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Auf der Klippe

Zwischen den vielen Bäumen ist der Himmel in ein dezentes Abendrot getaucht. Mit gesenktem Kopf sitzt er am Rand der Klippe. Die Aussicht ist wunderschön, obgleich er weiß, dass sich hier schon sehr viele Menschen das Leben nahmen, welchem sie überdrüssig waren. Der Abgrund liegt direkt vor ihm und lässt durch die vielen Felsvorsprünge die wahre Tiefe nicht einmal erahnen. Seine Hände krallen sich in Grasbüschel, während Gedanken wie eine Flut über ihn hereinbrechen. Die Geräusche des Waldes, dringen nicht zu ihm durch. Durchbrochen werden die düsteren Wellen erst durch ein fröhliches Summen einer ihm unbekannten Melodie. Beinahe wie im Takt des Liedes, ertönt ein kraxelndes, immer näher kommendes Geräusch herabbröckelnder Steine, bis das Summen schließlich verstummt.

„Hallo“, grüßt es links unter ihm. Er tut so, als nähme er es nicht wahr, blickt nicht auf, schweigt und wünscht sich Einsamkeit herbei. Die Stimme jedoch bleibt beharrlich, bis er endlich nachgibt und den Blick anhebt, ohne etwas zu sagen. Aus der Stimme wird ein kleines Männchen, nicht mal halb so groß wie er selbst, welches sich mit den Beinen am Gestein wegdrückt, den Hintern von sich streckt und dabei die Ellenbogen ganz entspannt auf den Boden auflegt, um seinen Kopf mit den Händen zu stützen. Völlig unangestrengt ob der Haltung, grinst es ihn an und fragt, ob es sich dazugesellen kann. Eine Mischung aus Kopfschütteln und Schulterzucken scheint das Männchen nicht zu verstehen; so hüpft es mit einem Satz über die Felskante und setzt sich auf das Gras. Nach kurzem Schweigen, zieht es die kühle Luft geräuschvoll durch die Nase ein und atmet mit einem genießerischem „Mmmmmmh“ wieder aus. Da setzt es wieder an:
„Du siehst nicht sehr glücklich aus?!“ und erhofft sich eine Reaktion. Doch wieder herrscht Stille. „Da wo ich herkomme, spricht man miteinander und unterhält sich sogar sehr gerne!“,
versucht er es erneut mit vergnügtem Tonfall. Der Mann sieht ihn mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Skepsis an. „Und wo soll das sein?“, gibt er zurück und mustert das Männchen, dessen grüne Augen so viel neugieriger und kindlicher aussehen, als der Rest des Winzlings.

„Da wo ich herkomme, sind wir glücklich und zufrieden.“, holt er aus. „Auf unseren Straßen wird getanzt, gesungen und gelacht; die Häuser sind bunt bemalt, die Türen stehen zu jeder Zeit offen. Jeder ist bei uns willkommen. Es wird stets gerecht geteilt, denn es gilt: geteilte Freude, ist doppelte Freude.“, singt er beinahe schon. „Die Bewohner sind eine Einheit, leben harmonisch miteinander und sehen ihre Stärken, nutzen diese effektiv, um sich gegenseitig zu unterstützen. Jeder tut das, was er am besten kann und wird dafür geschätzt und anerkannt. Es ist ein großes Miteinander, das mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit gelebt wird. Lästiges wird nie zur Last, da man es sich einfach wegwünschen kann. Wünsche werden wahr, Träume werden gelebt und Wege werden ohne großes Ziel leichtfüßig beschritten.“, beendet er seine Schwärmerei und erklärt: „So bin ich hier bei dir gelandet. Die Reise war lang und wurde stetig beschwerlicher. Einige Berge musste ich herabsteigen, um unter den Wolkendecken das Tal zu betreten, das so anders aussieht, als ich es von uns kenne. Ich hatte zum allerersten Mal Angst und war dennoch wild entschlossen, immer weiter zu gehen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wie ihr es nennt. Nun sitze ich neben dir und wundere mich über deine merkwürdige Welt. Erzähl mir von ihr, ich möchte alles wissen!“ Im Schneidersitz hockt das Männchen erwartungsvoll da und ist gespannt auf die Geschichte des Mannes mit dem traurigen Gesicht.

Der Mann sieht indes an dem kleinen Männchen herab, staunt über dessen Begeisterung und Fröhlichkeit, die er selbst schon lange nicht mehr verspürt. Der Blick bleibt an den Füßen des Gegenübers hängen. Blut vermischt sich dort mit Staub und Schmutz, bildet eine dicke Kruste, deren ledrige Umgebung sich rotentzündlich verfärbt. Das Männchen scheint den gesamten beschriebenen Weg barfuss gegangen zu sein und zeigt dennoch keinerlei Anzeichen für Schmerz oder Ärger. Für ihn selbst sind diese beiden Empfindungen treue Begleiter geworden und lösen Wut und Trauer regelmäßig ab.
Als er seinen Kopf erneut hebt und dem Männchen in das freundlich lächelnde Gesicht sieht, beginnt er zu erzählen:

„Diese Welt ist anders. Ich glaube nicht, dass du dich hier wohlfühlen kannst. Hier ziehen sich die Menschen jeden Schuh an, geben sich selbst die Schuld an allem, sofern sie nicht schon von jemandem zugeschoben wurde. Dadurch wirken sie, obwohl sie deine Größe physisch deutlich überragen, um einiges kleiner. Sie versinken in sich selbst, bis sie im eigenen Selbstmitleid ertrinken. Kein Platz für Wünsche, keine Erinnerungen an Träume. Nach Aufmerksamkeit suchend, fühlen sie sich wertlos und hässlich, obwohl sie sich meist eitel zeigen. Sie wollen um jeden Preis gefallen und stellen sich selbst zur Schau.“ Seine Miene verfinstert sich noch mehr als zuvor.

„Hier tanzt niemand auf den Straßen und meist gleicht ein Haus dem anderen, wie auch beinahe jeder Mensch dem anderen gleicht, obwohl er stets versucht anders zu sein. Jeder misstraut dem anderen und wittert selbst hinter einem netten Wort einen Hintergedanken. Der Einzelne ist hier auf sich allein gestellt, Gemeinschaft gibt es kaum, sofern sie an keinen Zweck gebunden ist. Hier wird der Mensch nicht nach seinen Stärken bewertet, sondern nach seinen Fehlern und Defiziten. Zerlegt wird der Körper in seine Einzelteile und wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt, nachdem jedes Teil mit einem neuen Namen versehen wurde. Ist der Körper wieder vollständig, beinhaltet er nun nicht mehr, was man vermuten würde, sondern ist gebrandmarkt mit allerlei Diagnosen und Störungsbildern. Essstörung, Sehstörung, Beziehungsstörung, Aufmerksamkeitsstörung, Belastungsstörung, Verdauungsstörung, Zwangsstörung… kein Wunder dass irgendwann die Schlafstörung eintritt, die bald zwangsläufig der Angststörung die Hand reicht. Unsere gesamte Welt ist gestört! Und das schlimme daran ist, dass die Menschen daran glauben.“, redet er sich in Rage, während das Männchen aufmerksam zuhört und zaghaft wissen möchte, ob seine Welt denn schon immer so war.

„Nein. Früher waren Diagnosen dafür da, um Menschen besser helfen zu können, heute werden sie schamlos ausgenutzt, sogar als Schimpfwörter missbraucht und benutzt, um Geld damit zu machen. Korruption an allen Ecken, Lügen benetzen das gesamte Land. Sobald man helfen möchte, leidet man am Helfersyndrom, sieht man tatenlos zu, ist man ein Egoist. Sie hauen sich gegenseitig die Köpfe ein und zerstören sich langsam aber stetig selbst, samt Planeten. Die Menschen erkennen nichts Gutes mehr an sich, wollen nur die vermeintlichen Fehler korrigieren, um dem Bild zu gleichen, welches sie als Gesellschaft selbst erschaffen haben und es ohne zu hinterfragen, tragen. Man gibt kaum mehr etwas über sich Preis, aus Angst, jemand könnte es gegen einen verwenden. Distanziert, gar reserviert, tritt man seinen Mitmenschen gegenüber, als Schutz vor Verletzungen.“
Seufzend starrt der Mann nun ins Leere.

„Wurdest du schon mal verletzt?“, will der Kleine wissen.
Ein sinnierendes und sehr ehrliches „Ja, früher zu oft.“, wird ihm entgegnet.

Das Männchen springt in einem Satz auf, deutet hinab in die tiefe Schlucht, streckt ihm die Hand entgegen und fragt, ob er mit ihm kommen möchte. Da der Mann zögert und auf das Angebot nicht reagiert, schiebt der Winzling seinen Mund nervös wechselnd nach links und nach rechts, während er grübelt und schließlich fragt: „Was ist das Allerschönste in deiner Welt? Was macht das Leben lebenswert? Was würdest du vermissen, wenn man es dir nehmen würde?“

Der Mann sieht ihn nachdenklich an, blickt dann auf seine Hände, die er in seinem Schoß gefaltet hat und schweigt eine ganze Weile lang. Dann steht er langsam auf, streckt sich, klopft den Schmutz von seiner Hose, schenkt dem Männchen ein zaghaftes Lächeln, dreht sich um und geht. Das Männchen bleibt zurück, sieht dem Mann hinterher und beginnt zufrieden seine Melodie zu summen.

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Scheinbar unscheinbar

Noch heute wird Alice häufig wie ein kleines Mädchen behandelt, falls sie überhaupt wahrgenommen wird. Selbst wenn sie ihrer Mutter eine Packung Mon Chéri mitbringt, wird sie nach ihrem Ausweis gefragt. Fehlt nur, dass ihr die Wurstfachverkäuferin aufgrund der kindlich wirkenden, zierlichen Gestalt, eine Extrascheibe Lyoner über die Theke reicht. Vermutlich würde sie es nicht mal mitbekommen, da ihr Blick meist auf den Boden oder ihre Schuhspitzen gerichtet ist. Das dunkle, glatte Haar fällt dabei so weit ins Gesicht, dass man selbiges kaum mehr erkennen kann. Sie ist das, was sie selbst importun als Einzelgänger, jeder andere jedoch als scheu und unscheinbar bezeichnen würde.

Ihr Arbeitsweg führt durch einen kleinen Stadtpark, in dem sich zu beinahe jeder Tageszeit Kinder auf dem Spielplatz austoben. Bevor Alice die gepflegte Anlage betritt, zieht sie die Schultern nach oben und den Schal noch höher über das Kinn, achtet dabei akribisch darauf, mit den Haarsträhnen ihre vernarbte Wange zu verdecken.

Sie kann Kinder nicht leiden, oder hat genauer gesagt Angst vor ihnen. Als sie selbst noch eines war, wurde sie gehänselt bis die Tränen flossen. Entweder ihre eigenen, oder die desjenigen, auf welches sie vor Wut und Ausweglosigkeit mechanisch einschlug bis sie sich aus der Situation befreien konnte. Damals wünschte sie sich oft in das gleichnamige Wunderland. Rüdiger, der selbst vielfach aufgrund seines Gewichts gehänselt wurde, stellte sich in diesen Momenten oftmals helfend an ihre Seite. Heutzutage braucht sie diese Unterstützung nicht mehr, denn keines der spielenden Kinder nimmt Notiz von ihr. Sie scheint so unsichtbar, dass nicht einmal ihre hastigen Schritte Spuren im ersten Schnee des Jahres hinterlassen.

Dank ihrer Jahreskarte der städtischen Museen, sitzt Alice nach Feierabend oft stundenlang in immer demselben Raum auf einer Bank, starrt auf immer dasselbe Bild und wird dabei weder wahrgenommen, noch angesprochen. Sie trägt dezente Kleidung in unauffälligen Farben und sieht niemandem direkt in die Augen. Fällt der Blick eines aufmerksamen Besuchers doch auf sie, spürt sie diesen wie Nadelstiche auf der Haut und wendet sich beschämt ab. Falls sie unaufmerksam war und die Sicht auf die Vernarbungen frei liegt, sehen die fremden Augen immer zuerst betreten weg.

Wenn sie sich nicht mit Rüdiger trifft, der die Pfunde längst verloren und dafür an Selbstbewusstsein gewonnen hat, verbringt sie die Tage dort im Museum für sich allein. Heute haben sie sich für den Nachmittag bei ihm verabredet. Alice bummelt ihre zahlreichen Überstunden ab und da sie im Job genauso unscheinbar auftritt, fällt vermutlich niemandem auf, dass sie nicht anwesend ist. Sie hält sich gerne im Hintergrund und würde aufgrund dessen niemals nach einer Beförderung fragen, jedoch würde auch niemand bei einem freiwerdenden Posten an sie denken, obwohl sie ihre Arbeit stets gut und zuverlässig erledigt.

Die Hände in den Manteltaschen vergraben, spielt sie mit dem Kleingeld, welches sie dem Mann an der U-Bahn-Station jedes Mal, wenn sie sich auf den Weg zu Rüdiger macht, in den Becher wirft. Immer hat sie ein leises Lächeln übrig, nie empfindet sie Mitleid für ihn. Irgendwie mag sie ihn. Auch heute nickt sie ihm freundlich zu, während sie die Münzen in die Pappe fallen lässt. Die gewohnte Reaktion ist ein herzliches Dankeschön, gepaart mit einem schiefen Lächeln, welches seine unvollständigen Zahnreihen offenbart. Doch diesmal greift er nach ihrem Handgelenk und sieht sie eindringlich an, ohne dabei bedrohlich zu wirken. Obwohl Alice ein ängstlicher Mensch ist und den Mann nicht näher kennt, fürchtet sie sich auch dann nicht vor ihm, als er sich ungeahnt groß vor ihr aufbäumt. Er streicht ihr behutsam die Haare aus dem Gesicht und sieht sie sich genau an. Sie ist paralysiert, kann sich nicht wegdrehen, wie sie es sonst tun würde, sucht stattdessen in seinen Augen nach Ekel oder Mitleid und findet ein warmes Grünbraun. Er lockert seinen Griff und umarmt sie, drückt seine Wange sanft gegen ihre und flüstert ihr ins Ohr, dass sie ein guter Mensch sei. Völlig perplex rührt sie sich erst dann, als die Bahn eingefahren ist und er sie leicht von sich weg stößt.

Sie sieht ihm von weitem durch die schmutzigen Scheiben nach, wie er langsam zurück auf seinen gewohnten Platz sinkt. Er roch besser als sie zuvor geglaubt hatte. Während die Bahn durch den langen Tunnel brettert, spiegelt sie sich selbst im Glas. Ungläubig mustert sie ihr Gesicht und tastet sich hektisch ab. Nach einigen Momenten wendet sie sich den anderen Fahrgästen zu und liest in deren Mimik das, was sie nicht fassen kann. Ein attraktiver Mann, ihr schräg gegenüber, sieht sie bewundernd an und lächelt schüchtern in ihre Richtung. Diese Reaktion war ihr bisher unbekannt.

Aufrechten Ganges läuft sie die Treppen hinauf und sieht während des gesamten Weges in ungewohnt viele freundliche Gesichter. Als sie den Klingelknopf zu seiner Wohnung drückt, kommt Rüdiger ihr wie immer gut gelaunt entgegen, nimmt sie in den Arm und bittet sie herein. Erst als sie im Flur stehen bleibt, fragt er, ob alles in Ordnung sei. Auf ihre Frage, ob er finde, dass sie heute irgendwie anders aussähe, antwortet er mit sanfter Stimme: „Etwas verwirrt, aber bezaubernd wie immer!“

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murakami411

Unaussprechliches

Der Tod als Thema
ist in dieser Gesellschaft
nicht überlebensfähig.

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murakami411

Nachtrag Verjährung

Und es geht weiter. Sexuelle Übergriffe in einem Elite-Internat im Odenwald und 17 Pschologen einer Diakonie sollen autistische Kinder “rüde” behandelt und dies sogar auf Video dokumentiert haben. Jetzt denkt man endlich über die Verjährung nach. Die Bundesjustizministerin Leutheuser-Schnarrenberger sagt aber, dass eine Tat die 30 Jahre her ist, schwer aufzuklären sei. Bullshit. Es wird in jedem Fall Aussage gegen Aussage stehen. Schließlich geschehen diese Dinge selten öffentlich. Aber das Schlimmste: Man spricht von Fällen die Jahrzehnte her sind. Wann wird der erste aktuelle Fall publik? Wieviel Lehrer, Pastoren und Therapeuten sind heute am quälen, foltern und vergewaltigen? Und in wieviel Familien ist es Alltag?  Endlich zeigt diese Gesellschaft ihres wahres Gesicht. Auch wenn der Schleier des Schweigens nur um wenige Millimeter gelüftet ist, kann man das Ausmaß bereits erahnen.

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