Auf-hören.

Ihre Atmung war sehr langsam. Regelmäßig. Wenn die Luft durch ihre Nase und ihren Hals strömte, hörte es sich an wie Wind in einer Höhle am Meer, der einem ab und zu über die Haut streichelte. Den Schweiß erkalten ließ. Sie ihren dehydrierten Körper spüren ließ, der schon so lange aufgegeben hatte, weil sie seit Tagen am verdursten war, in dieser Höhle. Und nur etwas Sonne drang durch die schmale Öffnung oben zwischen dem Gestein, durch das sie den Himmel sehen konnte.

Aber sie war in keiner Höhle. Es war auch nicht die Sonne, die in ihren Augen kitzelte. Es war die monoton surrende Lampe des Spiegelschrankes im Badezimmer. Wie ohrenbetäubend laut so ein Geräusch werden kann, wenn man nur lange genug nicht spricht. Und sie sprach fast nie. Mit wem auch, außer sich selbst. Und selbst das tat sie ohne den Mund zu öffnen. Es passierte alles in ihrem Kopf. Wie so vieles einzig und allein dort stattfand. Ihr Kopf war der einzige Ort, an den sie sich zurückziehen konnte, weil sie sich dort sicher fühlte. Hier konnte sie für sich sein und musste niemanden sonst rein lassen. In ihrer Fantasie war alles in Ordnung. Zumindest glaubte sie das. Darum störte sie hier auch nichts.

Ihre Wohnung. Das dunkle kleine Zimmer ohne Fenster. In dem nicht mal das Nötigste stand und sich die Umzugskartons seit Monaten stapelten. Es war ihr egal. Sie musste nur ihre Augen schließen, dann konnte sie allem entfliehen. Sie konnte alles zurücklassen, alle Verantwortung, alle Pflichten und alle Rechte. Wenn man lange genug auf der Flucht ist, erreicht man einen Zustand, in dem man eigentlich immer die Augen zu hat. Man übersieht den Briefkasten, aus dem schon die ersten Umschläge herausragen und kümmert sich nicht mehr um Nachbarn, die einen im Treppenhaus grüßen, nur um dann ein paar Stufen weiter etwas unverständliches zu flüstern. Man ignoriert auch die Signale des eigenen Körpers, als würde man ihm klarmachen wollen: „Hier habe ich die Kontrolle. Du hast nichts zu melden.“

So verstummen Hungergefühle und wandeln sich in ein angenehm warmes, weiches Kokon das einen schützend umgibt. Fast so, als würde man den Kopf in den Schoß seiner Mutter legen und ihre Hand auf der Stirn spüren. Man gräbt sein Gesicht in den Stoff, der leise raschelt und knistert wenn man sich auch nur ein kleines Bisschen bewegt. Und manchmal hört man den eigenen Herzschlag am Ohr, was fast klingt wie Schritte in feinem Kies. Das eigene Herz zu hören beruhigt und die Vorstellung von Kies unter den Füßen lässt einen von sonnigen Tagen im Park träumen. Und ganz unbewusst passt man seine Atmung den eigenen Schritten an.

Ihre Atmung war sehr langsam. Regelmäßig. Wie ein Herzschlag. Doch den konnte sie kaum noch hören. Als hätten ihre Schritte sich vom Boden gelöst und würden ins Schweben übergehen. Ihr Blut war auch schon eine Weile nicht mehr warm, sondern klebrig und dick. Es hatte aufgehört zu tropfen. Doch den Rhythmus der bis vor einigen Minuten noch von ihren Fingerspitzen rannte hatte sie inzwischen in ihre Atmung übernommen. Sie konzentrierte sich darauf. Dachte an Höhlen und Kies. An ihre Mutter. Sie schloss die Augen. Die Lampe summte nicht mehr.

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