde ich dafür geben, wenn ich wieder in Deiner Nähe sein könnte. Der Froschkönig könnte quer über mein Himmelbett hüpfen oder Peter Pan meine barocke Schlafzimmerscheibe einschlagen. Egal!

Langsam werde ich nervös. Wo steckst Du? Bist Du zum Mond geflogen oder lapidar nach Mallorca?

Wanderst Du auf den Spuren von Harry Potter oder von König Drosselbart? Hast Du Dich etwa zum neunmonatigen Räuber- Hotzenplotz-Seminar angemeldet. Echt? Du Wahnsinniger! Hoffentlich nicht…

Ich suche Dich. Vorrangig Dich! Nebenbei checke ich leider noch die neue SMS vom gestiefelten Kater. Wo kann ich Dich denn nun tatsächlich auf die Schnelle finden? Keiner kann mir irgendwie helfen. Sitzt Du etwa im Packeis fest? Ich könnte Frau Holle eine E-Mail senden, hab‘ super Kontakte zu ihr. Ich bin schließlich eine Professionelle. Eine professionelle Märchenerzählerin, da hat man auch Kontakte zu Märchenfiguren. Nein! Ich schreibe normalerweise keinen Blödsinn in mein Tagebuch.

Heute Abend lese ich in Sindbads Kneipe aus Tausendundeine Nacht vor. Darauf freue ich mich sehr. Schön wäre es, wenn ich Dich dort finden könnte, bevor ich wie die anderen den Verstand verliere… Hoffentlich kannst Du endlich Gedanken lesen oder kennst zumindest das Versteck meines Tagebuchs im alten Uhrenkasten.

Ich weiß noch nicht, was ich morgen eintragen werde. Udo, der Darsteller des bösen Wolfs aus dem Märchenpark Nirwana will mich heute Nacht heimbringen. Er hat mich schon gefragt, ob er meine große Märchensammlung sehen darf.

©Corina Wagner, April 2012

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