Deutsche 2011. Eine Bilanz.
16 Millionen Raucher
1,4 Millionen Medikamentenabhängige
1,4 Millionen können nicht mehr ohne Internet
1,3 Millionen Alkoholsüchtige
600 000 Glücksspielkranke
73000 Tote durch Alkoholmissbrauch
16 Millionen Raucher
1,4 Millionen Medikamentenabhängige
1,4 Millionen können nicht mehr ohne Internet
1,3 Millionen Alkoholsüchtige
600 000 Glücksspielkranke
73000 Tote durch Alkoholmissbrauch
Wer mit der Chipspackung kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Couchpotatoe wird. Und wenn du lange in eine Glotze blickst, blickt BigBrother auch in dich hinein.
Wie jeden Abend der vergangenen Wochen, sitzt sie auf dem Holzstuhl und obwohl es nicht viel zu sehen gibt, schweift ihr Blick wie in Zeitlupe immer wieder durch die fünfundzwanzig Quadratmeter. Zwei Betten, vereinzelte Fotos und von Kinderhand gemalte Bilder, wenige persönliche Gegenstände, dafür aber viele Schläuche die zu diversen Geräten führen, ein gerahmter Kunstdruck und ein Kalender, der ihrer Meinung nach erbarmungslos aufzeigt, dass die Tage nur noch schleppend voran gehen, während der Zeiger der Wanduhr nervös tickt. Wie hypnotisiert bleiben ihre Augen immer dann daran hängen, wenn ihr die Worte ausgehen und sie die Stirn in Falten legt, als würde sie angestrengt nachdenken, was sie noch erzählen könnte. Es kann ja nicht viel Neues geben, so viel Zeit, wie sie hier verbringt, die Hand ihres Mannes geduldig umschlossen.
Wenngleich ihr niemand sagen könne, ob er sie überhaupt versteht, achte sie darauf, sich in ihren Erzählungen nicht zu wiederholen. Sie wolle ihn schließlich nicht langweilen, wo doch eh kaum etwas in diesem Raum passiert, erzählt sie dem Pfleger, der nach kurzem Klopfgeräusch das Zimmer betritt. Sie hat ihn unter den ständig wechselnden Gesichtern der vielen Mitarbeiter schon mehrmals gesehen.
Die gemeinsamen Gespräche am Esszimmertisch seien ihnen beiden in den vielen Jahren heilig gewesen. Kommunikation in einer Beziehung müsse man pflegen, gibt sie ihm als Rat mit auf den Weg, während er höflich nickt und die vielen Kissen aus dem Bett nimmt. Er zieht den Saum der Windel ihres Mannes, der sich wie eine leblose Puppe drehen lässt, beiseite und sieht nach, ob sie gewechselt werden muss. Angespannt steht sie daneben, den Blick starr auf den Kunstdruck gerichtet, als traue sie sich aus Angst etwas falsch oder kaputt zu machen, nicht zu helfen.
Die abgebildete Blumenwiese erinnere sie jeden Tag an den vergangenen Sommer, setzt sie an, während sie in ihrer Hosentasche nestelt. Der Pfleger lächelt und schwärmt vom angenehmen Wetter des Sommers, der ja nun leider schon vorbei sei. Ihre Mundwinkel hängen unverändert so tief, wie es ihre straffe Haut zulässt. Es sei in der Tat ein schöner Sommertag gewesen, als sie spazieren waren und er ohne Vorwarnung einfach umfiel, fährt sie fort. Sie habe den Notarzt gerufen und ihrem Ehemann auf dem Feldweg zwei Rippen gebrochen, ihn über den Mund beatmet, bis sie endlich abgelöst wurde und erst sehr viel später gesagt bekam, dass er operiert werden müsse. Er habe eingeklemmt. Darunter verstehe sie so etwas, wie den Finger in der Tür einzuklemmen, habe aber rein gar nichts damit zu tun. Nach der Hirnblutung sei das Gehirn angeschwollen, weswegen sie den Schädel öffneten und ein Stück Knochen entnahmen. Draußen sei mehr Platz als drinnen, hätten sie ihr erklärt. Der Pfleger reagiert auf die Schilderungen mit verständnisvoller Miene und der Frage, ob sie beim Frischmachen dabei sein, oder lieber vor der Tür warten wolle. Mit einem sanften Streicheln über den schlaffen Arm ihres Mannes, verabschiedet sie sich flüchtig und macht sich mit dem Straffen ihrer Schultern bereit für die Welt außerhalb der Klinik.
Von Freunden, deren Besuche inzwischen seltener würden, bekäme sie oft gesagt, sie sähe schlecht aus und habe abgenommen. Dabei sei sie schon immer schlank gewesen. Die dunklen Augenringe seien Zeugen ihrer Erschöpfung, über deren Grenze sie momentan absichtlich trete, um erst dann in einen tiefen Schlaf zu fallen, wenn sie keine Kraft mehr für Gedankengänge übrig habe. Sie käme nicht zur Ruhe und müsse ja nun nach der Arbeit noch so viel erledigen, sich um die Kinder kümmern, die Rolle des Vaters mit übernehmen und dutzende Formulare ausfüllen. Sie fahre täglich siebzig Kilometer, um bei ihrem Mann zu sein. Die Ärzte würden ihr zu wenig Auskunft geben, sie fühle sich kaum einbezogen.
Die Physiotherapeutin stellt heute keine Zwischenfragen, lässt die Angehörige erzählen, während sie die Gelenke des Patienten durchbewegt, um Kontraktionen vorzubeugen. Auf das flehende Erbitten reagiert sie gelassen. Sie könne und wolle keine Prognose abgeben, wann der Patient wieder gesund und arbeitsfähig sein wird; wolle ihr die Hoffnung nicht rauben, jedoch auch nicht, dass sie sich an fragilen Grashalmen festhält. Sie könne jederzeit gerne bei der Therapie dabei sein, es wäre ja auch schon ein großer Fortschritt, dass die Vitalwerte mittlerweile bei der Bewegung im Bett stabil bleiben. Sie würde ihr gern ein paar Übungen zeigen, die sie mit ihm machen könnte, die ihm gut täten.
Während sie ihm aus einem Buch vorliest, liegt er röchelnd im Bett, nur mit einem dünnen Laken zugedeckt. Er würde sonst so stark schwitzen. Das Atmen durch die Trachealkanüle strengt ihn sichtlich an, aber wenigstens benötige er keine Beatmungsmaschine mehr. Wenn es beim Atmen blubbert oder er stark hustet, solle sie die Klingel drücken, dann würde jemand zum Absaugen kommen. Manchmal dauere das so lange, dass sie die Wartezeit damit verbringe, die verschiedenfarbigen Linienbewegungen auf dem Überwachungsmonitor auswendig zu lernen. Sobald die Ernährungspumpe piepst, anstatt gleichmäßig zu surren, schrecke sie auf, obwohl sie längst wissen müsse, dass nur der Beutel mit der cremefarbenen Flüssigkeit leer ist. Meist piepse es dann auch kurz darauf am Nachbarbett.
Sie habe einige Patienten in diesem Zimmer kommen und gehen sehen, so lange liege ihr Mann schon hier. Die meisten seien weniger stark betroffen gewesen und hätten ein erweitertes Therapieprogramm bekommen, weswegen sie erfolglose Diskussionen mit Ärzten und Therapeuten geführt habe, die allesamt der Meinung seien, ihr Mann würde momentan nicht davon profitieren, er sei nicht stabil, belastbar und aktiv genug.
Besuch hätten die anderen Patienten jedoch kaum gehabt. Zumindest nicht zu den Zeiten, zu denen sie täglich hier gewesen sei. Wenn doch, habe sie sich direkt in Unterhaltungen gestürzt, von der gemeinsamen Vergangenheit erzählt, von ihren Kindern und den Bildern, die sie bei ihren Großeltern malen, solange diese sich um sie kümmern. Es sei belastend, dass die beiden sich vor ihrem Vater fürchten und deshalb nicht mitkommen. Sie habe mit dieser Wahrheit schon oft schockiert, jedoch ließe der Vergleich mit den aufgehängten Fotos aus glücklichen Zeiten, deutlich erkennen, dass er sich auch äußerlich stark verändert habe und es dann kein Wunder sei, wenn ihn die Kinder nicht mehr als Papa erkennen.
Es klopft, der Hauspsychologe stellt sich vor und bietet ihr gemeinsame Gespräche an, da in solch schwierigen Zeiten draußen mehr Platz für Gefühle und Gedanken sei, als drinnen. Sie lehnt dankend ab, wolle stark für ihren Mann bleiben, komme klar und habe den Spruch in einem anderen Zusammenhang schon einmal gehört. Überzeugungsarbeit bleibt erfolglos.
Er liegt weiterhin regungslos im Bett und sieht durch seine Frau hindurch, als wäre sie gar nicht da. Und dennoch versucht sie unermüdlich, Kontakt zu ihm aufzubauen, interpretiert jedes Muskelzucken und jegliche mimische Veränderung als Reaktion und Interaktion. Sie vermisse die Nähe zu dem Mann, den sie einst aus Liebe geheiratet habe. Nun wisse sie nicht einmal, ob er noch weiß, dass sie verheiratet sind. Sie küsst ihn nicht, berührt ihn immer nur an den Außenseiten des Körpers, wischt ihm gelegentlich den Speichel von der Wange und sieht ihn mit wässrigen Augen an. Früher habe er ihr immer Stärke und Halt gegeben, heute versuche sie sich dafür zu revanchieren, wisse jedoch nicht einmal genau, ob er das will. Sie hätten nie darüber gesprochen, was in einer solchen Situation das Beste sei. Zu weit entfernt seien Krankheit und derartige Schicksalsschläge bisher gewesen. Er habe nie über eine Patientenverfügung nachgedacht, oder darüber, ob er seine Organe spenden möchte, falls es so weit kommen sollte. Ebenso sei kein Testament vorhanden und um Versicherungen habe immer er sich gekümmert, sie müsse das nun endlich in Angriff nehmen. Vielleicht würden die auch einen Teil der Umbaumaßnahmen bezahlen, würde sie ihn mit nach Hause nehmen. Aufgrund der Kanüle, stehe ihm eine 24h-Pflegekraft zu. Er habe sicher nie gewollt, in einem Pflegeheim zu landen. Das Haus sei noch nicht abbezahlt und sein Arbeitsplatz gefährdet. Vielleicht könne er ja nie wieder arbeiten. Er sei doch noch so jung. Sie hasse sich für diesen Gedanken, aber vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre gestorben und somit erlöst. Sie hält seine Hand und weint.
Ich weiß nicht was ich sagen soll, habe einen Kloß im Hals, stammle etwas von ‚es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen’, schnappe meinen Putzkram und verlasse den Raum. Einmal tief durchatmen, anklopfen und auf ins nächste Zimmer.
Natürlich war das früher einfacher, weil es nicht soviel Vergangenheit gab wie heute und soviel in der Gegenwart was es früher nicht gab.
Karl Lagerfeld bei Kerner am 09.06.2009
Schenken wir der Evolutionstheorie Glauben, sind wir die dominantesten, schönsten, gesündesten, anpassungsfähigsten, – schlicht die tollsten Lebewesen, die je existierten.
Vielleicht liegt es an der menschlichen Bescheidenheit, die kein Gespür für eigene Fähigkeiten und Besonderheiten aufkeimen lässt, oder auch an den maßlosen Erwartungen, sowie der übersteigerten Kritikfreude meiner Umgebung, die mir von Kind auf vermittelt hat, nicht zu genügen. Bereits zur Schulzeit, vermutlich schon früher, loderte der anerzogene Vergleichswahn immer wieder auf. Es gab zu jeder Zeit jemanden der klüger, besser, sportlicher, begabter war; jemanden mit angesagteren Klamotten, teureren Schuhen, tolleren Weihnachtsgeschenken. Das was ich selbst vorzuweisen hatte, womit ich versuchte Eindruck zu schinden, war im direkten Vergleich ebenso kümmerlich wie erniedrigend. Mir war nie klar, ob diese ständigen Vergleiche der Abgrenzung, dem Anderssein oder dem Bessersein dienen sollten. Die übrigen meiner Unzulänglichkeiten, wurden von den feinen Nasen der Lehrer aufgespürt, um sie auf ihrer Bühne breit zur Schau zu stellen. Doch selbst für Witze auf meine Kosten, reichte es nicht. Unscheinbar und ungenügend.
Desolat packte ich die kaum ausreichenden Noten ein und spie sie Zuhause aus, während mir, in der bitteren Brühe des Alltags sitzend, erneut aufgezeigt wurde, dass ich nicht genüge. Ein zweites Kind wurde sich immer gewünscht, weil ich allein zu wenig war. Nicht ordentlich genug, nicht schlank genug, nicht höflich genug, nicht fleißig genug; zu jung um über bestimmte Themen zu sprechen, zu alt um kindisch sein zu dürfen; ich half zu wenig im Haushalt und guckte zu viel fern. Die Medien wiederum zeigten mir auf, dass man fortwährend immer das Beste aus sich holen sollte. Besseres Hautbild, mehr Wissen, tollere Urlaube, gesündere Ernährung, attraktiveres Aussehen. Nie wurde ich all den Erwartungen und Anforderungen gerecht; keinerlei Möglichkeit, das Selbstwertgefühl auf ein Mindestmaß anzureichern. Die perfekte Bildschirmwelt blieb mir verschlossen und niemand war in der Lage Komplimente auszusprechen, wodurch ich eine Unfähigkeit entwickelte, selten vorkommende nette Worte ernst zu nehmen. Als ich meinen ersten Freund nach Hause brachte, war auch dieser nicht gut genug. Kurz darauf verließ er mich, weil er nicht genügend für mich empfand. Dann reichte ich mir selbst nicht mehr.
Ich wollte ebenso unmerklich ausbrechen, wie ich gefangen war; saß die Zeit ab, so wie ich ständig jede Stunde, an jedem Tag, in jeder Woche einfach nur absaß. Mir fehlte der rote Faden, wie man ihn aus Büchern kennt und wusste nicht mehr, an welcher Stelle ich aufgehört hatte zu leben, wollte am liebsten von vorn anfangen oder ein Neues beginnen. Während ich im Dunkel kauerte und versuchte Kraft für die kommende Flucht zu sammeln, nahm ich mir vor, damit aufzuhören, mir mein eigenes Grab zu schaufeln, für welches ich objektiv betrachtet viel zu groß war. Statt zu kapitulieren, weigerte ich mich weiterhin in Rollen zu schlüpfen, die mir nicht standen, die ich nicht erfüllen konnte. Ich streifte mir das Kostüm der Angepasstheit ab und wollte von nun an aus dem Schatten der Ja-Sager ins Scheinwerferlicht treten, um anders zu sein. Jemand anderes zu sein! Ich wollte alles und nichts. Somit war ich plötzlich dagegen – gegen alles!
Nach Fehlern anderer suchend, schrie ich sie hinaus und pöbelte alles an, was mir zu normal erschien. Meine zahlreichen Aversionen drückte ich anhand der vielen Buttons und Aufnäher aus, die ich stets auf meiner Kleidung präsentierte, welche ich von nun an nur noch in kleinen Eckgeschäften kaufte. Diese waren zwar teurer und es gab weniger Auswahl, jedoch machte ich deutlich, dass ich gegen die gigantischen Einkaufsparadiese war. Ich trank widerlichen Kaffee im heruntergekommenen Gassencafé und boykottierte damit die Großketten der Kaffeelandschaft; kaufte Bioprodukte aus fernen Ländern und buntbedruckte T-Shirts aus Sri Lanka, weil die sonst niemand trug. Bands die niemand kannte, weil sie einfach nur schlecht waren, erklärte ich zu meiner Lieblingsmusik und fühlte mich dabei unsagbar cool. Über mein Erscheinungsbild stellte ich deutlich dar, welche politische Meinung ich vertreten wollte, obgleich ich eigentlich gegen Politik, gegen den Staat und gegen die gesamte Welt war, die sich gegen mich verschworen hatte. Ich traf auf Gleichgesinnte, die genauso viel Toleranz an den Tag legten und dadurch ebenso viel Stil besaßen, wie ich. Es fanden zahlreiche unsinnige Diskussionen statt, über Themen, die niemals ein reflektiertes Ende hervorbrachten. Dabei war ich doch grundsätzlich gegen Gruppendynamik, gegen Randgruppen, gegen Alleinsein, gegen mich selbst. Also grenzte ich mich auch von denen ab, die mir lieb geworden waren, verlor Freunde, Perspektiven, Motivation und ein Stück mehr von dem, was ich einst war.
Ich quälte mich allein in die unbequemen Klappsessel des lokalen Dorfkinos, aß altes, pappiges Popcorn und störte mich nicht an der veralteten Technik, welche die noch viel älteren Filme auf die Leinwand warf, während alle anderen das hochmoderne Cineplex besuchten. Mitreden zu können empfand ich als Niederlage gegen das Anderssein. Wer will schon Mainstream sein, wenn er besonders sein kann? Besonders waren auch die Sorgen, die sich die Familie plötzlich machte. Aufmerksamkeit, die so ungewohnt war, dass ich darin zerfloss und mich dennoch mit Händen und Füßen dagegen wehrte. Ich wollte standhaft bleiben und weiterhin dagegen sein. Dagegen mich selbst erklären zu müssen, gegen Fleisch, gegen die Farbe Rosa, gegen Schönheitsideale, das Schulsystem, das Studium, Arbeit und gegen Demonstrationen die sich FÜR etwas aussprachen. Als könne man Gruppendynamik nutzen, um etwas Positives zu bewirken. Hoffnungslos.
Die vergangene Grabschaufelei entwickelte sich zu einzelnen Schlaglöchern, die nie tief genug waren, um nach dem harten Aufprall im Erdboden zu versinken. Also versuchte ich es mit Alkohol, tauchte in die Welt der Drogen, hatte Sex in diversen Stellungen, mit unterschiedlichsten Menschen an absurdesten Orten. Doch mit der Zeit und Routine, verlor alles seinen Reiz. Es brachte mir niemals die ersehnte Liebe, dafür aber Verletzungen, die mich abstumpfen ließen. So sehr, dass ich mich selbst nicht mehr spüren konnte. Wenn ich die Nahrung verweigerte, hörte ich das Magenknurren, ohne es zu spüren. Schnitt ich mir in die weiße Haut, sah ich das Blut in zarten Linien fließen, spürte jedoch nichts. In mir herrschte ein Ungleichgewicht, das ich nicht ausbalancieren konnte. Zwei Gläser in meiner Mitte, von denen ich eines immer zuerst einschenkte und dabei viel zu spät merkte, dass nichts mehr für das andere Glas übrig war. Auch von Freundschaften war nichts mehr übrig geblieben, nachdem ich von Diagnosen, die am Küchentisch ausgesprochen wurden, nichts mehr hören wollte. Ich wollte keine Hilfe, war gegen die gesamte Menschheit und hasste mein Spiegelbild. Während meines Krieges, kämpfte ich am stärksten gegen mich selbst. Denn schließlich war ich ungenügend.
Wie Sandpapier, so rau und trocken fühlt sich sein Rachen an. Zum einen, weil er gerade noch stöhnend nach Luft japste; zum anderen, weil ihm Erinnerungen die Kehle zuschnüren.
Gerade eben noch, erlaubte sie ihm, alles mit ihr anzustellen was immer er wolle. Und nun liegen sie nebeneinander; nackt, verschwitzt, erschöpft und befriedigt. Sie löscht die Kerzen und schmiegt sich an ihn, stört sich nicht an seiner klebrigen Haut, legt ihre glühende Wange auf seine Brust und zeichnet mit dem Zeigefinger kleine Kreise um die harte Brustwarze. Sie liebt es, nach dem Sex in schützender Dunkelheit zu liegen, gemeinsam abzukühlen und zu reden. Fragen zu stellen, die sie sich bei Tageslicht nicht auszusprechen traut.
Vor fünf Wochen trafen sie sich zum ersten Mal. Sie sind neugierig aufeinander; alles noch so aufregend, so neu und ungewohnt. Jedes Bruchstück des Körpers wird fasziniert erforscht, jedes Detail aus dem Leben des anderen interessiert und begierig eingeatmet.
Er drückt sie fester an sich und streicht behutsam über ihre Gänsehaut. Ob er schon mal etwas mit einem Mann hatte, möchte sie in dieser Nacht wissen. Obwohl der Raum stockfinster ist, reißt er die Augen auf und stagniert in seiner Bewegung.
Das erste Mal seit Jahren denkt er zurück an diese eine Nacht. Als er in seinem Bett lag, neben ihm das aufgeschlagene Buch, über dem er eingeschlafen war. Er weiß nicht mehr, worum es darin ging, doch erinnert er sich sehr genau, wie ihm die Decke weggezogen wurde. Der Geruch von Schweiß und Alkohol dringt beißend in seine Nase, als wäre er wieder dort, in seinem Kinderzimmer. Der Mund wurde ihm zugehalten, noch ehe er realisieren konnte was los war, als ihm die Pyjamahose nach unten gezogen wurde. Zwei starke Hände packten sein Becken und drückten sein Gesicht gewaltsam in das Kissen, während das stinkende Maul, ohne ein Wort zu sagen, direkt auf seinen Anus spuckte. Dann fing es an, lichterloh zu brennen. Äußerlich wie auch tief in ihm drin, als wäre er mit Benzin übergossen und die Flammen würden sich bis in seine Gedanken, in sein Gehirn fressen. So fühlte es sich an.
Wie gelähmt, war er weder Herr seiner Stimmbänder, noch über einen einzigen Muskel seines Körpers, der in dieser Nacht nicht sein eigener war. Er gehörte einzig seinem Peiniger, bis dieser aufstöhnte und mit dem Geräusch des Reißverschlusses und den geflüsterten und doch eindringlichen Worten “Kein Wort! Zu niemandem!” im erdrückenden Dunkel verschwand. Wie ein Häufchen kalte Asche blieb er allein zurück, sank in sich zusammen und hatte Sorge, beim kleinsten Windstoß die Glut erneut zu entfachen; wünschte sich einen starken Orkan, um sich darin in winzige Partikel aufzulösen.
Sie stupst ihn an, ob er eingeschlafen sei, wiederholt ihre Frage und gibt sich aus Müdigkeit mit seinem kargen ‘Nein’ zufrieden. Er dreht sich zur Seite und rollt sich unter stillen Tränen so zusammen, wie er es damals tat, als sein großer Bruder den Raum verließ.
Wie trist wäre das Leben doch ohne Bücher. Manche legt man schon nach wenigen Seiten beiseite, andere verschlingt man innerhalb weniger Stunden und kann es kaum erwarten, es erneut zu lesen. Ein paar wenige Bücher vermögen es, uns so sehr zu beeindrucken, dass wir sie nie wieder vergessen können. Und dann gibt es noch die Bücher, die einen auch nicht vergessen wollen, wie es dieser wunderschöne Film auf bezaubernde Art und Weise zeigt.
Inspired, in equal measures, by Hurricane Katrina, Buster Keaton, The Wizard of Oz, and a love for books, “Morris Lessmore” is a story of people who devote their lives to books and books who return the favor. Morris Lessmore is a poignant, humorous allegory about the curative powers of story. Using a variety of techniques (miniatures, computer animation, 2D animation) award winning author/ illustrator William Joyce and Co-director Brandon Oldenburg present a new narrative experience that harkens back to silent films and M-G-M Technicolor musicals. “Morris Lessmore” is old fashioned and cutting edge at the same time.
Woran kann man sich festhalten, wenn nichts mehr bleibt?
Mit tropfnassen Haaren tapse ich barfuss über die Badfliesen bis hin zum Türrahmen. Ich atme tief durch und halte einen Moment inne, um zu horchen, ob ich ein Geräusch vernehmen kann und Mut zu sammeln, bevor ich mich in der Wohnung umsehe. Es ist mucksmäuschenstill, sodass ich meine Halsschlagader pumpen höre. Ich stehe angespannt im Flur, sehe nichts wovor ich Angst haben müsste. Dann durchfährt es mich. Jemand klopft an die Wohnungstür. Nachdem ich meine Schockstarre überwunden habe, verfluche ich die alten Türen, die keinen Spion haben, öffne einen kleinen Spalt und setze mit dem Fuß eine Sperre.
John, der Nachbar, lächelt mich milde an und deutet auf seine Werkzeugkiste. Ich bin dankbar, dass er diesmal die Wohnungstür, statt den Durchgang im Wohnzimmer gewählt hat. Er wolle nach den Stromleitungen sehen, die wohl einen Wackelkontakt haben müssen. Anders kann er sich meine Schilderung der flackernden Lichter nicht erklären. Nachdem ich ihn hereinbitte, fällt die Tür erst unter massivem Gegendruck ins Schloss. Ich überlege, ob es unverschämt wäre, ihn zu fragen, ob er sich auch die Türen der Wohnung ansehen könne, als er von sich aus kommentiert, dass sich die Türen gelegentlich verziehen und man sie dann etwas anheben müsse. Es sei eben ein altes Gemäuer. Dieses Argument hörte ich in den vergangen Tagen schon häufiger.
Während er herumwerkelt und den Sicherungskasten inspiziert, leiste ich ihm Gesellschaft. Weniger aus Sympathie denn aus Misstrauen. Er stellt viele Fragen und erzählt nur wenig von sich, antwortet einsilbig sobald ich mich interessiert zeige. Ich bin froh und erleichtert, als ich endlich höre, wie sich der Schlüssel im Türschloss dreht und Hannes nach Hause kommt. Nach einem flüchtigen Kuss auf meine Stirn, wendet er sich von mir ab und John zu. Die beiden verstehen sich gut und philosophieren über die veralteten technischen Anlagen des Gebäudes, sodass ich mich überflüssig fühle.
Ich räume die restlichen Umzugskartons aus und sortiere die Dinge, die selten Gebrauch finden. Zum wiederholten Male schüttle ich den Kopf über mich selbst, fühlt es sich erneut so an, als hätte sich die Wohnung ohne mein Zutun verändert. Ich bin mir unsicher, wie ich zur Abstellkammer gelange. Am logischsten erscheint mir die Tür direkt neben der Küchenzeile. Vollbepackt drücke ich mit dem Ellenbogen umständlich die Klinke nach unten und schiebe die Tür schwungvoll mit dem Fuß auf. Ebenso schwungvoll lasse ich dann auch alle Gegenstände fallen, die ich sorgfältig auf meine Arme getürmt hatte, als ich die dicke Frau im geblümten Nachthemd erblicke, welche die zwei Quadratmeter der Abstellkammer beinahe restlos ausfüllt und den Kopf in regelmäßigen Abständen gegen die Wand schlägt. Weder das Klirren der Vase, die zu Bruch ging, noch mein erschrockener Aufschrei, reißen sie aus dieser Art Trance. Wenige Sekunden später stehen Hannes und John neben mir, genauso wie ich selbst.
Während Hannes mich ins Wohnzimmer bugsiert und auf die Couch drückt, führt John die dicke Frau durch eine der Türen, vermutlich in ihre Räumlichkeiten zurück. Konsterniert höre ich ihn noch mit ruhiger, fast abgedämpfter Stimme auf sie einreden, derweil sie nur schweigend auf den Boden starrt. Sie jagt mir Angst ein. Auch Johns Stimme jagt mir Angst ein. Hannes steht mit hängenden Schultern vor mir. Ich höre zwar die Worte, die er zu mir spricht, kann sie aber nicht verstehen. Erst als die Frau unsere Wohnung verlassen hat, holen mich die unruhigen Tritte gegen die Bauchdecke wieder zurück. Das Licht flackert wiederholt kurz auf, was Hannes nicht zu beirren scheint. Er reicht mir, ohne jeglichen Blickkontakt, ein Glas Leitungswasser und legt mir eine Wolldecke über die Beine. Ich solle mich ausruhen. Er verlässt den Raum und ich fühle mich alleingelassen und schuldig, als wäre ich verantwortlich für die vielen seltsamen Vorkommnisse.
Die Hiebe unter dem Herz lassen nach, und doch fühle ich mich noch immer aufgewühlt. Keine Spur von Ruhe. Ich stehe auf, sehne mich nach der Geborgenheit, die ich sonst von meinem Mann gewohnt war. Auf meiner Suche bleibe ich ratlos mitten im Flur stehen. Alle Türen um mich herum sind weit geöffnet. Mein Versuch, die Wohnungstür zu schließen, scheitert mangels nötiger Kraft und selbst Johns Tipp des Anhebens, zeigt keinerlei Wirkung. Ich stelle einen schweren Holzstuhl vor eine der angrenzenden Durchgangstüren. Für einen Moment bleibt die Tür durch das Gewicht geschlossen, dann schiebt sie wie von Geisterhand den Stuhl beiseite und sich selbst auf. Verzweifelt rufe ich nach Hannes. Keine Reaktion. Allgemein ist kein Geräusch zu vernehmen. Als ich ins Treppenhaus blicke, sehe ich auch dort alle Türen offen stehen. Ich bekomme immer schwerer Luft und mein Puls beginnt zu beschleunigen. Als dürfe ich die Stille nicht durchbrechen, versuche ich automatisch möglichst lautlos durch die Wohnung zu schleichen. Wieder flackert das Licht, doch diesmal anhaltend. Auch das Baby meldet sich erneut unruhig und versetzt mir ein paar schmerzhafte Tritte, die mich teils nach Luft schnappen lassen.
Schon im Türrahmen des Badezimmers stehend, sehe ich, dass jemand in der Wanne liegt, kann jedoch die Person nicht erkennen und frage nach. Erst als ich mich selbst höre, bemerke ich das Zittern meiner Stimme. Das Licht flackert weiterhin, wie in den gruseligen Szenen eines Horrorfilmes. Ich fühle mich, als wäre ich die Hauptdarstellerin und muss beinahe über diesen absurden Gedanken schmunzeln.
Als ich einen Schritt näher trete, spüre ich die nassen Fliesen unter meinen Fußsohlen und muss mich konzentrieren, nicht auszurutschen. Nach einem weiteren unsicheren Schritt, kann ich Hannes erkennen. Er ist unter Wasser und hat entspannt die Augen geschlossen. Erleichtert setze ich mich an den Wannenrand, warte bis er wieder auftaucht. Als er dies auch nach mehreren Sekunden, die mir nun wie eine Ewigkeit vorkommen, nicht tut, streife ich meinen Ärmel zurück und greife in das lauwarme Nass. Er reißt die Augen weit auf und starrt mich durch das Wasser hindurch an. Ich scheine ihn mit meiner Berührung erschreckt zu haben und weiß nicht, ob ich froh, oder schockiert sein soll. Er taucht weiterhin nicht auf. Stattdessen bemerke ich erst jetzt, dass er atmet. Unter Wasser. Ohne Luftbläschen zu bilden. Jetzt spricht er sogar zu mir. Mit dumpfem Klang. Ich verstehe ihn nicht. Verstehe gar nichts.
Während ich ihn einfach nur anstarre, sehe ich, wie das Leben aus ihm weicht und er immer blasser wird, langsamer atmet und er mit nachlassendem Muskeltonus auf den Grund der Badewanne sinkt. Ich will ihn rausziehen. Er ist zu schwer. Ich zerre an ihm und schreie ihn unbeherrscht an, er solle sofort aufwachen, aufstehen und endlich wieder der Mann sein, den ich geheiratet habe. Alles um mich herum wirkt so unwirklich. Ich kann die Tränen nicht halten, die nur so aus mir heraussprudeln. Ich ziehe den Badewannenstöpsel, rüttle und schlage seinen leblosen Körper. Dann sinke ich kraftlos auf den Boden.
Aus den benachbarten Wohnungen tönen Geräusche. Ich höre Gemurmel und das Knarren der Dielen. Gleichmäßige, aber langsame Schritte mehrerer Personen nähern sich. Das Licht flackert nach wie vor. Panik steigt in mir auf. Ich schnappe meine gepackte Tasche und laufe so schnell ich kann aus der Wohnung. Im Treppenhaus sehe ich, wie sie aus ihren Wohnungen kommen und mir mechanisch hinterher blicken, ohne sich großartig zu bewegen. Auch Thomas, der frühere Kumpel meines Mannes, sieht mich mit leeren Augen an, als ich ihm einen flehenden Blick zuwerfe. Ich stürme die Treppen hinab nach draußen.
Die Stadt scheint von alldem nichts mitbekommen zu haben. Es ist dunkel, ruhig und der Wind weht ein laues Lüftchen. Ich fange lauthals an zu schreien und ersticke fast an meinen Tränen. Nach einigen Sekunden ringe ich nach Luft und versuche mich wieder zu fassen, blicke mich nochmals um und sehe durch die Verglasung der Eingangstür, wie sie mich alle anstarren, sich aber nicht bewegen. Ich komme mir vor wie ein gehetzter Mörder und renne die Strasse hinab zur Straßenbahnhaltestelle. Dort heule ich eine halbe Ewigkeit, ohne mich rühren zu können.
Es ist inzwischen zwei Uhr morgens. Was mache ich nun? Die nächste Bahn fährt erst in 40 Minuten. Und ich weiß nicht einmal wohin ich fahren sollte. Der einzige, den ich in dieser verfluchten Stadt kenne, ist der Makler. Der Makler! Vielleicht kann er mir helfen. Weiß er von all dem? Kann er mir erklären, was in dem Schloss vor sich geht? Oder gehört er gar auch zu diesen Wahnsinnigen? Wild entschlossen greife ich zum Handy, überlege einen Moment, ob ich nicht doch lieber die Polizei anrufen soll, weiß aber nicht, was ich denen sagen sollte und wähle kurzerhand die Nummer des Maklers. Nach dem vierten Klingeln des siebten Anrufversuches geht er endlich ran.
Seine Stimme klingt wütend und schlaftrunken zugleich. Noch immer aufgelöst, erzähle ich ihm in groben Zügen, was passiert ist und fange erneut an zu weinen. Er versucht mich zu beruhigen und meint, er hole mich in zehn Minuten ab, ich solle mich nicht vom Fleck bewegen, in das vorderste Fach meiner Tasche sehen und mich wieder sammeln. Es sei alles in Ordnung. Das irritiert mich. Er legt auf und lässt mich wie ein Häufchen Elend zurück. Ich öffne hastig den Reißverschluss, greife hinein und ertaste gewölbtes Plastik. Ich nehme es heraus und sehe, dass schon drei der Tabletten fehlen. In meinem Bauch strampelt es, die Straßenlaternen flackern.