Corina Wagner

Märchenhafter Tagebucheintrag

Aus dem Tagebuch einer Märchentante

Heute ist ein verfluchter Tag, bin irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden und gleich mit dem Kopf gegen die alte Biedermeier Kommode gestoßen. Dabei flog mit voller Wucht mein geliebter Totenkopf, der Schädel eines Bullterriers aus der Gründerzeit genau auf den linken großen Zeh. Ein Zeichen von Dir? Ich vermisse Deinen perfiden Charme. Beim Anblick in den antiken Spiegel aus dem 16. Jahrhundert, der zwei Minuten später erfolgte, verriet jener nicht viel über meinen Hormonhaushalt.

„Spieglein, Spieglein an der Wand: Sag mir, wer ist die schönste im ganzen Land!“, hätte ich lasziv flüstern können, aber warum? Außer mir war niemand im Raum. Mein Spiegelbild hatte ein Meeting mit Heinrich dem Achten.

Eigentlich wollte ich eine Vermisstenanzeige aufgeben. Nun sitze ich hier und schreibe in meinem Tagebuch, sehne mich nach Dir, bin auf der Suche nach Dir.

Meine Haare sehen zurzeit aus, als wollte sich darin Deine Meise ein Nest bauen. Mit meinem Gesicht war ich heute zufrieden, denn es hätte schlimmer kommen können, wie der Gedanke an Dich. Nachts kann ich nur in Intervallen schlafen.

Und nun ist es schon wieder passiert. Ich denke an Dich. Vielleicht lag es vorhin auch an den quer gestreiften pinkfarbenen Wollsocken, die mich an Dich erinnerten. Sie hängen immer noch sehr dekorativ über dem Chaiselongue. Ein Grund wohl, warum ich völlig depressiv wirkte, als ich am Vormittag das Haus verließ, um mich mit Hänsel und Gretel zu treffen.

Eigentlich habe ich längst den inneren Frieden gefunden, aber wenn ich mich an Dich erinnere, dann werde ich immer so sentimental. Deshalb habe ich nun beschlossen, dass ich Dich jetzt wiederfinden möchte. Eigentlich bin ich schon länger auf der Suche nach Dir. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann suche ich noch nach Vielem, aber vorrangig suche ich Dich. Ja, Dich! Wirklich! Konsequent ab heute!

„Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war!“, hörte ich heute früh von meinem Gynäkologen.

Ob Du heimlich mein Tagebuch liest? Blöder Gedanke! Manchmal werden Märchen angeblich wahr. Für Spekulationen sind normalerweise Zombies im feinen Zwirn zuständig. Du bist ganz anders. Seltsam, wenn ich die Augen schließe, kann ich Dein After Shave Marke Blaubart riechen. Hm…

Die abenteuerlichsten Gedanken schwirren im Moment durch meinen Kopf, wenn ich an gestern denke, als ich in einer Leseecke in einer Bücherei saß. Vier Paar Kinderaugen starrten mich entsetzt an, als ich wieder so ein an den Rapunzelhaaren herbeigezogenes Märchen vorlesen musste.

Der Titel klang so vielversprechend: „Kleiner USB-Stick ohne Anschluss“. Doch dann las ich quasi die abstruse Geschichte von Rumpelstilzchen vor, das mit einer Fastfood-Figur von 152 Kilo in einem viel zu engen, knallroten Latexoverall auf Schloss Altschwanstein agiert. Nichts gegen Fortschritt, auch in der Märchenwelt. Doch wenn Rumpelstilzchen im modernen Märchen eine Latexallergie entwickelt, dann bringt das den kleinen Zuhörern nur einen kollektiven Juckreiz. Ich schweife ab, denke ich doch eigentlich nur an Dich. Vorrangig nur an Dich! „Früher war alles besser“, fällt mir gerade dazu ein. Das gestrige Märchen beschäftigt mich sehr, lag wohl auch am Erzählstil des Autors.

Ein blutjunges Mädchen, das zum Mobbingopfer seiner Patchwork-Mutter wird, wirkt ansatzweise wie das zerbrechliche Schneewittchen und gleichzeitig zeigt es Suppenkaspers Charakterstärke.

Ganz furchtbar auch diese übertriebenen Klappergestell-Anfälle der zickigen Schwestern. Wenn das so weiter geht, wechsele ich den Beruf und arbeite für die Arbeitsagentur als Beraterin.

Ich denke immer noch an Dich. Gerade in diesem Moment. Ich vermisse Dich, will Dich weiterhin suchen, wie andere ihre Vernunft. Ob ich Dich bald finden werde? Gestern suchte ich verzweifelt nach dem Sinn einer Märchenstunde und warum, so wenige Kinder noch zuhören. Danach beschloss ich, wenn ich wieder zu Hause bin, nach meinem uralten vergoldeten Märchenbuch zu suchen, das mit den vielen Brillis auf dem Buchrücken.

Auf dem Nachhauseweg stolperte ich mal wieder über einen Verstand, der mitten im Weg lag. Sowas passiert mir öfters. Menschen verlieren ihren Verstand und ich finde ihn dann. Im Bauch spüre ich dann plötzlich so ein sonderbares, komisches Kribbeln. Instinktiv bücke ich mich nach unten und finde jedes Mal einen Verstand, der mal mehr oder weniger ausgeprägt sein kann. Doof ist es, wenn noch das Sprachzentrum mit dran hängt, das kann dann echt nerven. Schön wäre es, wenn es eine Fundgrube gäbe und man den einen oder anderen Verstand abgeben könnte. So lasse ich meistens die Finger davon und mache sie mir nicht schmutzig.

So wie bei Dir damals. Jetzt suche ich Dich. Vorrangig Dich. Alles, absolut ALLES würde ich dafür geben, wenn ich wieder in Deiner Nähe sein könnte. Der Froschkönig könnte quer über mein Himmelbett hüpfen oder Peter Pan meine barocke Schlafzimmerscheibe einschlagen. Egal!

Langsam werde ich nervös. Wo steckst Du? Bist Du zum Mond geflogen oder lapidar nach Mallorca?

Wanderst Du auf den Spuren von Harry Potter oder von König Drosselbart? Hast Du Dich etwa zum neunmonatigen Räuber- Hotzenplotz-Seminar angemeldet. Echt? Du Wahnsinniger! Hoffentlich nicht…

Ich suche Dich. Vorrangig Dich! Nebenbei checke ich leider noch die neue SMS vom gestiefelten Kater. Wo kann ich Dich denn nun tatsächlich auf die Schnelle finden? Keiner kann mir irgendwie helfen. Sitzt Du etwa im Packeis fest? Ich könnte Frau Holle eine E-Mail senden, hab‘ super Kontakte zu ihr. Ich bin schließlich eine Professionelle. Eine professionelle Märchenerzählerin, da hat man auch Kontakte zu Märchenfiguren. Nein! Ich schreibe normalerweise keinen Blödsinn in mein Tagebuch.

Heute Abend lese ich in Sindbads Kneipe aus Tausendundeine Nacht vor. Darauf freue ich mich sehr. Schön wäre es, wenn ich Dich dort finden könnte, bevor ich wie die anderen den Verstand verliere… Hoffentlich kannst Du endlich Gedanken lesen oder kennst zumindest das Versteck meines Tagebuchs im alten Uhrenkasten.

Ich weiß noch nicht, was ich morgen eintragen werde. Udo, der Darsteller des bösen Wolfs aus dem Märchenpark Nirwana will mich heute Nacht heimbringen. Er hat mich schon gefragt, ob er meine große Märchensammlung sehen darf.

©Corina Wagner, April 2012

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Corina Wagner

Staub zu Staub…

Wahre Messie-Liebe

Mein Staub
trifft
Deinen Staub
und mit Verlaub
gehört
mein Mist
zu Deinem Mist
wie Deine Asche zu meiner Asche.
Alles kein Problem, wenn man sich liebt.

Dein Abfall
kommt
zu meinem Abfall
und auf jeden Fall
gehört
mein Dreck zu Deinem Dreck…
Jetzt, ab heute
gibt es den Faktencheck.

Sack ist nicht gleich Sack
und nicht jede Tonne eine Wonne.
Ausnahmen bestätigen die Regel.
Dein Unrat
muss zu meinem Unrat
wie ein gutgemeinter Rat.
Wir lieben uns
wahrlich in der Tat.

Dein Müll
muss
zu meinem Müll,
so lautet die Devise
in unserer Liebesbeziehung.
Dein Schmutz und mein Schmutz
passen zusammen
wie ein alter Besen und eine kaputte Schaufel.

©Corina Wagner, April 2012

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Corina Wagner

Community Beauty-Online

Internetbekanntschaften, wie nett…
Ihre Zahnlücke war nicht das Problem, eher ihr Doppelkinn, das machte auch irgendwie Sinn, bei dem dicken Hals, den sie schob, als er entdeckte, dass seine Internetliebe nicht unbedingt seine Traumfrau war. Sie wartete mit ihrer prallen Schönheit eine Stunde lang im Café Skurril auf ihren Adonis aus der Community Beauty-Online.
Wie stellte man sich einen schönen Menschen vor? Da gingen wohl die Meinungen völlig auseinander, wie auch Mollys Knie, da ihre voluminösen Oberschenkel unter dem kleinen Tisch Bewegungsfreiheit suchten.
Hätte sie gewusst, dass ihr Traummann mit dem entzückenden Username Zuckerschnecke sie so lange warten ließ, hätte sie sich einen anderen Platz ausgesucht.
Ihr Rücken schmerzte bereits nach 10 Minuten, da ihre Sitzposition sich total ungünstig auswirkte. Ihr Hintern suchte eine stabile Position, die durch den Bistrostuhl nicht unbedingt gewährleistet wurde. Wer denkt beim Erwerb eines Cafés schon an bequeme Stühle für Frauen, wie mich, schoss es Molly durch ihren Kopf.
Es war jedes Mal aufs Neue ein interessantes Thema in ihrer Selbstfindungsgruppe Korpulent, wenn man über diverse Einrichtungsgegenstände debattierte.
Molly nannte sich in der Community Rumkugel und hatte nun inzwischen einen Cappuccino, einen Latte Macchiato und zwei Gläser Mineralwasser getrunken, bevor sie sich einen Eiskaffee bestellte. Unterzuckerung drohte inzwischen. Die süße Rumkugel musste mal für kleine Frauen, hatte aber panische Angst zur Toilette zu gehen. Sie war es gewohnt, dass sich Menschen nach ihr umdrehten. Ein hübsches Gesicht zierte ihren viel zu großen Körper, den sie selbst als gewaltig bezeichnete. Ihr Busen wog 8 Kilo und ihre BHs kosteten ein kleines Vermögen. Die Zuckerschnecke ließ auf sich warten, aber nicht ihre Blase, die sich meldete. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er sie schon die ganze Zeit heimlich beobachtete. Es hatte keinen Zweck mehr, länger zu warten. Als Molly den Eiskaffee ausgelöffelt hatte, musste sie dringend zu den sanitären Einrichtungen. Der Weg bis zum Ende des Cafés wirkte wie ein kleiner Hindernisparkur. Entweder war ein Kinderwagen, ein besetzter Stuhl oder die schlichtweg die Bedienung im Weg.
Molly hatte bereits nach drei Minuten Schweißperlen auf der Stirn. Ihre Haut glänzte wie frisch hergestellter Butterkaramell, bevor er abgekühlt wird. Die Rumkugel erwartete das große Grauen, denn der Schweiß lief in Strömen. Hinter der Tür erwartete sie zunächst ein kleiner Flur und sie entdeckte sofort die Damentoilette. Blöd war nur die Tatsache, dass sie binnen weniger Minuten in der Toilettentür klemmte. Nun zeichneten sich unter ihrer Bluse große Schweißringe ab. Ruhe bewahren, tief durchschnaufen – so lautete nun die Devise, um sich letztendlich erleichtern zu können. Sie zerrte, rüttelte und schüttelte sich und mit einem festen Ruck befreite sie sich aus der unglücklichen Position, dies wirkte sich allerdings ungünstig auf das Interieur der sanitären Anlagen aus. Denn bei dem Befreiungsversuch stürzte Molly mit voller Wucht auf die Toilettenschüssel, die mit geöffneter Toilettenbrille aufwartete. „Schweiße!”, schrie sie entsetzt auf, denn während dieser massiven Aussage steckte sie bereits mit der Hälfte ihres Gesäßes fest.
Unschöne Blessuren hatte sie davon getragen. Sie betätigte beim Sturz den Abdrückknopf der Toilettenspülung, so dass sie kostenlos eine kleine Erfrischung erlebte. Die Halterung für das Toilettenpapier streifte ihren Oberarm, der nun eine tiefe Schramme aufwies. Der Hygienebehälter mit den Papiertütchen hatte sie auch aus der Verankerung gelöst, so dass die Tüten wild zerstreut zu Boden segelten, als hätten sie ihre ersten Flugversuche hinter sich. Der viel zu enge Rock zerriss bei dieser Aktion ebenso, wie ein Träger des BHs.
Mollys bildhübsches Gesicht lag auf dem Doppelkinn, als würde es nie wieder lächeln wollen. Und zu allem Elend klingelte ihr Handy. Es war die Zuckerschnecke, die nun das Date absagen wollte, weil ihr Adonis über Funk angepiepst wurde. Molly konnte ihm erst antworten, als sie nach einer Stunde von der Feuerwehr befreit wurde. Nur gut, dass er als Fahrer im Einsatzwagen saß…
© Corina Wagner, Juli 2011

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nyx

Das Kunstwerk

Joseph Beuys:
“Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Künstler ausmacht, folgt: nur wer Künstler ist, ist Mensch. … Jeder Mensch ist ein Künstler.”

Von den Eltern zur Leinwand gemacht, ziehen sie die ersten Striche mit Bleistift, geben eine Zeichnung vor, welche Gestalt wir -ihr Abbild- später einmal annehmen sollen. Sie üben an uns, versuchen ein Stück ihrer Persönlichkeit an uns weiterzugeben. Wir sollen das tollste Bild von allen werden. Stolz präsentieren sie uns auf der Vernissage, obwohl wir noch gar nicht fertig sind.

Jeder der uns begegnet, darf uns ein bisschen zeichnen. Im Laufe der Zeit kommt immer mehr Farbe ins Spiel, Konturen heben sich von den glatten Flächen ab, geben uns Form und Struktur. Licht und Schattenseiten sind zu erkennen, uns werden Perspektiven gegeben. Einige machen sich mit grobem Spachtel an uns zu schaffen, andere wagen sich nur mit dem feinen Pinsel heran. Manche kratzen an der Farbe und hinterlassen somit ihre Spuren an uns.

Wenn jemand sein Handwerk nicht versteht, hoffen wir, auf einen talentierten Künstler zu treffen, der unseren Farben neue Leuchtkraft verleiht, uns ausbessert und Vergangenes übermalt. Mit viel Glück, lehrt man uns die Königsdisziplin, jemanden zu berühren, ohne ihn anzufassen. Von der Muse geküsst, möchte der phantasievolle Künstler durch Anerkennung und Aufmerksamkeit entlohnt werden. Er präsentiert uns und erhöht dadurch seinen eigenen Stellenwert. In jedem Detail vermutet er etwas Besonderes und kann sich nicht satt sehen.

Wir spiegeln die aktuelle Zeit, sind zeitgenössisch. Jedoch treffen wir nicht jeden Geschmack, möchten dennoch möglichst ästhetisch sein. Wir werden als schön empfunden, kritisch beäugt, man versucht uns zu interpretieren und zu verstehen. Wir lösen Gefühle aus und regen den Verstand an. Wir möchten nicht kopiert werden. Werden wir neben mehrere Bilder gehängt, möchten wir anders sein als die anderen und dennoch nicht völlig aus dem Rahmen fallen. Wir möchten uns abgrenzen und vielleicht sogar besser sein. Wir vergleichen uns mit denen, die so viel Ausdruck in sich tragen, dass man kaum mehr passende Worte findet, um sie zu beschreiben. Wir haben Angst, dass der direkte Vergleich unseren Wert schmälert.

Statt in einer Sammlung ein Bild von vielen zu sein, möchten wir auf den einen Kunstliebhaber stoßen, der uns nicht einfach gegen einen billigen Kunstdruck eintauscht. Wir wollen das Original sein. Wir möchten begeistern, indem wir einfach nur sind, was wir sind. Kunst, ohne künstlich zu sein. Am Ende des Prozesses stehen wir als vollendetes Kunstwerk. Handsigniert. Und vielleicht macht uns das für irgendwen noch wertvoller. Denn die Kunst besteht schließlich darin, für das geliebt zu werden was man ist, nicht für das, was man darstellt.

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nyx

Aus alt mach neu

Sie hält eine Pinzette in der rechten Hand und starrt sich so nah im Spiegel an, bis alles um die schwarzen Stoppeln der Augenbrauen in einem vernebelten Schleier verschwimmt. Als er plötzlich neben ihr auftaucht, zupft sie sich vor Schreck in die Haut des Lides, sodass ihr die Tränen ins Auge schießen.
- Wann bist du heute verabredet?
- Man! Schleich dich nicht immer so an!
- Entschuldige.
- Hatte ich dir schon gesagt. Um 22 Uhr im Club Central.
- Wer ist alles dabei?
- Interessiert dich das wirklich? Nur die neue Kollegin und ich.
- Dann wünsche ich euch viel Spaß.
Schon war er wieder gewohnt desinteressiert aus dem Türrahmen verschwunden. Sie reckt den Kopf, um ihm skeptisch hinterher zu sehen, wie er langsam in Jogginghose und altem T-Shirt zur Couch trottet, die Tageszeitung in der einen, eine Flasche Bier in der anderen Hand.
- Danke. Mal sehen. Sie ist nett. Und was wirst du machen?
- Heute läuft Fußball.

Natürlich, was auch sonst! Ihr Blick fällt auf eine der Leinwände im Flur, auf der sie schmeichelhaft in warmen Erdtönen abgebildet ist. Er hatte sie vor zwanzig Jahren sehr oft gemalt, konnte sich damals nicht an ihr satt sehen. Das war die Zeit, als er ihr noch liebevolle Kosenamen gab, sie fühlte sich begehrt und geliebt, glaubte dieses Gefühl würde ewig währen. Nun vergleicht sie es mit ihrem Spiegelbild und kramt zögerlich in ihrem Schminkköfferchen, das sie bei jedem der seltenen Einsätze erst mal von einer feinen Staubschicht befreien muss.
Die Vorfreude auf den Abend ist groß, so selten bricht sie aus dem Alltag aus, erlebt etwas Anderes, Neues. Seit vier Monaten arbeitet sie nun mit ihrer neuen Kollegin Lydia in einem Büro, heute unternehmen sie zum ersten Mal auch privat etwas miteinander. Um mit der zehn Jahre Jüngeren annähernd mithalten zu können, schlüpft sie in ihr schönstes Outfit, in das sie erst seit kurzem wieder hinein passt, ohne den Bauch einziehen zu müssen. Sie legt den teuersten Duft auf und den edelsten Schmuck an, den sie besitzt.
Als sie sich eine Stunde später mit klackernden Absätzen und einem flüchtigen Kuss von ihrem Mann verabschiedet, genießt sie insgeheim das kurze Aufleuchten ob ihres Anblickes, seiner in letzter Zeit so müden Augen und glaubt seinen Blick auch noch zu spüren, als sie die Wohnungstür hinter sich schließt und er sich ins Badezimmer begibt.

An der Bar teilen sie sich Selbstbewusstsein und gute Laune aus einer Flasche, gewöhnen sich an die laute Musik, tauen langsam auf und fangen nach einigen Momenten des Unbehagens an, sich zu amüsieren. Dass Gespräche nicht möglich sind und sie den Altersdurchschnitt mit ein paar wenigen Ausnahmen beachtlich senken, stört sie ab dem ersten Schritt auf die Tanzfläche nicht mehr. Ausgelassen tanzen sie, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, sie haben Spaß. Irgendwann fordert Lydia eine Pause ein, um auf den Barhockern mit kühlenden Getränken wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Lydia sieht sich aufmerksam in dem großen Raum um und macht ihre Kollegin kurz darauf auf einen gepflegten, sehr attraktiven Mann aufmerksam, der auf der anderen Seite der Bar sitzt und die beiden wohl schon seit einiger Zeit beobachten würde. Neugierig folgt sie dem Blick der Jüngeren und ärgert sich ein wenig, dass sie heute aus Gründen der Eitelkeit ihre Brille nicht trägt.
Dann sieht sie ihn ganz deutlich. Wie er sie ungewohnt und doch vertraut charmant anlächelt, dabei mit seinem Whiskyglas spielt, es in einem Zug leert und nüchtern aufsteht, um auf sie zuzusteuern. Was das Flirten angeht, ist sie längst aus der Übung, blickt leicht verschämt zur Seite, will dennoch das Spiel mitspielen, entzieht sich jedoch dem direkten Kontakt, indem sie sich erneut auf die Tanzfläche begibt und ihre Kollegin wortlos an der Bar zurück lässt, die die Situation und auch die weiteren Szenen neugierig und unwissend verfolgt.
Während sie immer wieder seine bewundernden Blicke sucht, bewegt er sich langsam auf sie zu. Sie fühlt sich wie zu Teenagerzeiten, er tanzt sie an, während sie ihm den Rücken zudreht und versucht, sich extra aufreizend zu bewegen. Obwohl ihr warm ist, dehnt sich eine Gänsehaut auf ihrem blassen Körper aus, als er sich ihrem Nacken nähert und ihren Duft einatmet. Er traut sich nicht sie anzufassen, als würde er sie mit einer einzigen Berührung kaputt machen und mit ihr auch den Moment zerstören. Sie brauchen beide keine Worte, denn ihre Körper sprechen ganze Bände der selben Sprache. Lange fühlte sie sich nicht mehr so begehrt, so gewollt. Obwohl er bei all seinen Bewegungen auf ein paar Zentimeter Distanz achtet, spürt sie ihn ganz nah, so vertraut, bis er nach einer halben Ewigkeit des Prickelns an ihr vorbei in Richtung Ausgang geht und sie von dort aus bedeutsam ansieht.
Ein unsicherer Blick zu ihrer Kollegin zeigt ihr, dass diese sich mit einem Kerl Marke Surflehrer amüsiert und daher keinen Grund für Zögerungen darstellt. Sie zupft ihren Rock zurecht und geht selbstbewusst lächelnd auf die ungewohnt anmutende Männlichkeit zu. Fühlte sie sich soeben noch mutig, macht er sie im nächsten Moment schwach, indem er sie unvermittelt zu sich zieht, eine Hand an der Taille, die andere vorsichtig am Nacken, um sie erst behutsam und dann immer fordernder zu küssen. Würde er sie nicht so fest im Griff haben, würden ihre Knie nachgeben.

Begierde und Leidenschaft füllen das Taxi aus und beschlagen die Fenster, wie seine beharrlich suchenden Hände ihren Verstand. Als er sie gegen die kalte Wand im Flur direkt neben den Bilderrahmen drückt, liegt ihre Kleidung längst auf dem Boden verteilt. Seine Stärke macht sie schwach. Je grober er sie anpackt, desto mehr Verlangen spürt sie und gibt sich ihm willig hin, überlässt ihm die Macht über ihren flehenden Körper. Im Bett sucht sie nach Halt, krallt sich in Laken und Matratze, windet sich, bittet stöhnend um Erlösung, gräbt ihre Nägel schließlich in seine Haut bis er sich vor ihr aufbäumt, endlich ihre Beine nach oben reißt und so hart und tief in sie vorstößt, wie sie noch nie genommen wurde. Nach einer Explosion geballter Lust und pulsierender Empfindungen, sinken sie beide geschwächt und befriedigt auf die Matratzen.

Vorsichtig hebt sie ihren brummenden Kopf an, mustert flüchtig die Spuren der verlaufenen Wimperntusche auf ihrem Unterarm und blinzelt mit schweren Lidern der Sonne entgegen, die ihre Wärme hemmungslos durch die Jalousien direkt auf ihren nackten Körper legt, der sich quer über das ganze Bett erstreckt. Er sitzt konzentriert auf einem Stuhl und blickt immer wieder über den Rand eines Zeichenblockes, während sich seine rechte Hand eifrig auf dem Papier bewegt. Seine vertraute Silhouette hebt sich dunkel vor dem Fenster ab.
- Was machst du da?
- Guten Morgen Liebling. Nicht bewegen! Du bist heute so schön wie nie zuvor, das muss ich unbedingt festhalten.

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nyx

Keine andere Wahl

Würdest du stinken, hättest eine Körperbehaarung wie ein Werwolf oder würdest ein Toupet tragen. Würdest du dein Geld sinnlos verprassen; wärst unfreundlich; würdest mehr Alkohol und Drogen als Nahrungsmittel zu dir nehmen. Würdest du einen unverständlichen Dialekt sprechen und nur Machosprüche von dir geben; andere Menschen im Gespräch ständig unterbrechen und keinerlei Kompromisse eingehen können; würdest du keinerlei Gefühle zeigen und nichts von dir preisgeben.

Hättest du keinerlei Humor; würdest du Ironie und Sarkasmus nicht verstehen; wärst du unselbständig und wehleidig. Hättest du keine Ziele und Träume die du verwirklichen willst; würdest du deine Freizeit mit Fernsehen statt mit einem Hobby verbringen; wärst du unkreativ und würdest Bücher hassen. Wärst du zwei Köpfe kleiner als ich; hättest keine Ahnung von Politik; kein Interesse am aktuellen Weltgeschehen; würdest ständig angeben; wärst teilnahmslos; würdest HipHop und Techno hören.

Müsste ich an deiner Intelligenz zweifeln; das Badezimmer nach deinem dortigen Aufenthalt putzen und komplett sanieren; wärst du intolerant; desinteressiert; neidisch auf alles und jeden; hättest ein Ganzkörpertattoo und könntest nicht herzhaft lachen. Wärst du verhaltensauffällig, untreu, inkontinent, unehrlich, fettleibig, obdachlos, unsensibel und würdest bei Liebesfilmen ganze Sturzbäche heulen. Würdest du beim Küssen sabbern, in der Öffentlichkeit laut rülpsen und furzen und darüber lachen; wärst du 30 Jahre älter als ich; würdest du dir ständig alles gefallen lassen; hättest du kein Selbstbewusstsein und wärst ungeduldig.

Würdest du ständig von Exfreundinnen erzählen; eine Armbanduhr tragen; wärst du pessimistisch; schnell eingeschnappt; rücksichtslos; beleidigend; unordentlich; extrem eifersüchtig; unreif; ernst; lernresistent; solariumgebräunt. Hättest du Akne; eine Piepsstimme und könntest körperliche Nähe nicht ertragen. Würdest du meine Freunde und Familie hassen; wärst du unhöflich; würdest ständig jammern und würdest an Spielsucht leiden. Würdest du immer wieder mein Vertrauen missbrauchen; würdest du dich verstellen; hättest ein seitenlanges Vorstrafenregister; hättest einen Steinbruch im Mund; wäre dir alles peinlich; wärst du zu kompliziert und als potentieller Familienvater ungeeignet.

Hättest du zu keinem Thema eine eigene Meinung; würdest du Tiere quälen; andere Menschen ausnutzen und ungerecht behandeln; würdest du dein Bett mit wechselnden Partnern teilen; wärst unpünktlich und völlig talentfrei. Wärst du ein offenes Buch; würdest du lieber onanieren anstatt Sex zu haben; vergisst du Geburtstage; würdest du dich ständig in Schlägereien verwickeln und weder SMS, noch E-Mails oder Anrufe beantworten. Wärst du unattraktiv; würdest in einer anderen Stadt leben; wärst Legastheniker und ein Eigenbrödler. Wärst du faul, unzuverlässig, unsportlich, dumm, uncharmant, egoistisch, naiv und nachtragend.

Würdest du bei den wenigen Geschenken die du machst, ständig daneben greifen; würdest du schnarchen; nicht zuhören und bei Gesprächen nicht in die Augen gucken können. Wärst du schwul; hättest Angst vor allem Möglichen; würdest Sex and the City und Germany’s next Topmodel angucken; würdest niemals verreisen und könntest nicht ertragen, wenn ich mit anderen Menschen Zeit verbringe. Könntest du keine Komplimente machen; hättest du eine schwere körperliche Behinderung; würdest du Konfrontationen aus dem Weg gehen; würdest Kinder nicht leiden können und undankbar sein.

Hättest du eine Pistolensammlung; keinerlei Musikgeschmack; wärst protzig und aalglatt; würdest du andere Menschen nur mit Kosenamen ansprechen. Würdest du Frauenkleider tragen; könntest nicht in vollständigen Sätzen sprechen; wärst du dauergestresst, arrogant und völlig überheblich. Wärst du langweilig; verheiratet oder völlig ohne Leidenschaft; würdest du popeln; wärst ein Trampel und würdest ein „wir“ nicht kennen. Wärst du oberflächlich; würde dein Kleiderstil Augenkrebs verursachen; wäre die Stille zwischen uns unangenehm oder würdest du mich nicht lieben. Könntest du nicht glücklich sein; hättest verschrobene Ansichten; würdest du Probleme lieber totschweigen, anstatt sie zu lösen.

Dann und nur dann würde ich es mir vielleicht anders überlegen.

Aber da das alles nicht zutrifft, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als zu ertragen, dass ich dich liebe, solange es dich gibt!

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nyx

Der Himmel kann nicht perfekt sein, solange es regnet.

Der Schutzpanzer den ihr mir auferlegt habt, ist so schwer, dass ich in das Kissen unter mir sinke. An dem Kissen haftet noch immer der Geruch der Vergangenheit. Ich blicke zu euch nach oben. Dein Mund schmerzt ihn so sehr, dass Du ihn nicht öffnen kannst, ohne ihn zu verletzen. Hinter meinen geschlossenen Augen kann ich das Funkeln eurer Augen nicht abstellen, welches schon einige Jahre zurück liegt. Es gab eine Zeit, in der hättet ihr die Fenster in eurem Zimmer neu angeordnet, damit ich mich wohler fühle, während sie unter seinen liebevollen Berührungen lag.

Eure Gesichter sind mir so vertraut, ich kenne sie auswendig und doch verändern sie sich mit jedem Augenblick, in dem ihr verweilt und auf mich herab blickt. Ihr verfolgt jede meiner Bewegungen, doch ich liege beinahe regungslos. Er braucht dich immer dann mehr, wenn du ihn weniger willst. Wie eine ungeschickte Wunde, wenn man an einem Sommertag über das Kopfsteinpflaster taumelt. Auf der sonnigen Seite ruhe ich, während ihr im Schatten sitzt und ich euch dabei zusehen muss, wie ihr mich langsam vergesst.

Wenn ihr gegenseitig in euren Tagebüchern lesen würdet, würdet ihr feststellen, dass ich all die Worte bin. Hunderte von Seiten die ihr überfliegen würdet, um einen Hauch von mir zu fühlen. Ihr würdet versuchen sie zu nummerieren und mich durch die richtige Anordnung wieder ein Stück lebendiger zu machen. Unterstreicht dabei die Liebesbeweise mit rot und rahmt sie ein, damit ihr eure Gefühle füreinander nie vergesst. Lasst sie dann in euren Mund klettern, damit sie sich ausbreiten können und ihr allen von mir erzählen könnt.

Einer von euch dreht die Uhr zu schnell nach vorn, sodass mir schwindelig wird beim Versuch der Zeit zu folgen. Ich verzeihe euch, dass ihr wusstet, dass die Zeit mich umbringen würde, auch wenn ihr gehofft hattet, ihr könntet mich auf ewig jung und haltbar machen. Daran ändert sich auch nichts, wenn ihr ständig hin und her lauft.

Geht raus und schreit, wenn euch danach ist, denn die herrschende Stille zwischen euch schmerzt in meinem leeren Brustkorb. Ihr füllt den Raum mit Schmerz und Trauer. Niemand hört euch weinen, also lasst endlich los, damit ihr von vorn beginnen könnt. Da jeder von uns zu gleichen Teilen nahm und gab, haben wir am Ende keine Rechnung zu begleichen.

Keiner von euch hat bemerkt, dass ich bereits seit einer Weile dabei bin zu sterben. Gerade als ihr dachtet, ihr könntet mich noch einmal retten, entgleite ich euch in die Dunkelheit. In meinem linken Arm halte ich all euere Erinnerungen geborgen. Vielleicht ist das der Teil von euch, der mit mir stirbt. Den ihr dann vermissen werdet, wenn ihr zurück blickt.

Weit entfernt von aller Unschuld höre ich, wie ihr im Takt weint.
Ich höre eine Stimme nach mir betteln. Sie fleht mich an zu bleiben. Ich kann nicht orten, wem sie gehört. Irgendwann endet die Realität und euer Leben setzt wieder ein. Mit einer neuen Liebe.

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nyx

Tunnelblick!

Bis vor einem Jahr hätte ich mein bisheriges Leben als eher gewöhnlich und langweilig bezeichnet. Eintöniger aber gut bezahlter Job, kaum Freunde, kleine Wohnung, wenig Interessen. Bis ich umgezogen bin. Ich zog in ein schönes und ruhiges Viertel der Stadt, nahe einer Parkanlage mit kleinem See. Dort ging ich auch beinahe täglich joggen und dehnte mich anschließend immer an der selben Parkbank, die stets unbesetzt war. Klingt noch immer langweilig und gewöhnlich? Ich würde fast schon spießig behaupten. Doch dann traf ich Sie! Mit einem Buch in der Hand und einer Sonnenbrille auf der Nase saß Sie auf „meiner“ Bank und las. Ich war sofort hin und weg! Obwohl ich mich zögernd dazu entschloss, mich dennoch an der Parkbank zu dehnen, schenkte Sie mir nicht einen Moment ihrer Aufmerksamkeit, so sehr war Sie in ihr Buch vertieft. So joggte ich die letzten Meter zu mir nach Hause, in der Hoffnung, ihr ein weiteres Mal zu begegnen. So kam es dann auch.

Mehrmals die Woche kreuzen sich unsere Wege entweder im Park, oder auf meinem Arbeitsweg. Einmal lächelte Sie sogar in meine Richtung. Ob ich gemeint war, kann ich nicht genau sagen, da Sie abermals ihre Sonnenbrille trug und ich somit ihrem Blick nicht folgen konnte. Sie selbst sah jedes Mal noch ein Stück bezaubernder aus. Ich war bisher zu schüchtern um Sie anzusprechen. Ob Sie wohl einen Freund hat? Durch ihre Fenster konnte ich zumindest bisher nie einen Mann feststellen. Ich hatte zufällig herausgefunden, wo Sie wohnt. Im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses, nur eine Strasse von meiner Wohnung entfernt. Sie hat auch einen kleinen Balkon, den Sie mit Blumen bepflanzt, die ich nicht kenne. Von der Strasse aus kann man in zwei Räume blicken, daher nehme ich an, dass die Wohnung nicht sehr groß ist, wenn man den Schnitt des Hauses betrachtet. In meinen Träumen ist ihre Wohnung sehr groß und Sie meist leicht bekleidet.

Neulich begegnete ich ihr auf dem Weg in die Innenstadt und begleitete Sie ein Stück. Daher weiß ich nun auch, dass Sie noch studiert. Also ist die Frau meines Herzens nicht nur eine Schönheit, sondern auch noch schlau! Und auch sonst hat sie viele Interessen. Sie ist kunstbegeistert und geht zwei Mal die Woche auf einen nicht weit entfernten Hof zum Reiten. Gelegentlich trifft Sie sich auch mit ihren Freundinnen in einem Café, das nun auch mein Stammcafé geworden ist. Sie bestellt sich dort immer einen Milchkaffee und ein Glas Wasser.
Dass Sie zudem äußerst fotogen ist, weiß Sie vermutlich selbst nicht.

Abends ist Sie immer recht lange wach und sitzt vor dem Computer. Diesen kann man von der Strasse aus gut sehen, jedoch leider nicht, was sie da macht. Daher hab ich Mal im Internet gestöbert, ob sie vielleicht irgendwo angemeldet ist. Ihren Namen hab ich ja erst kürzlich durch eine ihrer Freundinnen erfahren, als sie in einem Club waren und Sie dann auf die Toilette gegangen ist. Ihre Telefonnummer bekam ich aber leider nicht über die Freundin heraus. Jedoch weiß das Internet alles. Ich wurde fündig, kannte nun nicht nur ihre Telefonnummer, sondern auch ihren Beziehungsstatus und sonstige Interessen. Sozialpädagogik studiert Sie also. Sie ist Single und hat eine Wishlist bei Amazon, auf der viele interessante Bücher stehen. Ich habe noch keines davon gelesen. Sie scheint viele Freunde zu haben und hat auch eine Vielzahl schöner Fotos ins Netz gestellt. Ich schickte ihr eine Freundschaftseinladung. Darauf reagierte Sie leider nicht.

Auch nicht auf meine Blumen, die ich ihr mit einem kleinen Grüßkärtchen versehen, vor die Haustür legte. Wenn ich Sie anrief und durch den überwältigenden Klang ihrer Stimme einige Sekunden sprachlos war, legte sie verärgert auf. Ich traute mich dann ein paar Stunden lang nicht mehr, erneut anzurufen. Ich war so sehr in Sie verliebt, dass ich richtig um ihre Gunst und ihre Aufmerksamkeit kämpfte. Diese Bemühungen waren natürlich sehr zeitintensiv, weshalb ich auch meinen Job kündigte. Umso mehr Zeit verblieb, um die Profile sämtlicher ihrer Freunde durchzuklicken. Dadurch konnte ich mir auch ein besseres Bild über Sie verschaffen. Im Lebensmittelgeschäft verglich ich die Waren in ihrem Einkaufskorb mit den meinen und stellte gedanklich ein Menü zusammen. Dieses versuchte ich zu Hause nachzukochen, machte ein Foto davon und fügte ihre strahlende Gestalt per Photoshop hinzu, als würde Sie bei mir am Tisch sitzen. Ich freute mich sehr über das gelungene Kunstwerk, welches sehr echt wirkte und warf einen Ausdruck davon direkt in ihren Briefkasten. Damit Sie es auch finden konnte, klingelte ich bei ihr und verschwand dann hinter dem Gebüsch im Nachbargarten. Ich wollte schließlich sehen, wie sehr Sie sich über meine Kreativität freuen würde. Ich wartete sehr lange, aber Sie trat leider nicht aus der Tür. Auch ging Sie gar nicht mehr ans Telefon. Ich machte mir Sorgen!

Als ich dann mit Hilfe einer Leiter aus dem Gartenschuppen des Nachbars den Balkon hinauf kletterte, um zu sehen, ob bei ihr alles in Ordnung war, sah Sie mir das erste Mal direkt in die Augen. Ich war völlig bezaubert. Sie schrie. Warum weiß ich nicht. Leider war es das letzte Mal, dass ich ihr so direkt ins Gesicht blicken konnte. Die Polizei sprach von Stalking, Hausfriedensbruch und anderen Dingen, die ich nicht nachvollziehen konnte. Nun muss ich leider erneut umziehen, da ich mich ihr nur noch auf 500 Meter nähern darf. Mein Therapeut sagt, es sei besser für mich, die Stadt komplett zu verlassen. Er sagt, die Liebe würde dann auch bald enden, die Medikamente unterstützen dies.

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admin

Demobilisiert

Er hat mich auf Händen getragen,
aber ich wollte laufen!
Angelika Weis

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