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Geöffnete Türen (Teil III.)

Woran kann man sich festhalten, wenn nichts mehr bleibt?

Mit tropfnassen Haaren tapse ich barfuss über die Badfliesen bis hin zum Türrahmen. Ich atme tief durch und halte einen Moment inne, um zu horchen, ob ich ein Geräusch vernehmen kann und Mut zu sammeln, bevor ich mich in der Wohnung umsehe. Es ist mucksmäuschenstill, sodass ich meine Halsschlagader pumpen höre. Ich stehe angespannt im Flur, sehe nichts wovor ich Angst haben müsste. Dann durchfährt es mich. Jemand klopft an die Wohnungstür. Nachdem ich meine Schockstarre überwunden habe, verfluche ich die alten Türen, die keinen Spion haben, öffne einen kleinen Spalt und setze mit dem Fuß eine Sperre.

John, der Nachbar, lächelt mich milde an und deutet auf seine Werkzeugkiste. Ich bin dankbar, dass er diesmal die Wohnungstür, statt den Durchgang im Wohnzimmer gewählt hat. Er wolle nach den Stromleitungen sehen, die wohl einen Wackelkontakt haben müssen. Anders kann er sich meine Schilderung der flackernden Lichter nicht erklären. Nachdem ich ihn hereinbitte, fällt die Tür erst unter massivem Gegendruck ins Schloss. Ich überlege, ob es unverschämt wäre, ihn zu fragen, ob er sich auch die Türen der Wohnung ansehen könne, als er von sich aus kommentiert, dass sich die Türen gelegentlich verziehen und man sie dann etwas anheben müsse. Es sei eben ein altes Gemäuer. Dieses Argument hörte ich in den vergangen Tagen schon häufiger.

Während er herumwerkelt und den Sicherungskasten inspiziert, leiste ich ihm Gesellschaft. Weniger aus Sympathie denn aus Misstrauen. Er stellt viele Fragen und erzählt nur wenig von sich, antwortet einsilbig sobald ich mich interessiert zeige. Ich bin froh und erleichtert, als ich endlich höre, wie sich der Schlüssel im Türschloss dreht und Hannes nach Hause kommt. Nach einem flüchtigen Kuss auf meine Stirn, wendet er sich von mir ab und John zu. Die beiden verstehen sich gut und philosophieren über die veralteten technischen Anlagen des Gebäudes, sodass ich mich überflüssig fühle.

Ich räume die restlichen Umzugskartons aus und sortiere die Dinge, die selten Gebrauch finden. Zum wiederholten Male schüttle ich den Kopf über mich selbst, fühlt es sich erneut so an, als hätte sich die Wohnung ohne mein Zutun verändert. Ich bin mir unsicher, wie ich zur Abstellkammer gelange. Am logischsten erscheint mir die Tür direkt neben der Küchenzeile. Vollbepackt drücke ich mit dem Ellenbogen umständlich die Klinke nach unten und schiebe die Tür schwungvoll mit dem Fuß auf. Ebenso schwungvoll lasse ich dann auch alle Gegenstände fallen, die ich sorgfältig auf meine Arme getürmt hatte, als ich die dicke Frau im geblümten Nachthemd erblicke, welche die zwei Quadratmeter der Abstellkammer beinahe restlos ausfüllt und den Kopf in regelmäßigen Abständen gegen die Wand schlägt. Weder das Klirren der Vase, die zu Bruch ging, noch mein erschrockener Aufschrei, reißen sie aus dieser Art Trance. Wenige Sekunden später stehen Hannes und John neben mir, genauso wie ich selbst.

Während Hannes mich ins Wohnzimmer bugsiert und auf die Couch drückt, führt John die dicke Frau durch eine der Türen, vermutlich in ihre Räumlichkeiten zurück. Konsterniert höre ich ihn noch mit ruhiger, fast abgedämpfter Stimme auf sie einreden, derweil sie nur schweigend auf den Boden starrt. Sie jagt mir Angst ein. Auch Johns Stimme jagt mir Angst ein. Hannes steht mit hängenden Schultern vor mir. Ich höre zwar die Worte, die er zu mir spricht, kann sie aber nicht verstehen. Erst als die Frau unsere Wohnung verlassen hat, holen mich die unruhigen Tritte gegen die Bauchdecke wieder zurück. Das Licht flackert wiederholt kurz auf, was Hannes nicht zu beirren scheint. Er reicht mir, ohne jeglichen Blickkontakt, ein Glas Leitungswasser und legt mir eine Wolldecke über die Beine. Ich solle mich ausruhen. Er verlässt den Raum und ich fühle mich alleingelassen und schuldig, als wäre ich verantwortlich für die vielen seltsamen Vorkommnisse.

Die Hiebe unter dem Herz lassen nach, und doch fühle ich mich noch immer aufgewühlt. Keine Spur von Ruhe. Ich stehe auf, sehne mich nach der Geborgenheit, die ich sonst von meinem Mann gewohnt war. Auf meiner Suche bleibe ich ratlos mitten im Flur stehen. Alle Türen um mich herum sind weit geöffnet. Mein Versuch, die Wohnungstür zu schließen, scheitert mangels nötiger Kraft und selbst Johns Tipp des Anhebens, zeigt keinerlei Wirkung. Ich stelle einen schweren Holzstuhl vor eine der angrenzenden Durchgangstüren. Für einen Moment bleibt die Tür durch das Gewicht geschlossen, dann schiebt sie wie von Geisterhand den Stuhl beiseite und sich selbst auf. Verzweifelt rufe ich nach Hannes. Keine Reaktion. Allgemein ist kein Geräusch zu vernehmen. Als ich ins Treppenhaus blicke, sehe ich auch dort alle Türen offen stehen. Ich bekomme immer schwerer Luft und mein Puls beginnt zu beschleunigen. Als dürfe ich die Stille nicht durchbrechen, versuche ich automatisch möglichst lautlos durch die Wohnung zu schleichen. Wieder flackert das Licht, doch diesmal anhaltend. Auch das Baby meldet sich erneut unruhig und versetzt mir ein paar schmerzhafte Tritte, die mich teils nach Luft schnappen lassen.

Schon im Türrahmen des Badezimmers stehend, sehe ich, dass jemand in der Wanne liegt, kann jedoch die Person nicht erkennen und frage nach. Erst als ich mich selbst höre, bemerke ich das Zittern meiner Stimme. Das Licht flackert weiterhin, wie in den gruseligen Szenen eines Horrorfilmes. Ich fühle mich, als wäre ich die Hauptdarstellerin und muss beinahe über diesen absurden Gedanken schmunzeln.
Als ich einen Schritt näher trete, spüre ich die nassen Fliesen unter meinen Fußsohlen und muss mich konzentrieren, nicht auszurutschen. Nach einem weiteren unsicheren Schritt, kann ich Hannes erkennen. Er ist unter Wasser und hat entspannt die Augen geschlossen. Erleichtert setze ich mich an den Wannenrand, warte bis er wieder auftaucht. Als er dies auch nach mehreren Sekunden, die mir nun wie eine Ewigkeit vorkommen, nicht tut, streife ich meinen Ärmel zurück und greife in das lauwarme Nass. Er reißt die Augen weit auf und starrt mich durch das Wasser hindurch an. Ich scheine ihn mit meiner Berührung erschreckt zu haben und weiß nicht, ob ich froh, oder schockiert sein soll. Er taucht weiterhin nicht auf. Stattdessen bemerke ich erst jetzt, dass er atmet. Unter Wasser. Ohne Luftbläschen zu bilden. Jetzt spricht er sogar zu mir. Mit dumpfem Klang. Ich verstehe ihn nicht. Verstehe gar nichts.

Während ich ihn einfach nur anstarre, sehe ich, wie das Leben aus ihm weicht und er immer blasser wird, langsamer atmet und er mit nachlassendem Muskeltonus auf den Grund der Badewanne sinkt. Ich will ihn rausziehen. Er ist zu schwer. Ich zerre an ihm und schreie ihn unbeherrscht an, er solle sofort aufwachen, aufstehen und endlich wieder der Mann sein, den ich geheiratet habe. Alles um mich herum wirkt so unwirklich. Ich kann die Tränen nicht halten, die nur so aus mir heraussprudeln. Ich ziehe den Badewannenstöpsel, rüttle und schlage seinen leblosen Körper. Dann sinke ich kraftlos auf den Boden.

Aus den benachbarten Wohnungen tönen Geräusche. Ich höre Gemurmel und das Knarren der Dielen. Gleichmäßige, aber langsame Schritte mehrerer Personen nähern sich. Das Licht flackert nach wie vor. Panik steigt in mir auf. Ich schnappe meine gepackte Tasche und laufe so schnell ich kann aus der Wohnung. Im Treppenhaus sehe ich, wie sie aus ihren Wohnungen kommen und mir mechanisch hinterher blicken, ohne sich großartig zu bewegen. Auch Thomas, der frühere Kumpel meines Mannes, sieht mich mit leeren Augen an, als ich ihm einen flehenden Blick zuwerfe. Ich stürme die Treppen hinab nach draußen.

Die Stadt scheint von alldem nichts mitbekommen zu haben. Es ist dunkel, ruhig und der Wind weht ein laues Lüftchen. Ich fange lauthals an zu schreien und ersticke fast an meinen Tränen. Nach einigen Sekunden ringe ich nach Luft und versuche mich wieder zu fassen, blicke mich nochmals um und sehe durch die Verglasung der Eingangstür, wie sie mich alle anstarren, sich aber nicht bewegen. Ich komme mir vor wie ein gehetzter Mörder und renne die Strasse hinab zur Straßenbahnhaltestelle. Dort heule ich eine halbe Ewigkeit, ohne mich rühren zu können.

Es ist inzwischen zwei Uhr morgens. Was mache ich nun? Die nächste Bahn fährt erst in 40 Minuten. Und ich weiß nicht einmal wohin ich fahren sollte. Der einzige, den ich in dieser verfluchten Stadt kenne, ist der Makler. Der Makler! Vielleicht kann er mir helfen. Weiß er von all dem? Kann er mir erklären, was in dem Schloss vor sich geht? Oder gehört er gar auch zu diesen Wahnsinnigen? Wild entschlossen greife ich zum Handy, überlege einen Moment, ob ich nicht doch lieber die Polizei anrufen soll, weiß aber nicht, was ich denen sagen sollte und wähle kurzerhand die Nummer des Maklers. Nach dem vierten Klingeln des siebten Anrufversuches geht er endlich ran.

Seine Stimme klingt wütend und schlaftrunken zugleich. Noch immer aufgelöst, erzähle ich ihm in groben Zügen, was passiert ist und fange erneut an zu weinen. Er versucht mich zu beruhigen und meint, er hole mich in zehn Minuten ab, ich solle mich nicht vom Fleck bewegen, in das vorderste Fach meiner Tasche sehen und mich wieder sammeln. Es sei alles in Ordnung. Das irritiert mich. Er legt auf und lässt mich wie ein Häufchen Elend zurück. Ich öffne hastig den Reißverschluss, greife hinein und ertaste gewölbtes Plastik. Ich nehme es heraus und sehe, dass schon drei der Tabletten fehlen. In meinem Bauch strampelt es, die Straßenlaternen flackern.

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Geöffnete Türen (Teil II.)

Was macht die Angst aus einem, wenn man nicht ernst genommen wird?

Hannes, der gerade noch beschützend vor mir stand und vorsichtig den Kopf aus dem Türrahmen streckte, geht nun einen Schritt zur Seite. Damit ich mich selbst davon überzeugen kann, dass uns keine schlimmen Monster auflauern, wie er es belächelnd nennt. Ich ärgere mich darüber, nicht ernst genommen zu werden und versuche eine furchtlose Haltung einzunehmen. Merkwürdiger Weise wirkt das Treppenhaus nun tatsächlich wenig angsteinflößend und plötzlich sehr lebhaft. Spielsachen und Schuhe in diversen Größen stehen vor den Wohnungen, zwei der Türen sind angelehnt und Essensgerüche dringen in meine Nase, die mir erneut bewusst machen, dass die Zeit unbemerkt viel zu schnell an mir vorüber zieht. Ich bin etwas erleichtert.

Mit Nachdruck und leichter Anwendung von Gewalt, schließt Hannes die Wohnungstür, die noch gestern so federleicht ins Schloss fiel. In der Küche sitzen wir uns schweigend gegenüber. Ich denke noch immer beunruhigt über die Geschehnisse nach, während er mich belustigt ansieht, als sei er in einen Bubenstreich eingeweiht, dem ich naiv erliege. Ich hasse das! Ich bin verärgert und verängstigt zugleich. Als ich ihn vorwurfsvoll darauf anspreche und die offen stehenden Wohnungen erwähne, zeigt er eine seltsame Reaktion. Auch von den Verbindungstüren, die sich merkwürdiger Weise erst nach unserem Umzug auftaten, will er nichts hören. Für einen kurzen, kaum merklichen Moment versteinert sich seine Miene, bevor er wieder das unbesorgte Gesicht aufsetzt. Doch ich kenne ihn zu gut, jedes Detail seines schönen Gesichtes kenne ich auswendig. Er entgegnet jedoch nur, dass das Gebäude eben alt sei, ich mir nicht so viele Gedanken machen soll und es unserem ungeborenen Sohn auch gut tun würde, wenn ich alles etwas entspannter sehen könnte. Kann ich aber nicht. Und schon ertönt das nächste Geräusch.

Diesmal ein Klopfen. Definitiv aus dem Wohnzimmer. Kurz darauf folgt eine Stimme. Eine freundliche Männerstimme. Der Fremde fragt höflich, ob er eintreten darf. Mit großen Augen starre ich meinen Mann an, der wiederum gelassen aufsteht und furchtlos der Stimme entgegen geht. Ich greife mir unterdessen zielstrebig ein großes Messer aus dem Holzblock und gehe auf leisen Sohlen zaghaft hinterher. Herzrasen. Als ich auf halber Strecke lautes Gelächter und munteres Geplauder vernehme, verstecke ich das Messer vorerst hinter meinem Rücken und linse misstrauisch um die Ecke.

Ein dunkelhäutiger Mann, ca. 60 Jahre alt, mit kurzem graumeliertem Haar in beigefarbenem Pullover und brauner Hose steht neben unserem Bücherregal, die Tür hinter ihm weit geöffnet. Als er mich entdeckt, grüßt er freundlich lächelnd und fordert mich mit offen entgegengestecktem Arm auf, ihm die Hand zu geben. Ich zögere, trete dann aber doch näher und greife hinter meinem Rücken umständlich mit der linken Hand den Griff des Messers, um die Rechte für die Höflichkeitsformel frei zu haben. Er stellt sich als unseren Nachbarn vor und bittet uns um ein wenig Salz, da seines gerade ausgegangen sei. Hannes, neben den ich mich schutzsuchend wie ein kleines Kind gestellt habe, nickt, versucht mir unauffällig das Messer abzunehmen und spurtet in Richtung Küche.

Ich bin überfordert mit der Situation und starre den Mann an, ohne ein Wort zu sagen. Er lässt den Blick durch den Raum schweifen und versucht sich darin, Komplimente bezüglich der Einrichtung zu machen. Sichtlich froh über die rasche Rückkehr von Hannes und dankbar für das Salz, lädt er uns zu sich in die Wohnung und zu seiner Suppe ein. Noch bevor ich etwas sagen kann, nimmt Hannes die Einladung an, greift meine Hand und zieht mich hinter sich und dem Mann in die fremde Wohnung. Die Tür hinter mir bleibt angelehnt.

Seitlich des Flurs gehen einige Räume ab, geradeaus gelangen wir direkt in das große Wohn- und Esszimmer, das mit vielen Holzmöbeln gemütlich eingerichtet ist. Auf dem Boden sitzt ein kleiner dunkelhäutiger Junge in Jeanslatzhose und weinrotem T-Shirt darunter. Vermutlich das Enkelkind. Er spielt mit Bauklötzen und grüßt uns wohlerzogen, blickt jedoch nur flüchtig und wenig interessiert von den bunten Hölzern auf. Obwohl er nichts weiter macht, nimmt mir der Junge die Unsicherheiten und gibt mir innerlich sogleich ein wenig mehr Ruhe.

Der Mann der sich als John vorstellte, entschuldigt sich in die Küche und bittet uns, schon mal Platz zu nehmen. Als er laut „Jamal, Tahira, Essen!“ ruft, hallt aus einem der zahlreichen Zimmer eine Frauenstimme, die angibt, sofort zu kommen. Ich zucke zusammen, da auch ihre Stimme so abgedämpft klingt, wie zuvor schon die von Hannes. Erneut flackert das Licht kurzzeitig, bevor schließlich ein Mann in etwa unserem Alter schlurfend den Raum betritt. Er grüßt uns unbeeindruckt, wuschelt dem spielenden Jungen durch das lockige Haar und nimmt schweigend mir gegenüber Platz. Das muss Jamal sein, vermutlich der Vater des Jungen. Er ist mir irgendwie unheimlich. Hannes verwickelt ihn in ein oberflächliches Gespräch und ich versuche ihn möglichst unauffällig zu beobachten. Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus. Die gesamte Situation ist mir absolut unangenehm. Und schon kommt Tahira fröhlich um die Ecke, streicht dem Jungen ebenfalls über den Kopf und setzt sich zu uns, als John mit den schon befüllten Tellern herantritt. Er muss mehrmals gehen, bis endlich alle von der Suppe vor sich stehen haben und gemeinsam schweigend anfangen zu essen. Nur der Junge spielt weiterhin auf dem Boden, während alle anderen ihren Blick stur auf die Gemüsesuppe richten.

Als sein Teller leer ist, bekundet Hannes höflich, wie gut es geschmeckt hat. Ein einvernehmliches Nicken lockert die vorherrschende Stimmung etwas auf. Nach etwas erzwungenem Smalltalk verschwinden Jamal und Tahira, um den Jungen ins Bett zu bringen. Da ich weiterhin auf der Suche nach Antworten bin, nutze ich Johns Redseligkeit und spreche ihn auf die Verbindungstüren zu den anliegenden Wohnungen an. Den sanften und doch mahnenden Hieb durch Hannes ignoriere ich. John fängt an, eine schillernde Geschichte über eine adlige Großfamilie zu erzählen, die über Generationen auf dem großen Anwesen lebte. Sie hätten viele Hausangestellte gehabt, die Gemeinschaftsbäder, Küchen und je ein Schlafzimmer bereit gestellt bekamen. Sie lebten in einer großen Gemeinschaft, weswegen beinahe jedes Zimmer miteinander verbunden war. Abgesehen von den Wohnungstüren gab es keine Schlüssel zu den einzelnen Türen und die folgenden und aktuellen Bewohner legten auch keinen Wert darauf, sagt John.

Seine Erzählung klingt einleuchtend und dennoch habe ich das Gefühl, angelogen zu werden. Auf meine Frage hin, was mit dem Strom sei, weil ich nun schon mehrmals ein Flackern der Lichter beobachten konnte, redet er sich raus. Er wisse nicht was ich meine, würde sich gut mit Kabeln auskennen, aber dies sei ihm noch nie aufgefallen. Irgendwas stimmt hier nicht, jedoch kann ich noch nicht sagen was es ist. Ich bleibe misstrauisch.

Gerade als wir uns in Johns freundlicher Begleitung zurück in unsere Wohnung begeben wollen, schneidet uns auf dem Flur ein schlaksiger Mann den Weg ab. Er kommt mir bekannt vor und als er flüchtig durch die viel zu großen Brillengläser aufsieht, bleibt er ruckartig stehen, lässt den Blick von mir zu Hannes schweifen, woraufhin er ihn freudig anstrahlt und sie sich überschwänglich begrüßen. Nach kurzer Überlegung, erkenne ich ihn nun auch. Thomas, ein ehemals guter Kumpel von Hannes. Als er vor Jahren weg zog, brach der Kontakt zwischen den beiden ab. Ich mochte ihn nie sonderlich, was vermutlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Der Inbegriff des Klischees eines Nerds, mit ungekämmtem Haar, Pullunder und Kordhose, erzählt uns, er wohne hier schon länger. Seine Einladung, uns seine Wohnung zu zeigen, kann Hannes nicht ausschlagen. John wünscht uns an dieser Stelle noch einen schönen Abend und meint, er würde uns bei Gelegenheit besuchen kommen. Ob ich das gut finden soll, weiß ich noch nicht. Und erneut trotte ich Hannes widerwillig hinterher, mit abermals unruhigen Tritten gegen die Bauchdecke.

Wie ich sie mir vorgestellt hatte, ist die Wohnung sparsam eingerichtet. Computer, Musikanlage, viele Bücher, ein ordentlich gemachtes Bett, auch sonst alles akkurat an seinem Platz. Auch hier sind sämtliche Türen angelehnt, die vermutlich ebenso eine Verbindung zu den anderen Wohnungen darstellen. Aufmerksam wie er ist, bemerk Thomas meinen skeptischen Blick und erklärt sogleich, dass sich in der Gemeinschaft alle sehr gut miteinander verstehen und die Intimsphäre der anderen besser wahren würden, als in anderen Häusern, in denen die Türen verschlossen oder gar nicht vorhanden seien. Ich hatte bisher einen anderen Eindruck, aber wage es nicht ihm zu widersprechen.

Nach dem Rundgang begleitet er uns zurück in unsere Wohnung. Das Schloss kommt mir vor wie ein Labyrinth und ist mir nach wie vor unheimlich. Wären die Tapeten nicht in jeder Wohnung andersfarbig, würde ich die Orientierung völlig verlieren.
Während ich mich genervt ins Schlafzimmer zurück ziehe, unterhalten sich die beiden im Wohnzimmer angeregt über alte Zeiten. Ich packe eine Tasche mit Kleidung zusammen, die ich in zwei Tagen für den Besuch bei den Eltern mitnehmen möchte. Dort habe ich einige Dinge zu erledigen, die wir vor dem Umzug nicht mehr geschafft haben. Meine Sehnsucht nach einer Dusche oder einem entspannenden Bad in trauter Zweisamkeit ist groß. Deswegen verabschiede ich mich für heute freundlich von Thomas und hege die stille Hoffnung, er würde mit einem höflichen Rückzug in seine eigenen Räumlichkeiten reagieren. Da er keine Anstalten macht, bewege ich mich allein in Richtung Badezimmer.

Unsere eigene Wohnung erscheint mir erneut völlig fremd. Um bei den vielen verwirrenden Türen sicher zu gehen, auch tatsächlich unser Bad zu erwischen, klopfe ich vorsichtshalber an. Womit ich dennoch nicht gerechnet habe, ist die Frauenstimme, die mir mit dumpfem Klang durch die geschlossene Tür entgegen singt, dass sie noch eine Weile brauchen wird. Meine Stimme bebt, als ich frage, warum sie in unserem Bad ist, was sie da macht. Unbekümmert flötend und dennoch weiterhin dumpf, als wäre sie hinter einer dicken Wand oder unter Wasser, entgegnet sie mir nur, ich solle eine Tür weiter gehen. Das Licht flackert, mein Bauch hämmert.

Ich verspüre den starken Drang mich zu übergeben, oder wenigstens eine Zigarette zu rauchen, obwohl ich das Rauchen schon vor Beginn der Schwangerschaft aufgegeben hatte. Stattdessen gehe ich zurück ins Schlafzimmer, setze mich auf den Rand des Bettes und starre in den Kleiderschrank. Wenigstens dort habe ich heute Nacht keine Monster zu befürchten. Mir ist kalt und schwindlig, ich fühle mich schutzlos und kann mich damit an niemanden wenden, ohne das Gefühl zu haben, ausgelacht zu werden. Also rolle ich mich ungewaschen und komplett angezogen in die Decke ein und presse meine Augen fest zusammen, sodass ich auch das Licht nicht mehr wahrnehme, welches ich angelassen habe. Meine Tränen sickern unaufhaltsam in das Kissen.

Als sich die Matratze bewegt und ich plötzlich eine Hand auf meinem Oberarm spüre, schrecke ich auf, schlage reflexartig mit beiden Armen in die Luft und versuche mich zu orientieren. Ich muss eingeschlafen sein, habe erneut keinerlei Zeitempfinden und Hannes sieht mich fragend an. Der Blick auf den Wecker zeigt mir zwanzig nach sieben in der Früh. Mit einem flüchtigen Kuss auf die Stirn, wendet sich Hannes von mir ab und will aus dem Zimmer gehen. Ob er nicht geschlafen hat und wohin er nun will, möchte ich noch immer benommen von ihm wissen. „Du hast wohl gar nichts mitbekommen, so tief wie du geschlafen hast. Ich gehe nun arbeiten und wünsche dir einen angenehmen Tag. Gegen sechs bin ich zurück.“, antwortet er kühl. Bevor ich etwas entgegnen kann, verlässt er den Raum und kurz darauf, mit einem festen Schlag der Tür, auch die Wohnung. Ich bin verwirrt und nun auf mich allein gestellt. Am liebsten würde ich mich wieder unter der Decke verkriechen, bis er zurück ist.

Stattdessen gehe ich, mit frischer Kleidung im Gepäck, wagemutig in Richtung Badezimmer, atme auf dem Weg dorthin mehrmals tief durch. Ich bin erleichtert, dass die Tür weit auf steht und ich niemand Unerwartetes vorfinde. Der lange Blick in den Spiegel ändert nichts daran, dass ich mich kaum wieder erkenne. Fahl, angespannt und gealtert sehe ich aus. Dazu mit einer immer größer werdenden Kugel, die sich nach vorn schiebt und immer wieder mal einen Tritt abgibt. Ich stelle das Radio an und versuche unter der heißen Dusche alles von mir zu waschen, alle Gedanken an die seltsamen Vorfälle will ich loswerden. Eine halbe Ewigkeit lasse ich bewegungslos das warme Wasser an mir abperlen, gehe dabei gedanklich eine Liste der Dinge durch, die ich heute noch erledigen möchte und mich insgesamt ablenken sollen.

Plötzlich kommt einen Lidschlag lang kein einziger Tropfen mehr aus der Brause, als wäre die Wasserleitung gekappt worden. Als hätte ich es mir nur eingebildet, prasselt es sofort wieder auf mich nieder. Ich versuche dies erneut auf meine Hormone zu schieben, da passiert es noch mal. Kein Tropfen Wasser für eine halbe Sekunde, danach wieder prasselnd, als wäre nichts gewesen. Über mir flackert das Licht kurz auf. Eine Weile lang stehe ich da und beobachte nur den Wasserstrahl. Ich erkläre mir anhand Hannes’ Aussage, es sei eben ein altes Gemäuer. Und in alten Gebäuden sind auch die Rohre oftmals nicht die Neuesten. Dazu kommt, dass ich schreckhaft bin. Das wird es sein.

Ich drehe das Wasser aus und schnappe mir ein Handtuch. Als ich mit wackeligen Beinen aus der Dusche trete, stockt mir der Atem. Die Badezimmertür steht offen, obwohl ich mir sicher bin, sie geschlossen zu haben. Ich drehe mich angespannt um, überprüfe mit einem flüchtigen Blick den Raum, ob sich irgendwas verändert hat. Das Radio ist plötzlich stumm, wie der Rest des Schlosses auch. Ich erschrecke schon beinahe vor dem Pochen meines eigenen Herzschlags und haue die Tür mit voller Wucht erneut zu. Nervös ziehe ich mir schnell die Kleidung über. Das kann nicht sein! Als ich wenige Sekunden später aufblicke, steht die Tür wiederholt offen.

-Fortsetzung folgt-

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Geöffnete Türen (Teil I)

Wie viel kann man ertragen, wenn man nichts erwartet hat?

Angekommen in unserem neuen Zuhause. Das alte mussten wir für den neuen Job meines Mannes aufgeben. Dafür beziehen wir nun eine schöne Wohnung in einem sanierten Schloss, welches zwar direkt in der Stadt liegt, jedoch durch das weitläufige Anwesen sehr idyllisch wirkt. Die gesamte Umgebung erinnert mich an die irischen Filme, die ich immer gerne gesehen habe.

Während unsere Helfer die letzten Kartons in die zweite Etage bugsieren, räume ich die ersten Sachen aus und versuche sie so zu verstauen, dass ich sie anschließend möglichst wieder finde. Gar nicht so einfach. Ich habe das Gefühl, dass die Wohnung bei der Besichtigung völlig anders aussah. Den Schnitt der einzelnen Räume hatte ich anders in Erinnerung und irgendwer scheint die alten Möbel noch mal verrückt zu haben. Ich würde daran zweifeln, dass dies die richtige Wohnung ist, hätte uns der Makler nicht aufgeschlossen und die Schlüssel überreicht.

Nachdem sich unsere Freunde gestärkt haben, begleite ich sie nach unten und sehe ihnen wehmütig über den großen Hof hinterher. Als sie auf die stark befahrene Straße abbiegen, lassen sie mir das Gefühl zurück, hier noch viele einsame Stunden verbringen zu müssen. Ich blicke an der Hauswand hinauf und sehe meinen Mann gestikulierend mit dem Telefon am Fenster stehen. Weit entfernt von Familie und Freunden, dafür näher am beruflichen Erfolg, wie Hannes es zu sagen pflegt. Klingt eigentlich märchenhaft: tolle neue Wohnung, das erste Kind im sechsten Monat unterwegs, seit einem Jahr mit einem gutverdienenden Traummann verheiratet, sodass ich mir vorerst keine neue Stelle suchen muss und die Schwangerschaft in vollen Zügen genießen kann. Kein Grund zur Beschwerde.

Ich werde schnell Kontakte knüpfen müssen, um hier nicht zu vereinsamen. Jedoch habe ich, abgesehen vom Makler, noch keine Menschenseele gesehen, obwohl sich rings um das wunderschöne Treppenhaus auf jeder Etage vier Wohnungen befinden. Während ich mit den Fingern über das dunkle Mahagoni des Handlaufes fahre, fällt mir auf, dass an keiner der Türen ein Namensschild angebracht ist. Auch sonst wirkt das Gemäuer so still und unbewohnt, dass es den Anschein erweckt, es würde komplett leer stehen. Die einzigen Geräusche die ich höre, sind Hannes’ erhobene Stimme und das dezente Knarzen der schweren Wohnungstür, die dennoch federleicht hinter mir ins Schloss fällt.

Die erste Nacht schlafen wir beide sehr unruhig, merkwürdige Umgebungsgeräusche reißen mich immer wieder aus meinem leichten Schlaf. Irgendwann, während Hannes sich erneut umherwälzt, gebe ich auf. Taumelnd gehe ich in Richtung Badezimmer und stehe orientierungslos vor einer Wand, wo ich eigentlich die Tür vermutet hatte. Auf dem Weg zur nächsten Tür muss ich um die restlichen Umzugskartons herumbalancieren. Durch den Türspalt dringt gedämpftes Licht zu mir, welches mich unsicher und doch neugierig macht.

Mühelos lässt sie sich öffnen und ich stehe im Flur einer augenscheinlich anderen Wohnung. Das hatte ich nicht erwartet. Vom Schnitt her ähnlich unseres neuen Heims, kann ich in den zwei einsehbaren Räumen Möbel in einem gemütlichen Stil erkennen. Ich stehe im Rahmen zwischen den beiden Wohnungen und weiß nicht, was ich tun soll. Ein zaghaftes „Hallo?“ bringe ich hervor und warte gespannt auf eine Reaktion. Für einen kurzen Moment strampelt es wie wild in meinem Bauch. Das Licht fängt an zu flackern, erstrahlt jedoch sofort wieder in vorheriger Stärke. Skepsis macht sich in mir breit. Da im Hintergrund gedämpfte Musik zu hören ist, setze ich erneut fragend an, sammle meinen Mut zusammen und trete in die fremde Wohnung. Ich steuere auf einen der Räume zu und rufe nun etwas lauter. Das wirkt alles so surreal, dass ich die Tapete anfassen muss, um mir zu beweisen, dass sie echt ist.

Auf einem dunklen Tisch neben dem Bett steht ein Monitor, auf dem ein Profil eines Internetportals zu sehen ist. Indiskret sehe ich mir das abgebildete Foto an. Ich stocke und fühle mich wie spontan vor den Kopf gestoßen. Tatsächlich kenne ich die Person. Claudia, eine frühere Klassenkameradin lächelt mir entgegen. Wir hatten nie viel miteinander zu tun. Uns trennten unterschiedliche Interessen und doch standen wir uns neutral gegenüber.

Meine Gedanken werden durch ein aufforderndes Räuspern unterbrochen. Für einen Moment setzt mein Herz aus. Ich drehe mich um und blicke direkt in ihr Gesicht. Sie sieht zwanzig Jahre älter aus, als sie eigentlich sein dürfte. Den Körper in ein roséfarbenes Handtuch gewickelt, die Haare unter einem Turban versteckt und ihre Arme in die Seiten gestemmt, steht sie im Türrahmen zu ihrem Badezimmer. Sie sieht mich fragend an, als würde sie mich nicht wiedererkennen. Ich fühle mich ertappt und peinlich berührt, begrüße sie stotternd und erkläre ihr vorsichtshalber wer ich bin. Ein Versuch, um von meinem unangebrachten Besuch abzulenken.

Während sie nach einer Cremedose auf dem Nachtkästchen greift, mustert sie unverhohlen meinen Bauch, der sich längst deutlich sichtbar abzeichnet. Dabei verzieht sie keine Miene, was mich nur noch mehr verunsichert. Ich erzähle ihr stammelnd von unserem Umzug und eine Zusammenfassung meiner letzten Jahre, um die unangenehme Situation etwas aufzulockern. Sie wendet sich von mir ab, als sie mit beiden Händen ihr Gesicht eincremt. Die Haare schüttelt sie kopfüber aus, sodass die dunklen Locken um ihr Gesicht fallen. Als sie sich wieder zu mir dreht, kann ich meinen Augen kaum trauen. Sie sieht plötzlich wieder sehr jung aus, jünger noch als es ihrem Alter entsprechen sollte. Als könne sie meine Gedanken lesen, grinst sie verschmitzt, lotst mich in ihr Badezimmer und antwortet dort souverän auf die Frage, wie es ihr die Jahre über ergangen ist.

Neben der Badewanne, steht eine weitere Tür halb offen. Während Claudia sich weiterhin ihrer Körperpflege widmet, höre ich ihr nur noch mit halbem Ohr zu. Sie hat ein Studium abgeschlossen, gewinnt dadurch trotzdem nicht meine Aufmerksamkeit. Ich bin noch immer verwirrt. Um einen Blick in den angrenzenden Raum zu erhaschen, lehne ich mich unauffällig ein Stück nach vorn. Ich kann nicht glauben, was ich da sehe, fühle mich wie in einem schlechten Film. Eine dicke Frau in einem geblümten Nachthemd, sitzt tonlos auf einem Hocker vor einem Spiegeltisch und rasiert sich unbeirrt das Gesicht. Ich gebe mir gar keine Mühe, meine Überraschung zu verbergen und starre sie an. Bis sie ihren Kopf zu mir dreht und ich unweigerlich einen Schritt zurück trete. Als ich dabei direkt gegen meinen Mann pralle, schrecke ich zusammen. Mein Herz rast. Er erklärt sofort entschuldigend, dass er sich besorgt auf die Suche nach mir gemacht hat, als er aufwachte und ich nicht mehr neben ihm lag. Ich hatte ihn nicht kommen hören und doch bin ich erleichtert, dass er nun bei mir ist. Das gibt mir Sicherheit, mich nicht nur in einem verrückten Traum zu befinden und bietet mir einen Grund, aus der gespenstischen Situation auszubrechen. Ich versuche meine Gedanken zu sortieren und stelle ihm verdattert meine damalige Klassenkameradin vor. Sie nicken sich nur unbeeindruckt zu, woraufhin unangenehme Stille folgt. Ich durchbreche ich das Schweigen, indem ich Claudia für die kommende Woche zu uns einlade und verabschiede mich auf diese Weise von ihr.

Hannes, der zweifellos einen besseren Orientierungssinn als ich besitzt, führt mich zurück in unsere Wohnung. Er zeigt mir den Weg zu unserem Badezimmer, das ich zuvor vergeblich gesucht hatte. Die Sonne ist längst aufgegangen und ich verfüge neuerdings anscheinend über keinerlei Zeitgefühl mehr. Obwohl ich den Schlaf gut gebrauchen könnte, kann ich mich nicht mehr hinlegen. Hannes scheint weniger besorgt zu sein und rollt sich erneut in die Decke ein, während ich Kartons aus- und Regale einräume, um mich abzulenken. Im Wohnzimmer überkommt mich das Gefühl, dass das große Bücherregal vor kurzem noch ein oder zwei Meter versetzt stand. Ich rede mir ein, dass Hannes es wohl verschoben haben muss. Bis ich mich mit Büchern bepackt dem dunklen Regal nähere und eine weitere Tür daneben entdecke. Ich schließe reflexartig die Augen und öffne sie wenige Sekunden später in der Hoffnung, dass sie von allein verschwindet und es sich nur um eine vorübergehende Halluzination handelt. Bitte nicht noch eine Tür! Da das Augenzukneifen auch nach fünf Versuchen nichts bringt, lege die Bücher achtlos ins Regal und sprinte ins Schlafzimmer, um mich doch noch schutzsuchend anzuschmiegen.

Als ich wieder aufwache, liege ich allein im Bett. Die Erinnerungen an die letzten Stunden kehren zurück und mit ihnen steigt auch das Grausen wieder in mir auf. Aus Angst den Verstand zu verlieren, rufe ich panisch nach Hannes. Er antwortet zwar prompt aus dem Bad, aber mit merkwürdig abgedämpfter Stimme. So hörte ich ihn nie sprechen. Die Nachttischlampe flackert für einen Moment auf, erlischt jedoch sofort wieder. Ich versuche die Nerven zu behalten, atme mehrmals tief durch, streichle sanft über meinen unruhigen Bauch und stehe langsam auf. Auf Zehenspitzen tipple ich ins Wohnzimmer, um mich davon zu überzeugen, dass alles gut ist. Die Tür hat sich leider noch immer nicht in Luft aufgelöst, doch die ins Regal gestellten Bücher liegen nun auf dem Parkett.

Und just in diesem Moment öffnet sich vor meinen Augen in Zeitlupentempo mit einem fiesen Knarren die Tür gerade so weit, dass ich durch den Spalt erneut in einen Flur blicken kann. Mein Herz hat einen erneuten Aussetzer. Unbeweglich stehe ich noch immer auf Zehenspitzen und starre gebannt auf die Tür. Selbst wenn ich vorhätte mich zu bewegen, glaube ich, wären meine Muskeln dazu nicht in der Lage und würden ihre Spannung schon beim ersten Schritt verlieren. Der erste Gedanke der mir durch den Kopf schießt, ist, dass ich wieder zurück in die alte Wohnung und mein altes, zwar meist flatterhaftes und chaotisches, aber dennoch solides Leben zurück will. Dort passierten nie solch seltsame Dinge, die ich mir nicht erklären kann.

Wie lange ich so verharre, weiß ich nicht, denn plötzlich steht Hannes direkt vor mir, packt mich mit beiden Händen an den Schultern und schüttelt mich. Erneut habe ich ihn nicht kommen hören und sinke nun, da ich ihn wahrnehme, erleichtert in seine Arme. Mein Deuten auf die offenstehende Tür wiegelt er ab und schiebt mich in die Küche, drückt mich sanft auf einen Stuhl und kocht mir einen Tee, der mich entspannen soll. Um ihm den Gefallen zu tun, trinke ich die bittere Flüssigkeit und atme wie mir befohlen wird, abermals tief durch. Bringt jedoch nicht viel, da kurz darauf erneut merkwürdige Geräusche ertönen. Nervös wie ich bin, schrecke ich auf und umklammere die Tasse, wodurch ich versuche, mir selbst ein bisschen Halt zu geben. Hannes bleibt dabei völlig entspannt und scheint mich innerlich auszulachen, was mich direkt wütend macht. Entschuldigend bietet er mir an, mit mir gemeinsam nachzusehen woher die Geräusche kamen. Ich willige ein. Besser als allein gehen zu müssen.

Ich schleiche ihm angespannt ins Treppenhaus hinterher. Da durch die wenigen Fenster nur spärliches Licht hereinbricht, drückt er den Schalter, welcher für warme Beleuchtung in allen Etagen sorgt. Mein Körper fängt unweigerlich an zu zittern, mein Herz pocht so laut, dass ich das Blut in den Ohren rauschen höre…

-Fortsetzung folgt-

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Geschrieben in nyx | 3 Kommentare