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Das Kunstwerk

Joseph Beuys:
“Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Künstler ausmacht, folgt: nur wer Künstler ist, ist Mensch. … Jeder Mensch ist ein Künstler.”

Von den Eltern zur Leinwand gemacht, ziehen sie die ersten Striche mit Bleistift, geben eine Zeichnung vor, welche Gestalt wir -ihr Abbild- später einmal annehmen sollen. Sie üben an uns, versuchen ein Stück ihrer Persönlichkeit an uns weiterzugeben. Wir sollen das tollste Bild von allen werden. Stolz präsentieren sie uns auf der Vernissage, obwohl wir noch gar nicht fertig sind.

Jeder der uns begegnet, darf uns ein bisschen zeichnen. Im Laufe der Zeit kommt immer mehr Farbe ins Spiel, Konturen heben sich von den glatten Flächen ab, geben uns Form und Struktur. Licht und Schattenseiten sind zu erkennen, uns werden Perspektiven gegeben. Einige machen sich mit grobem Spachtel an uns zu schaffen, andere wagen sich nur mit dem feinen Pinsel heran. Manche kratzen an der Farbe und hinterlassen somit ihre Spuren an uns.

Wenn jemand sein Handwerk nicht versteht, hoffen wir, auf einen talentierten Künstler zu treffen, der unseren Farben neue Leuchtkraft verleiht, uns ausbessert und Vergangenes übermalt. Mit viel Glück, lehrt man uns die Königsdisziplin, jemanden zu berühren, ohne ihn anzufassen. Von der Muse geküsst, möchte der phantasievolle Künstler durch Anerkennung und Aufmerksamkeit entlohnt werden. Er präsentiert uns und erhöht dadurch seinen eigenen Stellenwert. In jedem Detail vermutet er etwas Besonderes und kann sich nicht satt sehen.

Wir spiegeln die aktuelle Zeit, sind zeitgenössisch. Jedoch treffen wir nicht jeden Geschmack, möchten dennoch möglichst ästhetisch sein. Wir werden als schön empfunden, kritisch beäugt, man versucht uns zu interpretieren und zu verstehen. Wir lösen Gefühle aus und regen den Verstand an. Wir möchten nicht kopiert werden. Werden wir neben mehrere Bilder gehängt, möchten wir anders sein als die anderen und dennoch nicht völlig aus dem Rahmen fallen. Wir möchten uns abgrenzen und vielleicht sogar besser sein. Wir vergleichen uns mit denen, die so viel Ausdruck in sich tragen, dass man kaum mehr passende Worte findet, um sie zu beschreiben. Wir haben Angst, dass der direkte Vergleich unseren Wert schmälert.

Statt in einer Sammlung ein Bild von vielen zu sein, möchten wir auf den einen Kunstliebhaber stoßen, der uns nicht einfach gegen einen billigen Kunstdruck eintauscht. Wir wollen das Original sein. Wir möchten begeistern, indem wir einfach nur sind, was wir sind. Kunst, ohne künstlich zu sein. Am Ende des Prozesses stehen wir als vollendetes Kunstwerk. Handsigniert. Und vielleicht macht uns das für irgendwen noch wertvoller. Denn die Kunst besteht schließlich darin, für das geliebt zu werden was man ist, nicht für das, was man darstellt.

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murakami411

Lesezwang

Ich habe schon Texte verfasst, die ich schreiben musste, aber noch keinen, den andere lesen mussten.

mk411 11/2011

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Der fantastische Ausflug

Du trittst eine Reise an und bist auf dem Weg zu mir, der ein beschwerlicher ist. Die Gestalten die ihn hüten und bewachen, wirken angsteinflößend. Starr lauern und beobachten sie mit gefährlich funkelnden Augen, lassen dich jedoch passieren. Der schmale Pfad führt am Ende über eine kleine Treppe hinunter zu mir. Das Wachs der abgebrannten Kerze läuft über deine Finger, doch du spürst keinen Schmerz. Sie flackert noch einmal nervös auf, als würde sie sich fürchten, bevor sie erlischt und dich im Dunkeln stehen lässt. Du bist aufgeregt und setzt zum Klopfen an, als du vor dem Eingang zum Stehen kommst. Ich wusste, dass du hier sein wirst und öffne dir die Tür. Du blickst auf mich herab in meine farbige Welt. Mit einer einzigen Bedingung, bitte ich dich einzutreten. Du musst die Schuhe und den Trott zurück lassen.

Barfuss gehst du durch das Portal und schrumpfst sogleich auf meine Größe. Die Tür lasse ich angelehnt, damit du die Reise jederzeit beenden kannst, falls es dir nicht gefällt. Zögerlich siehst du dich um und ich führe dich über eine weiche Wiese, ganz ohne Hindernisse, ohne Richtung und ohne Ziel. Und doch kommen wir dort an, wo wir hin wollten, ohne es zu wissen. Wir müssen leise sein, bis wir uns von Bäumen umzäunt an einem kleinen Teich vorsichtig auf dem duftenden Gras niederlassen. Die Pilze, die rechts und links von uns wachsen, rücken besitzergreifend zusammen, wollen uns deutlich machen, dass wir nur zu Gast sind an diesem zauberhaften Ort. Eine kleine Spinne markiert ihr Revier mit einem großen Netz zwischen zwei Bäumen und beobachtet uns misstrauisch, die Bienen besetzen die Blumen, damit wir nicht auf die Idee kommen, sie zu pflücken oder ihren Duft wegzuatmen und der Marienkäfer duldet uns nur, weil wir in der Lage sind, seine Punkte korrekt zu zählen. Erst als die Sonne uns freundlich glitzernd auf der Wasseroberfläche begrüßt, auf der auch Enten unbeschwert ihr Dasein genießen, erwacht der Ort zum Leben und zeigt sich von seiner schönsten Seite. Der warme Wind, der zuvor versucht hat uns zu ärgern, zieht sich flüsternd in die Wipfel zurück, lässt die Äste sanft wiegen und die neugierigen Blätter zu Boden fallen.

Mit angewinkelten Beinen sitzt du neben mir auf der Erde, umgeben von Sommerduft aus Blüten und frischem Heu und siehst mich fragend an. Kaum schlage ich mein Buch auf, aus dem ich dir vorlesen möchte, krabbelt mir ein keckes Wort ganz flink über den Zeigefinger. Es hat seine Freiheit erkannt und sucht sich sogleich einen Weg durch das Gras, klettert einen Halm hinauf und fällt unter unseren belustigten Blicken wieder hinunter. Du setzt es vorsichtig zurück an seinen Platz und bekommst dafür einen dankbaren Blick von dem Ausreißer. Ich blättere um und schon fallen weitere freche Wörter hinaus. Die schüchternen linsen nur aus ihren Seiten heraus, während die Angeber aus dem ersten Kapitel auf die Bäume klettern und sich von dort oben ins Wasser fallen lassen. Amüsiert sehen wir zu, wie die schweren untergehen, die leichten vergnügt umher schwimmen und die besonders lustigen die Enten ärgern. Ein paar verliebte Worte gehen lieber spazieren und die verträumten werfen Steinchen ins Wasser, damit die kreativen die Ringe der kleinen Wellen bunt bemalen können.

Auf der nächsten Seite fangen die Buchstaben an, wirr durcheinander zu wirbeln. Sie erheben sich gemeinsam wie Herbstlaub im Wind und tanzen in wilden Formationen über unseren Köpfen. Sie werden schon bald müde und gleiten sanft wie eine Feder nach unten, bis sie auf der Wasseroberfläche liegen bleiben, um sich auszuruhen. Ein schillernder Fisch ergreift seine Chance und schnappt nach ihnen, schluckt sie alle runter und singt uns kurz darauf ein schönes Lied auf seiner nassen Bühne, indem er die Buchstaben wieder in die Luft pustet. Die zuvor entsprungenen Worte versammeln sich, um ihm zu lauschen, sonnen sich auf einem Stein der halb ins Wasser ragt, die ganz großen lassen ihre Beine hineinbaumeln. Selbst die Bäume scheinen sich im Rhythmus zu wiegen, während ein Specht den Takt vorgibt.
Kaum hat der Fisch sein Konzert beendet, wissen die Wörter, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Eins nach dem anderen hüpfen sie auf ihren Platz zurück. Nur eines weigert sich: die Leichtigkeit. Wir lassen sie noch ein wenig mit den Pusteblumen toben, wofür sie uns mit ausgelassenem Lachen belohnt. Wir sitzen nur da, beobachten, reden ein wenig, während die Zeit hastig durch die Gräser rast, ohne uns dabei zu stören.

Nun, da der Weg zum Wasser nicht mehr von dem wilden Schauspiel versperrt ist, beugst du dich hinüber, um das Kerzenwachs von deinen Händen zu waschen. Freche kleine Kaulquappen ziehen schöne Muster um dich herum, woraufhin dir die kleinen Wellen, für deinen Glauben an sie, einen sanften Streichelkuss auf deine Haut haften. Sie überreichen dir, wie dahergewünscht, vom Teichboden aus ein persönliches Geschenk. Mit beiden Händen hebst du die unverpackte Kugel vorsichtig aus dem Wasser und bestaunst nun deine eigene Welt. Stolz und glücklich möchtest du sie mir zeigen, als die Dämmerung die Leichtigkeit überraschend zurück ins Buch ruft, sodass ich es zuklappen kann. Spontan verabschiedet sich die Sonne mit einem roten Gruß am Himmel und führt uns zum Mond, der uns treu und milde auf dem Rückweg begleitet. Es war längst Zeit.
Noch immer leicht ungläubig, versuchst du auf dem Weg alle Eindrücke in dich aufzusaugen, während du dein Geschenk beschützend umklammerst und dir vergnügt Gedanken machst, wie du sie gestalten könntest.
An der Tür angekommen, lädst du mich freudig zu einer Reise durch deine leuchtende Welt ein. Doch ich habe keine Schuhe.

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Aus alt mach neu

Sie hält eine Pinzette in der rechten Hand und starrt sich so nah im Spiegel an, bis alles um die schwarzen Stoppeln der Augenbrauen in einem vernebelten Schleier verschwimmt. Als er plötzlich neben ihr auftaucht, zupft sie sich vor Schreck in die Haut des Lides, sodass ihr die Tränen ins Auge schießen.
- Wann bist du heute verabredet?
- Man! Schleich dich nicht immer so an!
- Entschuldige.
- Hatte ich dir schon gesagt. Um 22 Uhr im Club Central.
- Wer ist alles dabei?
- Interessiert dich das wirklich? Nur die neue Kollegin und ich.
- Dann wünsche ich euch viel Spaß.
Schon war er wieder gewohnt desinteressiert aus dem Türrahmen verschwunden. Sie reckt den Kopf, um ihm skeptisch hinterher zu sehen, wie er langsam in Jogginghose und altem T-Shirt zur Couch trottet, die Tageszeitung in der einen, eine Flasche Bier in der anderen Hand.
- Danke. Mal sehen. Sie ist nett. Und was wirst du machen?
- Heute läuft Fußball.

Natürlich, was auch sonst! Ihr Blick fällt auf eine der Leinwände im Flur, auf der sie schmeichelhaft in warmen Erdtönen abgebildet ist. Er hatte sie vor zwanzig Jahren sehr oft gemalt, konnte sich damals nicht an ihr satt sehen. Das war die Zeit, als er ihr noch liebevolle Kosenamen gab, sie fühlte sich begehrt und geliebt, glaubte dieses Gefühl würde ewig währen. Nun vergleicht sie es mit ihrem Spiegelbild und kramt zögerlich in ihrem Schminkköfferchen, das sie bei jedem der seltenen Einsätze erst mal von einer feinen Staubschicht befreien muss.
Die Vorfreude auf den Abend ist groß, so selten bricht sie aus dem Alltag aus, erlebt etwas Anderes, Neues. Seit vier Monaten arbeitet sie nun mit ihrer neuen Kollegin Lydia in einem Büro, heute unternehmen sie zum ersten Mal auch privat etwas miteinander. Um mit der zehn Jahre Jüngeren annähernd mithalten zu können, schlüpft sie in ihr schönstes Outfit, in das sie erst seit kurzem wieder hinein passt, ohne den Bauch einziehen zu müssen. Sie legt den teuersten Duft auf und den edelsten Schmuck an, den sie besitzt.
Als sie sich eine Stunde später mit klackernden Absätzen und einem flüchtigen Kuss von ihrem Mann verabschiedet, genießt sie insgeheim das kurze Aufleuchten ob ihres Anblickes, seiner in letzter Zeit so müden Augen und glaubt seinen Blick auch noch zu spüren, als sie die Wohnungstür hinter sich schließt und er sich ins Badezimmer begibt.

An der Bar teilen sie sich Selbstbewusstsein und gute Laune aus einer Flasche, gewöhnen sich an die laute Musik, tauen langsam auf und fangen nach einigen Momenten des Unbehagens an, sich zu amüsieren. Dass Gespräche nicht möglich sind und sie den Altersdurchschnitt mit ein paar wenigen Ausnahmen beachtlich senken, stört sie ab dem ersten Schritt auf die Tanzfläche nicht mehr. Ausgelassen tanzen sie, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, sie haben Spaß. Irgendwann fordert Lydia eine Pause ein, um auf den Barhockern mit kühlenden Getränken wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Lydia sieht sich aufmerksam in dem großen Raum um und macht ihre Kollegin kurz darauf auf einen gepflegten, sehr attraktiven Mann aufmerksam, der auf der anderen Seite der Bar sitzt und die beiden wohl schon seit einiger Zeit beobachten würde. Neugierig folgt sie dem Blick der Jüngeren und ärgert sich ein wenig, dass sie heute aus Gründen der Eitelkeit ihre Brille nicht trägt.
Dann sieht sie ihn ganz deutlich. Wie er sie ungewohnt und doch vertraut charmant anlächelt, dabei mit seinem Whiskyglas spielt, es in einem Zug leert und nüchtern aufsteht, um auf sie zuzusteuern. Was das Flirten angeht, ist sie längst aus der Übung, blickt leicht verschämt zur Seite, will dennoch das Spiel mitspielen, entzieht sich jedoch dem direkten Kontakt, indem sie sich erneut auf die Tanzfläche begibt und ihre Kollegin wortlos an der Bar zurück lässt, die die Situation und auch die weiteren Szenen neugierig und unwissend verfolgt.
Während sie immer wieder seine bewundernden Blicke sucht, bewegt er sich langsam auf sie zu. Sie fühlt sich wie zu Teenagerzeiten, er tanzt sie an, während sie ihm den Rücken zudreht und versucht, sich extra aufreizend zu bewegen. Obwohl ihr warm ist, dehnt sich eine Gänsehaut auf ihrem blassen Körper aus, als er sich ihrem Nacken nähert und ihren Duft einatmet. Er traut sich nicht sie anzufassen, als würde er sie mit einer einzigen Berührung kaputt machen und mit ihr auch den Moment zerstören. Sie brauchen beide keine Worte, denn ihre Körper sprechen ganze Bände der selben Sprache. Lange fühlte sie sich nicht mehr so begehrt, so gewollt. Obwohl er bei all seinen Bewegungen auf ein paar Zentimeter Distanz achtet, spürt sie ihn ganz nah, so vertraut, bis er nach einer halben Ewigkeit des Prickelns an ihr vorbei in Richtung Ausgang geht und sie von dort aus bedeutsam ansieht.
Ein unsicherer Blick zu ihrer Kollegin zeigt ihr, dass diese sich mit einem Kerl Marke Surflehrer amüsiert und daher keinen Grund für Zögerungen darstellt. Sie zupft ihren Rock zurecht und geht selbstbewusst lächelnd auf die ungewohnt anmutende Männlichkeit zu. Fühlte sie sich soeben noch mutig, macht er sie im nächsten Moment schwach, indem er sie unvermittelt zu sich zieht, eine Hand an der Taille, die andere vorsichtig am Nacken, um sie erst behutsam und dann immer fordernder zu küssen. Würde er sie nicht so fest im Griff haben, würden ihre Knie nachgeben.

Begierde und Leidenschaft füllen das Taxi aus und beschlagen die Fenster, wie seine beharrlich suchenden Hände ihren Verstand. Als er sie gegen die kalte Wand im Flur direkt neben den Bilderrahmen drückt, liegt ihre Kleidung längst auf dem Boden verteilt. Seine Stärke macht sie schwach. Je grober er sie anpackt, desto mehr Verlangen spürt sie und gibt sich ihm willig hin, überlässt ihm die Macht über ihren flehenden Körper. Im Bett sucht sie nach Halt, krallt sich in Laken und Matratze, windet sich, bittet stöhnend um Erlösung, gräbt ihre Nägel schließlich in seine Haut bis er sich vor ihr aufbäumt, endlich ihre Beine nach oben reißt und so hart und tief in sie vorstößt, wie sie noch nie genommen wurde. Nach einer Explosion geballter Lust und pulsierender Empfindungen, sinken sie beide geschwächt und befriedigt auf die Matratzen.

Vorsichtig hebt sie ihren brummenden Kopf an, mustert flüchtig die Spuren der verlaufenen Wimperntusche auf ihrem Unterarm und blinzelt mit schweren Lidern der Sonne entgegen, die ihre Wärme hemmungslos durch die Jalousien direkt auf ihren nackten Körper legt, der sich quer über das ganze Bett erstreckt. Er sitzt konzentriert auf einem Stuhl und blickt immer wieder über den Rand eines Zeichenblockes, während sich seine rechte Hand eifrig auf dem Papier bewegt. Seine vertraute Silhouette hebt sich dunkel vor dem Fenster ab.
- Was machst du da?
- Guten Morgen Liebling. Nicht bewegen! Du bist heute so schön wie nie zuvor, das muss ich unbedingt festhalten.

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Jäger und Sammler

Etwas angespannt und doch nachdenklich sitzt sie an dem bescheiden gedeckten Tisch, leckt ihren Zeigefinger ab, um die letzten Krümel von Teller und Tischplatte aufzulesen und starrt kleine Löcher in die Luft, die durch die weit aufgerissenen Fenster strömt, während sie den Finger in den Mund nimmt. Sie wirkt starr und unbeweglich, doch ist sie innerlich nervös und rast gedanklich unaufhörlich in ihrem Käfig umher, wie ein Tier, dem in seiner Gefangenschaft zu lange keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Als sie es nicht mehr länger aushält, schiebt sie den Stuhl vorsichtig nach hinten, steht langsam auf und sieht sich genau um, als würde sie jemanden oder etwas wittern. Behutsam, ohne ein Geräusch verursachen zu wollen, nimmt sie ihren Teller und bringt ihn auf Zehenspitzen in die Küche. Auf dem Weg dorthin, kann sie der Versuchung nicht widerstehen, flüchtig und doch sanft ihren Staubsauger zu streicheln, der mit kaum hörbarem Gurren des Schlauches antwortet. Am Spülbecken angekommen, liebäugelt sie mit Schwamm, Lappen und Topfkratzer, verbietet es sich aber streng, einen davon anzufassen, riecht stattdessen wie zufällig am Geschirrtuch, bevor sie wieder auf die Jagd geht.

In leicht gebückter Haltung streift sie geräuschlos durch die Wohnung, kennt die Stellen auswendig, die sie nicht betreten darf, wenn sie das Knarren der Dielen vermeiden will. Verhalten sieht sie hinter den Türen nach, guckt unter den Tisch, hinter das Sofa, fühlt sich geneigt, den Teppich anzuheben – bis sie endlich erblickt, wonach sie gesucht hat. Wie eine Katze lauert sie erstarrt in freudiger Erregung mit geweiteten Pupillen, steht kurz vor dem Absprung. Das Objekt der Begierde wirbelt unbeschwert im Windhauch umher, sucht sich einen Weg, direkt in das Badezimmer. Auswegslose Wahl, gibt es doch keine Fluchtmöglichkeit in diesem kahlen Raum.

Um das Spiel noch spannender zu gestalten, hält sie einen Moment inne, bevor sie den Vorsprung eilig aufholt, die Tür mit einem aufschreckenden Knall schließt und damit den Startschuss gibt, für die Hetzjagd auf den wenigen Quadratmetern, die zur Falle der Beute werden. Mit leicht zusammengekniffenen Augen versucht sie nun ihr Opfer aufzuspüren, welches sich offensichtlich im schummrigen Licht versteckt hat. Zögerlich streckt sie ihren Arm von sich, um den Wäschekorb beiseite zu schieben und wird dort -wie erwartet- fündig und schnappt wie eine Schlange reflexartig zu.

Triumphierend richtet sie sich auf, ihre Eroberung zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger geklemmt, bestaunt und inspiziert ihren Mitspieler noch einige Sekunden, bevor sie die Wollmaus schließlich genüsslich in den Mund steckt und sich zufrieden kauend im Wandspiegel betrachtet. Einen Fussel von der Schulter schnippend, lächelt sie sich selbst bedeutsam zu und macht sich völlig entspannt wieder daran, ihre alltäglichen Aufgaben zu bewältigen.

 

 

 

bildliches Opfer

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Hochzeit vs. Beerdigung

Beide habe ich schon häufig besucht. Bis heute weiß ich nicht, wo ich mich wohler fühle. Ja, ich weiß, pietätlos. Klar, ist der erfreulichere Anlass die Hochzeit, sofern nicht gerade die eigene Liebe des Lebens heiratet, oder der größte Erzfeind verstorben ist. Das ist mir durchaus bewusst. Allerdings gibt es ein paar Gründe, die mich zweifeln lassen, bei welchem Anlass ich mich wohler fühle, die Personen mal außer Acht gelassen, welche die „Feierlichkeiten“ begründen.

Bei der Wahl der eigenen Kleidung fängt es doch schon an. Während ich nur sorglos in den Kleiderschrank greifen muss, um etwas traditionell Schwarzes in der Hand zu halten, zermartere ich mir den Kopf, was ich auf der Hochzeit tragen könnte. Das einzige was klar ist, dass weiß tabu ist und schwarz irgendwie unpassend. Welche Gäste sind anwesend, waren die auch auf der letzten Hochzeit? Würde gegebenenfalls jemand das Kleid wieder erkennen, passe ich da überhaupt noch rein? Welche Farben tragen die Brautjungfern, was trägt die Braut, falls sie nicht in weiß heiratet? Und schlussendlich klappere ich doch wieder sämtliche Läden ab, in der Hoffnung ein schönes neues und völlig überteuertes Kleid zu finden, welches ich dann doch nur ein einziges Mal tragen werde. Irgendwann fällt mein panischer Blick dann auf die nackten Füße. Also geht das Spiel von vorne los und die Suche nach den zum Kleid farblich passenden Schuhen beginnt.
Bei der Beerdigung ist es völlig egal in welchem schwarzen Fetzen ich aufkreuze, da niemand darauf achtet, was wer schon mal getragen hat und das Schwarz in der Masse verschwimmt. Schwarze Schuhe finden sich wie von selbst im Repertoire, ohne dass man qualvolle Stunden auf 10cm-Absätzen durchhalten muss. Den eigenen bad hair day kann man zur Not unter Hut und Sonnenbrille verstecken.

Da glaubt man, das Thema Kleidung sei damit abgehandelt, so geht es auf der Hochzeit direkt weiter, indem man der Braut heuchlerisch beteuern muss, wie schön sie doch in diesem lachsfarbenen Monstrum mit zu viel Tüll aussieht. Und natürlich sitzen Make-up und Frisur perfekt, man will ihr ja schließlich nicht den Tag versauen. Ebenso wäre sie beleidigt, hätte man etwas an der Farbe der Brautjungfernkleider oder gar der Dekoration auszusetzen. Auf einer Beerdigung fragt keiner, wie man sein Outfit findet, geschweige denn interessiert es irgendwen, ob etwas dekoriert ist und ob die Deko zum Sarg oder zur Urne passt. Dem Toten ist vermutlich auch egal, wie er aussieht.

Ebenso wurde ich im Anschluss an eine Trauerzeremonie noch nie gefragt, ob es mich auch zu Tränen gerührt hätte, weil es ach so schön war. Ich wurde auch nie gefragt, ob ich zum Toten oder zu den Verbliebenen gehöre, um mich in der Kirche auf eine Seite zu setzen. Neid und Eifersucht sind auf Beerdigungen auch wesentlich seltener vorhanden und man wird nicht gefragt, ob man selbst auch vor hat zu sterben, wie man sich die Feier für einen selbst vorstellt und wann es so weit sein wird. Auch wünscht sich sonst für Gewöhnlich niemand, an der Stelle des Toten zu sein. Man muss nicht versuchen den Strauss aufzufangen und kann sich beim anschließenden Leichenschmaus den Bauch voll schlagen, ohne dass man blöd angeguckt wird, weil man ja schließlich die Trauer irgendwie verarbeiten muss. Man muss sich keine Sorgen machen, was der Gastgeber denkt, wenn man sich als erstes vom Fest verabschiedet und Trauer eignet sich als beste Ausrede, um einem langweiligen Gespräch zu entfliehen. Ebenso darf man ruhigen Gewissens schlechte Laune haben und muss sich kein Lächeln ins Gesicht tackern.

Ich war schon als Begleitung auf Hochzeiten eingeladen, bei denen ich noch nicht mal das Brautpaar kannte, geschweige denn die anderen Gäste. Auf Beerdigungen kannte ich bisweilen mindestens den Verstorbenen und brauchte nicht mal eine Einladung, um auftauchen zu dürfen. Auch kann man da alleine aufkreuzen, ohne als einziger Erwachsener sein Namenskärtchen am Kindertisch entdecken zu müssen und von den anderen Gästen mitleidig angeguckt zu werden. Bei einer Trauerfeier musste ich mich außerdem nie in einer Schlange einreihen, um einen Nachtisch zu ergattern, oder das Essen beim Gastgeber gar überschwänglich loben. Die Streiche zur darauf folgenden Nacht fallen weg und niemand erwartet, dass man beteuert, wie schön die Feier war. Man muss dafür nicht mal hupend in einer Kolonne geschmückter Autos zum Ort des Geschehens fahren und in manchen Fällen begrenzt sich die Feier auf den Abschied des Junggesellen, ohne dass es erst der Anfang war.

Ich hab bisher auch nie erlebt, dass ein Toter oder die Verbliebenen während der Feier entführt wurden und von anderen gesucht werden mussten. Die Witwe sah ich auch noch nie ihr Strumpfband versteigern, sofern sie eins trug. Ebenso wenig musste ich mich bei einer Beerdigung in ein Gästebuch eintragen und mir entsprechend einen kreativen und passenden Spruch einfallen lassen, den man noch nach Jahren toll finden kann. Geschenke beschränken sich für Gewöhnlich auch auf Blumen oder ein Din-A6-Format. Niemand rennt gestresst rum, damit der Tag auch wirklich zum schönsten des Lebens wird. Man muss sich nicht ständig in Pose begeben, weil man fotografiert oder gefilmt wird und niemand fordert einen dazu auf, bei irgendwelchen Spielen mitzumachen oder zu tanzen. Die Musik ist im Normalfall eher dezent und für jeden Geschmack passend zum Anlass, ohne dass ein drittklassiger DJ engagiert werden musste. Der Gastgeber muss sich keine Gedanken machen, ob allen das Fest gefällt und ich glaube auch nicht, dass sich der Tote fragt, ob er aus der Sache noch mal lebendig raus kommt.

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Universelle Problematik

„Ich weiß bald nicht mehr, was ich noch alles machen soll.“ Frustriert und etwas hoffnungslos studiert sie den Inhalt ihres Trinkbechers.
Wie jeden Sonntag treffen sich die beiden Schwestern, um den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Normalerweise genießen sie diese gemeinsame Zeit und unterhalten sich sehr ausgiebig über dies und das und das gesamte Universum. Nur dieses Mal scheint die Venus, die zu Anfang des Treffens ungewöhnlich gut gelaunt war, zunehmend abwesender und abweisender zu sein. Immer wieder kontrolliert ihre jüngere Schwester die aktuelle Zeit und mustert ihre Umgebung, wischt wie zufällig den Staubfilm ab, der sich sofort wieder neu bildet.

Die Erde denkt sich nicht viel dabei und ignoriert das merkwürdige Verhalten, schiebt es auf die Hormone die durch ihren Freund Merkur immer wieder durcheinander gebracht werden. „Nun hab ich schon so viel versucht, um diese Parasiten loszuwerden“, setzt sie wieder an. „Und doch scheinen sie sich eher zu vermehren, als zu verschwinden.“ Genervt verdreht die strahlende Kugel ihre Augen und entgegnet mit geheuchelter Aufmerksamkeit: „Hast du das Thema nicht langsam satt? Immer wieder sprechen wir darüber. Anscheinend gibt es keine Lösung für dein Problem!“ Leicht erbost sieht sie das erste Mal an diesem Abend von ihrem Getränk auf und entgegnet bissig, dass es bisher noch immer für jedes Problem eine Lösung gab, man nur manchmal etwas länger darüber nachdenken müsse. Ihr Blick schweift dabei an ihrer heute Abend außergewöhnlich strahlenden Schwester vorbei und trifft auf den Mond. Er scheint ihr schon wieder gefolgt zu sein. Unsicher, ob sie sich von seiner Umschwärmerei geschmeichelt oder belästigt fühlen soll, macht sie die Jüngere auf ihn aufmerksam. Diese blickt hinter sich und muss nun doch schmunzeln. Auch er wurde beinahe jedes Mal Thema, wenn sie sich trafen, doch versteht und toleriert sie dies, da er der bisher Einzige war, der ernsthaftes Interesse an der Erde bekundete. Er hält sich immer auf Abstand und beeinflusst sie dennoch.

Verlegen richtet die Erde ihren Blick wieder auf den Becher, als würde sie darin die Antworten lesen können, nach denen sie schon so lange sucht. Da wittert die nun wieder aufgeregte Venus ihre Chance und ergreift nun selbst das Wort. Sie erzählt wie so oft völlig verliebt von ihrem Merkur. Sie habe eine Sternschnuppe von ihm geschenkt bekommen. Die erfahrenere Erde verstand noch nie, was ihre attraktive Schwester an ihm findet, zumal er auch sehr viel kleiner als sie ist. In ihren Augen ist er nichts weiter als ein Macho, der es nur zum Erfolg gebracht hat, indem er sich bei der Chefin Sonne eingeschleimt hat. So nahe wie er, kommt der Quotenfrau sonst keiner, die zugegebenermaßen schon sehr heiß ist, aber sonst nicht viel kann, außer einflussreich zu sein. Die Unterstellung mit der Affäre verkneift sie sich. „Wenn man vom Teufel spricht!“, bemerkt sie knirschend, als Merkur direkt auf die beiden zusteuert, seinen Kumpel Mars im Schlepptau, der von allen MilkyWay genannt wird. Woher der Spitzname kommt, kann sie sich nicht erklären, aber vielleicht hat es mit der Schlägertruppe zu tun, bei der er sich immer wieder aufhält.

Da ihre Schwester nun nur noch Augen für ihren Freund hat, lehnt sie sich etwas eifersüchtig und schmollend zurück und hält das Gespräch für beendet. Als kurz darauf auch noch unerwartet der Gasriese Jupiter aufkreuzt, scheint es spannend zu werden. Mars, der sogleich anfängt rot aufzuleuchten und Jupiter können sich seit einigen Jahrhunderten nicht leiden. Was vorgefallen ist weiß keiner so recht, jedoch steht nun ein ganzer Asteroidengürtel zwischen ihnen. Jupiter ist der einflussreichste und zugleich auch Reichste unter den Planeten. Viele stehen in seiner Abhängigkeit, indirekt auch sie selbst. Er hält sich eigens für den Größten, schmückt sich mit Goldkettchen und brüstet sich mit gespielt italienischem Akzent. Den Spitznamen Königsstern hat er sich selbst verpasst, wird jedoch stets gehorsam von seinen dreiundsechzig Groupies so angesprochen.

Wo Jupiter ist, kann auch sein ebenso einflussreicher bester Freund Saturn nicht weit sein, der überschwänglich zu Venus stürmt und sie herzlich begrüßt. Der Frauenheld hat es mit der Monogamie noch nie so ernst genommen und trägt jederzeit offen seine vielen Ringe vor sich her. Das bringt die Erde auf die Idee, die beiden um Hilfe in eigener Angelegenheit zu bitten. Obwohl sie weiß, dass sie nicht sehr beliebt bei den beiden Riesen ist, trägt sie ihr Anliegen vor. Sie erzählt unverfroren von ihren Parasiten, die sie schon seit Jahrtausenden nicht los bekommt und schildert detailliert, wie sie sich selbst grundlos so sehr aufregen kann, dass ihr Innerstes rotglühend heraussprudelt, ihr Wasserhaushalt anfängt überzukochen und sich in Form von Flutwellen ausbreitet, oder sie anfängt zu beben und sich damit ihre Oberfläche selbst aufreißt, einzig damit ihr Leiden mit den Parasiten endlich ein Ende hat, intervenieren die beiden nun doch etwas schockierten und leicht angewiderten Zuhörer. Sie wollen wissen, was für sie dabei raus springt, wenn sie ihre Hilfe anbieten würden.

Während sie nach einer passenden Antwort sucht, beobachtet sie skeptisch, wie sich ihre Schwester angeregt mit Uranus unterhält, der immer so blassgrün um die Nase ist und sich sonst eher schüchtern zurück zieht, seit er in der Schulzeit wegen seines Namens gemobbt wurde.
„Wenn ich frei von Parasiten wäre, würdet ihr alle davon profitieren.“, wendet sie sich den beiden zu. „Erstens wäre die Gefahr gebannt, dass sie auf euch überspringen könnten und bei euch genauso viel Unheil anrichten wie bei mir…“ Die beiden bekommen große angsterfüllte Augen. „…und zweitens würde die Fotografiererei im Weltall endlich ein Ende haben und ihr könnt euch endlich wieder ungeniert von eurer besten Seite zeigen, ohne euch beobachtet zu fühlen.“ Stolz lächelt sie, ob ihrer tollen Argumente. Nach einem beratenden Blickaustausch sind sich die beiden einig, ihr mehrere helfende Vorschläge zu unterbreiten. Sie solle sich der Sonne nähern, die mit ihrem Einfluss die Parasiten wegbrennen könnte. Dies hatte die Erde jedoch schon mehrfach versucht. Dabei hat sie sich einen ordentlichen Sonnenbrand zugezogen und gestorben sind dabei nur wenige durch Waldbrände, Dürre und Hitzewelle. Dafür hätte sich der Schmerz nicht gelohnt.

Ihr Blick driftet immer wieder zu dem ungewöhnlichen Treiben ab. Verwundert stellt sie fest, dass nun auch der exzentrische Neptun unter den Gästen kreist, auf den die Erde schon immer ein Auge geworfen hatte, weil er so schön blau und viermal so groß wie sie ist. Zudem hält er als Einziger konstanten Kontakt zum kleinen Pluto, der sich ausgeschlossen fühlt, weil er nicht mehr zu den Planeten gehören darf. Leider wohnt Neptun zu weit weg und hat schon eine eigene Familie mit dreizehn Kindern, die er zum Glück aller nicht immer mit sich schleppt.

Ihre Tagträumerei wird durch einen weiteren Vorschlag der beiden Gasriesen unterbrochen. „Wir könnten dir so nahe kommen, dass sie einfach alle vergasen und somit ersticken?!“ Augenrollend wendet sie sich nun doch lieber ab, den Blick weiterhin auf das merkwürdige Getümmel gerichtet. „Danke Jungs, das hab ich schon vor ein paar Jahren durch mit so einer blöden Geschichte, die mich seither verfolgt.“ Sie hätte es eigentlich wissen müssen, dass aus den beiden Hohlkörpern nur unbrauchbare Vorschläge kommen. Gefrustet und etwas bang geht sie kleinlaut auf ihre Schwester zu: „Sag mal kann es sein, dass du heute Geburtstag hast und ich es einfach vergessen hab?“ „Macht doch nichts, du warst irgendwie schon immer mehr mit dir selbst beschäftigt. Vielleicht denkst du ja nächstes Mal dran, wenn es deine Parasiten geschafft haben, sich selbst auszulöschen.“, lächelt die Venus milde mit einem Hauch von Enttäuschung im Gesicht.

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Bruchstücke

Der Schädel brummt, die Schläfen pochen im Rhythmus den der Puls vorgibt. Der silberne Glanz der Haare deutet vermeintliche Weisheit an. Im Gesicht sitzt das Alter tief in den Furchen fest und lässt sich kaum leugnen. Die Ohren oft lang gezogen und die Augen geöffnet bekommen.

Die Sommersprossen erzählen ein Märchen vom vergangenen Urlaub, der hart erarbeitet wurde. Von den Lügen des Alltags die Nase zu lang und die Beine zu kurz. So oft auf die Lippen gebissen, während der Kloß im Hals hängt.

Die Wangen gerötet, die Lider zu schwer um klar sehen zu können. Der Wimpernschlag trifft ins längst gebrochene Herz und reißt ein Loch in den Magen. Auf den Fuß getreten und auf Anhieb die Achillessehne erwischt.

Auf Knien daher gerutscht, um eine Ohrfeige zu kassieren. Arme die viel ertragen und den Karren immer wieder aus dem Dreck ziehen mussten. Mund weit aufgerissen, nichts dahinter, nur Gold was glänzt.

Der Schalk sitzt schwer im Nacken und schnürt langsam die Kehle zu. Schwere Last auf den Schultern zu tragen, die ursprünglich zum Anlehnen gemacht waren. Tränen Bahnen sich darüber ihren Weg bis zur glühenden Brust, auf der sie verdampfen.

Nasenflügel die sich vibrierend für den Ausbruch bereithalten. Des Verstandes beraubt, bäumt sich die Augenbraue auf und tritt in den Kampf gegen zitternde Hände an. Es brennt unter den Fingernägeln, die sich in das Fett bohren, welches du noch abbekommst.

Mit Händen und Füßen dagegen wehren, das schwere Kreuz zu tragen. Die Nase in fremde Angelegenheiten gesteckt, passt die Faust plötzlich aufs Auge. Kopf verdreht, Hals umgedreht, Rücken zugedreht.

Den kleinen Finger der gierigen Hand entrissen, Hände wieder selbst gewaschen. Mit ausgestrecktem Ellenbogen durchboxen während die Fenster zur Seele plötzlich zur Quelle werden. Die Zeit kann keine Wunden heilen, solange Fell und Blut kaum dicker als Wasser sind.

Wenn Lachen nicht mehr die beste Medizin ist, bleiben Narben zurück, welche die Geschichte immer wieder erzählen werden. Den Körper von Scham bedeckt und dadurch undurchschaubar. Dann löst sich alles in Einzelteile auf. Was übrig bleibt, ist der gläserne Mensch.

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murakami411

Laktosefreie Lebensleitlinien

1. Leben heißt nicht darüber nachzudenken
(frei nach Benjamin Lebert aus seinem Buch “Crazy” – Leben heißt soviel wie nie darüber nachdenken.)

2. Als Upgrade zu 1.: Nachdenken ist nicht hilfreich
(aus einem Film, himmelarsch, welcher war´s noch?)

2. Friends they come and friends they go – nothing really lasts forever!
(Musiktitel “Friends” von Stella Getz, Eurodance, 1993)

4. Sag niemals nie
(James Bond)

5. Dein Körper kann immer nur den stärksten Schmerz empfinden

6. Von einem aufgemalten Krapfen wird keiner satt
(Chinesische Weisheit)

7. Manche verwechseln den freien Geist mit einem frechen Mundwerk

8. Backe einen Apfelkuchen
(Adams Äpfel)

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nyx

Mein tapferes Schneiderlein

So nenne ich dich nach den vielen Jahren, die wir uns nun kennen. Du fühlst dich geschmeichelt, doch klingt es positiver als es gemeint ist. Du scheinst dich nicht mehr an das Märchen aus Kindertagen zu erinnern, sonst wäre dir klar, dass ich mit diesem Kosenamen nicht ausdrücken will, wie tapfer und arbeitsam du bist. Vielmehr könntest du der moderne Protagonist der Geschichte sein. Dass du, wie das Schneiderlein auch gerne Süßigkeiten magst, ist dabei die geringste Gemeinsamkeit.

Wie die Frau mit ihrem Pflaumenmus aus dem Märchen, lässt du die Menschen um dich herum hart arbeiten, ohne auf die Idee zu kommen, deine Hilfe anzubieten, selbst wenn du ihnen ohne großen Aufwand entgegen kommen könntest. Dein kritischer Blick ist stets schwerwiegender als dein Lob oder die Bezahlung für sämtliche Mühe. Dabei bist du dir dessen nicht mal bewusst und tust gönnerhaft, als wäre es der Traum eines jeden, dir dienen zu dürfen. Unsensibel wie du bist, reagierst du nicht mal auf offensichtlich ausgelebten Ärger, der sich gegen dich richtet, so sehr bist du mit dir selbst beschäftigt. Das Positive dabei ist, dass du andere Menschen dazu aufforderst, ihre Position zu überdenken und sie anspornst, für ihren Erfolg zu kämpfen.

Allerdings hast du keinerlei Skrupel, unerwünschte Konkurrenz abzuhängen oder überflüssige Mitarbeiter raus zu werfen, haust mit der Kündigungsklatsche einmal ordentlich obendrauf, sodass du am besten alle auf einen Streich erwischst, um dir nur einmal Gedanken machen zu müssen. Mitgefühl heucheln steht dir nicht besonders gut. Fühlst dich dabei wie ein Held, der seine Macht ausleben kann, die bisher von allen verkannt wurde. Was für ein toller Hengst du bist, musst du natürlich entsprechend aller Welt zeigen und fängst dabei im gesamten Bürogebäude an, nur dass du im Gegensatz zum Schneiderlein auf den Gürtel verzichtest und es lieber durch persönliche Mundpropaganda kundtust.

Damit das Eigenlob nicht anfängt zu stinken, steckst du dir auf dem Weg die Lorbeeren anderer Mitarbeiter in deine eigene Tasche und verkaufst deren Ideen als die deinigen. Sobald du selbst merkst, nichts Neues bieten zu können, siehst du dich auf anderen Schreibtischen um. Soll nicht heißen, dass du nicht ehrgeizig oder zielstrebig wärst, im Gegenteil. Sobald du Erfolg in Aussicht hast und ein Ziel anvisierst, nimmst du alle Hürden in kauf und opferst einige Tropfen Schweiß, um den beschwerlichen Weg dorthin zu bestreiten. Sollte dir dabei ein Riese begegnen, der sich für etwas Besseres hält als du es je sein kannst, greifst du in deine Trickkiste, gibst dich gewohnt cool und versuchst dir durch angebliche Heldentaten Respekt zu verschaffen. Durch dein zwar unscheinbares, doch sehr selbstsicheres Erscheinungsbild suggerierst du Macht, Erfolg und Können. Schließlich soll jeder sehen, wie weit du es schon gebracht hast. Dass du dabei gelegentlich schummelst und nicht jede deiner Angebereien gerechtfertigt ist, stört dich dabei nicht.

Du belächelst das Klagen deiner Angestellten, die nicht mal merken, dass sie deinen Job teilweise mit erledigen und tust dabei so, als hätte niemand außer dir jemals hart gearbeitet. Deine eigenen Schwächen tust du als Stärken hervor und gibst anderen die Schuld an deinem Versagen.
Durch so viel Erfolg und Einfluss wirst du Prestige halber entsprechend häufig zu den wahrhaft Großen und Reichen eingeladen, die dir jedoch lieber den Garaus machen würden, als sich ernsthaft mit dir zu beschäftigen. Aus Narzissmus bist du jedoch blind dafür und glaubst aufgrund deiner angeblichen Leistungen allseits beliebt zu sein.

Selbst wenn du spürst, dass dir jemand überlegen ist, lässt du dir dies nicht anmerken und gibst dich lieber als Verbündeten aus, um den Profit einzuheimsen, der vom anderen erzielt wurde. Diese Masche flog bisher nie auf, weil jeder glaubt, du hättest nicht grundlos so viel Macht über andere Menschen und deren Zukunft. Die wenigen, die deine Existenz in der Arbeitswelt hinterfragen, müssen entweder ihren Job fürchten, oder werden von dir herablassend als neidisch und faul bezeichnet. Sogar dein eigener Chef hat Angst vor dir und sieht lieber zu, wie andere seiner Mitarbeiter wegen dir drohen zu gehen, anstatt dich zu kündigen. Stattdessen bietet er dir, wie der König im Märchen, weitere Aufstiegschancen an, wenn du entsprechende Taten vollbringst. Dies spornt dich natürlich weiterhin zu Höchstleistungen an, da es eine neue Möglichkeit darstellt, wie du sämtliche Aufmerksamkeit auf dich ziehen kannst.

Hilfe die du angeboten bekommst, lehnst du kategorisch ab, da sie deiner Großartigkeit im Wege stehen könnte und du am liebsten allein vor dich hin arbeitest, damit niemand sieht, welchen Hinterlistigkeiten du dich bedienst. Wenn es sein muss, intrigierst du, manipulierst und spielst andere gegeneinander aus, um selbst gut dazustehen, würdest sie sogar im Schlaf überraschen, wie die zwei Riesen im Märchen. Vor den unmöglichsten Herausforderungen scheust du dich nicht und schlägst deine Gegner oder Konkurrenten dabei gewitzt mit ihren eigenen Waffen, auch wenn dies nicht immer fair ist.
Wenn es um erfolgreiche Abschlüsse geht, scharst du die Zuschauer gerne um dich und sonnst dich im Ruhm, der eigentlich keiner ist. Da dies niemand weiß, schmückst du die Erfolgsgeschichte gerne auch mal etwas bunter aus. Du brauchst die Bewunderung und beeindruckst andere durch deine Täuschung. Ich will nicht verschweigen, dass du auch immer wieder eigene gute Ideen hast und ein kreativer Kopf bist, der immer geschafft hat, was er sich vorgenommen hat. Jedoch neigst du häufig zu Übertreibung und Selbstüberschätzung und würdest am liebsten die Welt erobern. Ich gehe davon aus, dass du damit deine Selbstzweifel kompensierst.

Am Ende aller Anstrengungen steht natürlich, wie auch im Märchen, die Frau deiner Begierde. Doch auch sie siehst du nur als Preis oder persönliche Trophäe an, da es dir in allen Bereichen des Lebens nur um die Zurschaustellung deiner Selbst geht. Du siehst in ihr eher die Mutter deiner Kinder, als die Person, die du liebst, überhäufst sie jedoch mit großzügigen Geschenken, um dich unvergesslich oder unentbehrlich zu machen. Dass sie dich eigentlich gar nicht will und nie wollte, blendest du gekonnt aus und zwingst sie in dein leistungsorientiertes Leben, wie du es auch mit allen anderen machst. Dennoch kannst du nicht gut allein sein und fühlst dich sofort einsam. Du bist eifersüchtig und hast Angst vor selbstbewussten Frauen. Erst recht, wenn sie dir beruflich im Wege stehen.

Ich bin mir sicher, dass du dich niemals ändern wirst und für immer in deiner jetzigen Position ausharren wirst, dich vom Unglück anderer nährend. Ich für meinen Teil werde heute aussteigen, mein eigenes Glück suchen und nehme mir fest vor, deine kommenden Drohungen bezüglich meiner Zukunftsperspektiven zu ignorieren. Du hast mich gelehrt, nach den Sternen zu greifen und stets Führungspositionen anzustreben. Somit lieber Chef, wirst du bald auch vor mir Angst haben müssen und darfst dir nun eine neue Sekretärin suchen. Betrachte meine Worte als Kündigung. Fristlos, versteht sich.

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